16: Spinnen

Hoch über Mahamat hatte Station Speer einen weiteren Umlauf beendet. Lieutenant Ghitapam hatte angespannt darauf gewartet, dass die Fhegan wieder auf ihren Scannern erschien. Halb hatte sie damit gerechnet, den Kreuzer vorzufinden, wie er aus seinen Batterien Tod und Verderben auf die Oberfläche des Planeten regnen ließ; aber diese Befürchtung hatte sich als unbegründet erwiesen. Das Schiff hing einfach nur da, scheinbar regungslos, wie ein Metallsplitter vor der Schwärze des Alls, rot schimmernd im Sonnenlicht. Um ganz sicher zu gehen, befahl sie einen umfassenden Scan; doch nichts ungewöhnliches war zu bemerken. Der Reaktor des Schiffes war natürlich noch heiß, aber davon abgesehen war es still wie ein Grab. Keine Signale oder ungewöhnliche Emissionen gingen von ihr aus.

Eine kurze Rücksprache mit dem planetaren Oberkommando ergab auch nichts sonderlich Beunruhigendes; anscheinend war Gorrovardi soeben zusammen mit seinem Stab gelandet und wurde vom Zeremonienmeister in Empfang genommen. Und so saß Ghitapam auf der Brücke und haderte mit der Stille.

Als dann doch etwas passierte, erschrak sie ein wenig; ein kurzer Blick auf ihren kleinen Bildschirm verriet ihr, dass ein weiteres Schiff im System angekommen war. „Was jetzt?", flüsterte sie, und tappte mit dem Finger auf ihrer Armlehne. Dann erschien der Name des Schiffes auf der Anzeige, und eine Welle der Erleichterung überkam sie; es war die Bountiful Harvest, das Schiff, auf das sie eigentlich gewartet hatte, als die Deimos erschienen war.

„Endlich mal gute Neuigkeiten", sagte sie; mehr zu sich selbst als an die Servitoren gewandt. „Ruf' sie."

„Öffne Kanal", intonierte der Servitor.

Für ein paar Sekunden geschah nichts; dann füllte sich der große Bildschirm mit dem Gesicht von Captain Lyranes: ein Mann mittleren Alters, mit einem freundlichen Gesicht und ruhigem Wesen. Ghitapam kannte ihn schon seit Jahren; aus diesem Grund wusste sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Der Captain sah müde aus, und sein Gesicht, dass bei ihrem letzten Gespräch noch rund und voller Leben gewesen war, schien etwas von seiner Vitalität eingebüßt zu haben. Trotzdem lächelte er.

„Lietenant Ghitapam! Es ist wie immer eine Freude, Sie zu sehen."

„Die Freude ist ganz meinerseits, Captain Lyranes. Willkommen zurück. Wie war Ihre Reise?"

„Ruhig und friedlich, so wie man es sich nur wünschen kann. Und wie stehen die Dinge hier? Sie haben noch einen Besucher, wie ich sehe."

„Die Fhegan. Sie gehört einem Freihändler namens Gorrovardi."

Der Captain nickte. „Ja, ich habe von diesem Schiff und seinem Herrn gehört."

Ghitapam runzelte die Stirn. „So? Und was?"

„Ein eigenartiger Mann, wenn man den Geschichten glaubt. Obwohl er wohl sehr umgänglich ist, soll sein Verhalten manchmal etwas… düster wirken, oder sogar bedrohlich."

Der Lieutenant atmete aus und entspannte sich etwas. Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Ja, genau das habe ich auch gedacht, als ich mit ihm gesprochen habe. Und Sie sagen, das sei nur eine Fassade?"

„Ja. Nachdem was ich gehört habe, ist er tatsächlich sehr herzlich, wenn man ihn mal etwas näher kennt."

„Das ist gut zu wissen. Ich muss zugeben, er hat mich ziemlich beunruhigt."

„Freut mich, dass ich Ihre Sorgen etwas lindern konnte. Also, wenn das alles ist, würde ich mit den Landevorbereitungen beginnen – sofern Sie mir die Freigabe erteilen, natürlich."

