15: Taschenspielertricks
Vier Monate später.
Mahamat war, gemessen an imperialen Standards, ein ziemlich unscheinbarer Planet. Er kreiste zusammen mit drei kleinen Monden um einen riesigen roten Stern. Das Imperium hatte irgendwann in M39 mit der Besiedlung begonnen, und zum Ende des einundvierzigsten Jahrtausend war seine Bevölkerung auf etwas über anderthalb Milliarden angewachsen. Die Siedlungen waren kreisförmig um den Ort der ersten Landung herum gewachsen, der sich in der Nähe des Äquators befand. Tatsächlich lebten die meisten Menschen noch immer in dieser Region, was den größten Teil des Planeten unbewohnt ließ. Sie errichteten einige Städte an einladenden Plätzen, und mit der Zeit wuchsen diese heran, bis sie sich an den Grenzen berührten, wodurch einige zum Teil sehr heterogene Habitate entstanden. Der benötigte Raum wurde durch Rodung großer Teile der uralten, riesigen Wälder gewonnen, die gleichzeitig für Nahrung und Baumaterial sorgten. Es waren diese fruchtbaren Landschaften, die auch die Grundlage für Mahamats Landwirtschaft bildeten, die sich als so ergiebig erwies, dass ein Teil der Ernte für bescheidene Profite auf andere Welten verschifft werden konnten.
Was den Planeten einzigartig machte, war sein ungewöhnlicher Tag- und Nachtzyklus. Da seine Achse nicht geneigt war, kannte der Planet keine Jahreszeiten im klassischen Sinne; aber auf Grund seiner langsamen Rotation dauerte jeder Tag und jede Nacht etwa vier Standardmonate. Die Tage begannen feucht und kalt, und endeten üblicherweise mit Wüstenähnlichem Klima. In den Nächten aber wurde es kontinuierlich kälter, und am Ende gab es für gewöhnlich schweren Schneefall.
Diese extremen Bedingungen hatten tiefgreifende Auswirkungen gehabt, zum einen auf die örtliche Flora und Fauna; zum Anderen aber auch die Ansichten und die Kultur der Siedler: die Menschen von Mahamat neigten dazu, die Welt aus einer von Gegensatzpaaren geprägten Perspektive zu sehen; jeder Aspekt ihres Lebens war zweigeteilt, ebenso wie Licht und Dunkelheit die zwei sehr unterschiedlichen Phasen waren, die den Zyklus des Planet ausmachten.
Die Tage waren der Freude gewidmet, der Öffentlichkeit, dem Handel und dem Leben an sich; doch die Nacht gehörte der Einkehr, der Familie, dem Ritual und dem Tod. Selbst die Herrschenden waren entlang dieser Linie aufgeteilt. Es gab Nachträte und Tagräte, und verschiedene Personen widmeten sich den verschiedenen Herausforderungen, die die beiden Phasen mit sich brachten. Natürlich trieb der Hochadel die ganze Sache auf die Spitze: es war für seine Mitglieder Sitte, sich tags und nachts unterschiedlich zu verhalten; das führte so weit, dass bestimmte Individuen als zwei verschiedene Personen betrachtet wurden. Man bezeichnete dies als 'Nachtgesicht' und 'Taggesicht', und einige führten sogar verschieden Namen zu ihren jeweiligen Gesichtern.
An der Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie stand ein Paar von Regenten, oder Rajai in der örtlichen Sprache. Obwohl sie im Prinzip gleichberechtigt waren, sollte es nicht verwundern, dass stets nur einer von ihnen herrschte, während der jeweils andere eine eher beratende Funktion einnahm. Beim nächsten Tag- und Nachtwechsel wechselten sie dann die Rollen. Es war üblich, dass die Rajai Mann und Frau waren, wobei einer von beiden ein Abkömmling der alten Dynastie sein sollte; aber im Laufe der Geschichte hatte es viele Beispiele anderer Arrangements gegeben.
Die Statuten des Imperiums sahen traditionell immer nur einen planetaren Gouverneur vor, doch Zeit und Gewohnheit hatten diese Regel längst ausgehöhlt, und wenn sie es nicht mit externen Würdenträgern zu tun hatten, herrschten die Rajai als Gleichberechtigte.
Mit der Zeit hatte der Gegensatz von Licht und Dunkelheit auch die lokale Variante des imperialen Glaubens gefärbt: die Priester projizierten diese dualistische Natur auch auf den Imperator selbst, und zeichneten ihn manchmal wohlwollend, manchmal strafend; manchmal als Lichtgestalt, manchmal als düstere Verkörperung des Todes.
