17: Tsunami
Aeren hatte niemals zuvor etwas erlebt wie seine Zeit im Palast der Rajai. Vom Augenblick an, in dem er sich aus seinem riesigen, bequemen Bett erhob, bis zu dem Punkt, da er sich wieder schlafen legte, wuselte ein Schwarm von Dienern um ihn herum, die ihm jeden Wunsch von den Lippen ablasen; obwohl er vermutete, dass sie ihn zu gleichen Teilen umsorgten und beobachteten. Er bemerkte auch, dass sie immer von vielen Wachen umgeben waren, doch das mochte auch mit der erhabenen Position ihres Gastgebers zu tun haben.
Seinem Körper bekam dieser Wechsel in seinem Lebenswandel jedoch überhaupt nicht. Er bemerkte sehr schnell, dass er oft müde war und Schwierigkeiten hatte, sich zu konzentrieren. Aber anders als die willkommene Erschöpfung nach dem Training, trübte diese Müdigkeit seinen Geist. Manchmal fiel es ihm schwer, sich an bestimmte Worte zu erinnern, und es verlangte ihm höchste Konzentration ab, einfachen Unterhaltungen zu folgen. Als er Cortez davon erzählte, nickte dieser. „Ja, ich weiß, was du meinst. Muss an diesem Planeten liegen, an der seltsamen Atmosphäre und dem ungewöhnlichen Tag- und Nachtwechsel; und natürlich an dem ungewohnten Essen." Doch während er das sagte, warf er Aeren einen Blick zu, der zu seinem fröhlichen Tonfall im Widerspruch stand, und der zu sagen schien: Aber da steckt noch mehr dahinter. Aeren verstand die Anspielung. „Ja, macht Sinn." Cortez gab ihm dann ein paar Tabletten, und diese linderten seine Symptome deutlich. „Am Besten, du nimmst sie, so lange wir hier sind."
Die Gefährten wurden permanent beschäftigt. Die Assistenten der Rajai hatten einen umfangreichen Terminplan für die Gäste zusammengestellt, und sie besuchten eine Menge historischer Plätze und andere Sehenswürdigkeiten. Einmal wanderten sie durch die Berge, und ein anderes Mal gingen sie in den dunklen und majestätischen Wäldern jagen.
Der Junge hörte davon, dass man den bevorstehenden Sonnenuntergang mit einem großen Fest begehen würde, und die Vorbereitungen dafür liefen bereits auf Hochtouren. Man nannte es das Dämmerbierfest, weil „die Leute zur Dämmerung viel Bier trinken", wie Rahebat erklärte, der ebenfalls die meiste Zeit zugegen war, und hierhin und dorthin eilte, stets bemüht, auch die kleinsten und unbedeutendsten Details zu erklären. Das Fest würde mit der vorletzten Schicht des Lichtes beginnen und mit der zweiten Schicht der Dunkelheit enden. Da Tag und Nacht nicht genau in sechsstündige Zeitabschnitte einzuteilen waren, wurde die verbleibende Zeit, annähernd fünf Stunden, als „frei" behandelt. Das gab den hart arbeitenden Leuten von Mahamat die Gelegenheit, sich von ihrem anstrengenden Leben zu erholen, und die nachfolgenden Generationen zu zeugen.
Wie so die Zeit verging und das Fest näherrückte, bemerkte Aeren, dass sich seine Gastgeber etwas entspannten, und ihre anfängliche Reserviertheit nach und nach von einer gewissen Vertraulichkeit abgelöst wurde. Cortez und Agipor begannen irgendwann, sich beim Vornamen zu nennen, aber Myridna, die stets förmlich und diszipliniert war, wollte davon nichts wissen. Er vermutete, dass sie, obwohl ihr anfängliches Misstrauen nachzulassen schien, immer noch von Cortez' dreistem und zuweil unhöflichem Verhalten abgestoßen wurde; ihr Mann andererseits schien von seinem Gast recht angetan zu sein, trotz oder vielleicht gerade wegen seines eigenartigen Wesens.
