Ron betrachtet Hermine, während sie die Speisekarte studiert. Zwar hat sie gezögert, als er sie eingeladen hat, aber die kleine, gemütliche Muggel-Pizzeria hat sie positiv überrascht.
„Positiv überrascht" trifft hingegen in keiner Weise seinen Eindruck von Hermine. Im Gegenteil. Als er am Flughafen gewartet hat, ist er in Gedanken durchgegangen, was er aus ihren Briefen erfahren hat: Höhere Studien in Zauberkunst, Verwandlung und Tränke, anschließend eine Ausbildung zur Fluchbrecherin. Immer interessiert an Neuem, Spitzenabschlüsse, voller Begeisterung für ihren Stoff und ihren Job. Von Ginny weiß er, dass es da wohl auch den einen oder anderen Mann gegeben hat, auch wenn Hermine in ihren Briefen an ihn davon nie etwas erwähnt hat.
Alles in allem hat er das Bild einer erfolgreichen, selbstbewussten Wissenschaftlerin vor Augen gehabt, eine die weiß, was sie will, und aus ihrem Leben nicht weniger als das Beste gemacht hat.
Aber ihm gegenüber sitzt eine blasse junge Frau, die sich Mühe gibt, locker und selbstsicher zu erscheinen. In Wirklichkeit ist sie übermüdet und nervös. Irgendwie wirkt sie … verloren.
Ron gelingt es nicht, das Bild aus den Briefen und seinem Kopf mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Hat Hermine sie alle die ganze Zeit getäuscht, oder ist erst in den letzten Wochen etwas passiert, was diese Veränderung ausgelöst hat?
Die Aurorenausbildner haben viel Wert auf das Beobachtungs- und Beschattungs-Training gelegt, und es gelingt ihm mühelos, seine aufmerksame Musterung zu beenden, bevor Hermine etwas merkt.
Sie bestellen, und ungewöhnlich genug ist er es, der die anschließende Stille durchbricht:
„Wir hatten wirklich nicht damit gerechnet, dass du kommst", sagt er und überspielt seine Besorgnis mit einem Lächeln.
Sie zuckt unbehaglich die Schultern.
„Harry hat sogar behauptet, wir müssten dich wohl irgendwann zwangsweise besuchen, da du bestimmt in den USA bleiben würdest", fährt Ron mit einem Augenzwinkern fort.
Dann beschließt er, sie aus der Reserve zu locken. „Du weißt, dass uns die Paparazzi hier nie ganz in Ruhe gelassen haben und dass es nicht lange dauern wird, bis sie deine Rückkehr bemerken werden?"
Sie nickt nur.
Die Paparazzi. Ein Muggelwort, das für ihn erst vor sechs Jahren eine Bedeutung erlangt hat. Natürlich hatten sich schon vorher Reporter an berühmte Bands oder den Zaubereiminister herangeschlichen, aber erst mit der Schlacht von Hogwarts hatten sie entdeckt, dass Kriegshelden viel lohnender sind. Und während sie Harry als DEM Helden noch ein klein wenig Respekt entgegenbrachten, waren dessen besten Freunde ihrem Terror fast ununterbrochen ausgesetzt.
Ron erinnert sich. Ihm ist es erst mal ganz recht gewesen, dass ihn der Trubel von der Trauer abgehalten hat. Anfänglich hat er ihn sogar genossen: Interviews, Aufmerksamkeit, Glanz.
Wie naiv er damals war.
Hermine war viel sensibler. Schon wenige Wochen nach dem Ende des Krieges hatte sie einen regelrechten Verfolgungswahn entwickelt, und ohne ihren Muffliato-Zauber sagte sie kein Wort mehr. Es wurde anstrengend, alle möglichen Schutzvorkehrungen zu treffen, immer in der Angst, eine vergessen zu haben oder von einem besonders findigen Reporter ausgetrickst zu werden.
Sie hielten zusammen, Harry, Ginny, Hermine und er, aber ausgerechnet Hermine, bei allen Unternehmungen der kühle Kopf ihrer Truppe, war am Ende ihrer Kraft.
Es kam zu Gereiztheit, dann zu Streit. Zu emotionalen Versöhnungen. Und dann wieder zu Streit.
