Ron ist ausnahmsweise froh, dass er nach dem Nachteinsatz heute nur noch Papierkram zu erledigen hat. Und dass Gwen im Feld ist und er das Büro für sich hat.
Hermine geht ihm nicht aus dem Kopf. Genauer: seit er ihr vorhin erzählt hat, dass er so viel über Frauen gelernt hat, geht ihm nicht mehr aus dem Kopf, wie es wohl wäre, ihr zu zeigen, was er alles gelernt hat. Wie es wohl wäre, sie zu berühren, zu küssen, zu verwöhnen.
Wie anders es jetzt wäre im Vergleich zu den unbeholfenen Küssen und Fummeleien, die sie von ihm kennt.
Aber nein. Sie ist jetzt seine Mitbewohnerin, und sie hat wirklich genug Probleme, auch ohne einen Ex-Freund, der sich gerade gar nicht mehr mit seiner Ex-Rolle abfinden will.
Zumal er sich ja überhaupt nicht sicher ist, was er will. Hermine ist nicht der Typ für eine seiner Ab-und-Zu-Beziehungen. Das bedeutet: ganz oder gar nicht. Und er weiß nicht, ob er für eine der beiden Varianten bereit wäre. Oder ob Hermine so etwas überhaupt in Betracht ziehen würde, im Falle von „ganz".
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Nach zwei Stunden hat Ron genug von der Grübelei. Er beendet seinen Bericht, gibt kurz seinem Chef Bescheid und appariert nach Hause.
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Hermine liegt in seinem Sessel. Das Glas mit dem Feuerwhisky – nicht dem ersten, nach dem neuen Füllstand der Flasche zu schließen – ist ihr aus der Hand gerutscht, und sie starrt in einer seltsam verdrehten Position auf den Boden, wo der Alkohol einen Fleck im Teppich hinterlassen hat.
„Ron", nuschelt sie und hebt mühsam den Kopf, als er sich ihr mit großen Schritten nähert.
„Was machst du denn da?" fragt er entsetzt und hebt das Glas auf.
„Hirn ausschalten", antwortet sie undeutlich, und es gelingt ihr nach einigen Versuchen, sich aufsetzen. Dann umklammert sie plötzlich Rons Bein.
„Hermine!"
„Ich will auch erfolgreich sein", murmelt sie und legt ihren Kopf an seinen Oberschenkel.
Nachdem Rons Gedanken die letzten zwei Stunden um sehr fleischliche Aktivitäten gekreist sind, ist das definitiv ungünstig. Ihm wird warm.
„Hermine, lass das. Du bist betrunken."
„Jaaah", nuschelt sie, hört aber nicht auf. Ihr Kopf ist bedenklich nah an seinem Schritt.
Ron reißt sich los.
Sie starrt ihn erschrocken an. Dann schießen Tränen in ihre Augen. „Du willst mich auch nicht", schluchzt sie. „Du willst auch nur andere. Nicht mich, wie ich bin."
Tausend Gedanken schießen Ron zu dieser Aussage durch den Kopf, aber es gelingt ihm, den wichtigsten davon zu greifen: „Auf jeden Fall nicht so betrunken, wie du momentan bist", sagt er und zieht sie hoch.
Sie hängt in seinen Armen wie ein nasser Sack, aber ihr Klammergriff um seinen Nacken ist erstaunlich fest.
„Komm, ich bringe dich ins Bett", sagt er, zieht sie in Richtung Gästezimmer und schiebt zu ihrem Bett. Sie lässt sich tatsächlich darauf fallen – aber sie lässt Ron dabei nicht los.
„Nich' weggeh'n." Sie lallt jetzt ein bisschen. „Nich' allein lass'n."
„Ich lasse Dich nicht allein", bestätigt Ron. Die gebückte Haltung mit Hermines Armen um seinen Nacken ist mehr als unbequem. Seine Versuche, ihre Finger zu lösen, enden damit, dass er zwar wieder aufrecht stehen kann, dafür aber Hermine verzweifelt seine linke Hand hält und schluchzt.
„Ich lasse Dich nicht allein", wiederholt er immer wieder, aber Hermine schnieft weiter und murmelt etwas von „du willst mich nicht" und „hierbleiben".
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Es ist zu viel, nach den zwei Wochen mit Hermine und dem Besuch von Alice und seinen kreisenden Gedanken den halben Nachmittag, und sie lässt ihm wirklich keine Wahl.
Kurzentschlossen zieht er seinen Zauberstab und spricht erst auf Hermine, dann auf sich einen Auskleide-Zauber, der sich ab und zu schon bei Einsätzen als nützlich erwiesen hat.
Nur noch in Unterwäsche zieht er die Bettdecke unter Hermine hervor, schiebt ihren knochigen Körper ein wenig zur Seite und breitet die Decke über sie aus, bevor er selber darunter schlüpft.
„Ich lasse dich nicht allein", sagt er nochmal.
In dem Moment, wo er die Arme um sie legt, hört Hermine auf herumzuzappeln. Sie nuschelt ein langgezogenes, zufriedenes „Jaaah" an seine Brust und schmiegt sich an ihn.
Zwei Minuten später sagen ihm ihre ruhigen Atemzüge, dass sie eingeschlafen ist.
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Ron hat in den letzten sechs Jahren gelernt, dass es zwei Arten von Situationen gibt:
Manchmal muss man zwingend handeln, aktiv Entscheidungen treffen, sich anstrengen, um etwas zu erreichen. Seine Ausbildung war so eine Sache – er hat für sein Ziel, Auror zu werden, so hart gearbeitet wie nie zuvor in seinem Leben.
Aber manchmal gibt es auch Situationen, in denen man alles auf sich zukommen lassen muss, passiv beobachtet und abwartet.
Er ist sich nicht sicher, was das hier ist.
Hermine fühlt sich in seinen Armen unsagbar gut an. Er möchte sie an sich drücken, ihre Haare und ihr Gesicht streicheln und sie küssen. Aber sie ist betrunken und hilflos und depressiv, und es wäre falsch.
Aber heißt das auch, dass er jetzt – anständigerweise – die Entscheidung treffen muss, aufzustehen und sich sofort von ihr zurückzuziehen? Oder ist dies, wenn er jetzt nichts weiter tut als dazubleiben wie versprochen, eine von den Gelegenheiten, wo er einfach passiv den Moment genießen kann, ohne sich über tausend mögliche Folgen Gedanken zu machen?
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Schließlich entscheidet er sich für ein Mittelding: er gönnt sich noch ein paar Minuten mit Hermine so nah bei sich, dann befreit er sich sanft aus ihrem mittlerweile lockeren Griff und verlässt Bett und Raum.
Es kann nicht schaden, einen neuen Whisky zu besorgen, bevor er den Rest aus der alten Flasche vernichtet und versucht, die letzten paar Stunden auf die Reihe zu kriegen.