Aeren sah und hörte nichts von den Astartes, aber da sie nicht zur Sprache kamen, taten sie wohl nichts Alarmierendes.
Seine eigene Anspannung ließ natürlich nicht nach. Errake hatte ihn ermahnt, zu allen Zeiten auf seine Worte zu achten und sich unter keinen Umständen außer Hörweite zu wähnen. Das bedeutete, dass sie ihre Maskerade selbst dann aufrecht erhalten mussten, wenn sie unter sich waren; das war nervenaufreibend, und er war froh, dass Cortez meistens das Reden übernahm. Im Grunde sagte er nur dann etwas, wenn ihn jemand zuerst ansprach, und hielt seine Antworten knapp. Wenn es nichts zu tun gab, verbrachte er so viel Zeit wie möglich in dem gut ausgestatteten Trainingsraum des Palastes und wartete.
Schließlich war das Dämmerbierfest gekommen. Sie wurden in die Hauptstadt gefahren, und die Regentschaft ging in einer beschaulichen kleinen Zeremonie von Agipor auf seine Frau über. Danach zogen sich die Rajai und ihre Gäste zum Essen zurück.
Die Sonne war vollständig hinter den Horizont gesunken, doch der Himmel stand an der Stelle ihres Verschwindens noch immer in Brand; der Osten aber war nun in Finsternis gehüllt.
Auf einer Terrasse, von der aus man Siyodhas zentralen Platz überschauen konnte, war ein Tisch für sie gedeckt. Auf dem riesigen Platz unter ihnen feierten zehntausende Menschen; doch nur ein leises Murmeln drang davon an ihre Ohren, da die Terrasse durch einen transparenten Schild von dem Lärm der Menge abgeschirmt wurde. Alles war zu sehen, aber nur sehr wenig zu hören. Gelegentlich stiegen Feuerwerkskörper zum Himmel auf, doch das eigentliche Feuerwerk würde etwas später beginnen.
Sie nahmen ihre Plätze ein, und der erste Gang wurde serviert: ein kleines Gericht, aus Teilen einer Frucht zubereitet, die an Pfirsiche erinnerten, etwas Sahne und Gewürzen. Wie alles, was Aeren in der letzten Zeit gegessen hatte, war es exotisch, aber nicht übel. Während er seinen 'Pfirsich' sorgfältig zerlegte, lauschte er der Unterhaltung. Cortez schwang große Reden, wie sehr er seinen Aufenthalt auf Mahamat genossen hatte, und wie dankbar er für alles war, was die Rajai für ihre Gäste getan hatten. Er hatte seine Absicht abzureisen vor einigen Schichten kundgetan; Myridnas kaum verhohlene Erleichterung war Aeren nicht entgangen.
Als er mit dem Gang fertig war, stand er auf und ging zur Balustrade. Für einen Moment brütete er über dem starken Kontrast zwischen dem Plastikschild und den scheinbar uralten Steinen der Terrasse; er erschien geradezu grotesk, und erinnerte an die Ungleichheiten, die alle Aspektes des imperialen Lebens durchzogen.
Er lehnte sich auf den von Rissen durchzogenen Stein des Geländers und blickte hinab auf die wogende Masse unter ihm. Er war allerdings zu weit oben um einzelne Personen ausmachen zu können. Er fragte sich, ob diese Menschen der Dinge gewahr wurden, die jenseits ihrer Welt vorgingen, oder ob es sie auch nur interessierte. Bald wird ihre Welt einen neuen Herrn haben. Für die meisten von ihnen wird sich nicht viel ändern. Die größte Änderung wird die schleichende Ablösung des imperialen Glaubens sein. Aber sie werden sich darauf einstellen, oder zumindest die meisten von ihnen. Diejenigen, die sich nicht anpassen können werden ausgemerzt, doch die übrigen werden die nötigen Entscheidungen treffen um zu überleben. So wie ich. Und ihre unwissenden Leben werden weitergehen.
