18: Feuertaufe
Die Oberfläche, vor ein paar Minuten.
Als Cortez das Signal in seinem Ohrknopf hörte, fluchte er innerlich. Das ist ja mal ein beschissenes Timing.
Aeren beendete seine Unterhaltung mit Agipor und ging an ihm vorbei.
„Wo gehst du hin?"
„Nur auf die Toilette. Ich bin sofort wieder da."
Ich hoffe, du lässt mich hier nicht hängen, Junge.
Cortez' Augen folgte dem Jungen, als er die Tür durchschritt; er hatte ausgesehen, als wäre er kurz davor, sich zu übergeben. Cortez nahm ihm das nicht übel; ihm selbst ging es kaum besser. Obwohl er im Laufe seines Lebens an einigen Scharmützeln teilgenommen hatte, war er im Grunde seines Herzens kein Krieger. Die Aussicht, den Kopf weggeblasen zu bekommen erschien ihm nicht sonderlich einladend; nicht, wenn es so viel bequemere und sicherere Wege gab, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Errakes Sklavenmeister zu sein war gar nicht so schlecht, da in dieser Position die Gewehre in der Regel ausschließlich auf seiner Seite waren. Und wenn es mal brenzlig wurde, hatte er immer noch seine verlässlichen Raufbolde, um die Drecksarbeit zu erledigen. Aber als sein Gebieter ihm seine Rolle im Plan zur Eroberung Mahamats dargelegt hatte, war ihm nichts übriggeblieben als zuzustimmen; einem Astartes schlug man nichts aus.
Aber in diesem Moment wünschte Cortez, er wäre irgendwo anders. Diese Situation konnte sehr schnell sehr schlecht ausgehen: acht Wachen der Rajai waren anwesend, zwei Leute mehr, als er selbst dabei hatte, und es gab auf der Terrasse keine Deckung. Zumindest stehen wir nicht komplett nackt da. Glücklicherweise schienen die Regenten selbst unbewaffnet zu sein. Aber ich wette, sie haben vergiftete Ringe. Er knirschte mit den Zähnen, und versuchte, sich so etwas wie einen Schlachtplan zurechtzulegen.
Agipor kehrte zum Tisch zurück und legte seine Hände auf die Rückenlehne seines Stuhls. „Dein Sohn ist ein kluger Bursche, Emile."
Cortez, darum bemüht, seine Gedanken zu ordnen, nickte. „Ich weiß. Deshalb habe ich ihn ausgewählt. Worüber habt ihr gesprochen?"
„Ah, über die Stellung des gemeinen Volkes im Gefüge der Gesellschaft."
Was zur Hölle, Bursche. Das ist wohl kaum der richtige Zeitpunkt. Oder der richtige Ort.
„Ja, das ist eins seiner Lieblingsthemen. Sein großes Ziel im Leben ist es, das Elend des kleinen Mannes zu lindern."
„Er wäre nicht der erste adlige Jugendliche mit solchen Ambitionen."
Was zur Hölle mach' ich nur?
„M-hm. Es ist alles genaugenommen ein großer Haufen Scheiße,."
Agipor seufzte. „Also wirklich, du magst ja dem Adel angehören, aber manchmal redest du wie der übelste Ganove."
Du hast ja keine Ahnung.
In der Ferne war Donner zu hören. Oder zumindest konnte man das Geräusch dafür halten, wenn man es nicht besser wusste; aber Cortez wusste es besser. Warp, du verschwendest wirklich keine Zeit, Errake.
Agipor wandte sich um. Cortez hörte sein entgeistertes „was", und wusste, dass er handeln musste.
Na gut, nützt ja nichts.
Er stand auf und zog im gleichen Atemzug seine Pistolen. Eine richtete er auf Agipor, die andere auf Myridna.
„Na schön, machen wir die Sache nicht schlimmer als sie unbedingt sein muss. Sagte euren Leuten, sie sollen ihre Waffen fallen lassen, und vielleicht kommen wir alle lebend hier raus."
