12: YSKTA
„Und dann hat er gesagt, der Imperator ist in Wirklichkeit nur ein extrem mächtiger Hexer."
Jessyca schnappte nach Luft. „Unmöglich!"
„Das hab' ich auch gesagt."
„Das ist Bullshit. Nichts von alledem macht Sinn. Ich meine, wie soll er überhaupt dabei gewesen sein? Der Kreuzzug war vor zehntausend Jahren, richtig?"
„Jo. Aber du hättest ihn sehen sollen. Er war weggetreten. Er ist nie weggetreten. Wie er über den Imperator sprach, es war erfurchtgebietend."
„Dann ist er eben ein guter Schauspieler. Alles was er will, ist, dass du seinem kleinen Ketzerclub beitrittst."
Aeren runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. „So einfach ist das nicht. Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll; er scheint den Imperator nicht wirklich zu hassen. Und er hat mich auch nicht gedrängt, mich von ihm loszusagen oder so."
Das Mädchen sah ihm tief in die Augen. „Er manipuliert dich."
Aeren sagte nichts, sondern starrte an die Decke, die Stirn immer noch in Falten gelegt.
„Du denkst hoffentlich nicht ernsthaft darüber nach, dich ihm anzuschließen, oder?"
„Wie ich bereits sagte, es ist kompliziert."
Jessyca warf ungläubig die Hände in die Luft. „Kompliziert? Die haben unsere Heimatwelt erobert. Die haben Millionen Menschen getötet, und den Rest versklavt! Ich weiß wirklich nicht, was daran so scheißkompliziert sein soll."
„Ich erwarte nicht, dass du das verstehst."
Mit einem genervten Laut stand Jessyca vom Bett auf und ging ein paar Schritte. Dann blieb sie stehen und drehte sich um, die Hände auf den Hüften.
„Ich glaub' schon, dass ich es verstehe. Was hat Sabato nochmal gesagt? Das Zeug, das sie dir eingesetzt haben, macht dich zu einem Astartes?"
Aeren antwortete nicht, aber ein unangenehmes Gefühl beschlich ihn.
„Das ist es oder? Darum geht es hier wirklich. Er hat versprochen, dich zu einem Astartes zu machen, und du hast ja gesagt."
Sie schüttelte den Kopf. „Du bist bereit, alles zu verraten, dein Volk, deinen Glauben. Und alles nur für eine kindische Fantasie."
Aeren explodierte. „DAS IST KEIN SCHEIß SPIEL! SIEH MICH AN! Sie haben mich operiert, ohne Betäubung, nachdem eine Wahnsinnige mir das Auge raus gerissen und mich fast umgebracht hat! Glaubst, du, dass alles macht mir Spaß?"
Jessyca war von seinem Ausbruch überrascht worden und brauchte ein paar Sekunden, um sich zu sammeln. „Warum tust du's dann?"
Aeren sank zurück auf seine Matratze. Er schwitzte. Seinen Körper aufzurichten, hatte ihn erschöpft, und das Feuer der Pein erneut angefacht. „Etwas, das Errake gesagt hat. Menschen zählen in dieser Welt nichts, oder die meisten jedenfalls. Wir werden geboren, bekommen eine Arbeit zugewiesen, und machen sie, bis zu dem Tag an dem wir sterben. Es kümmert niemanden einen Scheiß. Aber Astartes haben Macht. Wenn ich das durchstehe, kann ich was ändern. Natürlich nicht für alle, aber für manche. Ich kann die Welt ein bisschen besser machen."
Für einen Moment sagte keiner von den beiden etwas. Dann sprach Jessyca erneut. Sie hatte Tränen in den Augen. „Du irrst dich. Es gibt Menschen, die es kümmert wenn wir sterben. Freunde, Menschen die uns lieb sind."
Aeren rollte mit den Augen, und seine Stimme war voller Gift als er antwortete. „Ah ja, natürlich. Dann liege ich natürlich völlig falsch." Sein Ton änderte sich, wurde leise und zitternd; und auch seine Augen wurden feucht. „Scheiß' auf 'Menschen die uns lieb sind'."
Jessyca kam zu ihm. Sie nahm seine Hand, und nach einem Augenblick umarmte sie ihn; so gut es eben ging, wie er auf dort lag. Er legte ihr die freie Hand auf den Rücken, und für eine Weile verharrten sie so, und teilten ihren Schmerz und alles, was sie verloren hatten; und sie fanden Trost in der Nähe des anderen.
Als sie sich schließlich von einander lösten, schniefte Jessyca. „Hör mal, es tut mir leid. Was immer auch passiert, wir sollten zusammenhalten. Wir haben niemanden außer uns. Und Ada natürlich." Sie beide lächelten durch ihre Tränen, und Jessyca zog das kleine Mädchen heran und küsste sie auf den Kopf.
„Ich will den Moment nicht ruinieren", sagte Aeren, „aber ich könnte wirklich was zu trinken gebrauchen. Würdest du mir was holen?"
„Ja, klar. Komm, Schätzchen." Sie nahm Adas Hand und verließ mit ihr den Raum.
