Kapitel 6: Leuchtturm
Es war Errake, der die Unterhaltung wieder aufnahm. „Was spielt es für eine Rolle, dass der Imperator kein Gott ist? Es verringert seine Leistungen nicht. Ich würde sagen, es macht sie eher noch eindrucksvoller."
Aeren war erstaunt, als er diese Worte aus dem Mund des alten Astartes hörte. Sie beruhigten den Sturm der Gefühle ein wenig, der in ihm tobte. Wenn dieser Verräter, dieser Apostat, Bewunderung für einen Imperator aufbringen konnte den er verlassen hatte, hieß das das nicht, das Aerens Anbetung gerechtfertigt war? Und doch… „Aber wenn das wahr ist, bedeutet das, dass ich mein ganzes Leben lang belogen wurde. Das ich an eine Lüge geglaubt habe."
Errake schüttelte den Kopf. „Das du es geglaubt hast, spielt keine Rolle. Die Frage ist, ob du bereit bist, dich jetzt davon zu lösen. Ob du den Willen hast, die Wahrheit zu akzeptieren. Oder wirst du dich an deine alten Vorstellungen klammern, obwohl du weißt, dass sie falsch sind? Das wäre Schwäche."
Aeren fühlte sich schwach in diesem Moment. Ihm wurde schwindelig bei der Vorstellung, einen seiner fundamentalen Glaubenssätze, oder vielmehr, einen des Imperiums in Frage stellen zu müssen. Ihm war, als hätte er einen Stein in seinen Eingeweiden, und er dachte er müsste sich übergeben. Verzweifelt suchte er nach einem Weg aus diesem Dilemma, und schließlich fand er einen letzten Notanker. „Ihr sagt, dass die Ekklesiarchie lügt. Aber vielleicht seid Ihr auch der Lügner."
„Möglich. Aber bedenke: im Gegensatz zu denen habe ich keinen Grund zu lügen."
Aeren hob eine fragende Augenbraue. Errake fuhr fort. „Sag mir: wonach verlangt die Ekklesiarchie vor allem anderen? Was ist, für sie, die höchste Tugend?"
Aeren hatte das Gefühl, allmählich komplett den Boden unter den Füßen zu verlieren. „Frömmigkeit?"
„Unterordnung. Gehorsam."
Die Worte trafen Aeren wie ein Schlag in die Magengrube.
„Sie wollen dass du kriechst, dass du ein braver kleiner Bürger bist und deine Pflicht tust. Und ein göttliches Mandat kommt ihnen da gerade recht, findest du nicht?"
Aeren antwortete nicht. Der Raum verschwamm vor seinen Augen und begann sich zu drehen. Das letzte, was er sah, war Errakes Gesicht, unbewegt und steinern wie immer.
Aeren rannte. Um ihn herum erstreckte sich das Mittelschiff der großen Kathedrale vom Macharius. Die Decke, die sich hunderte Meter über ihm wölbte, lag im Schatten. Links und rechts erstreckten sich endlose Reihen von Sitzbänken; ihre Enden, ebenso wie etwaige Wände, waren in der Dunkelheit verborgen. In den Reihen sah er tote Menschen, einige stehend, einige in unordentlichen Haufen übereinander liegend. Weiter und weiter rannte er, zu dem hohen Podium am Ende des Schiffes und dem riesigen Abbild des Imperators dahinter. Dann stand er vor der Statue, und sah hinauf zu dem enormen, von einem Heiligenschein umkränzten Schädel.
„Bist du echt?", fragte der Junge ihn. Der Schädel blickte auf ihn herab, und irgendwie gelang es den Knochen, mitleidig auszusehen.
„Ich sollte nicht hier sein."
„Bitte, ich muss es wissen", sagte der Junge.
„Ich habe keine Macht hier."
Dann verschwand die Statue, und eine riesige Leinwand nahm ihren Platz ein. Darauf erschien ein Gesicht. Es war alt und fürstlich, und auf ihm saß eine prächtige Mitra, verziert mit Gold und Edelsteinen. Der Pontifex Urba. Seine Stimme, obgleich von Rauschen verzerrt, schallte laut und würdevoll aus vielen Lautsprechern.
„Lasse die Erfüllung deiner Pflicht deine größte Freude sein. Sei dankbar, denn sie ist es, was den Menschen über von den Tieren unterscheidet. Sie aufzugeben heißt, dein Menschsein aufzugeben. Dann sollst du sollst deine Nahrung auf der Erde suchen, kriechend wie Getier. Du sollst verachtet sein von den Rechtschaffenen, und sie sollen dich jagen und töten mit dem Segen des Imperators; denn das ist das Los eines Tieres."
Aeren zeigte auf die Statue, die jetzt zu seiner Rechten erschien, gerade noch sichtbar an der Grenze seines Blickfeldes. „Wusstet ihr, dass er ein Hexer ist?"
„Verflucht ist er, der da außerhalb des göttlichen Lichtes wandelt, denn sein Weg liegt für immer in Dunkelheit. Keinen Brunnen wird er finden um seinen Durst zu löschen, kein Korn um seinen Hunger zu stillen. Wilde Tiere werden ihm nachstellen, und sein Weg wird übersät sein mit zerbrochenem Glas; und für alle Zeit soll er verdammt sein in den Augen des Imperators."
Aeren versuchte, wieder die Statue anzusehen, doch stets verschwand sie, ehe er seinen Blick vollends auf sie richten konnte. „Aber wo ist das Licht? Wie kann ich es finden?" rief er.