Er hörte die alarmierten Stimmen der Wachen, und seine 'Leibwächter', die an einem Tisch in Cortez' Rücken saßen, machten sich ebenfalls kampfbereit. Sofort war die Luft erfüllt mit Geschrei und Beschimpfungen.
Agipor antwortete nicht, und Cortez begann zu schwitzen.
„SAGT ES IHNEN!"
Es war Myridna, die antwortete, mit einem einzigen Wort. „Agni."
Cortez sah sie an. „Was-"
Er hörte ein trockenes Platzen von irgendwo vor ihm, das einen Sekundenbruchteil später von einem lauten Knall direkt vor seinem Gesicht übertönt wurde, begleitet von einem blendenden Blitz. Er fühlte sich emporgehoben, und nachdem er für eine gefühlt sehr lange Zeit in der Luft gehangen hatte, schlug er mit Sternen vor den Augen auf dem Boden auf.
Für Aeren schien sich die Zeit zu verlangsamen. Er stand mit rasendem Herzen im Vorraum der Terrasse, als die Sache anfing schief zu gehen. Er sah, wie Cortez seine Waffen auf die Regenten richtete, und hörte, wie sich die Wachen und seine Gefährten gegenseitig anschrieen. Dann blitzte plötzlich Cortez' Schutzschild auf, und Cortez selbst wurde zu Boden geworfen. Im gleichen Augenblick erfüllte das Krachen von Lasergewehren die Luft, das sofort von Schmerzensschreien beantwortet wurde.
Aeren hockte sich hinter die Türschwelle und spähte nach rechts, wo gerade die letzten seiner Gruppe zu Boden gingen. Doch es waren nicht nur die Wachen, die auf sie feuerten; einer von ihnen war nach vorne gefallen, sein Kopf zu einer blutigen Ruine reduziert. Noch immer schlugen dort Schüsse ein, kinetische, die von außerhalb der Terrasse kamen und rissige Löcher in den Plastikschild stanzten.
Scharfschützen, dachte Aeren. Scheiße. Er verbarg sich, an die Wand gelehnt. Ich habe keine Chance, damit fertig zu werden. Was soll ich tun? Die Astartes können uns auch nicht helfen, es sei denn, die auf der Deimos würden Landungskapseln einsetzen. Warte. Die Deimos.
Er tippte auf den Knopf in seinem Ohr. „Deimos, hier spricht Aeren, bitte kommen." Er musste ein paar Sekunden warten, dann hörte er Errakes Stimme. „Deimos hier." Aeren war froh, dass der Astartes nicht wertvolle Zeit damit verschwendete, nach seinem Status zu fragen. „Wir stecken hier ziemlich in der Klemme, Scharfschützen schießen auf uns. Bitte nehmt sie unter Feuer." Er musste erneut ein paar Sekunden warten.
„Wie ist eure Position?"
„Hotel Munroe auf der östlichen Seite des zentralen Platzes in der Hauptstadt."
Erneut verstrichen Momente.
„Wir sehen sie. Orbitalschlag steht bevor. Und ich schicke das Außenteam zu euch."
„Spitze. Danke. Aeren Ende."
Es war jetzt still draußen; so plötzlich der Kampf begonnen hatte, so schnell war er auch wieder vorbei gewesen. Er warf einen raschen Blick hinaus, und sah, dass Agipor und Myridna miteinander sprachen. Cortez lag auf dem Bauch. Seine Hände waren auf dem Rücken gefesselt, und zwei Wachen standen über ihm. Er hörte Schritte, die näherkamen, und warf sich rasch unter eins der Sofas, die im Raum standen.
Sein Herz klopfte so laut in seinen Ohren, dass er sich sicher war, man würde ihn finden. Drei Wachen kamen herein, die Gewehre im Anschlag. Es kam ihnen nicht in den Sinn, unter den Sofas nachzusehen, und anscheinend konnten sie auch sein Herzklopfen nicht hören. „Meinst du, er ist noch auf der Toilette?", fragte einer von ihnen. „Keine Ahnung. Überprüf' den Korridor."
