19: Schuld
Es war still auf der Etage, und sie trafen niemanden, während sich einen Weg durch die Korridore bahnten. Sie fanden eine leere Lounge und ließen sich dort nieder, um auf die Ankunft der Astartes zu warten. Die Geiseln wurden auf eines der luxuriösen Sofas gesetzt. Myridna hielt sich aufrecht und starrte mit einem leeren Gesichtsausdruck in die Luft. Agipor saß vornüber gebeugt und stützte seine Ellenbogen auf die Knie. Seine Hände waren gefaltet, und er sah bestürzt aus.
Cortez ging zu der üppig ausgestatteten Bar. Direkt aus den Flaschen trinkend, probierte er verschiedene Spirituosen, bevor eine seine Zustimmung fand. Er füllte vier Gläser und stellte zwei davon auf den niedrigen Tisch vor Agipor und Myridna; eines reichte er Aeren, der es ohne große Begeisterung annahm, und das letzte behielt er selbst. Dann ließ er sich gegenüber den beiden nieder.
Er sammelte seine Gedanken einen Moment, während er seinen Drink schwenkte und ein paar mal daran nippte.
„Also", sagte er schließlich, „kommen wir direkt zur Sache. Wie ihr euch sicher denken könnt, haben wir euch aus einem bestimmten Grund am Leben gelassen. Euer weiteres Überleben wird allerdings sehr stark davon abhängen, wie ihr euch in den nächsten Stunden verhaltet. Was uns zum ersten Problem bringt: so eiskalt, wie Ihr beiden während der Schießerei eben wart, schätze ich, dass Ihr auch mit Schutzschilden ausgestattet seid. Ich will, dass Ihr sie ablegt, und zwar jetzt."
Agipor erhob sich, ohne Cortez anzusehen. Er zog seine Jacke aus und hob sein Hemd, unter dem ein Apparat zum Vorschein kam, der sich wie ein Gürtel um seinen Bauch wand. Während er diesen ablegte, sah Cortez zu Myridna. „Das gilt auch für euch, Herrin."
Sie starrte ihn mit einer Mischung aus Furcht und Trotz an. „Er ist in den Stoff meines Kleides integriert."
„Und? Dann zieht halt das Kleid aus."
„Das ist nicht dein Ernst", warf Agipor ein.
„Seh' ich so aus, als würde ich Witze machen? Vielleicht habe ich mich nicht klar ausgedrückt. Wenn Ihr am Leben bleiben wollt, werdet ihr das tun, was ich sage, wenn ich es sage. Und jetzt zieht das verdammte Kleid aus, oder ich lasse es den Jungen runter schneiden."
Er deutete auf einige Esstische, die nahebei standen. „Ihr könnt euch eine Tischdecke umlegen. Und legt auch Euren Schmuck ab, wenn Ihr gerade dabei seid. Du auch, Agipor."
Myridna stand auf, und ging rüber zu dem Tisch. Sie legte ihre Ringe und ihre Halskette auf einen Stuhl, und dann streifte sie die Träger ihres Kleides von ihren Schultern. Die lilafarbene Seide fiel zu Boden, was ihr Kleidung auf ihre Schuhe und einen seidenen Slip reduzierte. Sie legte sich die Tischdecke um die Schultern und kehrte zu ihrem Platz zurück.
Cortez nickte. „Gut. Also, unsere Verbündeten werden bald hier sein. Das gibt uns noch etwas Zeit zum Reden. Ich denke, Ihr habt Fragen."
Myridna sah ihn, ihr Blick kalt und hart wie Eis.
„Was genau ist es, dass Ihr hier zu erreichen hofft?"
„Ich dachte, das wäre klar. Ihr werdet erobert."
„Dann gehört Ihr zu den… zu den Apostaten."
„Lasst uns nicht um den heißen Brei herumreden, Herrin. Wir sind hier im Auftrag des Chaos."
Myridna schnappte nach Luft. Die Mächte des Chaos waren, für diejenigen, die von ihnen wussten, eine Bedrohung von geradezu mythischen Ausmaßen; ein Schreckgespenst, dass jenseits des Lichtes des Imperators lauerte, und das ihre dunkelsten Alpträume heimsuchte. Die verderbenden Mächte anzurufen, bedeutete nichts Geringeres, als den Verlust der eigenen Seele, und damit ewige Verdammnis. Diese Aussichten verfehlten es nicht, sie einzuschüchtern, und sie erschütterten sie bis auf den Grund ihres Wesens.
So schnell ihre Fassade gefallen war, so schnell fasste sie sich wieder.