Er hatte eine Weile gedankenverloren dort gestanden, bevor er merkte, dass er nicht allein war; Agipor hatte sich zu ihm gesellt.
„Beschäftigt dich etwas, Aeren?"
„Ich habe nur über die Leute dort unten nachgedacht. Sie leben ihre Leben wie ihre Ahnen vor ihnen, und wie ihre Kinder es nach ihnen tun werden. Alles bleibt so, wie es ist. Ich frage mich, ob sie zufrieden sind, obwohl sie wissen, dass sie stets auf den Feldern arbeiten werden, oder in den Fabriken, ohne die Möglichkeit, jemals in der Gesellschaft aufzusteigen. Ich frage mich ob es sie überhaupt kümmert."
Agipor sah ihn verblüfft an. „Ein Krieger und ein Philosoph. Dein Vater hat gut gewählt. Du solltest allerdings aufpassen, mit wem du solche Gedanken teilst; manche könnten sie als Ketzerei auslegen."
„Aber Ihr nicht."
„Nein. Ich überlasse die Moralpredigten den Priestern." Agipor rieb sich die Hände. „Allerdings irrst du dich."
Aeren sah ihn an.
„Manche Leute erheben sich durchaus über den Stand ihrer Geburt. Die Cleveren, die Begabten. Gelegentlich machen wir sogar Adlige aus denen, die herausragende Dienste für die Menschen erbracht haben, für Mahamat. Der Kirche gefällt das natürlich nicht; sie sagen, der Imperator weist jedem seinen zugedachten Platz zu, und Leute darüber zu erheben ist ein Affront gegen seine Heiligkeit. Aber wir sorgen dafür, dass sie fett und abgelenkt bleiben und sich nicht allzu sehr einmischen."
Er grinste und zwinkerte dem Jungen verschwörerisch zu. Jetzt war es an Aeren, verblüfft zu sein. Er fühlte in diesem Augenblick großen Respekt für den Raj: hier war ein Mann, der ernsthaftes Interesse an seinem Volk zu haben schien, und sich dabei sogar über die allmächtige Ekklesiarchie hinwegsetzte; ein würdiger Führer wenn es je einen gegeben hatte. Er ertappte sich bei dem Wunsch, er hätte diesen Mann unter anderen Umständen getroffen.
Er wollte gerade etwas erwidern, doch in diesem Augenblick erhob sich unten ein gewaltiger Jubel, deutlich zu vernehmen selbst durch den Schild, und Raketen stiegen auf und explodierten, und tauchten den dunkler werdenden Himmel in ein Meer aus Farben. Aeren fühlte sich unfreiwillig an die Neujahrsfeiern seiner alten Heimat Macharius erinnert, jetzt so fern und verblasst; an die Menschen, die er gekannt und verloren hatte. Für einen Moment wünschte er, er wäre weit weg, und verfluchte das Schicksal, dass ihn hierher geführt hatte, in diese Situation: drauf und dran, diesen Mann und sein Volk zu verraten, dem es anscheinend so schlecht nicht ging, obwohl sie ein Teil des verdammten Imperiums waren.
Ich könnte es ihm sagen. Ihn warnen. Alles, was passieren wird, verhindern.
In diesem Augenblick wurde das Verlangen, sich von der Bürde seines Verrats zu befreien, übermächtig, und er wandte sich ganz zu Agipor, sich seinen Handlungen nur halb bewusst. Seine Augen waren voller Eindringlichkeit. „Hört zu, mein Lord,..."
In seinem Ohrknopf gab es ein Knacken, das ihn innehalten ließ; dann kam ein weiteres, und ein drittes, jeweils eine Sekunde nacheinander. Aeren fühlte sich zurück in die Gegenwart gerissen, und was immer ihm auf der Zunge gelegen hatte, war wie ausradiert.