Nun, da er alleine war, zog sein schmerzender Körper wieder alle Aufmerksamkeit auf sich. Die nächsten Wochen werden echt beschissen. Trotzdem tat es gut, Gesellschaft zu haben.
Er hörte schwere Schritte und sah zur Tür. Errake trat ein, und grüßte ihn mit einem Nicken.
„Gut, dich wach zu sehen. Wie fühlst du dich?"
Aeren zuckte kurz mit den Schultern. „Den Umständen entsprechend."
„Dachte ich mir." Er ließ sich in einen schweren Stuhl an der gegenüberliegenden Wand fallen und warf dem Jungen einen langen, undurchsichtigen Blick zu. „Ich nehme an, du hast Fragen."
„Ja, und wie. Was ist in der Grube passiert, mit dieser Frau? Mir läuft es kalt den Rücken runter wenn nur daran denke."
Errake nickte. „Sie war besessen."
„Besessen?"
„Hast du schon mal was vom Immaterium gehört? Man nennt es auch den Warp, oder das Empyreum."
Aeren schüttelte den Kopf. Errake schüttelte seinen ebenfalls. „Natürlich nicht." Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, und überlegte, wie er diese Lektion beginnen sollte.
„Der Warp ist eine Welt neben unserer eigenen; der Welt, die wir sehen und anfassen können. Er ist nicht räumlich von ihr getrennt; er umgibt uns auch in diesem Moment, auch wenn wir ihn nicht direkt wahrnehmen können. Er ist eine andere Ebene des Seins."
Aeren trug seine Verwirrung offen zur Schau. Errake hob seine Hände und hielt sie horizontal vor sein Gesicht, eine Hand breit auseinander.
„Stell dir einen Raum vor. Dieser Raum ist die materielle Welt, unsere Welt; die Welt in der wir uns jetzt gerade befinden. Unter diesem Raum gibt es einen weiteren. Du kannst ihn nicht sehen, aber du weißt, dass es ihn gibt. Manchmal kannst du Stimmen in ihm hören, und wenn du durch den Boden brichst, kannst du hinein sehen, und ihn auch betreten. Das ist der Warp."
In diesem Moment waren erneut Schritte zu hören. Jessyca kehrte zurück, Ada an ihrer Seite, und mit einem Becher und einer Karaffe in den Händen.
„Ich hab' Wasser für dich aufgetrieben." Sie füllte den Becher und reichte ihn Aeren, und stellte die Karaffe neben das Bett. Sie hatte den Astartes nicht gesehen, da er hinter einer Ecke in der gleichen Wand wie die Tür saß. Aeren leerte den Becher und wies dann in seine Richtung. „Das ist Errake." Sie drehte sich um und erschrak ein wenig; Ada zog sie instinktiv hinter sich. „Mein Herr", sagte sie und schlug die Augen nieder.
„Das sind Jessyca, und Ada", stellte Aeren die beiden Mädchen vor.
„Verstehe." Es schienen gleich mehrere Eisberge in Errakes Stimme zu sein.
Jessyca wandte sich zu Aeren um, einen unbehaglichen Ausdruck auf dem Gesicht. „Okay, ich schätze, wir kommen dann später wieder." Sie wandte sich zum gehen, aber Aeren hielt sie am Handgelenk fest. „Nein, bitte bleibt!" Und, an Errake gewandt: „Dürfen sie?"
„Wenn sie ruhig sind."
Jessyca zog einen weiteren Stuhl heran, und platzierte ihn in einem angemessenen Abstand zu dem Marine, als ob sie sicherstellen wollte, nicht als Eindringling wahrgenommen zu werden. Sie setzte sich, und zog Ada auf ihren Schoß; gleichzeitig schien sie vergeblich zu versuchen, unsichtbar zu werden.
Als sie sich eingerichtet hatten, fuhr Errake fort, die Mädchen komplett ignorierend.
„Zurück zum Thema. Also, obwohl der Warp von unserer Welt getrennt ist, so ist er doch eng mit ihr verwoben; denn er ist die Welt der Gedanken, Träume und Gefühle. Man nennt ihn auch das Meer der Seelen, und das ist eine sehr zutreffende Beschreibung."
„Alles was wir fühlen, alles was wir denken, all unsere Träume, Hoffnungen und Begierden hallen im Warp wider. Wenn sich eine große Menge ähnlicher Emotionen an einem Ort versammeln, entwickeln sie so etwas wie ein Eigenleben; das ist es, was wir einen Daemon nennen. Sie sind Manifestationen der Gefühle, aus denen sie geboren wurden, und hungern stets nach mehr von derselben Energie. Unter gewissen Umständen wird der Schleier, der uns vom Warp trennt, durchlässig, und dann können sie ihn passieren; und wenn sie das tun, können sie Kontrolle über Individuen erlangen, und sie besetzen. Das erlaubt ihnen, in dieser Welt zu wandeln und ihren unstillbaren Gelüsten zu fröhnen. Wenn wir mit einem solchen Wesen konfrontiert werden, berührt uns das auf fundamentale Weise. Das ist es, was du in der Grube gefühlt hast."