„Was wollt Ihr von uns?"
„Ich, persönlich? Nichts weiter, und das gleiche gilt für meinen Herrn. Ihr und ich und Eure kleine Welt spielen nur kleine Rollen in den Plänen höherer Wesen. Na ja, vielleicht nicht höher, aber mächtiger zumindest."
„Euch muss doch klar sein, dass Ihr damit nicht durchkommen werdet. Es gibt hier ein großes Aufgebot der imperialen Armee."
„Und auf was, glaubt Ihr, waren diese Orbitalschläge gerichtet? Nein, Herrin, Eure Armee ist Geschichte. Eure einzig verbleibende Verteidigung sind die Kräfte, die sich jetzt gerade in der Hauptstadt befinden. Und die Astartes sind mehr als genug, um damit fertig zu werden."
„Ihr wisst, dass das Imperium weitere Truppen senden wird, wenn sie erfahren, was hier geschehen ist."
Cortez schüttelte den Kopf. Sein Gesicht war ernst. „Ihr irrt euch. Das Imperium wird bald sehr viel größere Probleme haben als den Verlust eines kleinen Planeten am Arsch der Galaxis."
Myridnas Augen verengten sich einen Moment zu Schlitzen, als sie versuchte, diese neue Information zu interpretieren; doch sie entschied, dass dies würde warten müssen.
„Ich schätze, dann bleibt nur die Frage, was Ihr von uns wollt; ich meine von meinem Mann und mir. Ihr sagtet vorhin, es gebe einen Grund, um uns am Leben zu lassen."
„Das ist die entscheidende Frage." Cortez lehnte sich zurück und breitete seine Arme auf der Rückenlehne des Sofas aus.
„Ihr habt recht. Wir haben noch Verwendung für Euch. Tatsächlich habt ihr beiden die Chance, ziemlich unbeschadet aus dieser Sache herauskommen."
„In den kommenden Stunden werdet Ihr natürlich unsere Geiseln sein, bis wir unsere Position gefestigt haben. Wenn das geschehen ist, werdet Ihr die Gelegenheit erhalten, Euch zu retten, Eure Familie, und sogar den Großteil eures Reichtums und eurer Macht; Hölle, sogar Eure Seidenschlüpfer. Wie gesagt, ob es dazu kommt, hängt davon ab, ob Ihr die richtigen Entscheidungen trefft."
Myridna ließ sich nichts anmerken. „Fahrt fort."
Cortez lehnte sich vor, ein verschlagenes Grinsen auf dem Gesicht. „Helft uns."
Er gab ihnen einen Moment, um diese Aufforderung sacken zu lassen.
„Wie schon gesagt, wir sind hier um Euch zu erobern, und das könnt Ihr an diesem Punkt nicht mehr verhindern; unser Sieg ist unabwendbar. Es muss aber kein militärischer sein. Mein Gebieter ist mehr als bereit, sich auf politische Kriegsführung zu beschränken."
„'Politische Kriegsführung'?"
„Propaganda. Umerziehung der Bevölkerung. Das Ausschalten von Abweichlern. So was in der Art. Für Euch heißt das, Ihr könnt euer Leben so weiterführen wie bisher; quasi das Einzige, was sich ändert, ist, worauf ihr am Neujahrsabend anstoßt."
Myridna schnaubte. „Macht Euch bitte nicht über mich lustig. Ihr wisst ebenso wie ich, dass mehr dahinter steckt."
Cortez zuckte mit den Schultern. „Ich gebe zu, das war etwas zu einfach dargestellt. Natürlich wird die Regierung etwas umgebaut werden müssen, und vermutlich wird es etwas Unruhe in der Bevölkerung geben. Aber keine Sorge, wir haben Spezialisten für solche Sachen, und die machen das schon eine lange Zeit; jedenfalls nach dem was man hört."
„Was Euch jetzt beschäftigen sollte, ist, dass Ihr Euch am Ende durchaus wieder obenauf wiederfinden könnt, wenn Ihr Eure Karten richtig ausspielt; oder fast obenauf jedenfalls."
„Selbstverständlich funktioniert dass das alles nur, wenn Ihr zu hundert Prozent mit uns zusammenarbeitet. Solltet Ihr, zu irgendeinem Zeitpunkt, irgendwelche krummen Dinger versuchen, verfällt diese Gelegenheit sofort. Ihr beide werdet sterben, und Eure Kinder werden versklavt, und alles erleiden, was das das Schicksal eines Sklaven bereithält. Eure kostbare Dynastie wird enden, und ihr Name wird nur eine Fußnote in den Annalen des Imperiums sein."
