5. Mehr als ein Mensch

Nach seiner Prüfung in den Eingeweiden des Schiffes wurde Aeren nicht wieder in seine Zelle zurückgeschickt. Er erhielt einen Raum für sich, leer bis auf eine harte Pritsche. Eine weitere Tür öffnete sich in ein kleines Bad, in dem es sogar eine Duschkabine gab. Ihm erschien das alles zu diesem Zeitpunkt wie der pure Luxus. Er war nicht allzu überrascht, als er merkte, dass es kein warmes Wasser gab. Damals, im Waisenhaus, war es ein seltenes und freudiges Ereignis gewesen, wenn jemand den Hahn aufdrehte und das Wasser dampfend herauskam. Hölle, oft genug hatten sie nicht mal Strom gehabt. Das hatte sich geändert, als er zur Armee gekommen war. Er erinnerte sich daran, oft und lange unter der heißen Dusche gestanden zu haben, bis seine Haut ganz gerötet und seine Fingerkuppen runzlig gewesen waren. Die Erinnerung ließ ihn seufzen.

Er erschrak ein wenig, als er sein Gesicht in dem rahmenlosen Spiegel erblickte. Es war dünn und blass geworden, und dunkle Ränder waren unter seinen Augen. Aber immer noch nicht so schlimm wie er, dachte er und musste lachen. Blechern hallte es in der kleinen Kammer.


„Alles begann mit dem großen Kreuzzug. Zumindest davon hast du gehört, oder?" Aeren nickte.

Sie saßen einander gegenüber im Schneidersitz auf dem Boden. Ein paar Meter hinter Errake stand ein riesiger Gong, und daneben saß ein dürrer alter Mann, der ihn etwa alle fünfzehn Sekunden oder so schlug; zudem hatte der alte Mann noch einige kleine Schalen aus Metall vor sich stehen, die er ebenfalls erklingen ließ, und eine kleine Feuerschale, in die er zuweilen etwas Räucherwerk warf.

„Ja," antwortete der Junge. Er fühlte sich seltsam entspannt. Die Vibrationen und Töne, die die Luft erfüllten, erzeugten zusammen mit dem schweren Geruch des Räucherwerks eine seltsame, jenseitige Atmosphäre. Er hatte das Gefühl, sein Herz wäre verlangsamt, den rhythmischen Schlägen des alten Mannes angeglichen. Gleichzeitig war sein Verstand geschärft und klar.

„Das war die Zeit, als der Imperator und seine Söhne, die Primarchen, aufbrachen um alle Welten unter seiner Herrschaft zu vereinen."

„Korrekt. Das waren die Anfänge des Imperiums. In jenen Tagen gab es achtzehn Legionen der Astartes, jede davon einem Primarchen untergeordnet und nach seinem Bild erschaffen. Ich gehörte zur sechzehnten; mein Primarch war Horus, und er hatte unserer Heimatwelt, Cthonia, den Rücken gekehrt um sich dem Imperator anzuschließen. Ich wurde rekrutiert, kurz nachdem Luna erobert worden war. Das war der erste Schritt des Imperators hinaus in Galaxis. Auf Luna gab es große technische Kapazitäten zur Erschaffung der Astartes, und es war Technologie, und nicht Hexerei, die unsere Existenz ermöglichte. Dort wurden also die Reihen der Luna Wolfes aufgefüllt; das war der Name, den meine Legion erhielt. Und dort sah ich zum ersten Mal den Imperator."

Aerens Augen weiteten sich vor Staunen. „Ihr habt den Imperator getroffen?"

„Ich habe ihn nicht getroffen. Ich habe ihn aus der Ferne gesehen und später zu vielen Gelegenheiten sprechen hören."

„Wie war er?"

„Unterbrich mich nicht." Errake atmete einmal tief ein und aus, während er seine Gedanken ordnete. „Er war… mehr als ein Mensch, das ist alles, was ich mit Sicherheit sagen kann. Ich weiß nicht, was er letzten Endes wirklich war. Vielleicht wussten es die Primarchen, aber wir Soldaten haben es nie erfahren. In ihm schienen alle menschlichen Stärken vereint zu sein, und vielfach potenziert. Als ich ihn zuerst sah, dachte ich, er wäre wie die Primarchen. Er hatte den passenden Körperbau, und trug meistens seine goldene Rüstung. Aber da war etwas Seltsames an ihm, eine Ausstrahlung, die ihn von allen anderen unterschied. Er schien irgendwie zu leuchten, und strahlte dieses innere Licht aus, dass seine große Macht erahnen ließ. Und seine Augen. Man konnte sich in ihnen verlieren, und wenn er einen ansah, fühlte man sich nackt und hilflos. Alte Augen waren es, furchtbar, furchtbar alt."

Errake hielt für einen Augenblick inne, versunken in der Erinnerung. Aeren war völlig gebannt. Dann blinzelte Der alte Marine und der Moment ging vorüber. „Natürlich erfuhr ich erst später, dass er ein Psioniker war, und ein mächtiger dazu; vielleicht der mächtigste, den die Welt je gesehen hat."

Aeren runzelte die Stirn. „Was ist ein 'Psioniker'?"

„Ein Hexer."

Der Junge fuhr zurück. „Lächerlich. Der Imperator kann kein Hexer sein."

„Ach nein? Was ist er dann?"

Aeren rang um Worte. „Er ist der Göttliche, der Gebieter der Menschheit, der unsterbliche Herrscher Terras und aller Welten, auf denen Menschen leben." Und dann, leiser: „Er kann kein Hexer sein."

Errake beobachtete ihn aufmerksam. Einen Moment lang schwiegen beide, und nur der Gong erfüllte den Raum mit seinem feierlichen Klang.