Aeren dachte über das Gehörte nach. Die Vorstellung, dass das, was mit der Frau passiert war, mit jedem passieren konnte, war beängstigend. „Und was passiert mit den Leuten, die besessen werden? Können sie wieder befreit werden?"
„Nein." Errakes Antwort schnitt durch die Luft wie die Axt eines Henkers. „Von einem fremden Willen beherrscht zu werden, einem, der so wild und bösartig ist, treibt sie für gewöhnlich in den Wahnsinn; mit der Zeit werden ihre Seelen verschlungen, und oftmals auch ihre Körper."
„Es gibt unzählige Dämonen, aber vier von ihnen kommt besondere Bedeutung zu; diese nennen wir die dunklen Götter. Ihre Namen sind Khorne, Tzeentch, Slaanesh und Nurgle."
Aerens Auge weitete sich. „Khorne! Das war es also, was Orthan und die anderen meinten!"
Errake nickte. „Ja. Diese Entität wird mit Krieg assoziiert; mit Kampf, Wut, und vor allem anderen, Blutvergießen. Sie denken, ihn anzurufen gewährt ihnen Stärke in der Schlacht."
„Und stimmt das nicht?"
„Es kann funktionieren, aber wenn man es mit Daemonen und den Warp zu tun hat, gibt es keine Gewissheiten. Wie gesagt, das Immaterium ist die Domäne der Seelen und Emotionen; Vernunft und Logik haben dort keinen Platz. Die Gesetze, die dort herrschen, sind nicht für Sterbliche gemacht, und nur Wahnsinnige und besonders begabte Individuen haben je die Chance, einen Blick auf sie zu erhaschen. Es ist das Reich des Chaos."
Aeren runzelte die Stirn. „Chaos. Heißt das, ihr und eure Gefährten dienen diesen Daemonen?"
„Es gibt viele, die ihnen dienen, oder sie sogar anbeten. Ich diene niemandem. Aber in dieser Welt muss man sich früher oder später mit ihnen auseinandersetzen, auf die eine oder andere Weise. Sie können einem manchmal nützlich sein, und es gibt Mittel und Wege, sie ein wenig zu beeinflussen. Aber wie gesagt, in ihrer Welt ist nichts jemals gewiss, und ich würde mich nicht auf sie verlassen. Der, der mich ausgesandt hat, um deine Heimatwelt zu erobern, steht irgendwo in der Mitte. Er dient ihnen nicht völlig, aber er steht mit ihnen im Bunde, und sie haben ihm große Macht verliehen. Zweifellos haben sie dadurch auch Einfluss auf ihn, doch wie weit er reicht, vermag ich nicht zu sagen."
Aerens Stirn lag noch immer in Falten. „Du hast gesagt, dass du niemanden dienst. Und doch hast du meine Welt für diesen Typ zerstört. Wer ist er?"
„Sein Name ist Ezekyle Abaddon. Er war einst ein Hauptmann in meiner Legion; doch über diesen Stand hat er sich schon vor langer Zeit erhoben. Dieser Tage nennt er sich selbst Heerführer, und er hat eine große Anzahl meiner Brüder unter sein Banner gescharrt. Was mein Befolgen seines Befehls angeht: erinnerst du dich, was ich über Demut gesagt habe? Das es manchmal nötig ist, zu knien, wenn man überleben will? Diesmal war ich an der Reihe. Aber ich habe wenig Respekt für Abaddon, und würde ihm eben so schnell in den Rücken fallen, wenn sich eine Gelegenheit böte. Seine Ränke und Eroberungen interessieren mich nicht, ebenso wenig wie sein törichtes Streben nach Rache; seine Ambitionen und seine Wut sind nicht die meinen."
Der Junge hob seine Augenbraue. „Sein Streben nach Rache?"
„Du wirst es alles verstehen, wenn du mehr über den großen Kreuzzug erfährst."
Einmal mehr fühlte sich Aeren überwältigt von den Dingen, die ihm offenbart wurden. „Und weiß das Imperium das alles? Über den Warp, und die Daemonen, und diesen Abaddon?"
„Einige von ihnen wissen es. Aber sie hüten dieses Wissen mit großer Eifersucht. Sie denken, wenn die Leute nichts über diese Dinge erfahren, weichen sie auch nicht von ihrem zugewiesenen Weg ab; dass Unwissenheit sie vor Versuchung schützt. Eine beschränkte Sichtweise; aber nur eine von vielen, derer das Imperium schuldig ist."
Zorn packte Aeren erneut, und er fletschte die Zähne. „Arschlöcher. Das alles vor uns zu verheimlichen… uns so leben zu lassen, ohne dass wir etwas über die Welt wissen… aber es passt zu den Dingen, die ihr mir schon vorher gesagt habt." Er warf einen Blick in Jessycas Richtung, die mit einem Stirnrunzeln antwortete.
Aeren seufzte. „Also gut. Erzählt mir mehr. Ich will alles wissen."
