14: Vorwärts

Das Gesicht Abaddons des Vernichters schwebte vor ihm wie ein halbdurchsichtiger Mond; eine riesenhaft aufgeblähte holografische Projektion. Davor, in einem einsamen Kreis aus Licht, kniete Errake. Er war in voller Rüstung; nur den gehörnten Helm trug er in der linken Armbeuge. Um ihn herum war alles dunkel.

„Heerführer."

„Hauptmann Errake." Selbst durch den Schleier der Übertragung hindurch verriet Abaddons Stimme seine große Macht. Sie war tief, und wie die von Errake war sie durch irgendein Unheil zerstört und in ein raues Grollen verwandelt worden. Aber neben ihrer enormen physischen Präsenz war da noch etwas anderes, ein geisterhaftes Echo, wie das Wehen eisiger Winde aus dunklen Reichen; ein Zeichen Abaddons jeinseitiger Bündnisse.

„Lass' mich dir zuerst sagen, wie zufrieden ich mit dem Ausgang deiner jüngsten Mission bin. Ich war erfreut zu sehen, dass dein strategisches Geschick in den Jahren deines Versteckspiels nicht nachgelassen hat."

„Danke, mein Lord."

„Und jetzt habe ich eine neue Aufgabe für dich, eine weitere Welt zu erobern: Mahamat, im gleichen Sektor wie Ocallus."

„Ich kenne den Namen von den Sternenkarten."

„Hauptsächlich Landwirtschaft, und etwas Industrie. Ebenfalls kein ruhmreicher Auftrag, aber angemessen für einen abtrünnigen Soldaten und seine Bande von Degenerierten, findest du nicht?"

„Wie ihr meint, mein Lord."

„Du wirst in kürze weitere Details zu diesem Einsatz erhalten. Bring mir diese Welt, und ich werde in Erwägung ziehen, dir deinen Ungehorsam zu vergeben."

„Euer Wunsch ist mir Befehl."

Abaddons verächtlicher Blick verharrte noch einen Augenblick länger auf ihm. Obwohl kein Wort fiel, konnte Errake die Gedanken des Heerführers erahnen. Er erinnerte sich an ihr letztes Zusammentreffen, das etwa vier Monate zurücklag. Damals hatten sie sich persönlich auf Abaddons Flaggschiff getroffen, der Vengeful Spirit. Der Heerführer hatte Errake wieder in der Legion 'willkommen' geheißen, und der wieder eingesetzte Hauptmann hatte die erste Aufgabe seiner neuen Position erhalten. Zum Schluss hatte Abaddon ihm noch eine Warnung mitgegeben: Komm nicht wieder auf die Idee, dich davonzumachen. Ich werde dich finden, wo auch immer du dich verkriechst, und ich werde dich jagen und dem Abgrund zum Fraß vorwerfen.

„Das hoffe ich." Das Hologramm flackerte und verschwand.

Errake erhob sich, und Endymion, der außer Sicht geblieben war, gesellte sich zu ihm.

„Na, der ist ja ein Charmeur."

„Seine Macht befreit ihn von der Not zur Höflichkeit."

„Was hältst du von der Sache?"

Errake wandte sich um, und nahm seinen Platz am Kopf des riesigen Tisches aus dunklem, polierten Holz ein, der das Herzstück des Raumes bildete.

„Er will mich noch weiter bestrafen. Er denkt, er demütigt mich mit dieser Mission."

Er tappte mit den Fingern. „Aber das ist nicht alles. Mahamat ist ein Hinterwäldlerplanet." Er drückte einen verborgenen Knopf, und über dem Tisch erschien ein weiteres Hologramm. Es war eine Sternenkarte. Der Osten wurde von einem riesigen Nebel in Rot, Orange und Lila beherrscht: das Auge des Schreckens. Errake gestikulierte, und ein Bildausschnitt wurde vergrößert; zuerst sah man einen Stern, dann einen Planeten. Ein Fenster mit Text öffnete sich und zeigte einige grundlegende Informationen. Errake schüttelte den Kopf.

„Wie er gesagt hat, es gibt dort etwas Industrie, aber vor allem Landwirtschaft. Keinesfalls nutzlos, aber auch nichts, woran es ihm mangeln würde. Für sich genommen hat der Planet keinen großen Wert."

„Was bedeutet, dass er nur im Kontext der umliegenden Region relevant ist."

„Ja."

Endymion machte eine wischende Handbewegung; das Blickfeld bewegte sich ein ganzes Stück nach Süden, und blieb auf einem weiteren Planeten stehen. „Und wenn man sich diese Region des Weltraums ansieht, ist es nicht schwer zu erkennen, hinter was er wirklich her ist."