In diesem Augenblick wurde die Nacht wieder zum Tage.
Die Rajai hatten Scharfschützen auf zwei Gebäuden platziert; eins nördlich, eins südlich vom Hotel. Beide wurden getroffen; beide wurden ausgelöscht. Die verwendeten Sprengköpfe waren eher klein, recht zurückhaltend für orbitale Waffen. Trotzdem ließ die Gewalt ihrer kombinierten Einschläge den Himmel grellweiß erstrahlen. Die Schockwelle zerstörte Fensterscheiben in einem Radius von einem Kilometer; sie zerstörte auch die Plastikkuppel um die Terrasse und schleuderte alle, die noch standen, durch die Luft.
Die Welt versank in Licht und ohrenbetäubendem Lärm. Brennende Trümmer regneten auf den Platz hinunter und töteten tausende. Hoch oben aber, in einem der oberen Stockwerke von Hotel Munroe, erhob sich ein dreizehnjähriger Junge aus seinem Versteck, ein Messer in der Hand und Mord im Sinn.
Aeren tötete zuerst die drei Wachen, die nach ihm gesucht hatten. Nur einer von ihnen war auch nur bei Bewusstsein. Der Junge stach ihm durch die Wirbelsäule, und der Mann fand sein zuckendes Ende. Aeren nahm sein Gewehr und tötete damit die beiden übrigen; beide schoss er einmal in die Brust, einmal in den Kopf.
Als er nach draußen trat, war er schockiert; so sehr hatte sich die Szenerie verändert. Die friedliche Nacht war zu einem Pandämonium geworden. Zu beiden Seiten standen die brennenden Gerippe der zerstörten Wolkenkratzer, und die Hitze, die von diesen Schmelzöfen ausging, trieb Aeren selbst über mehrere hundert Meter Entfernung den Schweiß auf die Stirn. Ein mächtiger, turbulenter Wind, teilweise der Höhe geschuldet, teilweise den Feuern, rissen an Aerens Kleidung und seinen Haaren.
Die Terrasse selbst war mit den Überresten des Schildes übersät; tausende stumpfer Scherben, teilweise durch die zerstörerischen Kräfte weiß verfärbt.
Aeren wusste nicht, wie lange er dort gestanden hatte, wie hypnotisiert von dem schieren, überwältigenden Chaos, als er eine Bewegung zu seiner Rechten wahrnahm. Das ließ ihn aus seiner Starre erwachen; zumindest lange genug, um seine Aufgabe zu vollenden.
Mechanisch tötete er die verbleibenden Wachen, während er sich die ganze Zeit vorkam, als ginge er durch Gelatine. Geräusche drangen nur sehr gedämpft zu ihm durch, was die surreale Atmosphäre noch verstärkte.
Nachdem sein blutiges Werk vollbracht war, ging er rüber zu Cortez, und schnitt seine Fesseln durch; dann zog er den älteren Mann auf die Füße. Dieser sah sich um, nicht weniger betäubt als Aeren. Ihr Blick fiel auf die Rajai, die langsam wieder zu sich kamen. Cortez sammelte seine Waffen auf und bedeutete den beiden, vorauszugehen. Vielleicht waren auch sie von dem Chaos um sie herum betäubt, geschlagen von diesem Inferno, in das ein gnadenloser Feind sie gestürzt hatte; oder vielleicht waren es auch Aerens leerer Blick und seine blutigen Hände, die sie gehorchen ließen. So oder so, dieses Mal fügten sie sich.
Cortez sagte etwas zu Aeren. Der Junge, dessen Gehör noch immer nicht vollständig wiederhergestellt war, konnte sich nichtsdestotrotz vorstellen, um was es ging: verschwinden wir von hier.
