4: Wurzeln

Aeren trainierte. Als er erfahren hatte, dass er auf einem Schiff war, der Deimos, und bereits Lichtjahre von Ocallus entfernt, hatte er seine Intention zu fliehen widerwillig begraben. Und selbst wenn er eine Chance gehabt hätte zu fliehen, wohin hätte er gehen können? Seine Heimatwelt wurde nun von einer Gruppe beherrscht, die Errake als „Chaos" bezeichnete, und wenn seine Behauptung stimmte, war jeder, den Aeren gekannt hatte, entweder tot oder diente dieser Gruppe, freiwillig oder unter Zwang. Er wusste nicht, was er von diesen Leuten halten sollte, aber offenbar waren sie Feinde des Imperiums und hatten es irgendwie geschafft, Astartes für ihre Sache zu gewinnen. Wie sie mit einer solchen Ketzerei unter den stets wachsamen Augen des Gottkaisers davon kommen konnten, war ihm unbegreiflich. Sicherlich konnten sie sich nicht mit den wahren Astartes und der Macht der Imperialen Armee messen, die über Milliarden von Soldaten verfügen konnte? (Aeren wusste nicht genau, wie viel eine Milliarde war, aber es klang auf jeden Fall beeindruckend.) Er hatte dies auch großspurig seinem Entführer erzählt, aber Errake war auf frustrierende Weise unbeeindruckt geblieben. Aeren begann sich zu fragen ob der Hüne irgendwie blöde war; er zeigte nie irgendwelche Gefühlsregungen und neigte dazu, sehr langsam zu sprechen, was dem Jungen gehörig auf den Geist ging.


Er wusste nicht, wie viele Leute auf dem Schiff waren. Er hatte ein paar gesehen, als Errake ihm Teile der Deimos gezeigt hatte. Die meisten schienen Sklaven zu sein, die ihren Aufgaben mit leisen Stimmen und gesenktem Blick nachgingen. Doch einige schienen Errake auch willentlich zu dienen, und brachten ihm anscheinend echten Respekt entgegen. Er war nur zwei weiteren Astartes begegnet: Endymion, der ebenso bizarr aussah wie Errake, wenn auch auf eine komplett andere Art und Weise. Sein Gemüt war ebenfalls ein anderes, fröhlich und charmant. Und dann war da noch Sabato, wohl eine Art Arzt, und von erfrischend normalem Aussehen – das heißt, für einen Space Marine jedenfalls. Letzterer hatte einige seltsame Untersuchungen an ihm vorgenommen, während er Aeren's zahlreiche blaue Flecken und Abschürfungen komplett ignorierte. Als er dem Jungen „keine fatalen Mutationen" beschied, fuhr der dieser ihn an: „Natürlich nicht!" Den Apothekarius ließ das kalt.


Aeren konnte sich auf seine Situation nicht so recht einen Reim machen. Auf der einen Seite war offensichtlich ein Gefangener und wurde nicht besonders gut behandelt; vor allem natürlich von Errake. Andererseits schien er einen anderen Stand zu haben als die Sklaven denen er begegnet war. Und obwohl es ihm schwerfiel, sich das einzugestehen, so waren diese Leute doch weit entfernt von dem, was die Ekklesiarchie im Allgemeine über Apostaten verbreitete. Zum Einen fand kein Verspeisen von kleinen Kindern statt, soweit er das beurteilen konnte; und auch die generelle Hygiene schien auf einem recht ordentlichen Niveau zu sein.

Das Schlimmste, was man ihm antat, war das Training. Und natürlich bezog er während seiner Übungskämpfe mit Errake regelmäßig Prügel, aber das war kaum schlimmer als die Dinge, die er während seiner Ausbildung in der Armee erlebt hatte – oder im Waisenhaus.

Also beschloss er, die Dinge fürs Erste auf sich zukommen zu lassen – nicht dass er eine große Wahl gehabt hätte. Und da er nichts Besseres zu tun hatte, stürzte er sich auf die Aufgaben, die Errake ihm gab.


So wurde er bereits ziemlich zu Anfang für eine Woche in die Tiefen des Schiffes geschickt, um Ungeziefer zu jagen. Er durfte weder Wasser noch Nahrung mitnehmen; nur das blöde rostige Messer und eine kleine Lampe. Errake erzählte ihm von den riesigen Krabblern, die er vorfinden würde, und wies ihn an, fünfzig von deren Giftdrüsen als Beweise zu sammeln.

Jene Woche verbrachte Aeren zumeist in dem trüben Zwielicht seiner Lampe, oder in kompletter Dunkelheit, wenn er Energie sparen wollte. Seine Sinne wurden rasch schärfer; er hörte die vielen seltsamen Geräusche der Maschinen, die in der Tiefe arbeiteten und dem Schiff sein Leben gaben. Er lernte auch, die Spuren der Krabbler zu lesen, blinder Insekten, von denen einige so groß wie Hunde waren. Er folgte ihnen in enge Schächte, hörte, wie sie in den Rohren raschelten, und wartete vor Öffnungen auf sie um sie mit einem Stich hinter den Kopf zu töten und zu essen.

Einmal ließ er sich beißen, und sein Bein brannte furchtbar und wurde ganz dick und grün, was seine Beweglichkeit für einige Zeit drastisch reduzierte.

Die schlabbrigen Innereien der Insekten, die er mangels eines Feuers roh verzehrte, erwiesen sich als überraschend wohlschmeckend und versorgten ihn mit Nährstoffen und Flüssigkeit. Weiteres Wasser fand er kondensiert an kalten Wänden und Treibstoffleitungen. Um zu ruhen, zog er sich an die Stellen zurück, von denen er wusste, dass die Krabbler sie mieden. Wie er so im Dunkeln saß und auf die leisen Geräusche des Schiffes lauschte, fühlte er sich manchmal beobachtet, und mehr noch, von fremden Präsenzen umgeben. Aber wenn er dann seine Lampe aufleuchten ließ, war er stets allein.

Da er nach wie vor keine Möglichkeit der Zeitmessung hatte, kehrte er zuweilen zu dem Schott zurück, an dem er seine Reise begonnen hatte, nur um es fest verschlossen vorzufinden. Bei zwei Gelegenheiten, überzeugt, die Woche müsse vorbei sein, hämmerte er gegen das Metall und rief; doch er erhielt keine Antwort. Ihn beschlich das Gefühl, man hätte ihn vergessen, und er wäre verdammt dazu, bis ans Ende seiner Tage durch die Dunkelheit zu streifen wie ein verfluchter Geist.

Als er die Tür schließlich doch geöffnet vorfand, weinte er, sowohl weil sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, als auch vor schierer Erleichterung. Hölle, er war sogar froh Errakes hässliches Gesicht zu sehen, als man ihn, immer noch humpelnd, zu dem alten Marine brachte. Als der Herr des Schiffes seinen Zustand und seine Erregung sah, schüttelte er den Kopf. „Immer noch unvollkommen." Aeren war entsetzt und enttäuscht, aber Errake fuhr fort: „Trotzdem hast du dich als würdig erwiesen, dein Training fortzusetzen - ebenso wie dein Leben. Und es ist höchste Zeit dass du ein paar Dinge lernst, die dir deine alten Lehrer vorenthalten haben."


A/N: Das Übersetzen fällt mir zunehmend leichter, und ist wirklich sehr befriedigend.


Danke für's Lesen :)