13: YSKTA 2

„Also gut." Errake streckte seine Beine aus und nahm so eine bequemere Haltung ein. „Ich glaube wir sprachen über den großen Kreuzzug, als wir… unterbrochen wurden."

Aeren errötete ein wenig; der Gedanke, dass er ohnmächtig geworden war, nur weil man ihm etwas erzählt hatte, erschien ihm jetzt peinlich. Wie dumm er gewesen war.

„Jo, wir sprachen darüber, dass der Imperator in Wirklichkeit ein Psioniker ist." Erneut blickte er zu Jessyca hinüber; diesmal, mit einem Anflug von Triumph auf seinem Gesicht. Das Mädchen fletschte geräuschlos die Zähne.

„Allerdings. Luna war also erobert; und damit öffnete sich die ganze Galaxie vor uns. Und wir brannten darauf, unseren Mut unter Beweis zu stellen; denn schließlich waren wir jung, und Krieger noch dazu."

„Der Kreuzzug nahm fahrt auf; und was für eine Zeit war das, die wir da erlebten. Wir zogen aus und dachten, nichts könnte uns aufhalten. Und für eine Weile stimmte das: in den ersten Jahren konnte sich uns nichts und niemand widersetzen, jedenfalls nicht lange. Wie ein reinigendes Feuer fegten wir durch die Systeme und befreiten eine Welt nach der anderen. Die Zeit verging wie im Flug, aber wir bemerkten es kaum; sie lastet nicht so schwer auf uns. Wir wandelten wie im Traum, und schwelgten in all der Herrlichkeit: die Schlachten, die Paraden, und natürlich die Pracht des Imperators, und der Primarchen, die nach und nach zu uns stießen."

Errakes Gesicht nahm einmal mehr einen entrückten Ausdruck an.

„Worte können dem niemals gerecht werden; tausende gepanzerte Krieger, die in Reih und Glied stehen, und die Banner wehen im Wind. Und, über allem anderen, der Imperator und seine Söhne, vereint im Triumph."

Der alte Astartes schüttelte den Kopf.

„Ich habe in meinen Jahren viele wundersame Dinge gesehen; aber nichts davon kann sich mit diesen Momenten in meiner Jugend messen, als ich mir die Kehle wund geschrien habe aus Bewunderung für sie, die Herren der Menschheit. Und ich glaube, kein Mensch kann mit Recht behaupten, Zeuge größerer Herrlichkeit geworden zu sein."

„Eine Zeit lang glaubten wir, es würde ewig so weiter gehen; oder vielleicht wollten wir das auch nur glauben. Doch leider muss jeder Traum einmal enden. Während der Kreuzzug weiter voranschritt, erhaschten wir manchmal einen Blick auf jene, die in den Fußstapfen unserer Siege folgten: Bauern, Händler, Verwalter, Handwerker; gewöhnliche Menschen. Am Anfang amüsierte uns die Ironie des Ganzen: hier waren wir, der Gipfel der Menschheit, und kämpften für diese kleinen Leute, die so schwach waren, so weit unter uns. Ich denke es war diese Gegenüberstellung, die uns zuerst unseren Platz in der Welt in Frage stellen ließ. Wie könnten sich diese Leute dessen, was wir ihnen gaben, je als würdig erweisen,? Und mehr noch, was würde passieren, wenn der Kreuzzeug zu seinem Ende kam? Wenn erst einmal all die Xenos vernichtet, und alle Welten der Galaxis im Schoße des Imperiums vereint wären, was bliebe dann noch für uns? Wie um alles in der Welt könnten wir unter ihnen leben? Der Gedanke, Bauern zu werden oder Händler oder auch nur Wächter des Friedens, war absurd. Die Lust zu kämpfen ist in uns allen tief verankert; sie ist ein elementarer Teil unseres Wesens. Wogegen also würden wir kämpfen, wenn es nichts mehr zu bekämpfen gäbe?"

