20: Betrachtungen
Sie fuhren durch die Nacht, und folgten den gewundenen Straßen, die sie zurück ins Hochland führen würden. Aeren und die Rajai saßen einander gegenüber. Cortez hatte sich zu den Astartes im vorderen Teil gesellt.
Die Regenten schwiegen. Sie hielten einander an den Händen, allen Trost teilend, den die Situation zuließ.
Aeren starrte aus dem großen Fenster; die Dunkelheit draußen machte es jedoch unmöglich, irgendetwas zu sehen, und so blieb ihm nur das Spiegelbild seines eigenen, müden Gesichtes. Ein Sturm sich widersprechender Emotionen wütete in seinen Eingeweiden. Auf der einen Seite fühlte er eine gewaltige Erleichterung, weil ihre Maskerade nun endlich vorüber war; zudem schien die Mission drauf und dran zu sein, ein voller Erfolg zu werden, und es hatte auf seiner Seite nur eine Handvoll Verluste gegeben.
Auf der anderen Seite wurde er noch immer von den Bildern der brennenden Gebäude, und den mit Rauch und Staub erfüllten Straßen heimgesucht; und zuweilen dachte er, er würde an der Schuld zerbrechen.
Irgendwann bemerkte er, dass Agipor ihn anstarrte. Für einen Moment versuchte er es zu ignorieren; dann entschloss er sich, den Raj in die Schranken zu weisen.
„Was?", schnappte er.
Der ältere Mann war nicht im Geringsten eingeschüchtert. „Es gibt etwas, das mich beschäftigt", sagte er nachdenklich.
Aeren funkelte ihn nur an.
„Ich frage mich, wie viel von dem, was ihr uns erzählt habt, tatsächlich wahr ist; falls an eurer Geschichte überhaupt etwas Wahres war."
Der Junge schnitt eine Grimasse. „Was spielt das jetzt noch für eine Rolle? Habt Ihr keine anderen Sorgen?"
Agipor nickte traurig. „Doch, reichlich sogar. Dafür haben dein Vater und du gesorgt."
Ein höhnisches Grinsen erschien auf Aerens Gesicht. „Er ist nicht mal mein Vater! Was sagt Ihr dazu?"
Der Raj blieb ruhig. „Wer ist er dann?"
Aeren zuckte mit den Schultern. „Nur jemand, der dem gleichen Herrn dient wie ich."
„Ja, eurer geheimnisvoller Gebieter. Ihr habt ihn ein paar mal erwähnt. Wer ist er?"
Die Augen des Jungen leuchteten ein wenig auf. „Ein Kriegsherr. Ein abtrünniger Astartes", prahlte er. „Von ihm stammt der Plan, euren Scheißplaneten zu infiltrieren. Er ist eine echt harte Sau und eiskalt; versucht besser nicht, ihn zu verarschen, wenn er hier ankommt. Er wird Euch sofort durchschauen."
„Und hat diese 'harte Sau' einen Namen?"
„Errake. Errake Stoneheart, und glaubt mir, er hat diesen Namen nicht umsonst."
„Verstehe."
Es folgte ein Moment des Schweigens. Dann stand der Raj auf und ging durch die Tür, die das Passagierabteil von der Fahrerkabine trennte. Er ließ Aeren und Myridna zurück, die sich feindselig anstarrten; der Junge trotzig, die Frau voller Verachtung.
Als die Tür sich öffnete, wandten sich ihm fünf Köpfe zu; und Cortez, der auf dem Fahrersitz Platz genommen hatte, sah sein Spiegelbild in der großen Windschutzscheibe. Es war dunkel in der Kabine, und der helle Raum hinter Agipor warf ein gelbes Rechteck auf das Glas. Der Regent ging langsam weiter, vorsichtig in der Gegenwart der Astartes. „Es gibt etwas, über das wir sprechen müssen. Ich bin mir aber nicht sicher, an wen ich mich in dieser Angelegenheit wenden muss."