„Ja, Aeren. Was gibt es?"
„Wenn ihr mich entschuldigen würdet? Ich muss mal wohin."
Der Raj nickte. „Natürlich."
Aeren wandte dem Geländer den Rücken zu und ging zügig über die Terrasse auf die breite Tür zu. Er warf einen Blick in Cortez' Richtung, den dieser für den Bruchteil einer Sekunde erwiderte; dann war er durch die Tür.
Agipor kehrte an den Tisch zurück. „Dein Sohn ist ein kluger Bursche, Emile."
„Ich weiß. Deshalb habe ich ihn ausgewählt. Worüber habt ihr gesprochen?"
„Ah, über die Stellung des gemeinen Volkes im Gefüge der Gesellschaft."
„Ja, das ist eins seiner Lieblingsthemen. Sein großes Ziel im Leben ist es, das Elend des kleinen Mannes zu lindern."
„Er wäre nicht der erste adlige Jugendliche mit solchen Ambitionen."
„M-hm. Es ist alles genaugenommen ein großer Haufen Scheiße,."
Agipor seufzte. „Also wirklich, du magst ja dem Adel angehören, aber manchmal redest du wie der übelste Ganove."
Ein tiefes Grollen war zu hören, wie ferner Donner. Agipor wandte sich um. In weiter Ferne, jenseits der Grenzen der Hauptstadt, erhob sich eine dünne Säule aus Licht zu einem Punkt hoch am Himmel; an ihrem unteren Ende glomm es orange über den Horizont. Während er noch hinsah, fiel eine weitere Säule herab, an ihrer Spitze eine winzige Sonne, weiß und grell. Als sie nach ein paar Sekunden den Boden erreichte, war das donnernde Geräusch erneut zu hören.
„Was", sagte der Raj, während sich ein Gefühl der Übelkeit seiner bemächtigte.
Minuten zuvor.
Colonel Shriver betrat die Kommandozentrale des 56. Eyllori. Der Raum war leer bis auf zwei Funker, Brevo und Ulfberd, die halbherzig salutierten. Ein rascher Blick über die zahlreichen Bildschirme und Anzeigen offenbarte, dass es an den übrigen Stationen und Außenposten der imperialen Armee auf Mahamat ebenfalls ruhig war. So wie immer. „Guten Abend die Herren. Irgendwas zu berichten?"
Ulfberd schüttelte den Kopf. Brevo tat das gleiche. „Nein, nichts." Sein Blick fiel auf die Uhr, die an einer der kahlen Wände hing. „Außer, dass Zero-Delta-Charly mit ihrer Meldung überfällig sind. Mal wieder."
„Imperator", fluchte Shriver. „Mir reicht es langsam mit Emerssons Verspätungen. Kein Wunder, das man uns in die Provinz geschickt hat, bei dieser Art von Disziplin." Er trat neben Brevo und stützte seine Hände auf die Konsole. „Rufen Sie sie. Und legen Sie sie auf den Lautsprecher."
„Baue die Verbindung auf. Regimentskommando ruft Außenposten Zero-Delta-Charly. Bitte kommen."
Nichts.
„Regimentskommando ruft Außenposten Zero-Delta-Charly. Bitte antworten Sie, Zero-Delta-Charly."
Es kam keine Antwort.
Shriver schüttelte den Kopf. „Das ist ein Skandal. Dafür wird jemand ausgepeitscht."
Brevo versuchte es erneut; und dieses Mal verriet ihnen ein Knistern, dass die Verbindung zustande gekommen war, und ein sanftes Rauschen aus den Lautsprechern füllte den Raum.
„Jaaa?", kam eine tiefe, unvertraute Stimme. Bevor Brevo etwas sagen konnte, griff Shriver nach dem Mikrofon. „Na endlich! Hier spricht Colonel Shriver! Was zur Hölle ist da bei Ihnen los? Wer spricht da? Identifizieren Sie sich!"