„Genaugenommen wäre da noch eine Sache zu klären, Captain."

„Ja?"

„Mir ist aufgefallen, dass Sie ein wenig… müde aussehen. Stimmt etwas nicht?"

„Ah… ja. Ich erhole mich gerade von einer Lebensmittelvergiftung. Scheußliche Angelegenheit. Wie sich herausstellte, waren einige unserer Vorräte verdorben. Das hat mich für eine Weile aus dem Verkehr gezogen. Genau genommen habe ich erst vor ein paar Stunden das Bett verlassen."

„Und Sie sind wieder vollständig genesen? Was ist mit Ihrer Mannschaft? Braucht jemand medizinische Hilfe?"

„Sie sind sehr zuvorkommend, Lieutenant. Aber wir haben die Sache unter Kontrolle. Wir haben das verdorbene Essen abgeworfen, und die, die noch betroffen sind, befinden sich in den fähigen Händen von Doktor Sung. Sie werden in kürze wieder auf den Beinen sein. Aber danke für das Angebot.

Ghitapam tappte auf ihre Armlehne. „Es ist aber nichts Ansteckendes, oder? Sie wissen, dass Sie gesundheitliche Probleme melden müssen, wenn sie eine Bedrohung für die Bevölkerung darstellen."

„Ihre Gründlichkeit ehrt Sie, Lieutenant, aber wie ich sagte: es war eine Lebensmittelvergiftung, keine Krankheit."

Der Lieutenant dachte einen Moment über die Situation nach. „Es tut mir leid Captain, aber ich werde die Bountiful Harvest einer Biohazard-Überprüfung unterziehen."

Lyranes sah aus, als wolle er protestieren, doch dann seufzte er ergeben. „Ich verstehe, Lieutenant. Sie müssen tun, was Sie für richtig halten. Ich werde hier alles für die Ankunft Ihres Teams vorbereiten."

„Danke für Ihre Kooperation, Captain. Und ich hoffe, Sie nehmen mir das nicht persönlich."

Der Mann auf dem Schirm zuckte mit den Schultern und lächelte niedergeschlagen. „Ich verspreche, das werde ich nicht. Es wirft natürlich meinen Zeitplan über den Haufen, aber ich weiß, dass Sie nur Ihre Pflicht tun; so wie wir alle."

Sie hatte trotzdem ein schlechtes Gewissen. „Ich mache es wieder gut. Ich bin zum Dämmerbierfest auf der Oberfläche. Vielleicht möchten Sie und Ihre Familie mit mir zu Abend essen? Ich kenne da ein hübsches kleines Restaurant; ich bin sicher, es würde Ihnen gefallen."

„Ein großzügiges Angebot. Ich werde mit meiner Frau darüber sprechen."

„Tun Sie das. Und entrichten Sie ihr meine Grüße."

„Werde ich. Wir sprechen uns wieder, wenn die Medicae mit ihrer Überprüfung fertig sind. Bis dahin. Geben Sie auf sich acht, Lieutenant."

„Sie ebenso, Captain. Ghitapam Ende."

Der Bildschirm erlosch, und Ghitapam lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Einen Moment lang bereute sie ihre Entscheidung bezüglich der Überprüfung. Aber nein, man konnte nicht vorsichtig genug sein; sie trug schließlich die Verantwortung. Sie fühlte sich beschwingt; nicht nur hatte der gute Captain ihre Sorgen bezüglich Gorrovardi zerstreut, sondern das Veranlassen der Überprüfung würde zudem auch dem Oberkommando ihre Wachsamkeit vor Augen führen, und ihm bestätigen, dass sie ihrer Stellung würdig war. Ganz zu schweigen davon, dass es sie eine Weile beschäftigen würde.

„Na dann. Wer hätte gedacht, dass diese Wache so gut ausgehen würden?" Der Servitor, den sie angesprochen hatte, reagierte mit seinem gewohnt leeren Blick. „Also schön. Öffne einen Kanal zur Oberfläche."