Da 'Tage' zur Zeitmessung ungeeignet waren, verwendeten die Bewohner von Mahamat ein System von 'Schichten', derer jede jede sechs Stunden dauert; zehn davon bildeten eine 'Charge'. Wie auf den meisten imperialen Welten wurde auch hier das Leben in erster Linie von Arbeit bestimmt, und es machte nur Sinn, dies auch in die Namen der Zeiteinheiten einfließen zu lassen, um die fleißigen Leute stets an ihre oberste Pflicht zu gemahnen.
Es gab zwei Verteidigungsplattformen in Mahamats Orbit: Schild und Speer. Jene, die ihren Dienst auf diesen Plattformen verrichteten, waren der Dualität des Lebens auf der Oberfläche ein wenig entrückt; denn während der Planet unter ihnen den Launen von Tag und Nacht ausgesetzt war, schwebten die Plattformen über solchen Dingen. Sie teilten sich ein Orbit, getrennt durch etwa dreißig Grad, und vollendeten ihre Bahn um den Planeten alle achtzehn Stunden.
Lieutenant Rasulyah Ghitapam war der wachhabende Offizier auf Station Speer als der Ärger seinen Anfang nahm. Sie war allein bis auf einige Servitoren, die an ihren Stationen leise vor sich schnatterten und klickten.
Rasulyahs Arbeit war für gewöhnlich ereignislos. Nur wenige Außenseiter fanden je den Weg zu ihrer Heimatwelt, und mit Abstand die meisten davon waren Händler; altbekannte und vertraute Gesichter. Manchmal fragte sie sich, wie es wohl wäre, die Sterne zu bereisen und in der imperialen Armee für die Menschheit zu kämpfen; aber meistens war sie einfach nur froh, noch nie einem Xeno begegnet zu sein, schönen Dank auch. Obwohl ihre Position einem Außenweltler wohl nicht sehr prestigeträchtig erscheinen konnte, war es eine der höheren Stellen, die es hier zu erreichen gab; wenn sie keinen Mist baute, würde sie sich wohl eines Tages im bequemen Stuhl eines Generals wiederfinden.
Sie war in jener Nacht in guter Stimmung; sie erwartete jede Minute die Ankunft eines Händlers, und das war mehr, als während der meisten Wachen passierte. Als dann also schließlich ein Kontakt auf ihrem Bildschirm auftauchte, fühlte sie ein leichtes, aufgeregtes Kribbeln. Sie tippte auf das Symbol und ein ein Fenster öffnete sich, das nach und nach weitere Sensordaten anzeigte. Sie runzelte die Stirn. Die Parameter entsprachen überhaupt nicht dem, was sie erwartet, und in der Tat auch erhofft hatte: anstelle eines Frachters handelte es sich bei dem Schiff um einen imperialen Kreuzer, und sein Datenpuls identifizierte ihn als die „Fhegan" - ein unbekannter Name. Sie hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn ein neues, blinkendes Symbol zeigte ihr, dass sie gerufen wurde. Rasulyah stand auf und glättete ihre Uniform. Sie wandte sich zu einem der Servitoren und nickte. „Auf den Schirm."
„Öffne Kanal", erklärte der lobotomisierte Cyborg mit seiner monotonen Blechstimme.
Der riesige Bildschirm, der die gesamte Wand vor ihr einnahm, flammte auf und offenbarte das Bild einer Person, die sich offensichtlich auf dem Kommandothron des Schiffes befand. Eine weitere Überraschung; sie hatte einen Captain der imperialen Navy erwartet, doch die Gestalt vor ihr hätte dem nicht ferner sein können: ein älterer, tief gebräunter Mann, in teure Stoffe und Felle gehüllt. Er war mit einem Haufen Gold und Schmuck behängt. Sein Haar, das ihm wie eine Kapuze auf die Schultern fiel, war ein wenig zu schwarz, um Rasulyah von der Echtheit der Farbe zu überzeugen. Das Gesicht des Kapitäns wurde von einem kunstvollen bionischen Augen beherrscht, und es blickte mit einem räuberischen Grinsen auf Rasulyah.
Noch bevor sie all diese Eindrücke verarbeitet hatte, richtete der Fremde das Wort an sie.
„Seid gegrüßt, gute Frau. Ich bin Emile Gorrovardi, vom Freihändler Fhegan. Mit wem habe ich es zu tun?"