Ein paar Sekunden verstrichen, bevor die Stimme erneut zu vernehmen war. „Ich bin Alpharius."
Shriver warf Brevo einen fragenden Blick zu, aber der Sergeant zuckte nur mit den Achseln; er war ebenso ahnungslos wie sein Vorgesetzter, der allmählich die Geduld verlor.
„Hören Sie, Soldat. Ich will Ihren vollen Namen und Dienstgrad. Und dann will ich mit Lieutenant Emersson verbunden werden. Und sagen Sie ihm, sollte er sich entschließen, mich warten zu lassen, werden Sie beide sich binnen drei Schichten vor einem Erschießungskommando wiederfinden."
„Öh, einen Augenblick, ich hol' den Lieutenant."
Shriver atmete hörbar ein. Verspätungen waren eine Sache, aber diese grobe Befehlsverweigerung würde er nicht durchgehen lassen. Es würde auf jeden Fall ein Erschießungskommando geben.
Ein seltsames Geräusch kam aus den Lautsprechern, als würde herumgekramt.
„Äh ja, hören Sie, ich habe den Lieutenant gefunden, aber er ist im Moment unpässlich. Können Sie vielleicht später noch mal anrufen?"
Shriver atmete nun schwer vor mühsam beherrschter Wut, und sein Gesicht hatte ein zorniges Rot angenommen.
„Was. Soll. Das bedeuten?"
„Es bedeutet, der Lieutenant hat gerade ein Loch wo früher mal sein Kopf war. I schätze, man könnte sagen, er stand schon vom Erschießungskommando. Verstehst du? Weil Ich ihn erschossen habe."
Shrivers Blut gefror seinen Adern. Er holte zweimal tief Atem und sah Brevo an. „Rufen Sie den General. Sagen Sie ihm, Searing Light wurde kompromittiert."
Er wandte sich an Ulfberd. „Rufen Sie die anderen Laser. Ich will deren Status wissen."
„Spar' dir die Mühe", kam die Stimme erneut, und Shriver errötete einmal mehr, diesmal aus Scham, weil er es versäumt hatte, die Verbindung zum Feind zu unterbrechen.
„Den Jungs bei den anderen Lasern geht es vermutlich nicht viel besser als Lieutenant Emersson hier. Zumindest hat er noch seinen Körper; das ist eine Menge mehr, als von euch Jungs in ungefähr zehn Sekunden übrig sein wird. Aber keine Sorge, euer General wird das Feuerwerk auf jeden Fall bemerken. Ich bin weg."
Ein weiteres Knacken, und es wurde still im Raum. Die drei Männer sahen sich an, betäubt von dem, was sie da gehört hatten. Shriver schwitzte. „Tun Sie was ich sa-"
Eine gewaltige Explosion erschütterte den Raum und pulverisierte ihre Trommelfelle. Doch bevor sie Zeit hatten, den Schmerz auch nur zu registrieren, drang die Hitze bis zu ihrem Schutzraum vor und äscherte die drei Männer und alles um sie herum auf der Stelle ein.
Zwei Stunden zuvor.
Rasulyah Ghitpam war niedergeschlagen. Sie hatte gehofft, zum Dämmerbierfest auf der Oberfläche zu sein, doch ihr Urlaub war gestrichen worden. Man hatte ihr keinen offiziellen Grund genannt, doch sie vermutete, dass das Officio Medicae etwas damit zu tun hatte. Die Ärzte hatten von Anfang einer Überprüfung der Bountiful Harvest ablehnend gegenübergestanden, und als sie sie dann doch durchgeführt hatten, war herausgekommen, dass es sich bei den Problemen der Besatzung tatsächlich nur um eine einfache Lebensmittelvergiftung gehandelt hatte.
