7: Steiniger Boden

Errake saß in seinem Studierzimmer. Vor ihm, auf einem Tisch aus kunstvoll geschnitztem Nalholz, ruhte ein riesiges Buch, eingeschlagen in Leder und Silber. Hinter ihm war ein großes, rundes Fenster, das vom Boden bis zur Decke reichte und den Blick auf die sternenübersähte Schwärze des Alls freigab. Das elektronische Bimmeln des Interkomms ließ ihn von seiner Lektüre aufblicken. Er drückte eine Rune, und der Raum füllte sich mit sanftem Rauschen.

„Ja?"

„Es ist der Junge, mein Gebieter. Er wünscht Euch zu sprechen."

Errake klappte das Buch zu, darauf bedacht, die dünnen und spröden Seiten nicht zu beschädigen. Dann lehnte er sich in seinem Stuhl zurück, der für einen Marine dimensioniert und auch entsprechend solide war.

„Schick' ihn rein."

Die Tür öffnete sich, und der Junge schritt hindurch, einen entschlossenen Ausdruck auf seinem Gesicht. Errake bemerkte das Messer in seinem Gürtel.

„Ich habe zwei Fragen, und ich will Antworten."

„Dann hast du deine Krise überwinden. Zu welchem Ergebnis bist du gekommen?"

Aeren schüttelte den Kopf. „Ich zuerst." Sie beäugten einander. Dann machte Errake eine einladende Geste und gab dem Jungen so den Vortritt.

„Ihr habt gesagt, die Ekklesiarchie hatte einen Grund mich zu belügen, weil sie meinen Gehorsam sicherstellen wollte."

Der alte Astartes nickte.

„Aber das ist das Gleiche was ihr wollt, oder? Ihr wollt mich als euren Diener."

Errake schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht an deinem Gehorsam interessiert, zumindest nicht auf lange Sicht. Ich habe keine Verwendung für einen weiteren Diener. Ich brauche keinen."

„Was wollt ihr dann? Wozu diese ganze Prüfungen? Und keine Scheiße mehr."

Erneut vergingen eine Sekunden, bevor Errake antwortete.

„Also gut. Ich suche nach einem Neophyten. Wir haben vor kurzem einen unserer Waffenbrüder verloren, und ich will diese Lücke in unseren Reihen schließen."

Aeren war sich nicht sicher, ob er das richtig verstand. „Meint ihr damit..."

„Ich will, dass du ein Astartes wirst."

Aeren war schockiert. „Ihr wollt aus mir… einen Space Marine machen?"

Errake nickte langsam. „Wenn du das Zeug dazu hast."

Der Junge brauchte einen Moment, um das zu verdauen. Ein Astartes zu werden, ein Krieger der Legenden, war der Traum eines jeden Jungen, und Aeren da bildete keine Ausnahme.

„Aber… Moment mal. Würde mich das nicht zu eurem Diener machen? Die anderen Marines, sie gehorchen euch, oder? Und ihr seid ihr Anführer."

„Sie folgen mir in die Schlacht, weil sie glauben, dass ich sie zum Sieg führe. Ich bin ein erfahrener Kommandant, und ich gewinne die meisten meiner Schlachten. Und ich setze ihre Leben nicht unnötig aufs Spiel. Nicht so wie andere. Abseits der Schlachtfelder sind sie ihre eigenen Herren. Sie alle haben sich ihren Ruhm verdient, und jeder von ihnen ist auf seine Weise ein Fürst."

Aeren sah nachdenklich aus. Das erschien plausibel. Die Marines, die er bis jetzt gesehen hatte, schienen Errake mehr als einen der ihren zu betrachten denn als einen Herrn. „Das lasse ich für's erste gelten." Also eine Chance, ein Space Marine zu werden… aber dann erinnerte er sich, wo er war. Wer sie waren.

„Aber was ist, wenn ich nein sage?"

Errakes Gesicht war wie immer eine Maske.

„Ihr sagt, dass ihr mich auf eurer Seite wollt. Aber ihr seid immer noch ein Feind des Imperiums, oder der Menschheit. Wenn ich mich euch anschließe, werde ich auch zu einem Verräter. Warum sollte ich das wollen? Und nochmal, was passiert, wenn ich nein sage? Tötet ihr mich und werft meine Leiche ins All? Was für eine Wahl ist das?" Er hatte sich etwas in Rage geredet. Doch er konnte sehen, dass sich auch in Errakes Gesicht etwas verändert hatte. Er erhob sich nun von seinem Stuhl, während er sich mit den Fäusten auf dem Tisch abstützte.

Aeren, dem plötzlich wieder bewusst wurde, wie gefährlich dieser Riese eigentlich war, machte einen Schritt zurück. Doch Errake wandte sich von ihm ab, und trat vor das große Fenster.