„Am Anfang waren diese Betrachtungen nur eitler Zeitvertreib, nur ein weiteres Thema, das wir in geselliger Runde erörterten. Aber je länger wir über diese Fragen nachdachten, desto klarer wurde uns, dass wir sie nicht beantworten konnten. Mit der Zeit wurde uns bewusst, dass wir halfen eine Welt zu erschaffen, in der es für uns keinen Platz geben würde; dass unser endgültiger Triumph auch unseren eigenen Niedergang einläuten würde."

„Obwohl dies ein ernstes Thema war, störte es uns zu Beginn nicht besonders. Der Kreuzzug war in vollem Gang, und es gab immer eine Schlacht zu schlagen, immer einen Feldzug, der unsere Gedanken beschäftigte; und es sah nicht so aus, als würde sich das in naher Zukunft ändern."

„Der erste Dämpfer kam, als der Imperator beschloss, nach Terra zurück zu kehren, um die Zügel seines wachsenden Reiches in die Hand zu nehmen und dabei zu helfen, seine neue Regierung aufzubauen. Unser Primarch Horus wurde zum Heerführer ernannt, und von diesem Tag an hieß die Legion 'Sons of Horus'; und obwohl wir unserem Herrn für die große Ehre applaudierten, die ihm zuteil geworden war, waren wir nicht so froh, wir wir es hätten sein können oder sollen; denn wir wurden nun mit der Tatsache konfrontiert, dass der Status quo gründlich aufgehoben worden war; eine Erinnerung daran, dass auch der Kreuzzug nicht ewig währen würde. Das drückte die Stimmung in den Legionen ein wenig, aber zu dieser Zeit wäre noch niemand auf den Gedanken gekommen, sich zu beschweren; ganz zu schweigen von einer offenen Rebellion. Im Gegenteil, wir stürzten uns mit noch größerem Eifer in die Schlacht, um uns den Primarchen und dem Heerführer zu beweisen, und ihnen unsere unerschütterliche Loyalität zu zeigen. In gewisser Weise brachte uns die Abwesenheit des Imperators noch näher zusammen, und für eine Weile schienen die Dinge wieder ihren Lauf zu nehmen, ohne sich noch weiter zu ändern. Und wir waren versucht zu glauben, dass sich am Ende alles zum Guten wenden würde. Wir waren Narren."

„Es war an einem schwarzen Tag einige Jahre später, als Horus lebensgefährlich verwundet wurde und die Dinge wirklich anfingen, den Bach runter zu gehen. Unser Moral erlitt einen schweren Schlag; wir waren am Boden zerstört. Unseren jüngsten Feldzug hatten wir eben beendet, und so gab es keine Schlachten um uns abzulenken; und zum ersten Mal fühlten wir, wie sich eine kalte Leere in unsere Herzen stahl. Und in diese Leere traten die Mächte des Chaos."

„So weit ich weiß, begann es bei den Word Bearers, bei Lorgar und seiner Brut; ich glaube, sie verehrten zu diesem Zeitpunkt bereits das Chaos, obwohl das alles noch sehr unterschwellig war. Doch Lorgar heilte Horus mit Chaoshexerei, und das war der Stein, der die Lawine ins Rollen brachte; zum ersten Mal wurden wir dieser bis dahin verborgenen Macht gewahr, und wie sich herausstellte, war sie ein Feind, den zu bekämpfen wir nur schlecht vorbereitet waren. Sie krallte sich in unsere Seelen, nährte unsere verborgenen Zweifel und ließ sie wachsen; und natürlich konnten wir unseren Heerführer nicht außer Acht lassen, der ebenfalls begann, von seinem ihm auferlegten Pfad abzuweichen. Nach diesem ersten Vorfall gerieten die Ereignisse rasch außer Kontrolle, und am Ende verriet Horus das Imperium, und die Hälfte der Primarchen und ihre Legionen folgten ihm."