Obwohl sie überrascht war, ließ Rasulyah sich nichts anmerken, und handelte mit der Professionalität, die von ihr und ihrem Rang erwartet wurde.
„Seid gegrüßt, mein Lord. Ich bin Lieutenant Rasulyah Ghitapam von der planetaren Wehrmacht Mahamat."
Der Freihändler nickte langsam. „Das Vergnügen ist auf meiner Seite, Lieutenant. Also, ich bin sicher, ihr brennt darauf zu erfahren, was wir in eurem System wollen. Wir sind auf einer Expedition in die unerforschten Regionen jenseits des Auges des Schreckens. Wir werden für viele Jahre keine Zivilisation mehr zu Gesicht bekommen, und darum wollen wir vorher noch jede Gelegenheit nutzen, unsere Füße auf freundlichen Boden zu stellen. Euer lieblicher Planet wäre unsere letzte Station, bevor wir uns in das große Dunkel aufmachen; darum bitte ich euch, mir und meinen… treuen Gefährten ein paar Wochen der Gastfreundschaft auf eurer schönen Welt zu gewähren."
Ghitapam fühlte sich von dieser Tirade ein wenig überfordert. Da war etwas entschieden unheilvolles an diesem Mann, und es gefiel ihr kein Stück, dass er gerade jetzt auftauchte, während ihrer Wache. Glücklicherweise gab es Vorschriften für diese Art von Ereignissen, und die bewahrten sie davor, mit dieser Situation allein fertig werden zu müssen. Sie erlaubte sich ein leichtes Stirnrunzeln. „Ich verstehe. Vergebt mir, mein Lord, aber dies ist in höchstem Maße ungewöhnlich. Wir wurden nicht über eine Expedition informiert, die hierher kommt. Ich werde das mit dem planetaren Oberkommando klären müssen."
Gorrovardi nickte erneut. „Es ist nicht überraschend, dass ihr nicht informiert wurdet. Wir stehen außerhalb der imperialen Bürokratie. Das einzige, was die mit uns zu tun haben, ist das Ausstellen der Handelslizenzen; die ich natürlich auch besitze. Sicherlich gibt es auf Eurer Welt Vertreter des Mechanicus? Sie können die Echtheit des Dokuments bestätigen, und damit auch meine Identität."
„Ich verstehe. Ich werde mit meinen Vorgesetzten sprechen. Es ist euch gestattet, euch dem Planeten zu nähern – aber nicht näher als bis auf hunderttausend Kilometer. Ich weise euch ausdrücklich darauf hin, dass man das Feuer auf euch eröffnen wird, falls Ihr diesen Radius verletzt."
„Zur Kenntnis genommen. Dann erwarte ich eure Antwort. Gorrovardi Ende."
Der Bildschirm wurde schwarz, und Rasulyah ließ sich schwer in ihren Kommandostuhl fallen. Die Sache gefiel ihr nicht. Ganz und gar nicht. „Scheiße." Die Servitoren hatten darauf nichts zu erwidern. „Also gut. Öffne einen Kanal auf die Oberfläche."
Einige Stunden später.
Der Palast der Rajai befand sich in den Ausläufern eines Gebirges nördlich der Hauptstadt, Siyodha. Hoch oben, mit Ausblick auf die umliegenden Gipfel, gab es es einen Garten und eine Terrasse aus Marmor, auf der die beiden Regenten beim Abendessen saßen: Agipor Sulemnar und seine Frau Myridna. Die riesige Abendsonne, bereits halb hinter dem Horizont verschwunden, tauchte alles in tiefes Rot. Trotz der Höhe und der ungeschützten Lage war die Temperatur angenehm, reguliert von einem kaum sichtbaren atmosphärischen Schild, der die Terrasse umhüllte.
Agipor war ein Mann ende achtzig, doch durch Verjünungskuren wirkte er wie ein Mann in den Fünfzigern. Er hatte das schwarze Haar seiner Vorfahren, und trug zur Auflockerung gerne etwas grau an den Schläfen. Obwohl die Mode es vorsah, dass die Haut der Adligen blass am Tag und dunkel in der Nacht war, zog er es vor, durchgängig den gleichen, sanften Teint zur Schau zu stellen, um in dieser Hinsicht eine Brücke zu schlagen zwischen den hohen und den niederen seiner Untertanen. Seine Augen, modifiziert um der monatelangen Helligkeit Rechnung zu tragen, waren von strahlendem weiß, die Pupillen auf kleine schwarze Punkte reduziert. Man konnte ihn als gutaussehend beschreiben, allerdings auf eine charmante, unaufdringliche Art. Er trug an diesem Abend einen schlichten weißen Anzug, eine etwas bequemere Alternative zu seiner offiziellen Uniform.