„Mein Angebot gefällt dir nicht? Diese… Wahl, wie du sie nennst, und die du so zu hassen scheinst, ist mehr als die meisten deiner Art je bekommen. Wenn es eine Sache gibt, die das Imperium und die Mächte des Chaos gemeinsam haben, ist es, dass die meisten Menschen auf beiden Seiten nie mehr als Sklaven sein werden. Sie arbeiten an den Maschinen ihrer Herren, bis zu dem Tag, an dem sie vor Hunger oder Erschöpfung tot umfallen. Sie sind nur Treibstoff, rasch verbraucht und vergessen. Und warum auch nicht? Das ist ihr Los, und sie verdienen nichts Besseres. Vielleicht gefällt dir das nicht. Vielleicht willst du deswegen schreien und toben; aber das ändert nichts daran, dass dies die Welt ist, in der du lebst.

Was ich dir anbiete, ist ein Ausweg; eine Gelegenheit, die Ketten zu sprengen, die Geburt und Schicksal dir umgelegt haben. Täusch dich nicht, ein Space Marine zu werden ist schwer. Brutal schwer. Nur die wenigsten haben die Kraft, das Training zu überstehen. Aber wenn du den Schmerz meisterst, und die Entbehrungen, dann kannst du mit allem fertig werden was die Welt dir in den Weg stellt."

An diesem Punkt drehte Errake sich um und fixierte den Jungen mit seinem Blick. „Aber der wahre Lohn wäre ein noch größerer: Du wärst ein Souverän. Du wärst der Herr deines eigenen Schicksals, und frei, der Welt deinen Stempel aufzudrücken und so zu leben, wie du es für richtig hältst. Das ist der größte Triumph, den ein Mensch erlangen kann, und nur die allerwenigsten erhalten je die Chance das auch nur zu versuchen." Er schüttelte seinen Kopf. „Das, und nichts Geringeres, ist es was ich dir anbiete, und du hast die Frechheit, dich darüber zu entrüsten? Dich über die Wahl zu beschweren? Da scheiß' ich drauf." Errake setzte sich wieder hin. „Geh, und triff deine Wahl. Und weil ich dir so eine schwere Bürde aufhalse, gebe ich dir einen Tag Zeit, um es dir zu überlegen. Dann kannst du darüber nachdenken, ob du den Rest deines Lebens im Staub kriechen willst."

Der Junge wandte sich zum gehen, überrascht und überwältigt. Bevor die Tür sich hinter ihm schloss, hörte er noch einmal Errakes Stimme. „Und Aeren? Eins muss dir klar sein: dies ist deine einzige Chance. Solltest du dich dazu entschließen, den Weg zu gehen, solltest du besser bereit sein alles zu geben. Denn ich werde dich beim Wort nehmen."


Aeren kehrte in sein Zimmer zurück. Einen Moment lang blickte er reumütig auf seine zerstörte Pritsche, und setzte sich dann wieder auf den Boden. Seine gerade gewonnene Entschlossenheit war unter Errakes Ansturm zerbröckelt, und er erkannte, was für ein Narr er war: weil er Errake mit seinen Fragen herausgefordert hatte, war ihm diese endgültige Entscheidung zu früh aufgezwungen worden, während er noch dabei war, seinen Platz in dieser neuen Welt zu finden, in die er geworfen worden war.

Er betrachtete sein Messer. Der Adler, nur wenige Stunden zuvor eine Quelle der Inspiration, hatte seine Mache wieder verloren. Was tun? Das Imperium war für ihn gestorben; nicht das er hätte zurückgehen können, selbst wenn er es gewollt hätte. Verteidiger der Menschheit. Das war die Aufgabe der Imperialen Armee, und das war es, was er nun auch sein wollte: ein Schild für die Menschen gegen ein gleichgültiges Universum, das Errake so treffend beschrieben hatte. Die Armee wäre sein Weg dazu gewesen, aber er wusste, die Chancen das noch zu realisieren waren unterirdisch. Selbst wenn er einen Weg fand, von einem Raumschiff mitten im nirgendwo zu fliehen, selbst wenn er sie fand, würden sie ihn vermutlich sofort erschießen; falls die gruselige Inquisition ihn nicht zu erst in die Finger bekam. Aeren seufzte. Müßig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Er musste sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren, und das Beste aus der aktuellen Situation machen. Aber was war das Beste? Wenn er sich für die Sklaverei entschied, würde er ein Leben ohne Bedeutung führen. Aber wenigstens könnte er sich selbst vormachen, dass er ein Opfer war; dass er keine Wahl hatte außer zu kriechen und zu buckeln, und dass er, zumindest in seinem Herzen, dem Imperator immer noch treu ergeben war. Aber das hat auch einen großen Teil seines Reizes eingebüßt, nicht wahr?