Die Astartes marschierten in perfekter Einheit die Rampe herunter, die unter der Wucht ihrer Schritte bebte. Hinter Gorrovardis Gruppe blieben sie stehen. Der Freihändler drehte sich wieder zu Rahebat um. „Sie gehören zu den Red Vipers. Als das Adminstratum sie um Hilfe bat, erklärten sie sich bereit, meine Expedition mit ihrer Feuerkraft zu unterstützen."

„Ich verstehe." Dem Zeremonienmeister fiel es schwer, angesichts dieser bedrohlichen Gestalten die Fassung zu wahren; und da er wusste, was als nächstes kommen würde, überfiel ihn ein leichtes Unbehagen.

„Nun gut. Es stehen einige Transporter für euch und eure Gefährten bereit. Vorher wäre allerdings noch eine letzte Formalität zu erledigen."

„Ihr wollt meine Handelslizenz sehen."

„Ja."

Der Freihändler wandte sich wieder zum Schiff und hob eine Hand. Noch mehr Leute kamen die Rampe herunter, aber zumindest diese waren zu Rahebats Erleichterung unbewaffnet. Es musste sich dabei um Gorrovardis Stab handeln: Bürokraten und Wissenschaftler; auf jeden Fall Zivilisten, alles in allem ein gutes Dutzend.

Die Gruppe teilte sich und schuf so Platz für einen Antigravschlitten, der am Rand des Laderaums erschienen war. Kontrolliert wurde er von einem Servitor: der ausgetrocknete Oberkörper eines Menschen, der über dem Ende des Schlittens aufragte und mit diesem verbunden war. Auf dem Schlitten lag etwas, dass aussah, wie ein flacher Block aus dunkelgrauem Metall, poliert und mit harten, klaren Kanten.

Der Schlitten hielt neben Gorrovardi, der eine versteckte Rune auf der Seite des Blocks drückte; ein leises Klicken war zu hören, und ein Spalt tat sich auf und es wurde offenkundig, dass der Block in Wirklichkeit eine Art Container war. Gorrovardi hob den Deckel. Die Innenseiten der dicken Wände waren mit roten Samt ausgekleidet, und auf diesem Polster lag eine weitere Platte, anscheinend aus dem gleichen Metall wie der Behälter, aber mit Piktogrammen und Einlegearbeiten, die wie Gold schimmerten. Am unteren Ende befand sich eine Rosette, ein komplexes elektromechanisches Siegel. Ihre Oberfläche schien vollkommen glatt zu sein, und nicht ein Kratzer oder Makel war darauf zu erkennen.

Rahebat, insgeheim froh, dass der Händler dieses Dokument tatsächlich besaß, war nichtsdestotrotz überrascht von dem, was er sah. „Das ist es? Ich muss gestehen, ich hatte mit etwas eher… traditionellem gerechnet. Wie ein Stück Pergament, mit einem Wachssiegel."

Gorrovardi zuckte mit den Achseln. „So weit ich weiß, gibt es viele verschiedene Varianten, aber heutzutage verzichten sie wohl eher auf die Pergamente. Nur die ganz alten sind noch in dieser Machart. Zu empfindlich. Aber dieses Ding hier, mir wurde gesagt dass es sogar die Explosion eines Schiffsreaktors überstehen kann. Es ist schon an sich ein kleines Vermögen wert."

„Fasziniered." Für Rahebats Geschmack war der Punkt mit dem Reaktor etwas zu konkret. Er bedeutete dem Techpriester, der bis zu diesem Zeitpunkt nicht an der Unterhaltung teilgenommen hatte. „Dies ist Nocto Tullari, seines Zeichens Magos Logis des Adeptus Mechanicus. Er wird die Lizenz nun untersuchen. Magos?"

Der Magos trat an den Schlitten heran. Seine Vielzahl von Extremitäten, jede für einen anderen Zweck bestimmt, erwachten zum Leben, wobei sie klickende, schwirrende und zischende Geräusche von sich gaben. Eine beschien die Platte mit einem roten Licht, eine weitere tippte mit variienden Frequenzen auf verschiedene Punkte, und eine dritte verband sich mit dem Siegel am unteren Ende. Währenddessen strichen die menschlichen Hände des Magos, oder was von ihnen übrig war, an den Kanten der Platte entlang und erfühlten so deren Abmessungen. Begleitet wurden die Untersuchungen von unverständlichem Geschnatter und Gequietsche, vermischt mit der kratzigen, mechanischen Imitation einer menschlichen Stimme.