Myridna runzelte die Stirn. „Also dürfen wir zwischen Tod und Ketzerei wählen."
Cortez zuckte erneut mit den Schultern. „Im Gegensatz zu dem, was die Ekklesiarchie Euch erzählt, ist es nicht so schlimm, ein Ketzer zu sein. Aber Ihr könnt auch natürlich auch immer noch dazu entscheiden, lieber tote Märtyrer zu sein."
Myridna und Agipor blickten einander für einen Moment an. Dann atmete die Regentin langsam aus. „Es bleibt uns ja nicht viel übrig."
Cortez hob ein drittes Mal die Schultern. „Nicht, wenn Ihr überleben wollt."
Aeren folgte dieser Unterhaltung nur mit einem Ohr. Obwohl sein Gehör mit jeder Minute wieder besser wurde, schmerzten seine Ohren noch immer heftig. Aber das war nicht der Grund, aus dem er geistig abwesend war. Was seine Gedanken fesselte, war die Szenerie, die sie vor ein paar Minuten verlassen hatten: das Bild absoluter Zerstörung, dass er von der Terrasse aus gesehen hatte.
Ich habe das getan, dachte er. Ich meine, Errake hat gefeuert, aber ich habe ihn dazu gebracht. Nur ein kurzes Gespräch, und Bäm! Sofortiges Inferno. Ist das Krieg? Ist das die Macht, die wir besitzen? Die ich besitze? Ich habe noch nie so etwas erlebt. Es war, nein, ist ehrfurchtgebietend. Diese riesigen Gebäude, in einem Augenblick vernichtet
Es war in diesem Augenblick, dass ihn ihn eine weit dunklere Erkenntnis traf. Sie umschloss seine Eingeweide wie die kalte Klaue eines Dämons und infizierte sie mit Übelkeit.
Wie viele sind gestorben? Wie viele Unschuldige?
Für einen Moment war sein Geist in Aufruhr; eine formlose, brodelnde Masse, die kurz davor schien, seinen Schädel zu sprengen und mit wütender Gewalt daraus hervorzubrechen.
Dann kam ihm ein neuer Gedanke, ein dünner Faden, an dem er sich aus der See der Schuld ziehen konnte, die in seinem Kopf toste.
Ich hatte keine Ahnung, dass es so schlimm sein würde. Ich dachte, sie töten nur die Scharfschützen. Ich hatte keine Ahnung von den Folgen.
Errake. Errake muss es gewusst haben, und trotzdem hat er es getan, ohne einen Moment des Zögerns. Wie konnte er das tun? Wieso hat er mich nicht gewarnt?
Doch dann erinnerte er sich an eine von Errakes Lektionen.
Du hast eine Schwäche in dir, hatte der alte Astartes gesagt, und diese Schwäche ist Mitgefühl. Sie steht einem Krieger nicht an, und deine Feinde werden sie nicht teilen. Wenn Mitgefühl dich zögern lässt, wird dich jemand töten, und nicht erst in ferner Zukunft.
Du musst in der Lage sein, zu töten, ohne darüber nachzudenken. Ganz egal, wer es ist, der vor dir steht, sei es ein Mann, eine Frau oder ein Kind. Wenn sie zwischen dir und deinem Ziel stehen, sind sie nur Hindernisse, nichts weiter. Gewähre ihnen keine Gnade, oder Mitgefühl. Beachte sie gar nicht. Lass dein Ziel das Einzige sein, was deinen Verstand beherrscht, und zerschmettere alles, was sich dir in den Weg stellt. Nur dann wirst du ein wahrer Krieger sein.
Der Junge nickte. Deshalb hat er nichts gesagt. Es ist wirklich offensichtlich, wenn man darüber nachdenkt: es ist ihm egal. Sie waren nur 'Hindernisse' auf dem Weg zum Sieg. Nein, nicht mal das; nur Kollateralschaden, unbedeutend. Sie waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Sie spielten bei seinen Überlegungen überhaupt keine Rolle.
Erst in diesem Augenblick verstand er das Ausmaß dessen, was Errake gesagt hatte. 'Töte ohne zu zögern.' Und für ihn spielt es keine Rolle, ob er einen Menschen tötet oder eine Million; die Menge ist unwichtig, nur das Ergebnis zählt.
Er atmete schwer aus und lehnte sich auf dem Sofa zurück, während er sich Schweiß und Blut von der Stirn wischte.
Werde ich auch so werden? Viel wichtiger, will ich überhaupt so werden?