„Erzählt es mir", antwortete Cortez. „Wenn es sie betrifft, werden sie es schon merken."
„Es betrifft sie." Er sah der Reihe nach jeden ihrer beunruhigenden, leblosen Helme an.
„Es sind noch immer einige Wachen im Palast. Sie sind nur mit Lasergewehren bewaffnet, sie haben keine schweren Waffen. Sie sind keine Bedrohung für Euch. Ich bitte Euch, sie zu verschonen. Es ist schon genug Blut vergossen worden."
Einer der Astartes schüttelte den Kopf. Agipor glaubt sich zu erinnern, dass dieser zuvor Sabato genannt worden war.
„Sobald wir dort ankommen, stellen diese Männer ein Sicherheitsrisiko dar, egal wie sie ausgerüstet sind. Sie müssen sterben."
„Aber", entgegnete Agipor, „würde es nicht reichen, sie zu entwaffnen und einzusperren?"
„Warum den Aufwand treiben? Wir müssten sie rund um die Uhr bewachen, und wir können niemanden dafür entbehren."
Agipor leckte sich die Lippen. Die Sache sah nicht gut aus. „Viele von ihnen sind Kinder der hohen Häuser Mahamats. Man könnte sie als Druckmittel in den kommenden… Verhandlungen einsetzen. Sie sind für Euch lebendig mehr wert als tot."
„Wenn sie so wertvoll sind, warum dienen sie dann als Wachen?"
„Diese Positionen sind mehr zeremoniell als alles andere. Bevor… bevor Ihr erschienen seid, waren sie nie wirklich in Gefahr."
„Was bedeutet, keiner von ihnen hat tatsächliche Kampferfahrung, und wenn sie in eine heikle Situation geraten, bestehen gute Chancen, dass sie dumme Entscheidungen treffen."
Agipors Hoffnung schwand. Doch dann schüttelte der Riese erneut den Kopf. „Ich verspreche nichts. Soll der Kommandant entscheiden. Er ist für die Politik zuständig. Aber die Männer sollten besser so wertvoll sein, wie Ihr behauptet, oder er wird sehr ungehalten mit Euch sein. Also gut. Ruft sie an, und befehlt ihnen, ihre Waffen auf einen Haufen zu werfen. Alle Waffen. Und lasst sie alle an einem Ort antreten, wo wir sie sehen können. Keine Spielchen."
Agipor war erleichtert. „Ich danke Euch, mein Herr." Damit trat er an das Funkgerät.
Die Nacht war noch immer heiß, als sie den Palast erreichten. Wie befohlen, fanden sie einen Haufen von Lasergewehren auf einer Seite des Innenhofs. Die Wachen standen in ordentlichen Reihen vor den großen Türen, die in die Empfangshalle führten. Die jungen Männer und Frauen wirkten anfangs etwas gereizt; zweifellos hatten sie auf einen glorreichen Kampf gehofft. Aber als sie die Astartes in Natura sahen, wurden sie von diesen Ambitionen geheilt. Sie wurden in einen Vorratsraum im Keller eingesperrt, bis man über ihr Schicksal entscheiden würde.
Die meisten der Astartes schwärmten aus, um die Gegend zu sichern, während Sabato Agipor und Myridna bewachte, die sich erst einmal umziehen würden.
Cortez, dessen Rolle in dieser Geschichte so gut wie ausgespielt war, beschloss, sich weiter zu besaufen; diesmal an den erlesenen Spirituosen aus dem Vorrat der Regenten selbst.
Und so war Aeren eine Zeit lang sich selbst überlassen. Er verließ den stillen Innenhof und wanderte über die von Sternen beschienenen Wiesen, die nördlich des Palastes lagen.