„Beginne Analyse. Länge: fünfzig Zentimeter. Breite: dreißig Komma neun Zentimeter. Höhe: drei Komma null neun Zentimeter. Masse: fünfundfünfzig Kilogramm. Greife auf Datenmatrix zu. Lese Zusammenfassung." An diesem Punkt änderte sich die Stimme, und gab etwas wieder, dass wie eine Aufzeichnung in Hochgotisch klang:

Im Namen seiner durchlauchten Majestät des unsterblichen Gott-Imperators, erteilen wir, der hohe Senat zu Terra, Gorgio Gorrovardi die Freihandelslizenz. Er und seine Nachfahren sind fortan an die Pflicht und Verantwortung gebunden, die heilige Mission zu erfüllen, die ihnen aufgetragen wird: zu gehen, wohin noch kein Mensch zuvor gegangen ist; neue Welten zu erobern um das Imperium der Menschheit zu stärken; die Resourcen, die ihnen zuteil werden, zur Bereicherung der Menschheit zu mehren; und das göttliche Licht des Imperators in die Dunkelheit zu tragen. In seinem Namen."

„In seinem Namen", murmelten einige der Umstehenden wie zur Antwort. Damit zogen sich die verschieden Arme und Schläuche des Magos zurück, und er wandte sich um. „Die Lizenz ist echt. Sie wurde in 0231921M41 besiegelt."

Gorrovardi sah Rahebat an, ein selbstzufriedenes Halblächeln auf den Lippen und eine erwartungsvolle Augenbraue gehoben.

Der Zeremonienmeister nickte, während er sich sichtlich entspannte. „Ich danke euch Magos. Nun. Dann scheint ja alles seine Richtigkeit zu haben. Wenn ihr und eure Mitarbeiter mir jetzt folgen würdet? Die Rajai erwarten uns. Magos? Ihr seid entschuldigt."

„Eine Sache wäre da doch noch." Gorrovardi hob einen Finger und Rahebat hielt inne.

„Die Marines werden uns nicht begleiten. Sie haben für Gesellschaften und Dinnerpartys nichts übrig, wisst Ihr? Sie werden ihre Zeit hier nutzen, um Vorräte zu besorgen und zu trainieren und so was alles. Vielleicht könntet ihr ein oder zwei eurer Leute entbehren, um durch die die Stadt zu führen?"

Rahebat hatte wieder zu Schwitzen begonnen. „Natürlich. Wir werden ihnen auch gerne einen Tansporter zur Verfügung stellen."

Fantastisch. Ich bin sicher, sie werden das zu schätzen wissen."


Sie begaben sich in die opulent eingerichteten Wagen, die sich in Bewegung setzten. Rahebat rasselte während der Fahrt eine Litanei an Fakten über Mahamat herunter; die meisten davon kannten sie schon. Gorrovardi alias Cortez unterhielt sich mit ihm, wobei er die ganze Zeit seine Mischung aus Herzlichkeit und dunklen Andeutungen beibehielt.

Aeren war still, und teilte seine Aufmerksamkeit zwischen Rahebats Geplapper und der draußen vorbeiziehenden Landschaft auf. Die Straße wand sich durch schier endlose Felder, auf denen irgendein heimisches Getreide in voller Reife stand und sich in einer sanften Brise wiegte. Wasser, das aus ausgedehnten Bewässerungsanlagen versprüht wurde, tauchte alles in eine Schicht künstlichen Nebels. In der Ferne hinter den Feldern konnte Aeren die Säume großer Wälder ausmachen, beinahe unsichtbar hinter dem Dunst.