„Das war unsere dunkelste Stunde, und auch ich wurde von diesem Mahlstrom verschlungen, zusammen mit dem Rest meiner Legion. Denn schließlich waren wir die Söhne des Horus; was konnten wir tun, außer unserem Primarchen zu folgen? Wir entfachten den größten Krieg, den diese Galaxie jemals gesehen hatte, Astartes gegen Astartes. Ich erinnere mich nicht an alles aus diesen blutigen Jahren; sie sind unter den Zeitaltern begraben, die auf sie folgten. Viele meine Art fielen in jenen Tagen Wahnsinn und Verderben anheim; entweder zerbrachen sie an ihrem eigenen Verrat oder wurden vergiftet durch die Einflüsterungen ihrer neuen Herren, denen sie sich zu Füßen geworfen hatten. Oder vielleicht erfüllte sie der Kampf gegen ihre eigenen Brüder so sehr mit Entsetzen, dass ohnmächtiger Wahnsinn die einzige Zuflucht war, die ihnen blieb. Wie dem auch sei, es war Gemetzel, Gemetzel, das uns durch dieses Inferno trieb, den ganzen Weg bis in das Herz des Imperiums hinein, wo wir uns daran machten, den Imperator niederzuwerfen und alle seine Werke zu Grunde zu richten; Milliarden verloren ihr Leben, darunter viele Astartes und die meisten der Primarchen."

Errake beugte sich vor und stützte seine Ellenbogen auf die Knie, als zöge ihn das Gewicht seiner Erinnerungen herunter. Er rieb seine Hände.

„Am Ende war unser Aufbegehren nicht erfolgreich, obwohl wir es bis zu den Toren Terras schafften. Dort war es, wo Horus schließlich besiegt wurde und den Tod durch die Hand des Imperators fand. Und damit war unsere Stärke gebrochen, und die Mächte des Chaos, diese großen und schrecklichen Wesenheiten, die wir als unbesiegbar erachtet hatten, flohen entsetzt vor seinem Zorn. Die meisten unserer Brüder folgten ihren dunklen Herren ins Exil, doch einigen von uns war es, als wäre ein Schleier von unseren Augen gelüftet worden, und wir waren angewidert, als wir sahen, wie tief wir durch die Einflüsterungen der Dämonen gesunken waren; wie unser Geist von ihnen infiziert und getrübt worden war. Und so, jedes würdigen Herrschers beraubt, schworen wir, nie wieder das Knie zu beugen, weder vor ihnen, noch vor dem Imperator der Schwachen. Und wir zogen aus, um zwischen den Sternen unser eigenes Schicksal zu schmieden."

Der gebeugte Marine verharrte an dieser Stelle, als wolle er seiner nächsten, letzten Offenbarung die gebotene Schwere verleihen. „Das war vor zehntausend Jahren."

Er beobachtete Aeren aufmerksam. War dort Müdigkeit in seinen Augen? Oder Bedauern? Aeren vermochte es nicht zu sagen. Für eine Weile sagte niemand etwas.

Schließlich bewegte Aeren seinen Mund, der wieder trocken geworden war. „Also seid ihr… sind Astartes unsterblich?"

„So weit ich weiß. Ich habe noch nie davon gehört, dass ein Astartes an Altersschwäche gestorben ist. Das ist eine ziemliche groteske Vorstellung, wenn ich ehrlich bin. Natürlich können wir immer noch getötet werden. Seltsam, zu wissen, dass man so sein Ende finden wird. Was empfindest du dabei?"

Aeren atmete aus und schüttelte den Kopf. „Ein schreckliches Schicksal. Zu wissen, dass, wenn man stirbt, es auf einem Schlachtfeld sein wird." Er zuckte mit den Schultern, und sein Gesicht wurde unbekümmert. „Andererseits ist es kaum schlimmer, als was das Imperium zu bieten hat."

„Richtig. Du wirst früh genug lernen, damit zu leben."

Es gab eine weitere Pause. Aeren ließ das Gelernte Revue passieren.

„Also will Abaddon Rache für Horus' Tod?"

„Wie ich hörte, hat er seine Verehrung von Horus schon vor langer Zeit aufgegeben. Jetzt ist es nur noch zwischen ihm und was auch immer noch vom Imperator übrig ist."