Obwohl ihre Vorgesetzten ihre Aufmerksamkeit gelobt hatten, war das Personal, das mit der Überprüfung beauftragt worden war, nicht annähernd so enthusiastisch gewesen. Jemand musste im Hintergrund die Fäden gezogen haben, um auf diese Weise ein kleines Bisschen Rache an ihr zu üben.
Einen Hoffnungsschimmer gab es allerdings: Captain Lyranes hatte sein Wort gehalten und ihr die Sache nicht übel genommen. Tatsächlich war er just in diesem Augenblick auf dem Weg zu Station Speer, den Laderaum voller Leckereien und Delikatessen. Es war eine alte Tradition: nachdem der Händler seine Geschäfte auf der Oberfläche abgeschlossen hatte, pflegten zwei seiner Landungsschiffe bei ihrer Rückkehr einen Umweg zu machen, und bei den Stationen Speer und Schild einen Zwischenstopp einzulegen. Es würde einen keinen Bazar geben, und das Stationspersonal würde Gelegenheit haben, für ein paar Stunden abzuschalten.
Ghitapam fand Trost in dem Gedanken, dass sie trotz allem ein wenig würde entspannen können, obwohl sie die Festlichkeiten unten verpassen würde. Sie verfolgte den Kurs der beiden Landungsschiffe auf ihrem Bildschirm. Zufällig würden sie die Stationen diesmal nahezu gleichzeitig erreichen; normalerweise lagen zumindest einige Stunden zwischen den Ankünften.
Als der Lander, der auf dem Weg zu Station Speer war, sich bis auf wenig hundert Meter genähert hatte, wurde sie gerufen, und Captain Lyranes erschien auf dem Bildschirm. Er hatte einen Teil seiner alten Vitalität wiedergewonnen, aber nicht sein altes, gemütliches Gewicht. Sie fand, dass er so ziemlich gut aussah.
„Da sind wir, Lieutenant. Erbitte Erlaubnis zum Andocken." Seine Stimme war feierlich.
„Erlaubnis erteilt. Bitte begeben Sie sich zu Dock eins. Es ist alles für den Bazar vorbereitet. Ich bin in einer Minute unten."
Er lächelte sie schief an. „Ich freue mich darauf, Sie persönlich wiederzusehen."
„Geht mir auch so. Ich hoffe, Sie haben uns viele schöne Dinge mitgebracht, Captain."
Ein seltsamer Ausdruck erschien auf dem Gesicht des Captains, einer, den sie nicht so recht zu deuten wusste.
„Ja. Wir sehen uns gleich, Lieutenant."
Ghitapam erhob sich von ihrem Stuhl und strich ihre Uniform glatt. Was war das? Der Captain war ungewöhnlich kurz angebunden gewesen. Vielleicht war er doch noch sauer auf sie. Sie war froh, dass sie sich die Mühe gemacht hatte, sich mit dem letzten Versorgungsflug eine Flasche alten Brandys liefern zu lassen. Wenn er die Flasche sieht, wird er mir um den Hals fallen. Grinsend trat sie in den Turbolift.
Der Lift erreichte sein Ziel, und die Türen öffneten sich. Es war still in dem breiten Korridor, und kurze Blicke in beide Richtungen verrieten ihr, dass sie allein war. Sie wandte sich nach links; etwa zwei dutzend Meter vor ihr auf der rechten Seite öffnete sich das große Tor zum Dock eins. Sie näherte sich ihm, die Flasche in der Hand, und mit beschwingtem Schritt.
Ein menschlicher Körper flog aus der Öffnung und schlug mit entsetzlicher Gewalt in die gegenüberliegende Wand ein; Ghitapam blieb wie angewurzelt stehen. Schwere Schritte drangen an ihr Ohr, und ein gepanzerter Riese erschien im Gang: ein Astartes, leicht zweieinhalb Meter groß in seiner grotesken Rüstung, violett mit goldenen Besätzen. In seiner Hand trug er ein riesiges Schwert, knisternd vor Energie. Ohne darüber nachzudenken, zog sie sich in die Nische zurück, in der der Lift untergebracht war, und lehnte sich betäubt gegen die Ecke. Schock und Entsetzten überrollten sie. „Thron", hauchte sie.
