Hermine hat das Treffen mit Ron gestern noch nicht so ganz verdaut. Aber trotz Jetlag fühlt sie sich ausgeruhter als die ganzen letzten Wochen. Ob es an ihrer Erschöpfung oder an Ron liegt: keine Albträume heute Nacht.

Ron. Er ist ernster geworden, und es steht ihm gut. Aber ein bisschen hat sie gestern schon seine unkomplizierte, manchmal unbedachte Art vermisst, mit der er sie früher zum Lachen (und Kopfschütteln) gebracht hat. „Welch ein Klischee!" denkt sie, „der Mann der mich zum Lachen gebracht hat!"

Aber andererseits: ernst ist sie selber schon genug.

#####

Der Gang in die Winkelgasse weckt unzählige Erinnerungen. Ihr erster Besuch in dieser wunderlichen, wundervollen Einkaufspassage. Alljährliches selbstvergessenes Stöbern bei Florish & Blotts. Misstrauische Kobolde bei jedem Gringotts-Besuch. Rumalbern mit Harry und Ron vor dem Beginn des Schuljahres. Und das alles überschattet durch die letzten Wochen in England: ein Wechselbad zwischen Hochstimmung und Trauer, täglich neue Nachrichten von letzten Scharmützeln mit flüchtigen Todessern, sinnlose weitere Tote, hartnäckige Reporter, das Fehlen jeglicher Privatsphäre.

Sie fragt sich, ob sie sich jemals wieder an der Winkelgasse wird erfreuen können.

#####

An Weasleys Zauberhaften Zauberscherzen kann es auf jeden Fall nicht liegen, wenn es ihr nicht gelingen sollte. Der Laden ist, wenn überhaupt möglich, noch bunter geworden, und er ist ein eindeutiger Anziehungspunkt.

Vor Hermines innerem Auge steigt George auf: Schluchzend. Wütend. Stumm und bleich. Rasend vor Trauer. Für jeden sind die eigenen Verluste die schlimmsten, aber wenn man Verlust messen könnte, hätte er wohl mit am meisten verloren.

Sie fürchtet die Begegnung, fühlt sich aber gleichzeitig magisch angezogen von den grellen Farben, den Windspielen vor dem Eingang und dem Blinken im Schaufenster. Langsam geht sie an den Eltern vorbei, die ihre Kinder wegziehen, und lässt sich von Kindern überholen, die sich losgerissen haben. Der Trubel weckt auch Erinnerungen an Salem, an die wilden Studentenpartys, auf die sie ab und zu eingeladen worden war und auf denen sie sich manchmal, an ihren schlechten Tagen, gefühlt hat wie ein Geist unter Lebenden.

Drinnen im Laden ist es stickig heiß, und der Lärm der – zumeist jungen – Kundschaft wird noch übertönt von allen möglichen quäkenden, trötenden, zischenden magischen Utensilien, deren Zweck Hermine nicht auf Anhieb ersichtlich ist.

Etwas verloren steht sie mitten im Gewühl und erspäht schließlich einen Rotschopf. Einen großen, dünnen Rotschopf, der auf jeden Fall nicht George ist.

Sie kämpft sich vor und blinzelt irritiert, als sie Percy erkennt. Den ernsten Streber Percy, das ministeriumstreue schwarze Schaf der Familie. Natürlich hatte er sich mit ihnen schon während der Schlacht versöhnt, aber sie hatte sein Verhältnis zu den anderen Weasleys auch nach dem Ende des Krieges als unterkühlt empfunden.
Er steht an der Kasse und bändigt Horden von Kindern und lässt sich von umhersausenden fliegenden Objekten nicht stören. Im Gegenteil: gerade fängt er grinsend eines auf, schüttelt es heftig und schmeißt es dann mitten in den Raum. Das Ding platzt noch im Flug und versprüht Unmengen von Glitzerstaub, bis die Umstehenden funkeln wie Discokugeln. „Partystäuber!" ruft Percy fröhlich, und es dauert nur einen Augenblick, bis die Kinder anfangen, den anderen herumschwirrenden Partystäubern nachzujagen.

„Kaum zu glauben, was?" sagt eine ernste Stimme hinter Hermine. Sie dreht sich um und blickt in das sommersprossige Gesicht von George. Er wirkt nicht überrascht – vermutlich hat Ron sie alle vorgewarnt. Sein schiefes Grinsen unterstreicht das Fehlen seines Ohres, und er fährt leise fort: „Percy hat meinen Verstand gerettet. Er war ernst und bieder und langweilig, aber er war immer da. Ich konnte ihn akzeptieren, weil er so anders ist als Fred."