Er fand ein gemütliches Plätzchen, und legte sich, müde wie er war, auf den immer noch warmen Boden. Über ihm funkelten unzählige Sterne, ruhig und friedvoll, und unvorstellbar weit weg; und für einen Moment fand er Frieden. Er hatte ein wenig über die Sterne gelernt, ihre langen Lebenszyklen, neben denen die von Menschen und sogar die von Astartes zu nichts zusammenschmolzen. Wie wenig sie die Irrwege Sterblichen kümmern konnten; sie würden noch da sein, wenn Aeren, und alles, was er getan hatte, und noch tun würde, lange tot und vergessen waren. In diesem Augenblick wünschte er sich, er könnte für immer dort verweilen, in diesem stillen Moment; und den ewigen Krieg zu vergessen, und all die Schrecken, die seine Zukunft noch bereithalten mochte. Welch ein Glück wäre es, dachte er, wenn ich einfach hier liegen könnte, ohne zu wissen, dass das einzige, was mich im Leben erwartet, Blutvergießen ist, und dass ich den Tod auf irgendeinem Schlachtfeld finden werde. Andererseits ist es der Weg, den ich gewählt habe…
Kurz danach holten ihn die Anstrengungen der letzten Stunden ein, und er fiel in einen traumlosen Schlaf.
Ein Geräusch in seinem Ohrknopf brachte ihn wieder zu Bewusstsein. Er hörte Sabatos Stimme.
„Aeren, wo steckst du? Kannst du mich hören?"
„Uuuh, ja. Ich bin draußen. Was gibt es?"
„Komm wieder in den Palast. Der Kommandant ist auf dem Weg hierher."
„Jo, ich bin komme."
Errakes Thunderhawk setzte auf, fast unsichtbar in dem spärlichen Licht der Positionslampen. Die Rampe senkte sich herab, und heraus schritt der alte Marine, gefolgt von vier seiner Brüder. Diese Renegaten trugen ihre eigenen Rüstungen; in leuchtenden Farben gehalten, mit bronze- oder silberfarbenen Beschlägen, und mit vielen geschnitzten Schädeln und Spitzen verziert; angemessen, um ihre glorreiche Natur zu verkünden, und Furcht in die Herzen ihrer Feinde zu säen.
Errakes Rüstung war von gänzlich anderer Art. Sie war von einem schmutzigen Schwarz, hier und da mit dunkelgrauen Tarnmustern gestreift. Es war kein Licht auf ihm, weder ausgestrahlt noch reflektiert; selbst seine Augen waren nur schwarze Höhlen im dunklen Ceramit seines gehörnten Helmes.
Sie empfingen ihn im Vorraum der Landeplattform: die Rajai in der Mitte, und ein paar ausgewählte Diener hinter ihnen. Zu beiden Seiten standen die Astartes, und den Anfang der Reihen bildeten Aeren und ein leicht schwankender Cortez.
Errake blieb vor den beiden Regenten stehen, die etwas erschüttert wirkten; zwei von Errakes Begleitern stellten grausige Trophäen zur Schau: der eine trug einen sehr frischen menschlichen Kopf auf seinem barocken Brustpanzer, eingerahmt von einem Paar Hände; der andere trug eine Kette ebenso frischer Köpfe um den Hals.
Ein Lakai, blass und um Fassung bemüht, trat zwischen die Rajai und den schwarz gewandeten Riesen. „Darf ich vorstellen, Lord und Lady-"
„Schweig." Obwohl Errakes Stimme gemessen war, übertönte der den kleineren Mann doch mit Leichtigkeit; der kippte fast um, so viel Macht ging von der Stimme des Fremden aus. Ein düsteres Gespenst war er, geboren in Dunkelheit, und er zerriss den dünnen Schleier des Friedens und der Ordnung, der sie umgeben hatte, und von dem sie nun wussten, dass er eine Illusion war; der schrecklicher Bote einer Welt, die von seltsamen und brutalen Gesetzten beherrscht wurde, der alles, was sie als wahr angesehen hatten, in den Staub trampelte.