Errake nickte. Neben dem Planet war ein Symbol abgebildet: ein weißer Schädel, eingerahmt auf beiden Seiten von stilisierten Säulen, und darüber ein dreieckiges Dach.

„Er richtet seinen Blick auf Cadia."

Endymion pfiff. „Dafür wird er eine ganz schöne Armee brauchen. Sobald die Imperialen merken, was Sache ist, werden sie alles hinschicken, was sie irgendwie entbehren können."

Errake schüttelte den Kopf. „Nicht eine Armee. Alle Armeen. Er plant einen neuen schwarzen Kreuzzug."


Die nächsten zwei Wochen vergingen im Flug. Aeren verbrachte seine Zeit mit Lesen, wie es Errake befohlen hatte: Mathematik, Physik, Biologie und vor allem Geschichte. Die Mädchen blieben bei ihm, und Jessyca nahm die Bücher und versuchte, Ada das Lesen beizubringen. Obwohl das kleine Mädchen immer noch nicht sprach, schien es recht vergnügt zu sein; es lächelte oft, und folgte allem, was gesagt wurde, mit großen, aufmerksamen Augen. Die Stimmung zwischen den dreien war entspannt: nur einmal, ganz am Anfang, war es zum Streit gekommen. Aeren hatte eine Passage gefunden, in der Besteigung des goldenen Throns durch den Imperator beschrieben wurde, und dessen lebenserhaltende Funktion; aber kaum hatte er begonnen, sie vorzulesen, hatte Jessyca ihn wütend unterbrochen. Er hatte versucht, sie zum zuhören zu bewegen, aber sie hatte davon nichts wissen wollen. Es hatte nicht lang gedauert, und ihr Streit war eskaliert und bösartig geworden, und als sie damit durch waren, hatten sie stundenlang kein Wort miteinander geredet. Nach diesem Vorfall war das Thema des Glaubens nicht wieder zur Sprache gekommen, und Aeren vermutete, dass das wohl auch besser so war.

In den folgenden Tagen verschlang Aeren die Bücher, die man ihm brachte. Er hatte das Gefühl, sein ganzes Leben in einem Loch der Unwissenheit verbracht zu haben, und das ihm nun zum ersten Mal die Augen geöffnet wurden. Aber aus diesem Loch herauszuklettern erwies sich als vergebliches Unterfangen: je mehr er lernte, desto mehr erkannte er, wie wenig er eigentlich von der Welt wusste.

Mit einer gewissen diebischen Freude bemerkte er, dass viele Bücher Siegel der Inquisition trugen, und mit verschiedenen Stufen der Geheimhaltung gekennzeichnet waren; die Frucht der Erkenntnis war um so süßer, da sie verboten war.

Wenn er nicht las, verschlang er Berge von Nahrung; er verputzte locker doppelt so viel wie seine beiden Gefährten zusammen, und das mit jeder Mahlzeit. Einmal schüttelte Jessyca den Kopf.

„Junge Junge, wo packst du das ganze Zeug nur hin?"

„Schätze, in die Bettpfanne", grinste der Junge mit vollem Mund. Am Anfang war es ihm unangenehm gewesen, von dem Mädchen abhängig zu sein, was die intimeren Aspekte seiner Bettlägerigkeit anging. Aber Jessyca hatte nur mit den Schultern gezuckt. „Du hättest diesen Frachtraum sehen sollen. Verglichen damit ist das hier nichts."

Daraufhin wollte er mehr über ihre Anfangszeit auf dem Schiff wissen, aber sie wollte nicht darüber reden. „Glaub's mir einfach, okay?" Er wusste es besser als nachzuhaken.

Und so entsorgte sie seine Exkremente und wusch ihn jeden zweiten Tag. Es war ein angenehmes Gefühl, wie der Schwamm mit dem heißen Wasser über seinen Körper strich, während der saubere Geruch der Seife seine Nase umschmeichelte. Er lag dann einfach nur da, lächelnd und mit geschlossenen Augen.

„Hey, werd' jetzt nicht komisch, okay?" Er öffnete die Augen und sah sie verwundert an.

„Du weißt schon, gerat' nicht in Wallung." Er brauchte einen Moment, um zu schalten. „Du meinst sexuell? Igitt."

Jessyca hob eine spöttische Augenbraue. „Igitt? Ich dachte, in deinem Alter wärst du über sowas hinweg. Ehrlich gesagt wundert es mich, dass du nicht ständig an dir rumspielst."

Aeren errötete heftig. „Ich, Ich würde nie…" Jessyca lachte und gab ihm einen freundlichen Knuff vor die Schulter. „Entspann' dich, ich verarsch' dich nur. Und außerdem ist das nichts, weswegen man sich schämen müsste. Es ist nur natürlich."

