A/N: Vielen Dank für die bisherigen Reviews - und auch danke an alle, die beschlossen haben, dieser Story folgen.
Ich bin wirklich happy, dass sie Euch gefällt.

Dieses Kapitel ist eher ein kleines Zwischenspiel, und ich bin auch nicht so ganz überzeugt davon, aber ich habe auch keine Alternative gefunden ... im nächsten gibt es dann wieder ein bisschen mehr Handlung, versprochen.

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Ron ist sich sicher, dass Hermine sich ihren Rückkehr-Zeitpunkt nicht bewusst ausgesucht hat. Das Unbehagen, an der jährlichen Gedenkfeier teilzunehmen, ist ihr anzusehen. Ihr schmal geschnittenes schwarzes Kleid unterstreicht, wie dünn und blass sie geworden ist, und sie zieht immer wieder die Ärmel über die Handgelenke, als würde sie frieren.

Wie durch ein Wunder hat bei ihrem Wiedersehen vor drei Tagen in der Winkelgasse kein Reporter gelauert, und Ginnys Mehrpersonen-Desillusionierungs-Zauber hat sie anschließend geschützt und ihnen einige ruhige Stunden mit Erinnerungen an die guten alten Zeiten ermöglicht. Aber natürlich ist an einer Gedenkfeier so ein Zauber nicht angebracht, und die magischen Kontrollen an den Toren von Hogwarts würden sogar Alarm schlagen.

Also beobachtet Ron, wie Hermine sich zunehmend nervöser umsieht, und er bemerkt auch die neugierigen Blicke der Umstehenden. Es wird vermutlich nicht mal bis zum Ende von Kingsleys Rede dauern, bis die Reporter sich langsam, vermeintlich unauffällig, nähern werden. Er, Harry und Ginny haben ihre Freundin in die Mitte genommen, und werden selber wiederum abgeschirmt von einem Pulk aus Weasleys – aber das wird sie nicht lange schützen.

Kingsleys Rede zieht an ihm vorüber, und an den Gesichtern der anderen sieht er, dass es ihnen genauso ergeht: wichtig sind nicht die Worte, die er sagt … wichtig sind die Erinnerungen, die sie alle in diesen Momenten teilen. In Hermines Augen schimmern Tränen. Ginny drückt sich näher an Harry, und George steht mit ausdruckslosem Gesicht dicht an dicht mit Percy.

Die Menge klatscht Kingsley Beifall, und dann löst sich Harry aus Ginnys Umarmung und geht durch das Gewühl nach vorne. Er versucht jedes Jahr aufs Neue, sich vor der Rede zu drücken und jemand anderen zu Wort kommen zu lassen, aber er kann sich nie durchsetzen.

„Danke", sagt Harry ruhig, und die Menge ist gezwungen, ihr Getuschel einzustellen, denn Harry verzichtet aus Prinzip auf den Sonorus-Zauber. Ron ist jedes Mal aufs Neue beeindruckt, wie wirksam das ist, und er weiß mittlerweile, dass Harry später ein richtig guter Politiker wird, auch wenn sein bester Freund das jetzt noch überhaupt nicht hören will.

„Wir kommen hier jedes Jahr zusammen, das sechste Mal jetzt", hebt Harry an. „Manche kommen jedes Jahr. Manche nie. Für manche hat es sich vielleicht mit diesem Jahr erledigt. Manche sind das erste Mal dabei."

Ron ist irritiert. Natürlich wenden sich jetzt viele Gesichter Hermine zu, und er fragt sich, was Harry damit bezweckt.

„Aber wir alle kommen aus dem gleichen Grund: uns zu erinnern. An die, die wir verloren haben. An die, die überlebt haben. Und an die Ursachen, damit wir unsere Fehler nicht wiederholen."

Zustimmendes Murmeln. Die Eröffnung ist nicht neu, aber Harrys Stimme hat das richtige Maß an Emotionen und Eindringlichkeit.

„Wir alle erinnern und trauern auf verschiedene Weise. Manche verarbeiten durch Teilen, manche alleine. Manche durch Abstand, und manche durch Konfrontation. Aber wir alle, ohne Ausnahme, brauchen für das Verarbeiten der Trauer ein paar grundlegende Dinge: Zeit. Ruhe. Und Intimsphäre."

Ron unterdrückt ein Grinsen. Es wird die skrupellosesten Reporter nicht ganz abhalten – aber die Zauberer sind ein beeinflussbares Volk, und Harrys Appell ist klar: schützt Hermine für heute vor den Reportern.

Hermine entspannt sich sichtlich, und Ron legt den Arm um ihre Schultern, während sie Harry weiter lauschen. Sie nimmt diesen Trost an, den er ihr bieten kann, und lehnt sich leicht an ihn.