„Lass deine Herren für sich selbst sprechen." Seine Stimme, tief und grollend, und verstärkt durch seinen Helm, beherrschte den Raum mit Leichtigkeit. Sie zog die ungeteilte Aufmerksamkeit aller auf sich.
Der Lakai, vornübergebeugt als hätte er einen Schlag in die Magengrube erhalten, zog sich langsam zurück, darauf bedacht, der Versammlung nicht den Rücken zu kehren. Es war Myridna, die als nächstes vortrat. Der riesige Krieger richtete sein furchtbares Antlitz langsam auf die Frau. Sie wirkte winzig neben ihm, eine Säule weißen Marmors vor einem schwarzen Berg.
„Ich bin Myridna Sulemnar, Regent und regierender planetarer Gouverneur von Mahamat. Dies ist mein Ehemann, Agipor Sulemnar. Als herrschende Autorität auf diesem Planeten erklären wir in aller Form unsere Kapitulation, mein Lord." Sie neigte ihren Kopf.
„Ich akzeptiere." Er ließ die dunklen Höhlen seiner Augen auf ihr ruhen. „Ich bin Errake. Von diesem Moment an bist du mein Sprachrohr auf dieser Welt; und du solltest dir Mühe geben, mich bei Laune zu halten. Du wirst meine Befehle sofort und vollständig ausführen, und mich darüber informieren, sobald irgendeine Art von Problem auftaucht. Ich nehme an, Cortez hat dir erklärt, was passiert, wenn du meine Erwartungen enttäuscht."
„Er… hat es verdeutlicht, ja."
„Gut. Also, wo können wir uns hinsetzen? Wir haben viel zu besprechen."
„Es gibt einen Konferenzraum. Aber… wir haben keine Stühle in Eurer Größe."
„Wir bringen unsere eigenen mit."
Sklaven brachten die Stühle für die Astartes: massive Stahlrahmen ohne Rückenlehnen, stabil genug, um selbst einen Space Marine in voller Rüstung zu tragen. Sie setzten sich, und Errake stellte seinen Helm auf den Tisch, womit er diejenigen, die ihn noch nicht kannten, ein weiteres Mal schockierte; diesmal durch seine zerklüfteten Gesichtszüge.
„Das Wichtigste zuerst", begann er. „Ich nehme an, es gibt hier so etwas wie einen globalen Notfallsender? Etwas, mit dem man alle Bürger auf einmal erreichen kann?"
Myridna nickte. „Ja, natürlich."
„Du wirst eine Bekanntmachung vorbereiten, die auf die jüngsten Angriffe eingeht. Du wirst ihnen sagen, dass sie unprovoziert und unrechtmäßig waren und von korrupten imperialen Beamten orchestriert wurden. Glücklicherweise ist der Adeptus Astartes zur Stelle, um euch beizustehen."
In diesem Moment leuchtete ein rotes Licht neben dem riesigen Bildschirm auf, der eine der ansonsten schmucklosen Wände des Raumes beherrschte; begleitet wurde er von einem kurzen Klingeln.
Errake sah Myridna fragend an, die ihre Stirn in Falten legte.
„Das ist der zufälligerweise der GNS." Errakes Augen bohrten sich weiter in sie, und sie schüttelte den Kopf. „Ich habe das weder befohlen noch autorisiert."
„Lass mal sehen."
Mittels einer Fernbedienung schaltete Myridna den Bildschirm ein. Auf ihm erschien kein geringerer als Unjul Rahebat, in seine übliche Robe und den Fez gekleidet.
„Meine lieben Mitbürger," sagte er feierlich. „Unsere Welt wird angegriffen."
