Natürlich haben sie das für sie eingefädelt. Hermine weiß nicht, ob sie sich ärgern soll. Andererseits ist sie für die Stelle wirklich qualifiziert. Und sie ist sich nicht sicher, ob sie es momentan aus eigenem Antrieb schaffen würde, sich irgendwo vernünftig zu bewerben.

„Gemischte Gefühle" ist ein Ausdruck, der ihren Zustand in den vergangenen zwei Wochen umfassend beschreibt. Sei es in der Winkelgasse, in Hogwarts, beim Besuch im Fuchsbau oder bei Harry und Ginny im frisch renovierten Grimmauld Place: seit der Ankunft in England wird sie hin- und hergeworfen zwischen Freude und Trauer, Glück und Resignation. Die meiste Zeit verharrt sie allerdings in einem Zustand des Nicht-Denkens und Nicht-Fühlens, als ob ihr Geist diesen scheinbaren Leerlauf braucht, um wieder zur Ruhe zu kommen.

Immerhin hat sie die letzten zwei Wochen fast jede Nacht durchgeschlafen, also scheint der Leerlauf ihr gut zu tun. Nur kann sie ihn sich langsam wirklich nicht mehr leisten, auch wenn sie kein teures Hotel gewählt hat.

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Natürlich verbessert ein Besuch ausgerechnet im Zaubereiministerium diesen Zustand nicht.

Aber ihre Freunde mit ihren Geldsorgen belästigen will sie nicht, denn die haben mit ihren Stimmungsschwankungen schon genug zu tun. Also braucht sie den Job.

Ron hat sie mit viel Nachdruck überzeugt, es bei den Auroren als Fluchbrecherin versuchen, und das erste Mal kann sie nachvollziehen, wie er sich als Jugendlicher wohl gefühlt hat, wenn sie ihn immer zu Hausaufgaben genötigt hat: sie hat keine Lust, sich um einen Job zu kümmern, und schon gar keine Lust, sich der Belastung eines Vorstellungsgesprächs auszusetzen, aber sie weiß ganz genau, dass er recht hat und es gut meint.

Also ist ihr nichts anderes geblieben, als sich in Schale zu werfen, um sich Harrys Chefin vorzustellen. Diesmal wird „auf sich wirken lassen und schweigen" allerdings nicht genügen, und entsprechend nervös ist sie. Wenn das Geld nicht ohnehin zu knapp gewesen wäre, hätte sie sich noch einen Beruhigungstrank geholt. Ohne Geld hat sie sich dafür einen Besuch in der aufwühlenden, erinnerungsbeladenen Winkelgasse erspart.

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Sie ist zu früh, aber Ron scheint das geahnt zu haben: er wartet schon im Atrium.

Sie haben das Denkmal einmal mehr aufgebaut, allerdings steht der Hauself jetzt stolz neben der Hexe, und der Zauberer hat dem Zentauren freundschaftlich einen Arm um die halb befellte Hüfte gelegt.

„Komm, ich zeig' Dir mein Büro, dann wird die Wartezeit nicht so lang", sagt Ron und zieht sie mit sich. Er bewegt sich im Ministerium mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie im Flughafen, während sie von Erinnerungen an Umbridge und Dementoren und lange Reihen mit Kristallkugeln überwältigt wird. Im Fahrstuhl zum sechsten Stock („Aurorenzentrale") überkommt sie fast eine Panikattacke, und nur Rons Nähe verhindert, dass sie die Fassung jetzt schon verliert. Die neugierigen Blicke auf den Gängen sind auch nicht hilfreich.

Es ist eine Wohltat, das ruhige Büro zu betreten.

„Hi Hübsche", grüßt Ron eine schlanke, große Blondine, die gerade an einem hohen Aktenschrank steht, und zwinkert ihr zu.

Die Frau dreht sich um und lächelt ihn an. „Hey Großer!" sagt sie und boxt Ron leicht in die Schulter.

Hermine stellt verblüfft fest, dass die beiden flirten.

„Das ist Gwen", stellt Ron vor, „die schärfste aller Aurorinnen." Er grinst Gwen an, die lacht und ihn nochmal fester boxt, bevor sie Hermine ihre Hand hinstreckt.

„Und das ist Hermine", fährt Ron fort, „die beste aller Freundinnen."

Gwens Händedruck ist fest, und ihre Augen mustern Hermine neugierig, freundlich und scheinbar vollkommen unvoreingenommen.

Hermine ist verwirrt.

„Ich hab schon viel von Dir gehört", sagt Gwen. „Ron sagt, Du willst bei uns anfangen?"