Oder er könnte sich für den schweren Weg entscheiden, alles daran setzen ein Astartes zu werden und damit ein eingeschworener Feind des Imperiums. Er würde vermutlich einige ziemlich schlimme Dinge tun müssen. Er würde vermutlich sogar früher oder später gegen die Imperiale Armee kämpfen. Aber wenn es ihm gelänge… Errake hatte gesagt, er würde allem widerstehen und ein Zeichen setzen können. Also wäre er vielleicht, auch in der Lage, seine Kraft zum Wohle seiner Mitmenschen einzusetzen? Dinge zum Besseren zu wenden? Er nickte, denn die Antwort wurde immer eindeutiger: wenn es sein Ziel war, Menschen zu helfen, war dies die größte Chance dazu, die er jemals bekommen würde. Er stand auf. Errake hatte recht gehabt. Es war nie eine Wahl gewesen.


Wenige Minuten später stand er wieder vor Errake, auf seinem Gesicht eine Maske grimmiger Entschlossenheit.

„Ich bin dabei. Macht aus mir einen Space Marine."

Der alte Astartes nickte langsam. „Also gut. Du hast also einen Grund gefunden, weiterzuleben."

Aeren nickte ebenfalls. „Ja. Ich werde es für die Menschen tun." Errake warf ihm einen seltsamen Blick zu, und ein Zucken ging durch sein Gesicht. War er wütend? Mir egal, dachte Aeren. Soll er sich aufregen.

Aber sein zukünftiger Herr zuckte nur mit den Schultern. „Du wirst tun, was du für richtig hältst. So wie wir alle." Sekunden vergingen. „Eins noch, Aeren. Du hast noch nie getötet, oder?" Aeren schüttelte den Kopf. Ein ungutes Gefühl kroch sein Rückgrat hinauf.

„Du kannst kein Astartes sein, wenn du kein Killer bist. Morgen wirst du einer werden." Aerens Augen weiteten sich. „Oder du wirst tot sein. Geh. Bereite dich vor." Der Junge verließ ihn, sein Herz in der Hose und einen ungläubigen Ausdruck auf dem Gesicht.


Später fand Endymion Errake auf dem nur schwach beleuchteten Aussichtsdeck, von dem aus man fast den gesamten, gewaltigen Rumpf der Deimos entlang sehen konnte.

„Wie läuft's mit Aeren, oh höchst glorreicher Anführer?"

„Der Junge hat seine Wahl getroffen. Er wird den Weg beschreiten." Sein Stellvertreter nickte anerkennend.

„Er sagte, er will es für die Menschen tun."

Endymion lächelte. „Ah, welch ein Idealismus. Er muss sehr unschuldig sein. Wahrhaftig der kostbarste Schatz der Jugend."

„Mir wäre es lieber, der Junge würde seine Unschuld ablegen. Er ist clever, aber auch ein Träumer, und es mangelt ihm an Aggression. Morgen lasse ich ihn in der Grube kämpfen."

„Ausgezeichnete Idee."

Sie schwiegen für eine Weile. Es war still um sie, da sich das Schiff sich in der Nachtphase befand.

„Errake. Der Junge hat vor kurzem sein Zuhause verloren. Und nachdem, was du mir erzählt hast, hat auch sein Glaube einen schweren Schlag erlitten. Und nun, da er sich entschlossen hat, einer von uns zu werden, ist er drauf und dran eine Welt der Schmerzen zu betreten, die er sich in seinen dunkelsten Träumen nicht vorstellen kann. Er wird etwas brauchen, das ihm Halt gibt, und seine hehren Ideen werden in der Grube nicht lange überleben. Wir müssen ihm etwas neues geben, für das er kämpfen kann, etwas konkretes. Oder wir könnten ihn immer noch verlieren. Erinnerst du dich, was du mir einmal gesagt hast? Jeder von uns hat etwas, das ihn antreibt. Etwas, um jenen ursprünglichen Zweck zu ersetzen, den wir verloren haben."

„Ich erinnere mich. Hast du etwas im Sinn für unseren törichten Neophyten?"

Endymion lächelte sein süßestes Lächeln. „Ein Haustier! Etwas, das er liebhaben und beschützen kann. Das wird ihm die harte Anfangszeit erleichtern, bis er zäher geworden ist."

Errake warf ihm aus den Augenwinkeln einen Blick zu. „Also gut." Sein Stellvertreter klatschte in die Hände. „Überlass das ruhig mir! Ich werd' auf jeden Fall was finden." Und damit verschwand er im Zwielicht, eine fröhliche Melodie pfeifend.