Das rote Licht war gewöhnungsbedürftig; aber Rahebat versicherte ihnen, dass es bald verschwinden und von einer Dunkelheit ersetzt werden würden, die so lang war, dass sie die Rückkehr der Sonne herbeisehnen würden.

Der Junge fühlte sich entspannt, und das obwohl er sich nun faktisch hinter feindlichen Linien befand und viel vom Erfolg ihrer Scharade abhing. Die vergangenen Monate waren eine Tortur gewesen, sowohl körperlich als auch seelisch, und er war bereit, jeden Moment der Erholung zu genießen, egal wo er sich auftat.

Er hatte diese Welt mit dem Ziel betreten, sie im Namen des Chaos zu erobern; obwohl er immer noch hoffte, es würde eher einer Befreiung gleichkommen. Was er über das Chaos gelernt hatte, war nicht angenehm; die Bezeichnung der verderbenden Kräfte war mehr als angemessen. Aber bei all dem Entsetzen, das sie verkörperten, erschienen sie ihm momentan zumindest… ehrlicher. Die dunklen Götter waren tatsächlich das: Götter; anders als der verwesende Leichnam, den das Imperium anbetete, und es war kein Geheimnis, dass Daemonen stets versuchen würden, einen zu bescheißen. Das war eine erfrischende Abwechslung zu den permanenten Beschönigungen und Verzerrungen, denen er in seinem alten Leben ausgesetzt gewesen war. Und vielleicht, vielleicht, konnte er seine Stellung nutzen, um sicherzustellen, dass es den Menschen Mahamats hinterher tatsächlich besser ging.

Er hatte keinen Zweifel daran, dass seine Mitverschwörer ihn genau beobachten würden, für den Fall, dass seine Loyalität zu Errake schwächer war als er es vorgab. Es war ihm egal; das Imperium war für ihn gestorben, und keine Macht der Welt würde ihn dazu bringen, zurückzukehren.


Die breite Straße begann nun zu steigen, und die Vegetation wurde spärlicher, bis die alten, ehrwürdigen Wälder von Grasbedeckten Hügeln abgelöst wurden. Berge erhoben sich in der Ferne, und nach einer Weile erreichten die Reisenden sie. In einer Spalte befand sich eine weiße Wand mit einem riesigen Tor darin; und als die Wagen hindurchfuhren tauchten sie in tiefen Schatten ein. Hinter der Wand lag ein runder Innenhof mit einem Springbrunnen in der Mitte. Die Wagen bildeten einen Halbkreis darum und kamen zum stehen.

Als Aeren ausstieg, sah er, dass auf den Seiten die Wände von bogenförmigen Gängen durchbrochen waren und den Blick auf alpine Weiden freigaben; doch vor ihm, gegenüber des Tores, stand der eigentliche Palast. Er schien aus der Seite des Berges herauszuwachsen, und Balkone und Terrassen wanden sich einladend bis zum Gipfel hinauf. Die dominierende Farbe war weiß, doch wo die Sonne über die Mauer schien, färbte sie alles blutrot.

Sie wurden von einer ganzen Armee von Bediensteten in weißen Anzügen empfangen, die sich um ihre diversen Gepäckstücke kümmerten, während Rahebat sie hineinführte. Sie kamen in eine hohe Empfangshalle, die in Tönen von beige und orange gehalten war. Ihr Herzstück war die riesige Statue eines Krieger, in eine altertümliche Rüstung gehüllt und mit Bogen und Speer bewaffnet.

„Arjun", erklärte Rahebat. „Mahamats Schutzheiliger."

Af beiden Seite der Halle gab es je drei Aufzüge. Die Gefährten teilten sich auf und fuhren nach oben.

Als die Türen sich öffneten, fanden sie sich in einer annähernd runden Halle wieder, über der sich eine enorme transparente Kuppel wölbte. Die gesamte Einrichtung strahlte höchsten Reichtum aus. Der Boden war mit weißem Marmor bedeckt, rosa unter dem roten Himmel. Viele luxuriöse Sofas standen in diesem Raum, ebenso wie bequeme Sessel, und sie waren zu abgeschirmten Gruppen angeordnet. Dazwischen standen bizarre Skulpturen aus dunklem Holz, und große Töpfe mit exotischen Pflanzen. Zu Aerens Linken befand sich ein großer Kamin, momentan unbefeuert; stattdessen strahlte blaues Licht aus ihm.