Myridna war aus etwas anderem Holz geschnitzt. Groß und schlank, mit scharf geschnittenen Zügen und präzisem, oftmals strengem Auftreten, wirkte sie fürstlicher als ihr Ehemann, und darum weniger nahbar und einnehmed. Sie hatte die gleiche dunkle Haarfarbe, doch ihre Haut war weiß wie Alabaster; als Angehörige der alten Dynastie war sie deutlich stärker den kritischen Blicken ihrer Zeitgenossen ausgesetzt, und dies war ein notwendiger Kotau vor ihrer erhabenen Abstammung. Sie trug ein schmuckloses lilafarbenes Kleid, und um ihren Hals lag eine dünne Kette schwarzen Metalls, an deren unteren Ende ein münzgroßer Rubin hing.
Sie hatten bereits eine zeitlang schweigend gegessen. Agipor betrachtete seine Frau, die ihm ungewöhnlich schweigsam und unaufmerksam erschien. Der Raj kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie beunruhigt war; und er wusste auch, dass sie ihn einweihen würden, wenn sie soweit war. Und so entschied er sich, selbst ein Thema anzuschneiden.
„Es gibt interessante Neuigkeiten."
„Hmm?"
„Wir haben eine Nachricht von Station Speer erhalten. Anscheinend besucht uns ein Freihändler."
Myridna erstarrte in ihrer Bewegung und sah auf; ihre Stirn war in Falten gelegt. „Wann ist er angekommen?"
„Vor etwa sechs Stunden."
„Das ist es also." Ihr Mann sah sie erwartungsvoll an.
„Ich habe eine meiner Vorahnungen."
„Und du glaubst, dass sie mit diesem Mann zu tun hat?"
„Ja. Es begann vor etwa sechs Stunden. Zeitlich passt es perfekt."
„Und was fühlst du?"
„Es ist furchtbar. Du weißt, dass ich im Laufe der Jahre eine Reihe dieser Eingebungen hatte. Aber bis jetzt waren sie noch nie so… erdrückend. Ich fürchte, dass etwas schreckliches Geschehen wird."
Ihre Augen bohrten sich voller Unruhe in die seinen. „Wer ist dieser Freihändler? Was will er?"
Agipor hob die Schultern. „Sein Name ist Gorrovardi. Und was er will: Nicht viel, eigentlich. Nur einen kurzen Urlaub für sich und seinen Stab, bevor sie ihre Reise beginnen. Ihr Ziel liegt jenseits des Auges."
Myridna stockte der Atem. „Ein böses Omen, wenn es je eines gab. Wo ist er? Ist er bereits gelandet?"
„Nein, noch nicht. Seltsam. Du bist der zweite, der mich vor ihm warnt."
Sie hob eine fragende Augenbraue.
„Der wachhabende Offizier, der zuerst mit ihm gesprochen hat, beschrieb ihn als, und ich zitiere: 'irgendwie unheilvoll; er wirkte mehr wie ein Pirat als wie ein Freihändler.'"
Sie atmete langsam aus. „Und was wirst du wegen ihm unternehmen?"
Er lies sich mit seiner Antwort einen Moment Zeit. „Ich habe schon etwas getan. Ich habe ihn offiziell willkommen geheißen, und ihn eingeladen, seinen Urlaub als unser Ehrengast zu verbringen."
Sie warf ihm einen ungläubigen Blick zu. „Du machst Witze!"
Agipor schüttelte den Kopf. „Du kennst doch das Sprichwort: 'Halte deine Freunde nah bei dir, aber deine Feinde noch näher.' Wenn er denn tatsächlich ein Feind ist. Freihändler sind ein seltsames Völkchen. Erinnerst du dich an den letzten, der uns besucht hat? Der, der immer nur grüne Kleidung trug und von sich selbst in der dritten Person sprach? Vielleicht ist auch dieser hier nur exzentrisch."
Myridna war nicht überzeugt. „Das ist ein ziemlich großes 'vielleicht'. Und dann ist da immer noch meine Vorahnung; willst du sie völlig außer acht lassen?"
„Du hast mit diesen Dingen schon früher falsch gelegen, meine Liebe; das weißt du."
Sie sah ihn unglücklich an. „Aber was ist, wenn ich diesmal recht habe?"