Ein Bolter krachte, und die Wand hinter ihr explodierte; sie wurde zu Boden geworfen, und Tropfen rotglühenden Metalls brannten sich in ihren Rücken. Die Flasche, die sie immer noch festhielt, zerschellte unter ihr, und die Splitter schnitten sie in die Hand und ihren Schenkel. Sie fühlte, wie brennender Schmerz sie erfüllte; sie schrie. Erneut waren die Schritte zu hören, die nun rasch näherkamen. Von Adrenalin gepeitscht, rollte sie sich auf den Rücken und zog ihre Pistole aus dem Halfter.
Der Riese stürmte um die Ecke, und der Gestank von Blut und Ozon stach ihr in die Nase. Sie konnte nur einen Schuss abgeben, der an der Brust der Kriegers abprallte. Dieser schwang das Schwert. Die Klinge berührte ihren Arm oberhalb des Handgelenks, und glitt mühelos durch Fleisch und Knochen, fast liebkosend wie eine sanfte Brise; ihre Hand wurde sauber abgetrennt und wirbelte davon, während die energetische Hülle des Schwertes augenblicklich den Stumpf kauterisierte. Heiße, animalische Furcht packte sie, und sie versuchte, von ihrem Feind wegzurutschen; doch der Riese trat ihr hart auf den Fuß und zermalmte ihn, was sie auf der Stelle fixierte. Sie schrie erneut, den Namen des Imperators auf den Lippen.
Der Riese hielt inne. „Er kann dich nicht hören, Lieutenant." Die goldene Maske seines Helms war in der Form eines ehrwürdigen, ausdruckslosen Gesichtes gehalten, und seine Stimme war weich und angenehm, in seltsamen Widerspruch zu seiner entsetzlichen Natur.
Ghitapam antwortete nicht. Der Schmerz überwältigte sie, und sie verlor das Bewusstsein.
„Wach' auf, Lieutenant." Sie erwachte, und eine grausame Dosis Adrenalin trieb ihr Herz zu einem Galopp an. Der nächste Eindruck war die Rückkehr der Schmerzen, und sie stöhnte. Dann erkannte sie, dass sie wieder auf der Brücke war. Bolterfeuer war in der Nähe zu hören, beantwortet von Autokanonen und Lasern. Der Riese hockte neben ihr und zog die Nadel einer Spritze aus ihrem Arm. Er hatte seinen Helm abgelegt, und sie sah vor sich das schönste Gesicht, das sie je gesehen hatte, und nicht einmal die Muster aus Narben, die es überzogen, konnten diesen Eindruck mindern. Eine Kaskade schwarzen Haares, von der Enge des Helms befreit, fiel ihm über die gepanzerte Brust. Goldene Augen, dachte sie und schluckte.
„Wer seid ihr? Was wollt Ihr?", fragte sie ihn.
„Mein Name ist Endymion. Ich bin gekommen, um deine Station zu besetzen."
„Warum bin ich noch am Leben?"
„Ich brauche die Zugangscodes für den Zentralcomputer der Station, und wenn mich nicht alles täuscht, bist du ein Mitglied des Kommandostabs."
„Fick dich!", spuckte sie ihm entgegen.
Er lachte leise. „Ich wusste, dass du das sagen würdest." Er förderte ein langes, dünnes Messer aus den Tiefen seiner Rüstung zu Tage. Er drehte es hierhin und dorthin, und das Licht schimmerte bedrohlich auf der Klinge.
„Na schön. Dann wollen wir mal sehen, was in dir steckt."