Das riesige Gesicht war teilnahmslos. „Auf die Ungläubigen wartet allein das Feuer."
Das Bild flackerte; der Pontifex verschwand, und Errake erschien an seiner Stelle.
Er grinste, zwei Reihen scharfer Reißzähne offenbarend. Blut floss aus seinem Mund. Seine Stimme erfüllte die schwarze Leere der Kathedrale, und es da war ein Geräusch wie mahlende Knochen. „Auf zerbrochenem Glas zu gehen ist gar nicht so schlimm."
In diesem Moment fühlte Aeren eine Hand auf seiner Schulter; er drehte sich um, und sah sich einem Leichnam gegenüber, dessen tote Augen sich in ihn bohrten. „Tu deine Pflicht!"
Er erwachte seinem Zimmer, stöhnend und mit Schweiß bedeckt. Ihm war kalt und er fühlte sich schwach; sein Hals schmerzte. Er stolperte ins Bad, drehte den Hahn auf und trank das Wasser in großen, gierigen Zügen; es schmeckte furchtbar, und das Schlucken tat weh. Als es ihn durchströmte, begann er noch mehr zu zittern.
Neben seiner Pritsche fand er ein Messer, sein eigenes diesmal, das er zuletzt auf Ocallus geführt hatte, vergeblich auf Errakes gepanzerten Arm einstechend. Das alles kam ihm nun sehr fern vor: Sein Zuhause; seine Freunde; seine Kameraden. Elend und Einsamkeit überkamen ihn nun, und er weinte, von schwerem Schluchzen geschüttelt. Nichts war ihm geblieben, und nun stellte sich auch noch sein Glaube als Lüge heraus. Was spielt es für eine Rolle, dass der Imperator kein Gott ist?, hatte Errake ihn gefragt. Es bedeutete, dass die Ekklesiarchie log; dass die eine Sache, die Aeren als unzweifelhaft rein und unberührbar angesehen hatte, auf einem Fundament aus Lügen beruhte. Erneut bemühte Aeren sein vom Fieber geplagtes Gehirn, um dafür eine Lösung zu finden, etwas, um diese Unmöglichkeit zu erklären; etwas, das ihm Halt geben würde. Was wäre… Was wäre wenn sie es nicht wüssten? Aeren ohrfeigte sich selbst, bemüht, seinen Geist unter Kontrolle zu bringen. Wenn sie nicht wussten, dass der Imperator kein göttliches Wesen war, machte das nicht einen enormen Unterschied? Aeren schüttelte den Kopf. Das hieß immer noch, dass sie falsche Lehren verbreiteten; zwar nicht mit Absicht, aber aus Unwissenheit. Und wenn sie nicht einmal damit richtig lagen, wobei mochten sie sich dann noch irren? In seinem Geist verblasste das Licht der Ekklesiarchie, und sie wurde grau und glanzlos.
Aeren stöhnte. Wenn er diesem Gedanken weiter folgte, bedeutete das, dass es hinter allem, was das Imperium ausmachte, mit all seinen Unvollkommenheiten, keine unbefleckte moralische Instanz gab, keinen Kern der Wahrheit, kein Ideal zu dem man aufschauen konnte. Der Imperator mochte noch immer verehrungswürdig sein, doch was spielte das für eine Rolle, wenn sein Ruhm durch die Lügen seiner Diener überschattet wurde? Und vor allem, warum erlaubte der Imperator das alles?
Zum ersten Mal sah er nun das Imperium in einem neuen Licht. Er sah seine Starrheit, die Geringschätzung, die die herrschenden Schichten ihren Untertanen entgegen brachten, die allgegenwärtige Unterdrückung und Gewalt. Nun, da der Schlussstein der Ekklesarchie seiner Legitimation beraubt war, schien das gesamte Imperium vor seinem inneren Auge zusammenzustürzen, bis nichts weiter übrig war als eine verfaulte, zerstörte Hülle.
Sein Kummer verwandelte sich jetzt in Wut, und er schrie. Es verlangte ihn danach, etwas zu zerstören, und da er nichts anderes hatte, wandte er sich seiner Pritsche zu und verschrottete sie. Währenddessen schrie er die ganze Zeit weiter, bis er das Gefühl hatte, seine Kehle stünde in Flammen. Als er fertig war, lehnte er sich an die Wand und fing wieder an zu schluchzen. Er rutschte hinunter und kam auf dem Boden zu sitzen.
Dann fiel sein Blick auf das Messer, und seine Tränen versiegten. Er griff danach und zog es aus der Scheide, und der polierte Stahl schimmerte im Zwielicht seines Zimmers. Auf der breiten Klinge war der doppelköpfige Adler eingeprägt, direkt oberhalb des Handschutzes.
„Warte", sagte Aeren und schluckte. „Warte mal. Verteidiger der Menschheit. Daran hat sich nichts geändert." Er küsste den Adler, und Erleichterung breitete sich in ihm aus. Und er war froh, denn er hatte endlich etwas gefunden, das dem Imperium ein Stück Daseinsberechtigung zurück gab; endlich etwas Wahres, etwas an dem er sich festhalten konnte.
Bald darauf schlief er ein, dass Messer an seine Brust gepresst.
Als er erwachte, fühlte er sich erfrischt. Auch die Kälte schien zum größten Teil aus seinem Körper gewichen zu sein. Er duschte und machte sich auf die Suche nach Errake, das Messer an seiner Seite.
A/N: Danke fürs Lesen : )