„In den letzten Stunden wurden wir das Ziel mehrerer koordinierter orbitaler Bombardements, die sowohl militärische als auch zivile Ziele trafrn. Viele von Euch sind Zeuge des Schreckens geworden, mit dem man uns heimgesucht hat; viele von Euch haben Freunde und Angehörige durch diese hinterhältigen Angriffe verloren. Unsere Gebete gelten den Toten und den Überlebenden; und wir werden nicht ruhen, bis die Schuldigen zur Verantwortung gezogen wurden."
„Kurz nach den Angriffen, die von außerweltlichen Elementen durchgeführt wurden, fielen unsere geliebten Rajai in die Hände dieser abscheulichen Ketzer. Mir bleibt daher nichts anderes übrig, als ihre Autorität auszusetzen, bis zu dem Zeitpunkt, da sie befreit werden und die Ordnung des Imperators wiederhergestellt wird. In diesem Augenblick marschiert die imperiale Armee gegen den königlichen Palast, wo so sich die Ketzer mit ihren Geiseln verschanzt haben. Diese Verbrechen werden nicht ungesühnt bleiben; die Verantwortlichen werden den Zorn des Imperators zu spüren bekommen."
„In der Zwischenzeit, liebe Freunde, bitte ich euch, stark zu sein; wir stehen dieser Krise gemeinsam gegenüber, und gemeinsam werden wir sie überwinden. Bleibt einig, und bleibt standhaft. In seinem Namen."
Der Bildschirm erlosch.
„Lord Rahebat, der Zeremonienmeister", erklärte Myridna. „Einer der wenigen Auserwählten, die zugriff auf den GNS haben. Er wusste, dass wir eurem Diener nicht trauten, und als die… jüngsten Ereignisse geschahen, handelte er. Natürlich ohne meine Zustimmung."
„Natürlich." Errake kratzte sich die vernarbte Wange. „Es spielt keine Rolle; ich habe halb damit gerechnet, dass so etwas passiert. Er versucht, sie auf Widerstand einzuschwören, und gleichzeitig will er eine Anarchie verhindern. Ein unbeholfener Versuch, den wir uns aber zu Nutze machen können. Wir werden mit unserer eigenen Bekanntmachung darauf antworten. Doch zuerst erzählt mir von dieser Welt."
Er ließ Myridna und Agipor erklären, wie die Regierung von Mahamat funktionierte, wer die hohen Häuser waren, soziale und ökonomische Strukturen. Sie redeten stundenlang, und obwohl einige der anwesenden Astartes irgendwann genug hatten und den Raum verließen, nahm Errake sämtliche Informationen mit seinem üblichen stoischen Gesicht auf, ohne je einmal in seiner Aufmerksamkeit nachzulassen. Am Ende drohten die Rajai vor Erschöpfung zusammenzubrechen. Aeren war insgeheim froh, dass er ein wenig Schlaf hatte ergattern können, denn es erlaubte ihm, eine einigermaßen wache und aufmerksame Erscheinung aufrecht zu erhalten, obwohl er sich sicher war, dass er sich nur an die Hälfte des Gesagten würde erinnern können; wenn überhaupt.
Als Errake endlich genug gehört hatte, wurde er still. Er sah nachdenklich aus.
Nach einer Weile sprach Myridna erneut. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen. „Da ist eine Sache, die ich nicht verstehe. Erlaubt Ihr mir, offen zu sprechen?"
Der Alte nickte. „Sprich immer offen. Aber vergiss nie, mit wem du sprichst."
„Bei allem, was wir besprochen haben, und bei all den Fragen, die Ihr gestellt habt, drängt sich mir der Eindruck auf, dass Ihr daran interessiert seid, die Ordnung und eine funktionierende Regierung aufrecht zu erhalten. Ich habe noch nie von Astartes als Politikern gehört. Tatsächlich schienen Eure… Mitstreiter nicht übermäßig an diesen Dingen interessiert zu sein."
Errake saß regungslos, darauf wartend, dass sie fortfuhr.