Agipor seufzte und legte sorgsam sein Besteck zur Seite. „Und was soll ich deiner Meinung nach tun?"
„Lass ihm ein paar Geschenke und unsere besten Wünsche zukommen, und schicke ihn seines Weges."
Ihr Mann rieb sich die Hände und faltete sie vor seinem Mund, während er seine Ellenbogen auf den Tisch stützte. „Das wäre ungeheuer unhöflich, insbesondere jetzt, nachdem ich ihn eingeladen habe. Immerhin ist er, so weit wir wissen, ein Würdenträger des Imperiums."
Er sah, dass seine Frau im Begriff war, zu protestieren, und hob eine Hand. „Ich habe bereits eine Anfrage an das Administratum geschickt, mit der Bitte um Bestätigung seiner Angaben. Bis dahin werden er und sein Gefolge unter ständige Beobachtung gestellt. Das gleiche gilt für sein Schiff. Wenn sie auch nur in Richtung ihrer Waffen sehen, werden die orbitalen Plattformen und die Defensivlaser sie augenblicklich zerstören."
Myridna schüttelte den Kopf. „Ich finde das nicht sehr beruhigend. Und wenn es unhöflich ist, ihn abzuweisen, was macht das schon? Wen kümmert das?"
Agipor warf ihr einen strengen Blick zu. „Mich kümmert es. Wir bekommen ohnehin so selten Besuch; Ich begrüße die Gelegenheit, mit einem Außenweltler zu sprechen. Und wenn er ein bisschen seltsam ist, umso besser, dadurch wird die Unterhaltung nur interessanter. Und um ehrlich zu sein, denke ich, dass wir etwas Aufregung durchaus gebrauchen könnten. Stell dir nur mal vor, was für Geschichten er erzählen kann!"
Seine Frau antwortete nicht, aber er konnte sehen, dass sie noch immer sehr aufgebracht war.
„Überlege doch mal: wenn er wirklich ein Schurke wäre, würde er dann nicht alles daran setzen, so charmant wie möglich zu erscheinen?"
„Oder vielleicht will er, dass wir genau das denken."
„In diesem Fall wäre er ein sehr subtiler Mann, und ein disziplinierter Schauspieler; so oder so, wir werden alle erdenklichen Vorkehrungen treffen."
Nun war es an ihr, zu seufzen. „Wie du meinst. Aber ich will, dass er sich von den Kindern fernhält."
„Ich bezweifle, dass es dir gelingen wird, Anji von ihm fernzuhalten; du weißt, wie sehr ihn Freihändler faszinieren."
Sie dachte einen Moment darüber nach. „Dann schicken wir ihn fort; ihn, und Suthi auch. Sie können paar Tage mit Pran verbringen. Sie lieben es, ihren großen Bruder zu besuchen, und sie wären bei der Armee; ich kann mir keinen sichereren Ort vorstellen, mit Ausnahme vielleicht der Schutzräume unten."
Agipor nickte langsam. „Also gut. Aber wenn wir die Antwort des Administratums bekommen, und es sich heraus stellt, dass er ist, was er zu sein vorgibt, holen wir sie sofort zurück. Einverstanden?"
Myridna entspannte sich merklich und sah ihn dankbar an. „Das erscheint fair. Und danke, dass du auf mich hörst."
Ihr Mann schüttelte den Kopf und lächelte. „Ich wäre eine Narr, dein Gespür komplett zu ignorieren. Aber du wirst es mir nachsehen, wenn ich hoffe, dass du dich irrst."
Die Besorgnis kehrt in ihre Züge zurück. „Das tun wir beide, Geliebter."
Etwa vierzehn Stunden später befand sich Gorrovardis Shuttle im Landeanflug auf die Plattform, die man für ihn in Mahamats kleinem Raumhafen am Rand der Hauptstadt Siyodha reserviert hatte.
Es handelte sich dabei um einen riesigen Frachter mit einem imperialen Wappen auf der Seite. Als dieser unter dem donnernden Gebrüll seiner Triebwerke aufsetzte, war er noch immer so hoch wie ein fünfstöckiges Gebäude. Unmittelbar danach öffnete sich ein Tor in der ringförmigen Mauer, die die Plattform umgab, und fünf Diener beeilten sich, einen breiten roten Teppich auszurollen. Zur gleichen Zeit eilten dutzende Soldaten hinterdrein und formten eine Ehrengarde entlang der sich entfaltenden roten Straße.