„Mal versuchen", bringt Hermine hervor.

„Schaden kann es auf keinen Fall", sagt Gwen munter, „seit die Todesser besiegt sind, wollen alle möglichen Pfeifen plötzlich Auroren werden und den Ruhm einheimsen. Davor, als wir sie wirklich nötig gehabt hätten, hatten sie alle zu viel Schiss. Wir könnten mal wieder ein paar talentierte Leute gebrauchen."

„So schlimm ist es auch wieder nicht", lacht Ron. Gwen hebt vielsagend die Augenbraue, dann zwinkert sie Hermine zu und widmet sich wieder den Akten.

Der Gedanke, dass Gwen schon während des Kriegs Aurorin gewesen sein muss, und damit mindestens sechs Jahre älter ist als Ron, beschäftigt Hermine.

Sie stellt fest, dass das Zweierbüro mit einigen Grünpflanzen und persönlichen Gegenständen verschönert wurde und recht gemütlich wirkt. Das gute Verhältnis der beiden Bewohner dieses Raums ist auch in der Einrichtung offensichtlich, die magischen Fenster zeigen sonniges Wetter, und Hermines Gefühle fahren mal wieder Achterbahn.

Ron sucht sich aus einem Stapel Papiere auf seinem Schreibtisch – für seine Verhältnisse erstaunlich aufgeräumt – eine prall gefüllte Kartonmappe und winkt Hermine dann mitzukommen.

Sie sieht auf die Uhr und wird augenblicklich wieder nervös.

„Viel Glück", wünscht Gwen.

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Wieder auf dem Flur ruft Hermine sich ihre Qualifikation in Erinnerung, ihre erfolgreichen Projekte und ihre bekannten Lehrmeister. Trotzdem kommt sie nicht umhin zu bemerken, dass Ron von vielen entgegenkommenden Leuten gegrüßt wird, und davon sind mindestens zwei Frauen, die ihn regelrecht anstrahlen.

Ron ist völlig locker und grüßt alle mit Namen zurück.

„Hier kennt jeder jeden", sagt er, „in den sechsten Stock kommen nur Leute, die hier wirklich was zu tun haben."

Eine älterer Herr hat das gehört und sagt im Vorbeigehen grinsend: „Da hat er recht. Wir beißen nämlich."

Ron lacht schallend und erklärt dann: „Ein Insider-Witz. In Johns Abteilung arbeitet seit drei Monaten ein Werwolf. So – da sind wir. Kathleen Pince, die Graue Eminenz."

Ron klopft für sie an die schwere Holztür, bevor Hermine etwas dagegen tun kann, und eine raue, befehlsgewohnte Stimme ruft „Herein!"

„Viel Glück", sagt Ron, drückt sie nochmal aufmunternd und macht die Tür vor ihr auf.

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„Miss Granger." Kathleen Pince erhebt sich, kommt um den großen Mahagoni-Schreibtisch herum und gibt Hermine die Hand. Ihr Händedruck ist ebenso fest wie der von Gwen, und ihre grauen Augen mustern ihre Bewerberin durchdringend. Sie trägt ihr graues Haar in einem strengen Knoten am Hinterkopf, ihr graues Kostüm sitzt perfekt.

„Nehmen Sie Platz", sagt sie und weist auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch.

Hermine gehorcht. Sie bemerkt, dass sie wieder einmal nervös ihre Finger knetet, und zwingt sich, die Hände nebeneinander in ihren Schoss zu legen.

„Sie sehen etwas mitgenommen aus", eröffnet Mrs. Pince schonungslos.

Bin ich gerade zusammengezuckt? Hermine weiß es nicht sicher, aber Mrs. Pince zieht eine Augenbraue hoch.

Es ist der Gedanke an ihre Freunde, der Hermine aufrecht hält. Immerhin haben sie ihr diese Chance verschafft, und sie muss ihr Möglichstes tun, um sie zu nutzen. Und sie will den Job! Aber täuschen kann sie momentan sowieso niemanden.

Hermine holt tief Luft. „Ich fühle mich auch so", bekennt sie.

Die Augenbraue wandert noch ein Stückchen höher.

„Ich bin vor zwei Wochen aus Amerika zurückgekommen, und ich stelle gerade fest, dass mich die Erinnerungen an alte Zeiten heftiger einholen, als ich erwartet hatte."

Die Graue Eminenz nickt. Sie lässt sich nicht anmerken, was sie von Hermines Geständnis hält, aber sie wechselt das Thema: „Ihre Zeugnisse sind allerdings beeindruckend."