Ron ist gerade zur Aurorenzentrale appariert, und Hermine sinniert darüber, wie surreal das alles ist. Ron, der in Gefühlsdingen immer so ungeschickt war und sie um Erklärungen gebeten hat bei Mädchen, hat ihr freimütig von seinem Liebesleben erzählt, mit sich im Reinen, zufrieden, aber ohne Angeberei, „genießend, was das Leben bietet".

Sein Lebensmodell ist so verschieden von allem, was Hermine sich je ausgemalt hat, dass es ihr gar nie in den Sinn gekommen ist, dass jemand auf diese Art uneingeschränkt glücklich sein könnte.

Sie rollt sich in dem Sessel wieder ein und denkt an ihre eigenen Beziehungen zurück, die so anders gelaufen sind.

Ihr Pendant zu Alice – die erste Beziehung nach der Trennung von Ron – war John. Sie hatte sich am Anfang sogar daran gestört, dass sein Name so ähnlich zu „Ron" klang. Aber John war charmant, geduldig, erwachsen und damit so ganz anders als der ungestüme, tollpatschige Ron, und sie ließ sich einwickeln. Er ließ sie erzählen von ihrem Studium, er lud sie zum Essen ein, und als sie ihm nach ein paar Wochen ihre Jungfräulichkeit schenkte, war das Zimmer mit Kerzen und Rosenblüten dekoriert.

Die Ernüchterung folgte wenig später mit Johns nahendem Abschluss in magischem Recht. Sie schob den kurzen, unbefriedigenden, immer gleich ablaufenden Sex auf seinen Stress mit den Examen. Er wollte nichts mehr von ihren Studien hören, was sie verständnisvoll hinnahm. Und als er das erste Mal Heirat und Kinder erwähnte, fühlte sie sich noch geschmeichelt. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie realisierte, dass er seine Vorschläge ernst meinte, sie könnte ja als Mutter seiner Kinder aufhören zu studieren. Bis sie bemerkte, dass das Lächeln, wenn sie von ihrer Forschung erzählte, kein Interesse, sondern nachsichtige Langeweile signalisierte. Bis ihr klar wurde, dass die Kerzen und Rosen das erste und einzige Highlight im Schlafzimmer gewesen waren.

Sie trennte sich, und John nahm es ausgesprochen unsportlich auf.

Vermutlich war es ihre nächste Beziehung, die ihre Misserfolgs-Abwärtsspirale so richtig in Gang setzte, denkt Hermine jetzt.

Denn auf Peter hatte sie sich kurz darauf in ihrem Frust über John eingelassen. Er tat ihr gut, war lustig und fröhlich, er bewunderte ihre Klugheit, und sie konnte auch gut über seine flachen Witze lachen. Sie passte sich an seine Hobbies an, weil er sich für Lesen und Wissenschaft nicht interessierte, und begleitete ihn zum Zauberer-Baseball und zum Quidditch. Ihm zu Liebe lernte sie die Regeln und las Bücher darüber. Als sie mit ihm dann aber über die Geschichte des Baseball als gemeinsames Thema sprechen wollte, schimpfte er sie aus, sie würde den Sport zerreden. Ihre eigenen Witze, selbst die einfachen, fand er nie lustig, und er beschwerte sich immer häufiger, dass sie im Bett den Kopf nicht ausschalten würde. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie wirklich verstand, dass er sie zwar „mein kluges Mädchen" nannte, mit ihrer Wissbegier und ihrem Intellekt aber eigentlich gar nichts anfangen konnte. Als sie schließlich dahinterkam, dass er sie schon länger mit einer vollbusigen Blondine betrog, trennte sie sich. Peter zuckte nur die Schultern und riet ihr zum Abschied, ihr Hirn zwischendurch mit Alkohol zum Runterfahren zu zwingen.

Es war eine längere Pause, bis sie sich nach diesen Enttäuschungen auf einen ihrer Mitstudenten einließ. Er machte ihr Komplimente für ihre Schönheit und ihre Intelligenz, er diskutierte ausführlich mit ihr über Gott und die Welt, und er küsste sie immer wieder vor aller Augen. Sie war glücklich, endlich einen geistig ebenbürtigen Partner gefunden zu haben, und es dauerte eine ganze Weile, bis sie realisierte, dass er sie nie zu sich nach Hause einlud, und noch länger, bis ihr klar wurde, dass sie trotz aller Küsse noch nie miteinander geschlafen hatten. Damit konfrontiert gab er zu, homosexuell zu sein, sich aber vor seinen Mitschülern nicht outen zu wollen. Er entschuldigte sich ausführlich bei Hermine für die Täuschung, aber die Enttäuschung konnte er ihr nicht nehmen.

Der neue Professor war verheiratet und wollte nur schnellen Besenkammer-Sex.

Ryan war krankhaft eifersüchtig.

Und der One-Night-Stand mit Thomas gab ihr den Rest, weil es nur eine Wette gewesen war, ob er den „Bücherwurm" flachlegen könnte.

Mit anderen Worten: sie hat so ziemlich jeden Missgriff getan, denn man bei Männern so machen kann.

Hermine seufzt und wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Selbstmitleid ist zwar angesichts ihres desaströsen Liebeslebens und ihres offensichtlich pathologischen Männergeschmacks nicht ganz unangebracht, bringt sie jedoch nicht weiter.

Genauso wenig wie Neid auf Ron, der bei Frauen und im Job und im Leben erfolgreich ist und damit alles geschafft hat, was ihr irgendwie nicht gelingen wollte.

Energisch setzt sie sich aufrecht.

Sie muss etwas tun, so kann es nicht weitergehen.

Aber was?

Wo soll sie jetzt hin? Lee hat sich vorhin verabschiedet, Ron ist arbeiten gegangen und wird dort wohl auf Harry treffen, während Ginny vermutlich gerade Training hat.

Hermine sackt wieder in sich zusammen, und diesmal kann sie die Tränen nicht aufhalten.

Sie rollt sich zu einer Kugel zusammen und lässt ihnen freien Lauf.

Vielleicht sollte sie sich doch an Peters Rat halten? Sie ist bisher klug genug gewesen, ihr Elend nicht in Alkohol zu ertränken. Dafür weiß sie zu viel über Sucht und Flucht, dafür hat sie zu viele Studenten gesehen, die sich auf Partys volltrunken lächerlich gemacht haben, sie hat Sirius eingesperrt in seinem Elternhaus erlebt, und sie mag den Geschmack auch gar nicht. Aber sie hat auch die beiden gebrauchten Whisky-Gläser auf dem Tischchen neben dem Sofa gesehen. Offenbar trinkt Ron Alkohol, und er ist erfolgreich und locker und selbstbewusst – ist sie vielleicht doch einfach zu verklemmt? Zu sonderbar?

Sie hat schon so vieles probiert, und letztlich ist sie doch gescheitert.

Schlimmer kann es nicht werden.

Hermine greift nach der halbvollen Flasche Old Ogden´s auf dem Beistelltisch.

Die beiden gebrauchten Gläser sind immer noch da. Welches wohl Ron benutzt hat? Sie zögert kurz, dann greift sie nach dem, was eher nach Ron aussieht, und kichert dabei hilflos über diesen dummen Gedanken.

Ihr Hirn ist offenbar schon beim Gedanken an Alkohol dabei herunterzufahren.

Dann ist es jetzt erst recht egal.

Sie entkorkt die Flasche und gießt das Glas halb voll.

„Prost, du Verliererin", sagt sie, und stürzt die Flüssigkeit herunter.