Die Diener führten sie zu einer breiten Tür gegenüber des Kamins. Sie öffnete sich in einen Gang, dessen Wände und Dach durchsichtig waren. Er ruhte auf einer Brücke aus filigranen Trägern, die wie Silber schimmerten. Sie spannte sich über einen breiten Abgrund, und darunter lag eine tiefe, schattige Schlucht, dicht mit Bäumen bewachsen und einem idyllischen Bach, der sich durch ihren Grund wand. Doch am fernen Ende des Korridors hoben sich weitere künstliche Wände, höher als alle, die sie bisher gesehen hatten, und sie erstreckten sich weit in beide Richtungen. In spitzbögigen Alkoven links und rechts von der Brücke befanden sich Statuen, groß wie Titanen; ihre Füße befanden sich sicher zehn Meter unter dem Gang, und ihre Köpfe ragten noch einmal so viel darüber empor.

Aeren fühlte sich von diesen vielen majestätischen Eindrücken überwältigt. Selten zuvor hatte er solch prächtige Bauten gesehen; das einzige, was dem hier nahekommen mochte, war die große Kathedrale von Macharius, obwohl der Stil ein völlig anderer war. Am Allermeisten aber imponierten ihm die Berge, von denen er zuvor noch nie welche gesehen hatte; groß wie die Arkologien einer Makropole waren sie, doch unregelmäßig und natürlich, wie uralte, würdevolle Riesen, gänzlich unbeeindruckt von den Taten winziger Menschen. In das rote Abendlicht getaucht schufen sie eine traumhafte Atmosphäre, als ob er die Welt der Sterblichen verlassen, und in ein Reich der Legenden und Wunder eingetreten wäre.

Auf der anderen Seite der Brücke lag eine weitere große Halle. Wie viele Teile des Palastes war sie hauptsächlich in weiß gehalten; doch in die Wände waren Säulen eingelassen, nur halb zu sehen, die mit Blattgold umhüllt waren, und golden waren auch die dekorativen Muster, die sich über den glatten Boden zogen. Auch Blau war zu finden; die Wandbehänge zwischen den Säulen trug diese Farbe, ebenso wie die Polster der Möbel. In der sanft gewölbten Decke befanden sich drei große Oberlichter, die den Raum darunter mit dem allgegenwärtigen roten Licht füllten.


Drei große Tische waren dort aufgestellt, und zum Essen gedeckt. Vor den Tischen standen drei huldvolle Personen: ein Mann, flankiert von zwei Frauen, inmitten einer präzisen Anordnung von Lakaien und Wachen. Der Mann trug eine weiße Uniform, mit vielen Orden behängt, und eine Schärpe im gleichen Blau, wie auch um sie herum zu sehen war; die Frau zu seiner Linken war in ein schmales Kleid in der gleichen Farbe gehüllt, und die Frau zu seiner Rechten trug einen schlichten weißen Anzug.

Rahebat trat zwischen die Ankömmlinge und die Wartenden, und breitete seine Arme aus, als ob er zwischen den beiden Gruppen eine Brücke schlagen wolle. „Darf ich vorstellen? Dies ist der Lord Gouverneur, Raj Agipor Sulemnar, und seine Frau Gemahlin, Raj Myridna Sulemnar, sowie ihre erstgeborene Tochter, Legislator Shanti Sulemnar." Er deutete der Reihe nach auf jeden der drei.

„Und darf ich euch, mein Herr und meine Damen, den Freihändler Emile Gorrovardi und seinen Sohn Aeren Gorrovardi vorstellen, die mit dem Segen des hohen Senats zu Terra zu uns kommen."

Agipor nickte ihm zu. „Danke, Lord Rahebat." Dann trat er mit einem Lächeln vor. „Und zu euch sage ich: willkommen, meine Freunde. Was ich an Gastfreundschaft und Geschenken zu geben habe, sollt ihr erhalten. Lasst mein Haus euer Haus sein."

