2: Erwartungen

Als Aeren das nächste Mal erwachte, war er völlig entkräftet. Auf allen Vieren kroch zu der Stelle, an der das Tablett mit Essen immer noch auf ihn wartete. Darauf fand er eine Portion grauen Breis, und dazu einen Becher aus Blech, der mit Wasser gefüllt war. Besteck gab es bezeichnenderweise keins. Nachdem er das graue Zeug vorsichtig probiert und für genießbar befunden hatte, erwachte sein Hunger, und er schlang die dürftige Mahlzeit hinunter. Das Wasser schmeckte abgestanden und hatte eine metallische Note, aber immerhin verringerte es seinen Durst ein wenig.

Nachdem er sein Mahl beendet hatte, versuchte er, seine Situation zu durchdenken; doch seine Gedanken waren unruhig, die Eindrücke der jüngsten Zeit noch zu stark. In seiner Verzweiflung richtete er ein kurzes Gebet an den Gebieter der Menschheit: „Erhabener Imperator, äh, hier spricht Aeren Mallory. Ich weiß, dass du furchtbar damit beschäftigt bist, dein großes Reich zu bewachen, aber ich stecke gerade in einer echt besch-… Klemme, und könnte deine Hilfe gebrauchen um diesem Ketzer zu entkommen, der mich gefangen genommen hat. Das wäre echt super, Danke." Entkommen. Das war es. Die erste Pflicht eines jeden gefangenen Soldaten, hatte sein Spieß einmal gesagt. Er würde eine Waffe brauchen. Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Tablett und dem Becher zu. Beide waren aus dünnem Blech und würden sich leicht verformen lassen. Er nahm den Becher und plättete ihn, so dass er zu einem flachen und halbwegs stabilen Metallstück wurde. Mit erheblich größerem Aufwand faltete er eine Ecke in einem Winkel von fünfundvierzig Grad um. Anschließend begutachtete er sein Werk. Natürlich besaß das Ding keine Schneide, und genaugenommen auch keine nennenswerte Spitze, aber an den richten Stellen würde es schon etwas Schaden anrichten. Einigermaßen zufrieden, schob er seine Waffe hinten unter den Gürtel und wartete.

Er war einige Male in einen leichten Schlaf gefallen und wieder erwacht, zuweilen von Alpträumen unsanft in die Realität zurück gerissen, als sein Entführer zurückkehrte.

Aeren beobachtete den Riesen aus halb geschlossenen Augen, und sah ihn wieder auf seinem kleinen Hocker Platz nehmen.

„Ich weiß, dass du wach bist, Junge."

Aeren wandte sich ihm zu. „Was wollt Ihr von mir?"

„Ich will mit dir reden."

„Wenn Ihr mit mir reden wollt, holt mich aus dieser Zelle raus."

„Nein."

„Na gut, dann fahrt zur Hölle." Damit drehte Aeren sich weg. Ein paar Augenblicke geschah nichts. Dann hörte er ein Motorengeräusch und das Schnappen eines Schlosses. Als er sich wieder umdrehte, sah er, dass einige der Streben verschwunden waren und sich ein Durchgang geöffnet hatte. In der Türöffnung stand der Riese. Aeren erhob sich. Nun, da sie beide auf den Füßen waren, überragte ihn der Astartes noch weit mehr, und der Junge sah, dass er seinem Feind kaum bis an die Hüfte reichte.

Einen Moment lang zögerte er, einmal mehr von seinem so gewaltigen Widersacher eingeschüchtert. Erneut kam ihm sein Spieß in den Sinn: Wenn ein Feind vor dir steht, ist das die einzig denkbare Richtung. Also blickte er dem Hünen in die Augen und trat vor. Noch immer ließ das Gesicht seines Gegenübers keine Schlüsse auf dessen Gedanken zu. Aeren hielt seinem Blick stand, gestärkt durch Zorn und Trotz. Vor seinem inneren Auge sah er den Angriff ablaufen, den er plante. Er würde auf den Schritt zielen, die einzige empfindliche Stelle, die er erreichen konnte. Das würde seinen Gegner hoffentlich in die Knie zwingen, und ihm erlauben, als nächstes dessen Augen zu attackieren. Ein letzter Schritt, und er stand direkt vor seinem Feind, und seine Hand fand seine improvisierte Waffe.

„Worüber wollt ihr reden?" Seine Hand schoss in einem Bogen aufwärts, aber entweder hatte der Marine einen Angriff erwartet oder seine Reflexe waren einfach verdammt gut ausgeprägt; vielleicht traf auch beides zu. So oder so bewegte er blitzartig sein linkes Bein zurück und außer Gefahr, während er gleichzeitig das rechte beugte, und so tief genug kam, um Aeren's Handgelenk mit seiner enormen, unförmigen Faust fangen zu können. Der Junge sah wieder nach oben. Der hässliche Kopf wandte sich nach links und inspizierte das Metall in Aeren's Hand für den Bruchteil einer Sekunde. Dann fanden die stumpfen grauen Augen wieder die des Jungen, und der Riese nickte kurz.

„Einfallsreichtum. Entschlossenheit. Deshalb habe ich dich verschont."

Aeren wusste darauf nichts zu antworten.

„Allerdings ist Schmerz der Preis des Versagens." Und damit riss er den Arm des Jungen brutal zur Seite. Aeren hörte ein scheußliches Knacken, und ein grausamer Schmerz setzte seine rechte Seite in Brand. Er schrie.


A/N: Übersetzen is immer noch anstrengend, und leider selten völlig zufrieden stellend. Aber ich will auch mein Schreiben auf Deutsch üben, also ist es eine willkommene Herausforderung.

Bei diesem Kapitel ist mir aufgefallen dass ich manchmal eine Stelle etwas ruhen lassen muss, bis mir ein Geistesblitz für eine gute Übersetzung kommt. In der englischen Variante habe ich kaum Formulierungen nachträglich verändert, wenn überhaupt. Hierbei könnte das öfter passieren.

Und ich werde wohl in Zukunft nicht mehr die römischen Zahlen für die Kapitel verwenden, die sind doch irgendwie unpraktisch, obwohl sie natürlich interessant aussehen.


Danke für's Lesen : )