Aber habe ich nicht vorhin schon den ersten Schritt in diese Richtung gemacht? Ich wurde mit einem Problem konfrontiert und habe eine Lösung gefunden, schnell und effizient. Ich wette, Errake ist gerade mächtig stolz auf mich. Oder er wäre es, wenn er denn fühlen könnte.
Er verspürte den Drang, sich jemandem mitzuteilen, seine Gedanken und Zweifel darzulegen. Er sah rüber zu Cortez, der noch immer mit den Rajai sprach. Nicht hier, und nicht jetzt. Später. Später.
Ein wenig später wurden sie von den Astartes abgeholt, die die Geiseln komplett zu ignorieren schienen. Aeren kannte sie bis zu einem gewissen Grad, da er sie in der Planungsphase vor der Mission getroffen hatte; allerdings war es schwer, sie in ihren nichtssagenden imperialen Rüstungen zu unterscheiden, zumal ihre Stimmen durch die Lautsprecher ihrer Helme verzerrt wurden.
Sie waren nur auf leichten Widerstand gestoßen; nur die Wachen, die sich im Hotel befunden hatten. Anscheinend gab es eine kleine Einheit der imperialen Armee außerhalb der Stadt; doch die befand sich noch in der Mobilmachung.
„Wohin gehen wir?", fragte Aeren sie.
„Zum Palast", antwortete Cortez. „Er bietet eine gute Übersicht über die umliegende Gegend, und er hat die Berge im Rücken. Und es gibt dort eine Landezone für VTOLs, sollte ein schneller Rückzug nötig sein."
In der Garage unterhalb des Hotels fanden sie den Transporter, mit dem die Astartes angekommen waren. Die Ausfahrt öffnete sich auf eine Straße, die von dem großen Platz wegführte, der sich zu ihrer Linken befand. Die Luft war voller Rauch, und nur ein diffuses oranges Leuchten deutete auf das Inferno hin, das dort immer noch wütete. Geräusche waren ebenfalls gedämpft, ein lautes Murmeln, durchschnitten von den kakophonischen Sirenen der Krankenwagen, die an ihnen vorbeirasten. Davon abgesehen sahen sie nur wenige Leute auf den breiten Straßen; die Menschenmassen waren vom plötzlichen Einbruch des Krieges zerstreut worden. Es dauerte nicht lange, bis sie die Stadtgrenzen ungehindert passierten.
Captain Uthair Lyranes fühlte sich elend. Er ging durch die Korridore von Station Speer, und obwohl er nicht unmittelbar in Gefahr war, fühlte er sich wie ein Mann auf dem Weg zu seiner eigenen Hinrichtung. Er war schwach auf den Beinen, und mehr als einmal musste er sich an einer Wand abstützen. Wo auch immer er hinkam, fand er Spuren der kürzlich beendeten Kampfhandlungen. Die Astartes hatten schnell zugeschlagen, und mit brutaler Effizienz. Vielerorts wiesen die Wände verbrannte Stellen auf, und mehr als einmal sah er Stellen, an denen Blut und Überreste die Wände und Decken wie furchtbare, morbide Gemälden überzogen. Er hatte die Leichenberge im Frachtraum gesehen, hastig übereinander geworfen von den entsetzten Arbeitern, die von ihren erbarmungslosen Aufsehern zur Eile angetrieben wurden. So weit er wusste, waren sie immer noch damit beschäftigt, die Toten ins All zu befördern. Die Astartes hatten nicht viele verschont; ihr Blutdurst war nicht einfach zu stillen.
Sein Kopf war schwer, gefüllt mit einem unaufhörlichen Summen. Doch tief darunter verborgen saß ein Gedanke, ein entsetzliches Bewusstsein: Ich habe das ermöglicht.
Jedes Einschussloch, jeder Blutfleck, jede herumliegende Patronenhülse schien ihn anzuschreien: Es ist deine Schuld!
Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis er die Krankenstation erreichte. Nur ein Bett war belegt, und eine neue Welle des Schreckens erfasste ihn, als er sich das Krankenblatt am Fußende ansah und erkannte, dass er tatsächlich vor Lieutenant Ghitapam stand. Sie war von Kopf bis Fuß bandagiert, und an vielen Stellen waren die Verbände mit großen, braunen Blutflecken durchtränkt; einer bedeckte große Teile ihres verborgenen Gesichtes. Es machte ihn krank, zu sehen, dass nicht nur ihre rechte Hand fehlte, sondern dass zudem keine Wölbung in der Bettdecke zu sehen war, wo ihr rechter Fuß hätte sein sollen.