Ebenfalls den Dienern mit ihrer rasch kleiner werdenden Rolle dicht auf den Fersen war ein Mann in einer fließenden weißen Robe. Das war Unjul Rahebat, seines Zeichens Zeremonienmeister. Auf dem Kopf trug er einen einfachen Fez in Beige, und sein einziger Schmuck war der Ring seines Amtes. Allein seine blasse Haut und seine weiße Augen verrieten seinen hohen Stand.
Hinter ihm ging, erheblich langsamer, ein Techpriester; was man von diesem unter seiner roten Robe erhaschen konnte war ein chaotisches Amalgam aus Fleisch und metallen Implantaten, Drähten und Schläuchen.
Sie erreichten das Ende des Teppichs, und eine breite Rampe öffnete sich im Bauch des Schiffes und ermöglichte einen Einblick in seine spärlich beleuchteten Eingeweide. Dampf schoss aus Ventilen und wolkte um die Rampe herum, und die Hitze der Triebwerke, obgleich abgeschaltet, war immer noch beträchtlich.
Am oberen Ende der Rampe erschienen jetzt eine Handvoll Leute und begannen gemächlich ihren Abstieg. Als sie näher kamen, bot sich Rahebat die Möglichkeit, sie in Augenschein zu nehmen, und für einen Moment fürchtete er, man hätte ihn zu der falschen Plattform gesandt; sie waren zweifellos eine wild aussehende Truppe.
Vorneweg ging ein Mann, der genug Gold und Geschmeide für zwei trug; das war Gorrovardi, der in Natura eine noch imposantere Erscheinung war als auf dem Foto, dass man Rahebat gezeigt hatte. Selbst seine Kleidung wies goldene Stickereien auf, von seinem dunkelroten Hemd über seinen schwarzen Mantel bis hin zu seiner ebenso schwarzen Lederhose. Um die Hüfte trug er einen breiten Gürtel aus Gold, mit vielen feinen Schnitzereien verziert. Sein Haar war glatt, glänzend und schwarz. Er färbt es, dachte Rahebat.
Neben ihm ging ein Bursche von vielleicht fünfzehn Jahren. Drahtig und muskulös war er, und auch er hatte ein bionisches Auge, obwohl seins vergleichsweise einfach erschien, ebenso wie seine gesamte Kleidung, die vollständig in schwarz gehalten war. Rahebat konnte sehen, dass seine linke Gesichtshälfte von Narben übersät war, und auch das trug zu seiner harten Erscheinung bei.
Die anderen wirkten kaum weniger exotisch. Die meisten von ihnen trugen irgendeine Art Schmuck, aber keiner so viel wie ihr Herr.
Die Gruppe war bis auf den letzten Mann schwer bewaffnet. Der Freihändler trug zwei vergoldete Pistolen an den Hüften; der Junge hatte sich ein Lasergewehr über die Schulter geschlungen und an seinem Gürtel hing ein großes Messer. Die übrigen trugen verschiedene Klingen, Keulen und Schusswaffen.
Rahebat merkte, dass er schwitzte, und nicht wegen der heißen Abendsonne; und er glaubte, die Anspannung der Soldaten um ihn herum spüren zu können. Er setzte sein bestes Diplomatenlächeln auf und trat auf die Ankömmlinge zu.
„Willkommen, mein guter Herr, auf Mahamat! Ich bin Unjul Rahebat, Zeremonienmeister, und ich heiße euch und eure Gefährten willkommen im Namen des planetaren Gouverneurs, Raj Agipor Sulemnar, und seiner Frau Gemahlin, Raj Myridna Sulemnar."
Der Anführer trat ebenfalls einen Schritt vor und streckte, breit grinsend, die Hand zum Gruß aus. „Freu' mich, hier zu sein, Kumpel. Ich bin Emile Gorrovardi." Rahebat ergriff die Hand und fand sich in eine erdrückende Umarmung gezogen.
Als er nach ein Weile, die ihm entschieden zu lang vorkam, wieder entlassen wurde, zeigte Gorrovardi auf den Jungen an seiner Seite. „Das ist mein Sohn, Aeren." Der Junge nickte grimmig.
„Seid auch ihr willkommen, junger Herr was ist das?"
Einen weitere Gruppe von Gestalten war in der höhlenartigen Öffnung des Schiffes aufgetaucht, und erstaunlicherweise war diese sogar noch bedrohlicher als die erste: sechs Riesen, in hellrote Servorüstungen gehüllt und mit Boltern bewaffnet.
Gorrovardi wandte sich um, noch immer grinsend. „Das? Das sind meine Marines."