„Welche Rolle gedenkt ihr in der Regierung unserer Welt einzunehmen? Ich frage mich, was passiert, wenn Eure Männer beginnen, sich zu langweilen. Glaubt Ihr nicht, das wäre sehr… kontraproduktiv?"
„Du hast mit beiden Punkten recht. Ich bin daran interessiert, eure Gesellschaft und eure Produktion in einem ordentlichen Zustand zu halten. Eure Welt kann einen Beitrag leisten, wenn auch nur einen kleinen, und ich gedenke dafür zu sorgen, dass das für's Erste auch so bleibt. Was den zweiten Teil angeht: ja, wir sind vor allem anderen Krieger. Aber du kannst beruhigt sein, du wirst dir nicht lange Gedanken um uns machen müssen. Wir bleiben nicht hier."
Sie hob eine Augenbraue. „Nicht"?
„Nein. Mit dem Abschluss unserer militärischen Operation, und der Kapitulation der verbleibenden hohen Häuser, wird unsere Mission hier beendet sein. Ein Krieg steht bevor, und meine Brüder und ich werden daran teilnehmen. Sobald unsere Ablösung eintrifft, werden wir verschwinden."
„Eure Ablösung? Und wer soll das sein?"
„Eine Demagogin namens Tokunai 'die borgende Schabe', und ihr Kult, die 'unbeugsame Gemeinschaft'. Sie sind in diesem Moment auf dem Weg hierher."
Die Augenbraue ging erneut nach oben. „Die 'borgende Schabe'?"
„Du wirst sie danach fragen müssen."
Die Raj massierte ihre Schläfen. „Wenn das alles wäre, würde ich mich jetzt sehr gerne zur Ruhe begeben."
Errake nickte. „Tu das. Du musst für die Kameras ausgeruht sein."
Die Rajai standen auf und gingen gemeinsam.
Errake wandte sich an Aeren. „Schlaf du auch etwas. Du wirst bald deine Kraft brauchen."
„Eigentlich wollte ich mit Euch reden."
Der alte Mann, der gerade dabei war, sich von seinem Stuhl zu erheben, setzte sich wieder hin. „Also gut."
Aeren brauchte einen Moment, unsicher, wie er beginnen sollte.
„Es geht darum, was in der Hauptstadt passiert ist. Den Orbitalschlag, den ich angefordert habe. Ich durchlebe die Szene immer und immer wieder, und es ist furchtbar. Als würde es mich von innen auffressen."
Errakes Gesicht blieb unbewegt. „Warum genau?"
„Schuld. Schuld. VERDAMMTE SCHULD! Hunderte Menschen sind meinetwegen gestorben! Hunderte Unschuldige!"
Er begrub sein Gesicht in seinen Händen. Die Gefühle hatten nun endgültig seine Fassung überwunden und spülten die Überreste mit großen, wütenden Tränen fort.
Verzweifelt sehnte er sich nach Trost in diesem Augenblick; doch natürlich war niemand da, der ihm solchen gewährt hätte. Nur Errake, der ihn weiter unbewegt ansah.
Und so dämmte der Junge die Flut nach ein paar Sekunden ein und sah auf. Er war jetzt wütend, wütend, weil er so dumm gewesen wahr, sich dem alten Mann anzuvertrauen; wütend aber auch auf Errake, wegen der Gleichgültigkeit mit der er wirklich hätte rechnen müssen. „Ihr habt mir nichts zu sagen, oder?"
„Ich frage mich, warum dich deswegen schuldig fühlst, und nicht wegen denen, die du im Hotel getötet hast. Die du getötet hast, und sterben sahst. Die anderen? Daran warst du kaum beteiligt, noch weniger als ich. Warum also richtest du deine Schuld auf sie?"
„Die Männer im Hotel waren Wachen, Kämpfer; Soldaten. Sie wussten, dass die Mission ihr Leben fordern könnte, und sie hatten die Chance, sich zu verteidigen. Aber die anderen waren unbeteiligt. Sie sahen ihren Tod nicht kommen. Sie hatten keine Zeit, sich von ihren Lieben zu verabschieden."