„Thron, Lieutenant. Was haben die mit Ihnen gemacht?", murmelte er, ohne eine Antwort zu erhalten. Neben ihr stand ein Tropf, und der Schlauch verschwand zwischen den Verbänden, die ihren rechten Arm verhüllten. Er vermutete, dass sie ohnmächtig war, vollgepumpt mit Schmerzmitteln; ein Umstand, für den er insgeheim dankbar war. Er glaubte nicht, dass er es hätte ertragen können, wenn sie ihn angeklagt und damit seine Qual noch vergrößert hätte, die bereits so schwer auf ihm lastete.
Er fand einen kalten Metallstuhl und setzte sich vor das Bett, wobei er viel Platz zwischen ihnen ließ; es erschien ihm nicht angemessen, sich weiter zu nähern, als ob er ihr damit zu nahe kommen würde in diesem Zustand höchster Verwundbarkeit; zumindest war es das, was er sich selbst einredete. Doch vielleicht hatte er auch einfach nur Angst; Angst, seine Barrieren nicht aufrecht halten zu können und selbst verwundbar zu werden.
Er stützte seine Ellenbogen auf seine Knie und sammelte sich. „Ich traf sie auf Anabheta. Sie sagten, sie wären auf der Suche nach einem Schiff, dass sie nach Mahamat bringt. Sie selbst und ihre Ladung. Sie schienen anständig zu sein, und bezahlten gut, also sagte ich ja. Wie hätte ich es wissen sollen?"
„Wir waren drei Tage unterwegs, schon im Warp, als sie das Schiff übernahmen. Wie sich herausstellte, bestand ihre Ladung aus Astartes. Abtrünnigen Astartes. Sie töten ein paar Mitglieder der Crew: DaHaugn, Willis, Namara, Hederson. Hederson. Verdammt noch mal. Sie hatte gerade erst ihr Kind bekommen."
An diesem Punkt drohte seine Barriere einzustürzen, und ein Schluchzen stieg aus der Tiefe seiner Brust auf und schnürte ihm die Kehle zu. Er atmete schwer und wischte sich Tränen aus den Augen.
„Wie dem auch sei, sie sagten, ich solle etwas für sie tun. Sollte sie nach Mahamat schmuggeln. Sie sagten, wenn ich es nicht tue, töten sie meine Familie vor meinen Augen. Das war meine Wahl: ein Ketzer zu werden oder meine Familie sterben zu sehen."
Er schüttelte den Kopf. „So eine Wahl sollte niemand je treffen müssen." Er atmete erneut tief ein.
„Ein… stärkerer Mann, oder ein frommerer, hätte vielleicht anders entschieden. Rückblickend erscheint es sicherlich als das geringere Übel; mich und meine Familie zu opfern. Vielleicht hätten unsere Seelen dann gerettet werden können. Doch… ich war schwach. Ich wählte das Leben, und die Ketzerei. Ich brachte sie zu Ihrer Türschwelle. Ich brachte all diesen Tod. Ich bin für all das verantwortlich."
Er schwieg für eine Weile. „Und jetzt kann ich nicht anders, als über den Tod nachzudenken; meinen eigenen, meine ich. Was wird geschehen, wenn ich eines Tages vor dem goldenen Thron stehe, um mein Urteil zu empfangen? Was könnte ich sagen? Nichts, der Imperator wird ohnehin alles wissen, was es zu wissen gibt. Ich bete, dass er wenigsten Indira und meinen Kindern gnädig sein wird."
„Ich weiß nicht, was ich bis dahin machen werde. Ich kann nicht nach Anabheta zurück. Das Imperium wird erfahren, was passiert ist. Ich.. denke ich werde weit fortgehen, an einen Ort, an dem man mich nicht kennt. Ich werde einen Neuanfang versuchen, verstehen Sie?"
Er erhob sich langsam von seinem Stuhl. „Ich glaube nicht, dass wir uns wiedersehen. Ich wollte einfach Lebewohl sagen. Und ich wollte, dass Sie wissen, was ich getan habe, und warum ich es getan habe. Ich erwarte nicht, dass sie das verstehen."
Er wandte sich zum Gehen, doch dann hielt er inne und blickte ein letztes Mal auf sie.
„Ich weiß, es bedeutet nicht viel wenn ich das sage, aber ich hoffe, dass Sie… dass Sie wieder in Ordnung kommen." Ich hoffe, dass Sie mir irgendwann verzeihen können, hatte er eigentlich sagen wollen. Doch das wäre grotesk gewesen.
„Leben Sie wohl, Lieutenant. Möge der Imperator über Sie wachen."
Und damit verschwand er, den Kopf in Schuld und Schande gebeugt.