Es hatte ihn nicht überrascht, als sie die erstbeste Gelegenheit zur Flucht ergriff: kurz nach der großen Gedenkfeier in Hogwarts, zwei Monate nach der Schlacht, flog Hermine nach Australien, um ihre Eltern zu suchen. Und irgendwann kam ihr Brief, dass sie nicht zurückkehren würde, sondern in Amerika studieren wollte.
„Es tut mir leid", hatte sie geschrieben. „Aber ich kann nicht mehr. Ich muss weg aus England."
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„Ich kann nicht mehr", sagt Hermine.
Ron hebt überrascht den Kopf.
„Ich dachte, ich könnte vergessen, aber es funktioniert nicht", erläutert sie und knetet nervös ihre Hände. Sie klingt, als sei damit alles gesagt.
Es ist damit alles gesagt.
„Es hat doch sechs Jahre funktioniert?" fragt Ron trotzdem.
„Nur, weil ich mich mit allem anderen abgelenkt habe", gibt sie zu.
„Und jetzt?"
„Mein letztes Projekt ist plötzlich ausgelaufen, und auf einmal hatte ich Zeit nachzudenken. Da ist alles wieder hochgepoppt", fasst Hermine ungewöhnlich knapp zusammen. Der Text klingt wie auswendig gelernt. „Sie haben mir diese magische Therapeutin empfohlen, und die meinte, ich müsse mich meiner Vergangenheit stellen."
Ron merkt, wie sehr sie nur schon diese paar Sätze mitnehmen, und beschließt, dass er es für heute auf sich beruhen lässt.
„Das wird schon wieder", sagt er daher freundschaftlich und wechselt das Thema. „Ginny wird sich freuen, dich zu sehen! Nach dem Einsatz heute Nacht sollten wir Harry Zeit zum Ausschlafen geben, aber wir könnten die beiden morgen Nachmittag treffen, wenn du möchtest."
Hermine lächelt ihn erleichtert an und sagt dann, bemüht locker-flockig: „Erzähl, was ist hier so passiert? Eure Briefe sind ja immer fürchterlich kurz!"
Wenn er sie nicht so gut kennen würde, könnte er ihr die Lebhaftigkeit sogar abnehmen. Das muss sie in Amerika gelernt haben: heitere Fassade, ein Thema zum Plaudern.
Wie auch immer – es hilft über die Stille hinweg, und bereitwillig erzählt er: von seiner Ausbildung, von Bill und Fleur und seinen niedlichen Nichten, und davon, wie sein Vater gerade seine Mutter mit der neuerworbenen Faszination für Mobiltelefone in den Wahnsinn treibt.
Ihm fehlt dieser natürliche Instinkt, den andere „Taktgefühl" nennen, aber er hat eine Menge Gespräche geführt in den letzten sechs Jahren, und er weiß inzwischen genau, welche Themen harmlos und lustig sind – und welche nur unangenehme Gesprächslücken provozieren würden.
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Am Ende des Abends ist Hermine sichtlich entspannter, satt und schläfrig. Sie haben zum Essen auch eine Flasche Wein geteilt, und Hermine lässt zu, dass er den Arm um sie legt, als sie gemeinsam die Straße entlang zu ihrem Hotel gehen.
Sie reden nicht mehr viel, und für einen Moment stellt Ron sich vor, es wären die alten Zeiten.
Unbeschwert, mit harmlosen Kabbeleien und nichts Wichtigerem als Quidditch und dem nächsten Aufsatz für McGonagall.
Aber das ist lange vorbei, und zwischen ihnen liegen ein Krieg, eine Trennung und sechs Jahre Leben.
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Als sie sich verabschieden, kehrt Hermines Nervosität sichtbar zurück. Ron fühlt sich an die Verhör-Lektionen aus der Ausbildung erinnert: sie sieht aus, als ob sie etwas Unangenehmes erwartet.
Aber Ron hat dazugelernt. Früher hätte er sie gefragt, ob sie wirklich im Hotel übernachten will, und ihr ein Bett in seiner WG aufgedrängt. Heute weiß er, dass sie Zeit braucht anzukommen.
Er lädt sie für morgen auf ein Eis in die Winkelgasse ein, drückt sie einmal kurz und wünscht ihr eine gute Nacht.
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Und während er zum nächsten Apparierpunkt schlendert, denkt er, wie oft er sich darüber genervt hat, dass Hermine so selbstsicher und besserwisserisch war, damals in Hogwarts.
Heute wünscht er sich, sie wirkte nicht ganz so zerbrechlich.