Aeren sagte nichts. Er wollte nur möglichst schnell diese Unterhaltung beenden und dann vergessen, dass sie jemals stattgefunden hatte. Jessyca fuhr unterdessen mit ihrer Arbeit fort, von einem Ohr zum anderen grinsend.


Und so vergingen ihre Tage. Gelegentlich blitzten Erinnerungen in Aerens Geist auf; Momente aus seinem alten Leben, das ihm nun zunehmend unwirklich erschien. Es war ihm, als sähe er durch die Augen eines Anderen; eines Fremden, mit dem er nur sehr wenig gemein hatte.

Abends besuchte ihn Errake, und manchmal auch Endymion. Die sprachen über die Dinge, die Aeren lernte, und manchmal erzählten die Astartes von ihren eigenen Erfahrungen.

Dankbar für die vielen Ablenkungen, bemerkte Aeren, wie der Schmerz in seinem Körper allmählich nachließ; aber schon fürchte er den Moment, an dem er sich erneut Sabatos Werkzeugen würde aussetzen müssen.

Eines Tages, als Jessyca gerade den Verband auswechselte, der immer noch die linke Seite seines Gesichtes bedeckte, hob er die Hand. „Warte. Ich will mir das ansehen. Gibt's hier einen Spiegel?"

Das Mädchen fand einen. „Bist du sicher?", fragte sie stirnrunzelnd. Aeren hob die Schultern und nickte. „Irgendwann werde ich den Tatsachen ins Auge sehen müssen, da kann ich es genau so gut jetzt machen." Sie gab ihm den Spiegel. Aeren atmete aus, und versuchte, sich mental für das Bevorstehende zu wappnen.

Das Gesicht, das ihm aus dem Fenster des Spiegels entgegenblickte, erschütterte ihn dennoch, so fremd war es. Die obere linke Seite war eine zerstörte Landschaft aus frischem roten und rosa Narbengewebe, die das dunkle Loch seiner leeren Augenhöhle umschloss. Darunter teilte eine raue rote Kerbe seine Wange vom Mundwinkel bis fast zum Rand seines Unterkiefers. Schwarze Fäden wanden sich an vielen Stellen durch die Haut.

Die rechte Seite, obwohl in etwas besserem Zustand, war kaum vertrauter; obwohl sie die alten Züge aufwies, hatte eine tiefgreifende Veränderung stattgefunden; sie erschien gealtert und müde, als ob Aerens Schmerz sich in ihr manifestiert hätte, als hätte er sich in ihm festgekrallt und ihn so auf ewig gezeichnet.

„Ich erkenne mich selbst kaum wieder." Aeren schüttelte den Kopf. „Thron. Ich frage mich, was ich als nächstes verliere." Ein Kloß formte sich in seinem Hals. Jessyca legte ihre Hand auf die seine und lächelte mitfühlend. „Ich bin für dich da." Ein einzelner Schluchzen entrann Aerens Kehle, und er fühlte, wie ihm Tränen in sein verbleibendes Auge stiegen. Er lächelte ebenfalls, versuchte, mutig zu sein. „Danke. Ich weiß das wirklich zu schätzen." Sich wieder fassend, wies er auf zwei dunkle, flache Metallstücke, die auf seiner linken Schläfe saßen. „Was ist das?"

„Sockel, für die Augenprothese. Sie sind in in deinen Schädel geschraubt."

„Verstehe." Aeren ließ den Spiegel sinken und atmete tief durch. „Okay, mach weiter. Ich will noch ein bisschen lesen."


Wie angedroht hielt Sabato ihn noch für zwei weitere Woche ans Bett gefesselt. Als er endlich die Erlaubnis bekam, aufzustehen, stellte er fest, dass er etwas wackelig auf den Beinen war. Der Apothekar lies ihn ein paar Schritte gehen; Aeren musste sich konzentrieren, um nicht hinzufallen.

„Koordination hat ein bisschen gelitten", stellte der Astartes fest. „Atrophie ist minimal; dafür kannst du dich bei der Gensaat bedanken. Ich habe einen leichten Übungsplan für die Rehabilitationsphase zusammengestellt." Er reichte Jessyca ein Datapad. „Ich denke, nochmal zwei Wochen, dann bist du abgeheilt genug, damit wir das Auge einpassen können. Und danach sehen wir uns in neun Monaten wieder für den nächsten Schritt der Implantation; falls du dir nicht vorher andere Verletzungen zuziehst."

Aeren zog eine Grimasse. „Ich kann's kaum erwarten. Aber das war's dann, oder?"

„Nein, danach kommen noch welche. Elf, um genau zu sein."

Das Auge des Jungen weitete sich. „Elf? Das ist ein Witz, oder?"

„Nein."