Gorrovardi drückte seine Hand, und auch Agipor sah sich fest umarmt.

„Dank' euch, mein guter Gouverneur! Ich bin voll der Freude, in euer reizendes Haus eingeladen zu werden, und hoffe, dass ich das gegebene vergelten kann."

Dann wandte er sich an Myridna. Für einen schweißtreibenden Augenblick schien es, als wolle er auch sie umarmen. Doch zum maßlosen Erstaunen aller verneigte er sich und küsste die gereichte Hand. „Meine Herrin, wenn alle Juwelen eurer Welt auch nur halb so schön sind wie ihr, besitzt sie in der Tat Reichtum der seinesgleichen sucht."

Sie lächelte daraufhin, auch wenn es Aeren frostig vorkam. „Ich danke euch, mein Herr. Ihr seid zu freundlich."

Agipor wandte sich seinerseits nun Aeren zu, und sein Gesicht wurde ernst. „Du siehst so aus, als hättest du einige Geschichten zu erzählen, junger Mann. Du bist wohl noch keine zwanzig, aber du hast die Haltung eines Kriegers, und auch die passenden Narben dazu."

Bevor Aeren antworten konnte, schaltete sich Cortez ein. „Ich fand ihn in einer Arena auf einer Welt weitab vom Schuss. Als ich sah, was für ein wilder Kämpfer er war, habe ich ihn gekauft und adoptiert."

Es folgten einige Sekunden der Stille. Dann lächelte Agipor. „Ein Gladiator, was sagt man dazu. Ich war ein ziemlicher Duellant in meinen jungen Jahren. Vielleicht gibst du mir bei Gelegenheit mal eine Kostprobe deiner Fähigkeiten."

Aeren veränderte seinen leeren Gesichtsausdruck nicht im Geringsten. „Lieber nicht, mein Herr. Ich würde euch nur ungern töten."

Es gab eine weitere unangenehme Pause. „Nun", sagt der Raj dann, „es mangelt ihm sicherlich nicht an Selbstvertrauen."

Es folgten weitere Begrüßungen. Als Aeren Myridna gegenüberstand, sah er auf ihrem Gesicht noch immer dieses Lächeln, das nicht ganz bis zu ihren Augen reichte. Er verbeugte sich, sein Gesicht nach wie vor eine ausdruckslose Maske. „Gnädige Frau."

Sie nickte, langsam und würdevoll. „Junger Herr." Ihre Augen trafen sich für einen Moment, und jeder versuchte, die Gedanken und Absichten des Anderen zu ergründen. Sie traut uns nicht, dachte Aeren. Erneut war es an ihrem Ehemann, die Spannung aufzulösen. „Also, da wir nun alle miteinander bekannt sind, warum nehmen wir nicht unsere Plätze ein? Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich verhungere."

Und das taten sie. Agipor sprach einen Toast aus, „auf die spannenden Tage, die vor uns liegen", und dann wurde das Essen serviert. Es bestand aus sieben Gängen, jeder davon nur eine kleines Gericht, jeder exotisch und raffiniert. Obwohl Aeren das Essen genoss, war es weit entfernt von dem eher einfachen Zeug, dass er normalerweise aß; es war voller ungewohnter Gewürze und Aromen, und zuweilen dachte er, er müsste sich übergeben.

Die Unterhaltungen waren höflich und oberflächlich. Myridna hatte ihre kühle Fassade für den Moment abgelegt und spielte stattdessen die Rolle der zuvorkommenden Gastgeberin. Aeren hatte man neben Shanti gesetzt, und er empfand sie als interessanten Gesprächspartner; jedenfalls interessant genug, um wach zu bleiben. Sie sprachen über Belanglosigkeiten, und der Junge gab sich wortkarg.


Einige Stunden später, nachdem die Gesellschaft sich zerstreut hatte, zogen Myridna und Agipor sich in ihr Schlafgemach zurück und bereiteten sich auf die Nachtruhe vor. Der Raum wurde nur spärlich durch das sanfte, indirekte Licht einiger orangefarbener Lampen erhellt; das grelle Rot der Sonne wurde von geschlossenen Blenden gänzlich ausgesperrt.