Erneut stiegen ihm Tränen in die Augen.
„Alles, was sie ausmachte, ihre Erinnerungen, ihre Hoffnungen und Träume, alles in einem Augenblick ausgelöscht." Dieser Gedanke vergrößerte sein Elend noch; doch Errake schüttelte den Kopf.
„Diese 'Soldaten' im Hotel verdienen die Bezeichnung kaum. Verzogene Kinder fetter Adliger, deren einzige Kampferfahrung in vorgetäuschten Duellen mit stumpfen Klingen bestand, und die ihre Waffen noch nie abgefeuert hatten außer zum Salut. Sie waren deiner unwürdig."
Das überraschte Aeren. War das ein Kompliment gewesen? Von Errake?
„Was die anderen angeht, auch die schätzt du zu hoch sein. Hoffnungen und Träume? Die meisten von denen hätten nie etwas aus sich gemacht. Die meisten von ihnen interessieren sich nur fürs Essen, Trinken und Ficken. Es sind Tiere, Aeren. Von all denen, die auf diesem Platz gestorben sind, waren vielleicht ein halbes Dutzend deine Tränen wert; begabte Individuen oder solche mit höheren Ambitionen. Aber du bist in einer Makropole aufgewachsen; du weißt, wenn es eine Sache gibt, die dem Imperium nie ausgehen wird, dann sind das Menschen. Und irgendwo, irgendwann, wird ein neues Genie in Erscheinung treten, mit den selben Träumen, und den gleichen großen Ambitionen; die endlose Masse der Menschheit sorgt dafür, dass nichts verloren geht."
„Also soll das heißen, es ist egal, wenn Leute sterben, weil sie ersetzbar sind? Doch was ist mit ihren Lieben? Deren Trauer?"
„Was soll damit sein? Trauer ist für sie ein elementarer Bestandteil des Lebens. Wenn sie ihre 'Lieben' nicht auf diesem Platz verloren hätten, hätten sie sie in einem Unfall verlieren können, an eine Krankheit, oder einfach durch hohes Alter. Sie werden ihre Trauer überwinden, und gestärkt aus ihr hervorgehen. Wenn es eine Eigenschaft gibt, die die Menschen auszeichnet, ist es ihre Fähigkeit, sich anzupassen; und die, die diese Fähigkeit nicht besitzen, werden untergehen, und sie verdienen es nicht, dass man ihrer gedenkt."
Aeren seufzte. „Es gibt wirklich keinen Platz für Schwäche in der Welt der Astatartes, oder?"
„Es gibt keinen Platz für Schwäche in der Welt an sich."
„Es muss sehr angenehm sein, niemals etwas zu fühlen."
Das ließ Errake innehalten. „Du denkst, ich fühle nichts?"
„Tut Ihr es denn? Ich meine, sie nennen Euch Stoneheart zum Donnerwetter noch mal."
Es verstrichen einige Sekunden, ehe der Astartes antwortete. „Ich fühle. Aber ich habe vor langer Zeit gelernt, dass Emotionen selten gute Ratgeber sind. Selbst unter den besten Umständen trüben sie dein Urteilsvermögen."
„Aber es ist auch wahr, dass ich dieser Tagr nur noch selten Aufregung verspüre. Wenn man so lange gelebt hat wie ich, gesehen hat, was ich gesehen habe, gibt es nur noch wenige Dinge in der Welt, die in der Lage sind, Interesse oder gar Staunen auszulösen."