Aeren stöhnte. „Oh Herr streck' mich nieder. Nein, im Ernst, ist es zu spät, um mich für den Tod zu entscheiden?"

„Ja."


Sie kehrten in Aerens Zimmer zurück. Es wurde nun von einem riesigen Bett beherrscht – Endymion hatte sein Versprechen gehalten. Aeren sah es sich an. „Na, es ist auf jeden Fall groß genug für uns drei."

Jessyca beäugte ihn mit gespieltem Misstrauen. „Du kommst aber nicht auf komische Ideen, oder?"

Aeren legte die Stirn in Falten. „Was meinst du?"

Das Mädchen grinste nur. Als es Aeren dämmerte, stöhnte er und rollte mit den Augen. „Schon wieder dieser Sexkram? Ich hab' dir gesagt, das interessiert mich nicht."

Jessyca schüttelte den Kopf und seufzte. „Du bist komisch, Kleiner, weißt du das?"

Aeren schnaubte. „Musst du gerade sagen."


Der Konferenzraum der Deimos war eine prächtige Angelegenheit: Der Boden war mit einem dicken, kunstvoll geknüpften Teppich bedeckt, der in Schwarz- und Rottönen gehalten war; die hohen gewölbten Wände waren mit vielen Reliefs und Schnitzereien verziert, und etwa ab der halben Höhe mit Bronze überzogen. Auf jeder Seite gab es eine Reihe Lampen, deren flackernde Flammen den Ikonen und Szenen Leben einhauchten. Das reflektierende Metall tauchte den Raum in oranges Zwielicht.

Alle Astartes aus Errakes Schar waren anwesend und saßen an beiden Seiten des langen Tisches. Ihr Anführer stand am Kopfende, die Hände auf die dunkle, polierte Tischplatte gestützt.

„Brüder", begann er, während er seinen Blick über die versammelten Gesichter schweifen ließ. Vierundvierzig waren es insgesamt; eine beträchtliche Streitmacht, und jeder von ihnen ein hartgesottener Veteran. Die meisten der Legionen vertreten; nur Thousand Sons, Death Guard und Word Bearers fehlten.

„Ihr habt es bereits gehört. Der Heerführer hat eine neue Aufgabe für uns." Endymion, der zu Errakes Linken saß, bediente den holografischen Projektor und rief die Informationen über Mahamat auf.

„Wir erobern diesen Misthaufen." Hier und da gab es unzufriedenes Gemurmel, aber Errake hob beschwichtigend die Hände. „Ich weiß, ich weiß. Das ist kaum ein würdiges Ziel. Ihr könnt mir die Schuld dafür geben, oder vielmehr unserem Heerführer, der so furchtbar nachtragend ist." Vereinzelt war leises Gelächter zu hören.

„Wie dem auch sei, es scheint noch etwas mehr dahinterzustecken. Wenn wir uns ein paar Lichtjahre weiter südlich orientieren..." Wie zuvor änderte sich der Blickwinkel und rückte Cadia in den Mittelpunkt. „… sehen wir, dass sich unser Ziel in der unmittelbaren Nachbarschaft des Cadischen Tores und Cadias selbst befindet." An diesem Punkt wurde es still im Raum, und eine gewisse Spannung schien die Luft zu erfüllen; alle wandten ihm nun ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu.

„Als ich das gesehen habe, ist es mir so ergangen wie euch jetzt. Ich habe mit ein paar Kontakten gesprochen, und die haben meine Vermutungen so gut wie bestätigt: wir befinden uns an der Schwelle eines neuen schwarzen Kreuzzugs."

Es war jetzt totenstill. Man hätte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören können.

„Eigentlich war es meine Absicht, Abaddon den Rücken zu kehren und mich bei der ersten Gelegenheit aus dem Staub zu machen. Aber diese neue Erkenntnis hat mich das nochmal überdenken lassen. Ich weiß, viele von euch haben mit dem Imperium noch eine Rechnung offen; Warp weiß, niemand hier vermisst es. Und ein schwarzer Kreuzzug bietet reichlich Gelegenheit, Rache zu üben. Also werde ich diese Entscheidung nicht alleine treffen."

Er sah sie an: einige grübelnd und verloren in Gedanken, andere kochend vor mühsam beherrschter Wut, geweckt von Erinnerungen an jahrtausendealten Verrat.

„Ihr alle wisst, was auf dem Spiel steht, und was es zu erlangen gibt. Wir werden abstimmen. Wenn die Mehrheit es will, schließen wir uns Abaddon ernsthaft an, zumindest fürs Erste. Alle, die ihr dafür seid, sagt aye."

„AYE!" Die Wände erbebten vor der wilden Energie, mit der die Bejahung ausgesprochen wurde.

Errake nickte. „Dann ist es entschieden. Wir ziehen in den Krieg."