„Was von ihm übrig ist? Was soll das heißen?"

„An dem Tag, als er Horus erschlug, wurde auch der Imperator tödlich verwundet. Anscheinend ist der fabelhafte goldene Thron nichts weiter als ein hochentwickeltes Lebenserhaltungssystem, und das Leben des Imperators hängt an einem seidenen Faden."

Jessyca schnaubte; aber Aeren warf den Kopf zurück und lachte. Es war ein unheimliches, freudloses Geräusch; manisch und voller Verzweiflung. Er lachte, und Tränen des Schmerzes und des Kummers strömten wie ein Fluss aus seinem verbleibenden Auge. Er lachte, bis er glaubte, sein Körper würde bersten, und endlich versiegte sein Lachen, und er blieb zitternd und schwer atmend zurück.

„Natürlich. Warum wundert mich das nicht? Das ist fantastisch. Einfach fantastisch. Und es erklärt wunderbar, warum die Ekklesiarchie den Leuten alles erzählen kann, was sie will. Es ist alles eine einzige Lüge, das ganze verdammte Imperium."

Errake stand auf. „Ich denke, dass ist genug Aufregung für einen Tag; und es wird langsam spät. Morgen lasse ich dir Bücher bringen; du wirst während deiner Erholung nicht müßig sein. Ich werde dich besuchen, und ich erwarte Fortschritte. Gute Nacht."

Nachdem der Astartes gegangen war, senkte sich Stille über das Apothekarium. Aeren fühlte, wie er von Erschöpfung überkommen wurde, und war bereit einzuschlafen; falls die Schmerzen das überhaupt zulassen würden. Jessyca hatte die Liege für Ada und sich selbst vorbereitet; sie war für einen Astartes bemessen und bot dementsprechend mehr als genug Platz für die beiden. Dann knieten sie und das kleine Mädchen sich daneben, und ein Gebet erreichte Aerens Ohren, vorgetragen von ihrer sanften Stimme. Von Ärger gepackt, wandte er den Kopf zu ihnen.

„Was machst du da?" Sie ignorierte ihn. „Hey, krieg' ich mal 'ne Antwort?"

Sie drehte sich um. „Was ist dein scheiß Problem?", fuhr sie ihn an.

„Was. Machst. du. Da? Wie kannst du immer noch beten, nach allem, was du gehört hast?"

„Was ich gehört habe waren ein Haufen Lügen aus dem Mund eines Ketzers. Ich glaub' kein Wort von dem, was er sagt."

„Wie kannst du das sagen? Alles was er sagt hat Hand und Fuß. Er konnte uns sogar erklären, wie er am Kreuzzug teilnehmen konnte und immer noch lebt."

Sie zischte. „Und? Dann hat er eben lange an seiner Geschichte gefeilt. Er sagt, er sei unsterblich? Das ich nicht lache."

„Und was heißt das jetzt? Tust du so, als sei nichts passiert und klammerst dich weiter an diese Lügen? Das ist erbärmlich."

„Pffh, na und? Nicht so erbärmlich wie jemand, der seine Loyalität bei der ersten Gelegenheit über Bord wirft."

Aeren brauchte einen Moment, um darauf eine Antwort zu finden. Als er sie fand, hatte sein Zorn ihn verlassen. „Es gibt nichts mehr, zu dem ich loyal sein könnte."

Jessyca war immer noch angefressen. „Wenn du das sagst. Aber glaub' bloß nicht, dass das hier einen Deut besser ist."

Aeren antwortete nicht. Das alles führte zu nichts, und er wollte jetzt nur noch schlafen. Er hörte, wie sie ihr Gebet beendete, und nach ein paar Minuten legten Ada und sie sich auf die Pritsche und kuschelten sich unter ihre Decke.

„Gute Nacht", sagte er in das Zwielicht hinein. Für einen Moment fürchtete er, sie würde ihm nicht antworten, doch dann tat sie es mit leicht unterkühlter Stimme. „Gute Nacht." Aeren schlief ein.