„Ich habe die Hallen eines Weltenschiffes der Eldar durchschritten, und die Katakomben der Necrons; ich sah eine Welt, deren Himmel so von Tyraniden erfüllt war, dass kein Sonnenlicht auf die Oberfläche viel; eine weitere, die vom Inferno des Exterminatus verschlungen wurde; Feuerstürme, höher als alle von Menschenhand errichteten Türme. Ich habe den Warp gesehen, und ihn gefühlt, in all seinem Schrecken und all seiner Pracht. Und natürlich habe ich sowohl den großen Kreuzzug als auch den Bruderkrieg erlebt, Ereignisse, die für die meisten bloßer Mythos sind; und zu sehen, wie Sanguinius einen riesigen Dämonenfürsten über seinem Knie bricht, legt die Messlatte für beeindruckende Ereignisse verdammt hoch."
Aeren hatte fasziniert zugehört. Errake über diese Erlebnisse sprechen zu hören, hatte seine Sichtweise verändert; plötzlich erschienen die Ereignisse der letzten Stunden nicht mehr ganz so wichtig zu sein.
„Das heißt dann wohl, dass ein paar hundert Tote Eurer Aufmerksamkeit unwürdig sind."
„Ja."
„Das ist monströs."
„Zur Kenntnis genommen."
Aeren lehnte sich erschöpft zurück. „Ich muss über all das nachdenken. Aber ich bin mir nicht sicher, dass ich diese Sichtweise teilen kann. Ich bin auch nicht sicher ob ich das überhaupt will."
„Wie kommst du darauf, dass mich das kümmert? Halte fest an deinen hehren Ideen, so lange sie Bestand haben mögen."
„Jo." Aeren erhob und streckte sich. Sein gesamter Körper schmerzte. „Und jetzt? Was passiert als Nächstes?"
„Meine Brüder und ich werden Tribut entrichten."
„Tribut? An Abaddon?"
„An unsere Natur. Warum glaubst du, habe ich diese Armee in der Hauptstadt verschont? So sehr ich es genieße, wenn ein Plan funktioniert, manchmal muss man einfach da raus gehen und ein paar Köpfe einschlagen."
„Das wird ja ein toller Kampf. Imperiale Armee gegen Astartes."
„Er wird reichen, bis wir uns Abaddon und seinem Krieg anschließen. Und es ist nicht so, als hätten sie überhaupt keine Chance. Sie sind uns zahlenmäßig zehn zu eins überlegen, und sie haben Panzer. Wir haben unsere auf der Deimos gelassen."
Aeren dachte für einen Moment darüber nach. „Wollt Ihr mich auch dabei haben?"
„Nein. Ich habe eine andere Aufgabe für dich. Eine weitere Herausforderung..."
Errake trat aus dem Lift und in die Eingangshalle des Palastes. Alle seine Brüder waren bereits versammelt und unterhielten sich; als sie ihren Kommandanten bemerkten, versiegten die Gespräche. Ihre Augen folgten ihm, als er an ihnen vorbei schritt, und er ließ im Gegenzug seinen Blick über sie schweifen. Sie waren alle zweifellos große Krieger; große Männer, nur zum Teil. Einige waren ein wenig verrückt; einige, etwas mehr. Einige waren vollkommen wahnsinnig. Errake versuchte sein Möglichstes, um seine Gruppe so stabil wie möglich zu halten, aber hin und wieder passierte es, dass ein Astartes einen gewissen Punkt überschritt; er wurde ein wenig zu verrückt, ein wenig zu geistesgestört, ein wenig zu sehr vom Warp berührt. Wenn das passierte, ermunterte Errake sie, weiterzuziehen, sich einem der dutzenden anderen kleinen und großen Verbände abtrünniger Astartes anzuschließen. Ein paar hatte er getötet. Das bereitete ihm keine schlaflosen Nächte; er hatte nicht mehr Geduld mit Wahnsinnigen als mit einem tollwütigen Hund.
Als er das große Portal erreichte, wandte er sich um; einige seiner Brüder verzichteten auf Helme, und er sah Eifer und Vorfreude auf ihren Gesichtern. Es wurde langsam Zeit, dass sie mal wieder einen richtigen Kampf bekamen.
„Gehen wir."
