3. Namen und Unterwerfung

Die nächsten Stunden verbrachte Aeren in einem Dunst aus Schmerzen. Irgendwann kam ein Mann, den er nicht kannte, und renkte seine Schulter wieder ein; das linderte seinen Schmerz. Ein wenig. Halb bewusstlos wie er war, kam es dem Jungen nicht einmal in den Sinn, dem Fremden zu danken, den er nur durch einen Schleier aus Tränen sehen konnte. Er bekam noch etwas „für die Schmerzen" und wurde dann wieder sich selbst überlassen. Nach einer Weile klang der Schmerz zu einem dumpfen Pochen ab, und Aeren schlief ein.

Als er erwachte, fand er ein weiteres Tablett mit Essen vor, welches er wieder hastig leerte. Anschließend erleichterte er sich über dem Gitter in der Ecke, und dann setzte er sich mit dem Rücken zur Wand, Geist und Sinne durch das Schmerzmittel angenehm betäubt. Erneut dachte er an sein Zuhause, die Makropole Macharius, und das, was er dort erlebt hatte. Er fragte sich, ob wohl jemand den Angriff überlebt hatte, und ob unter den Überlebenden vielleicht welche seiner Kameraden sein mochten. Er dachte auch an seine Mutter. Auch dies waren bittere Erinnerungen, oder sie wären es gewesen, wenn das Schmerzmittel nicht alle seine Gefühle unterbunden hätte. Irgendwann schlief er wieder ein.


Jedwedes Zeitgefühl kam ihm abhanden. Es gab kein Fenster, und das dämmrige Licht vor seiner Zelle blieb stets unverändert. Zwei weitere Male wurde ihm etwas zu essen gebracht, von einem dünnen, blassen Mann mit kahl geschorenem Kopf und gesenktem Blick, der ihm ebenfalls fremd war. Aeren versuchte mit ihm zu reden, wurde aber komplett ignoriert. Als die Wirkung des Schmerzmittels nachließ, kehrte das Pochen in seine Schulter, seinen Arm und seinen Rumpf zurück, allerdings weit weniger schlimm als zuvor. Vorsichtig versuchte er, die Hand zu heben und den Arm etwas zu strecken, aber sein Körper heilte ihn augenblicklich von dieser Anwandlung. Vor Schmerz grimassierend ließ er seinen Arm langsam wieder an seine Seite sinken.

Als er allmählich das Gefühl hatte, er würde vom Anstarren der Zellwände wahnsinnig werden, kehrte der Riese zurück und warf wortlos etwas zu ihm hinein. Aeren bedachte ihn mit einem kurzen Blick und richtete seine Aufmerksamkeit dann auf den Gegenstand. Es handelte sich dabei um ein großes, leicht rostiges Messer. Aeren nahm es in die Hand und prüfte die Schneide vorsichtig mit dem Daumen. Schrott. Das Gesicht von Abscheu verzerrt, wandte er sich an seinen Peiniger.

„Was soll ich damit?"

„Für die bestandene Prüfung."

„Ihr meintet doch, ich hätte versagt."

„Es ist dir nicht gelungen, mich anzugreifen, aber das war nicht die Prüfung. Ich wollte sehen, ob du dich dazu entscheiden würdest."

„Und ich krieg' das beschissenste Messer das Ihr finden konntet."

„Eine unvollkommene Waffe für einen unvollkommenen Krieger."

Aeren schnaubte.

Nach diesem Wortwechsel öffnete der Riese die Tür und befahl dem Jungen, ihn erneut anzugreifen; eine Aufforderung, der Aeren nur allzu gerne nachkam. Er schrie, hackte und stach, aber stets blieb die Luft sein einziges Opfer.

„Wie ist dein Name?", fragte der Riese, nicht im Geringsten von diesem grotesken Scheinkampf aus der Ruhe gebracht.

Aeren schnitt eine Grimasse. „Wie ist Eurer?"

„Errake." Das ließ den Jungen innehalten; damit allerdings handelte er sich eine Rückhand des Riesen ein, die ihn mit brummendem Schädel auf die Bretter schickte.

Als er wieder klar sehen konnte, kam er, etwas wackelig, wieder auf die Beine. „Fickt euch. Was für ein beschissener Name ist das denn?" Er stürzte sich wieder auf seinen Gegner, der, wie zuvor, mühelos auswich.

„Manche nennen mich auch Steinherz."

„Ah ja, ich werde Euch einfach einen Riesenbastard nennen." Nur einen Herzschlag dauerte es, da traf ihn Errakes Faust wie ein Vorschlaghammer in die Magengegend. Der Schlag raubte ihm den Atem, und er brach zusammen, würgend und nach Luft schnappend.

„Vergiss nicht, mit wem du es zu tun hast, Junge," dröhnte Errakes Stimme zu ihm herab. „Manchmal bedarf es Demut um zu überleben. Das ist deine nächste Prüfung, und sie dauert den Rest deines Lebens. Also, wie ist dein Name?"

„Aeren," krächzte der Junge. „Aeren Mallory."