Agipor, der bereits auf dem großen Bett lag, beobachtete seine Frau, die vor ihrem Spiegel saß und ihre kleinen Ohrringe abnahm.

„Nun, was hältst du von unseren Gästen?"

Sie sah sein Spiegelbild an. „Ich bin nicht beruhigt, falls du das meinst. Gorrovardi ist ein Rohling, und ich kann beim besten Willen nicht verstehen, wie der Senat jemanden wie ihn als einen würdigen Vertreter des Imperiums ansehen kann. Sein Vorfahr muss ein gänzlich anderer Mensch gewesen sein."

Agipor hob einen Finger, und unterstrich so seine abweichende Perspektive. „Oder, er ist genau die Sorte Mensch, die der Senat sucht: wagemutig und gerissen, und vielleicht ein wenig dreist. Sicherlich keine schlechten Eigenschaften, wenn man sich aufmacht, die Grenzregionen zu erforschen."

„Nun gut. Aber was ist mit seinem 'Sohn'? Imperator schütze uns, was für eine entsetzliche Kreatur. Ich habe ihm in die Augen gesehen, und sie waren kalt und berechnend, wie eine Schlange, die eine Maus belauert. Ich glaube, dass er sehr, sehr gefährlich ist, vielleicht sogar noch gefährlicher als sein 'Vater'."

Agipor nickte nachdenklich. „Es ist wahr, der Junge ist… beunruhigend. Aber das ist wohl nicht sonderlich überraschend, wenn man seinen Hintergrund bedenkt. Überleg' nur mal, was er durchgemacht haben muss, und noch dazu in so jungem Alter; Hölle, man muss sich nur sein Gesicht ansehen, um eine Vorstellung davon zu bekommen. Wenn überhaupt, tut er mir leid."

Sie wandte sich um, ihren Ohren nicht trauend. „Na schön. Vergessen wir die beiden. Sprechen wir über das eigentliche Problem. Die Astartes."

Er nickte erneut, sehr bedächtig diesmal. „Ja, sie sind die Crux, nicht wahr. Denn ihre Anwesenheit hier kann zwei Dinge bedeuten: entweder sind sie treu, was bedeuten würde, Gorrovardi und die seinen sind in der Tat was sie zu sein vorgeben und alle unsere Sorgen sind unbegründet."

Er hielt inne, unwillig auszusprechen, was ihnen beiden durch den Kopf ging. „Oder es bedeutet, dass wir… das ich dem Erzfeind die Tore geöffnet habe."

Sie schwiegen für eine Weile; die Bedeutung dieser Erkenntnis lastete schwer auf ihnen. Schließlich war es Myridna, die das Schweigen brach. „Was tun wir also?"

Agipor legte nachdenklich den Kopf zur Seite. „Unter Beobachtung stehen sie ja schon, und glücklicherweise fallen sie auf wie bunte Hunde. Auch die Palastwache ist bereits in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt."

Er erhob sich vom Bett und legte einen Morgenmantel an. „Ich werde mit General Yisadhi sprechen. Er soll uns fünfhundert seiner besten Männer schicken, und dazu eine Panzerdivision. In der Zwischenzeit tun wir alles, damit Gorrovardi sich sicher fühlt und abgelenkt wird."

Seine Frau nickte entschlossen. „Wir vergiften ihr essen. Nicht um ihnen zu schaden, nur um ihre Sinne zu trüben und sie etwas zu betäuben."

Er reichte ihr seine Hand, und sie griff danach. „Alles wird sich zum Guten wenden, meine Liebe", sagte er mit einem aufmunternden Lächeln.

Sie lächelte zurück, noch immer beunruhigt; doch es war schwer, sich nicht von dem stets sonnigen Gemüt ihres Mannes anstecken zu lassen. „Ich hoffe, dass du recht hast."

Sie teilten einen kurzen, aber intensiven Kuss und machten sich dann an die Arbeit.