Dann klopft er ihr zur Begrüßung auf die Schulter und sagt: „Willkommen zurück!"

Hermine weiß nicht so recht, wie sie reagieren soll. Seine Offenheit überrascht und überfordert sie.

Mit Ron war es irgendwie einfacher.

Aber ein bisschen was ist noch da vom alten George, trotz des gealterten, erschreckend ernsten Gesichts, denn er kann noch genauso gut sticheln: „Ich glaube, Du könntest ein bisschen Aufmunterung gebrauchen. Du siehst so mies aus, wie ich mich in meinen schlechten Stunden fühle."

„Oh, danke", sagt sie spitz. Getroffen. Aber natürlich hat er Recht: Schlafmangel, fehlender Appetit und Nervosität machen aus ihr bestimmt keine Schönheitskönigin.

George lacht und bietet ihr dann ein Bonbon an, das er aus einer Tasche seines grünen Umhangs gezogen hat: „Hier, das hilft bestimmt!"

Hermine wehrt sofort ab, was George erst recht zum Lachen bringt.

„Wir könnten auch noch eine Assistentin gebrauchen", witzelt er.

Hermine ist gerade eher zum Heulen zu Mute. Sie hätte nicht herkommen sollen. Zum einen braucht sie tatsächlich bald einen Job, denn sie hat während ihrer Studien nicht wirklich viel verdient, und ihre bescheidenen Ersparnisse sind aufgrund des Fluges schon ziemlich zusammengeschrumpft.

Und zum anderen ist ihr auf einen Schlag wirklich bewusst geworden, warum sie sich so fremd fühlt. Sie alle haben sich aus den Trümmern ein neues Leben aufgebaut. Sogar George hat verarbeitet. Bestimmt nicht vergessen, aber verarbeitet. Und sie hat sich selbst in diese neue Welt katapultiert, voller alter Erinnerungen und aufwühlender Bilder, die in ihr hochkochen, wann immer sie einen vertrauten Ort, ein bekanntes Gesicht sieht.

„Hey", sagt George mitfühlend, und sein Lachen verschwindet.

Hermine kämpft mit den Tränen.

Er reicht ihr ein Taschentuch, giftgrün mit gelben Punkten. „Wird schon wieder", sagt er und erinnert sie an Ron, der gestern das Gleiche gesagt hat.

#####

Schließlich, ohne viele weitere Worte, flüchtet sie aus dem Laden und gewinnt in einer stillen Ecke zwischen zwei schief zueinander gebauten Häusern ihre Fassung wieder. Das gelingt ihr sogar ziemlich gut, aber sie ist ja auch in Übung, denn dieser Tage reicht eine Kleinigkeit, um Tränen fließen zu lassen. Hermine hat gelernt dagegen anzukämpfen, aber es kostet sie immer viel Kraft.

#####

Mit einem Nervenkostüm so brüchig wie verkohltes Papier begibt sie sich schließlich zu Fortescue´s, das jetzt neumodisch MagIce heißt, unsicher, ob sie überhaupt noch eine Begegnung mit alten Bekannten übersteht. Ihr langsamer Gang ist ihrem beinahe übermächtigen Drang zu flüchten geschuldet, und nur ihr Gryffindor'sches Ehrgefühl hält sie noch zurück.

Der Anblick des kleinen Grüppchens mit ihren besten Freunden ist bereits fast zu viel, aber da hat auch schon Ginny sie entdeckt, und sie stürmt begeistert auf Hermine zu, temperamentvoll wie früher.

Harry kommt grinsend hinterher, bleibt einen Moment verlegen vor ihr stehen und fährt sich dabei unbewusst mit der Hand durch die strubbeligen schwarzen Haare, und dann quetscht er sie mindestens so kräftig wie Ron gestern.

Sie reden begeistert auf sie ein, und wie gestern fühlt Hermine sich für einen Moment einfach gut, einfach angekommen, zu Hause. Ihr Blick fällt auf Ron, der grinsend vor dem Eiscafé stehen geblieben ist, die Hände wie üblich in den Hosentaschen, die roten Haare zum Pferdeschwanz gebunden.

Er zwinkert ihr zu und schlendert dann gelassen herbei, um sie vor dem Begeisterungssturm zu retten.