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Am Ende ist es Harrys guter, alter, in einem abgepassten Moment übergeworfener Tarnumhang, der Hermine vor Blicken verbirgt, als die Menge sich zerstreut und jeder für sich die Orte auf dem Hogwarts-Gelände aufsucht, die ihm besonders viel bedeuten. Fast alle streben von Beginn an zum Schloss, dort, wo die meisten Kämpfe stattgefunden haben. Harry, Ron und Ginny hingegen wandern mit Hermine langsam zum Seeufer. Dort ist niemand gestorben, und genau deswegen gehen sie seit Jahren dahin. Einer der wenigen Orte, die nicht von Voldemort besudelt worden sind.

„Es ist ein Ritual geworden", erklärt Ron leise, scheinbar zu niemandem. „McGonagall hat das Herumgehen am ersten Jahrestag erlaubt, und es ist geblieben. Und egal, wo die Leute sich in der nächsten Stunde aufhalten, am Ende sammeln sie sich jedes Jahr in der Großen Halle. Es zieht sie dahin, wo alles zu Ende ging."

In der Ferne lauern einige Reporter und beobachten ihren Gang zum See. Aber sie haben es nur einmal, im ersten Jahr, gewagt, den Gedenkenden allzu nahe zu kommen. McGonagall war dermaßen wütend geworden, dass selbst Rita Kimmkorn klein beigegeben hatte. Ron weiß aus zuverlässiger Quelle, dass der Chefredakteur des Tagespropheten seine Mitarbeiter kurz und klein gehext hatte, als er von McGonagalls Drohung erfahren hatte, das Gelände für die Reporter für alle kommenden Feierlichkeiten auf Hogwarts zu sperren.

Danach waren die Paparazzi diskreter geworden. Aber da war Hermine schon in Amerika.

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„Es ist so friedlich hier", sagt Hermine. Unglauben schwingt in ihrer Stimme mit.

Ron kann sie verstehen. Als sie zuletzt hier war, lag das halbe Schloss in Trümmern, und die Erinnerung an die letzte Schlacht lag wie eine schwere Decke über allem.

„Bill sagt, das liegt an den Wassermenschen", erläutert Ginny. „Sie haben die schwarze Magie, die noch um den See lag, irgendwie neutralisiert."

„Und Hogwarts selber? Ist das noch … verseucht?"

„Nein", sagt Harry ruhig. „Aber es ist schwieriger, dort wirklich alle Spuren zu beseitigen, weil die Bewohner von Hogwarts viel stärker betroffen waren und mit ihren traurigen Erinnerungen und Gedanken die letzten Reste des Bösen immer wieder nähren."

„Sollten nicht die guten Gedanken an die Verstorbenen das Gegenteil bewirken?" fragt Hermine. Ron fällt auf, dass er nicht mehr daran gewöhnt ist, mit dem Nichts zu sprechen.

„Wir glauben, es liegt an einer Kombination aus der Wirkung der Dementoren und den vielen schwarzmagischen Flüchen", sagt Harry. „Es beeinträchtigt die Schüler nicht, aber an Tagen wie heute, wo die ganzen traurigen Erinnerungen zusammenkommen, wirkt Hogwarts bedrückend. Es ist, als ob sich diese Gedanken sammeln, manifestieren und sich irgendwie festsetzen. Fast wie ein künstlicher Dementor."

„Das Beste wäre", ergänzt Ron, „solche Gedenkfeiern wie die heute gar nicht mehr abzuhalten. Politisch natürlich nicht durchzusetzen."

Im Gegensatz zu Harry, der sich während seiner Ausbildung auf die Bekämpfung der schwarzen Magie spezialisiert hat, ist Ron eher der Mann für die alltäglichen Fälle. Aber natürlich haben sie darüber schon so oft diskutiert, dass auch Ron ein halber Experte für das „Hogwarts-Problem" geworden ist.

„Jaaah", seufzt Harry. Er ist auch kein Fan dieser Feiern, und in seinen Bereich fällt es, das Schloss anschließend an den Jahrestag auf schwarze Magie zu untersuchen und die Ballungen negativer Erinnerungen – sie nennen sie Mementoren – ausfindig zu machen.

Hermine schweigt, und Ron wünscht sich, er könnte ihr Gesicht sehen.

Ginny beschließt auf jeden Fall, die Gelegenheit zu nutzen, und wendet sich an Harry: „Und ihr habt immer noch keinen Fluchbrecher in der Truppe, oder?"

Ron verkneift sich ein Grinsen, und Harry nimmt den Ball auf. Er zuckt, scheinbar beiläufig, die Schultern und sagt resigniert: „Keinen vernünftigen zumindest. Manchmal denke ich, wir wären ohne McLeod sogar besser dran. Der denkt ohnehin nur noch an seine Rente in zwei Jahren, und was der weiß, kann ich mittlerweile auch."

„Toggles?" wirft Ron den Namen eines vielversprechenden jungen Kandidaten in die Runde. Natürlich kennt er Harrys Antwort schon.

„Hat nach der Sache mit den verfluchten Reiseandenken ein Angebot von Gringotts erhalten", sagt dieser prompt. „Das Ministerium bezahlt nicht so viel, und Reisen in fremde Länder können wir auch nicht bieten."

Rons geschulte Ohren hören, wie Hermine tief einatmet, bevor sie fragt.