„Wie alt bist du?"

„Ich bin dreizehn." Aeren fühlte, dass ihm Tränen in die Augen stiegen. Die ganze Sache war einfach nicht fair; nichts davon.

„Steh' auf."

Der Junge erhob sich, voll des Elends, seine Arme um sich geschlungen. „Was wollt ihr von mir?"

„Wie gesagt, ich will mit dir reden. Und ich werde dir ein paar Dinge beibringen; Kontrolle über deine erbärmlichen Gefühle zu erlangen steht ganz oben auf meiner Liste." Er ließ das einen Moment wirken. „Und jetzt greif' mich wieder an."


Als er es als genug ansah, ließ Errake den Jungen in seiner Zelle zurück, völlig erschöpft und mit blauen Flecken übersät. Er trat hinaus in den spärlich beleuchteten Korridor, und das Klingeln einiger kleiner Glocken verriet ihm die Anwesenheit eines seiner engsten Vertrauten. „Endymion."

Der Angesprochene trat aus den Schatten. Die zwei hätten unterschiedlicher nicht sein können: so alt Errake erschien, so jung wirkte Endymion; so wie der Herr an grauen Stein gemahnte, so erinnerte der Diener an leuchtende Bronze. Er hätte als ein Mann von vierzig durchgehen können, wäre da nicht sein übermenschlicher Körperbau gewesen. Seine Züge waren eine Skulptur makelloser Symmetrie, überzogen von leicht gebräunter Haut. Auch die seine war von zahllosen Narben übersät, von denen jedoch nur die wenigsten mit Erinnerungen an Kämpfe verbunden waren. Die übrigen waren von zarten Händen mit großer Kunstfertigkeit in sein Fleisch geschnitten worden, und formten ein komplexes Gewebe aus Bildern, ein lebendes Kunstwerk, dass sich von Kopf bis Fuß um seinen Körper wand. Vervollständigt wurde seine Erscheinung durch eine Kaskade seidigen schwarzen Haares, dass ihm bis über den halben Rücken fiel. Er war eine unzweifelhaft schöne Kreatur.

„Wie ist es mit dem Jungen gelaufen?" Seine Stimme war ein schnurrender Tenor, der von seiner Zunge rollte wie Honig.

„Im Moment ist er noch ein winselnder Welpe. Es wird Zeit brauchen." Die beiden begannen, den Korridor entlang zu gehen.

„Du hast ihn das Messer behalten lassen?"

„Ja, wieso?"

„Nun, er könnte sich umbringen."

„Er könnte, aber ich glaube nicht dass er es tun wird. Fürs Erste hält ihn seine Wut am Leben. Und ich glaube, dass Härte in ihm verborgen ist."

„Also wirst du ihn erheben?"

„Ja. In ein paar Wochen werde ich Sabato veranlassen, mit den initialen Prozeduren zu beginnen. Falls der Junge so lange überlebt."

Für eine Weile gingen sie schweigend weiter. Schließlich nahm Endymion das Gespräch wieder auf: „Es gibt Neuigkeiten. Anscheinend war der Heerführer mit der Operation auf Ocallus zufrieden."

„Zeichen und Wunder. Ich hätte nicht gedacht, dass Abaddon dazu überhaupt in der Lage ist. Wie auch immer, seine gute Laune wird nicht lange halten. Sobald seine Aufmerksamkeit nachlässt, verschwinden wir."

„Hältst du das für klug? Immerhin ist er der Heerführer."

Errake blieb stehen und legte eine Hand auf die Schulter seines Gefährten, der sich ihm zuwandte. „Er kann sich meinetwegen zum Imperator krönen lassen, dass wäre mir auch egal. Seit Terra habe ich niemandem mehr gedient außer mir selbst, und ich bin zu alt um vor diesem Narren niederzuknien."

Ein spöttisches Lächeln umspielte Endymions Lippen. „Und doch hast du vor ihm gekniet, vor nicht einmal drei Monaten."

Errake funkelte ihn einen Moment lang an, dann setzte er seinen Weg fort, seinen Stellvertreter neben sich.


A/N: Hui, dieses Kapitel war wieder ein hartes Stück Arbeit. Die grobe Übersetzung ging sehr schnell, aber der Feinschliff hat wieder sehr lange gedauert. Wenn sich nicht bald eine gewisse Routine einstellt, werde ich ewig für die ganze Geschichte brauchen.

Oh, und ich habe mich entschlossen, Abaddons Titel "Warmaster" nicht mit dem gängigen "Kriegsherr" zu übersetzen, sondern mit "Heerführer". Wird dem englischen Ausdruck auch nicht ganz gerecht, aber besser als "Kriegsherr" wirkt es allemal. Ich hatte auch an "Kriegsmeister" oder "Heermeister" gedacht, aber die beiden Begriffe fand ich etwas seltsam und "Heerführer" gefällt mir besser. Ich habe aber gelernt dass "Heermeister" ist ein echter Titel in der römischen Armee war, also kein absoluter Neologismus meinerseits.


Danke für's Lesen :)