Völlig erschöpft, aber gleichzeitig überglücklich ließ Amy sich auf ihren (laut neu aufgesetzter Mitbewohnervereinbarung und angepasster Beziehungsrahmenvereinbarung war es nun endlich offiziell) Platz auf der Ledercouch plumpsen.
Was für ein Tag! Seit 5 Uhr am Morgen waren sie und Sheldon nun fast ununterbrochen auf den Beinen gewesen und hatten Amys Umzug in Sheldons Wohnung koordiniert (Sheldons Part) bzw. Kartons und Möbel geschleppt (diese Aufgabe oblag, na klar, dem Rest der Gruppe). Aber dank Sheldons sorgfältiger Planung waren sämtliche Arbeiten reibungslos verlaufen, nichts war zu Bruch gegangen, alle Möbelstücke standen in den richtigen Zimmern an den richtigen Stellen und die Kartons waren bereits ausgepackt.

Nach einer ausgiebigen Pizza-Orgie (Amy hatte zwar ihren Esstisch mitgebracht, sie hatten aber trotzdem wieder alle auf dem Sofa gegessen, manche Dinge änderten sich wohl einfach nie!) hatten ihre Freunde sich verabschiedet.
Anschließend hatte Sheldon darauf bestanden, dass Amy gleich die geänderte Beziehungsrahmenvereinbarung, die Amy eine Menge neuer Rechte zugestand, und die neu aufgesetzte Mitbewohnervereinbarung unterschrieb. Wie hätte er heute Nacht auch nur eine Minute ruhig schlafen können, wenn er zuvor nicht sämtliche Notfall-Szenarien mit Amy durchgegangen wäre (den unwahrscheinlichen, aber möglich Angriff von Zombies oder Vampiren mit inbegriffen)!

Sheldon kam mit zwei Tassen Tee aus der Küche und setzte sich neben Amy auf die Couch.
„Eine Sache gibt es noch, die wir heute noch erledigen müssen," sagte er.
„Was denn?" fragte Amy müde. „Müssen wir noch ein Szenario für den Angriff von Werwölfen durchspielen?"
„Gute Idee, aber lass uns das auf morgen verschieben. Die Wahrscheinlichkeit einer Werwolf-Invasion erscheint mir, im Gegensatz zu Zombies und Vampiren, zu gering, als dass das Fehlen eines ausgearbeiteten Szenarios zu einer ernsthaften Bedrohung heute Nacht führen könnte."
„Na, da bin ich ja beruhigt. Was ist es dann?"
„Du hast noch keinen Haustürschlüssel."
„Stimmt."

Sheldon stand auf, ging in sein Zimmer und kam mit einem gigantischen Schlüsselbund in der linken Hand wieder.

Er setzte sich neben Amy auf die Couch und fing an, die Schlüssel vor ihr auszubreiten. Sie alle waren mit verschiedenfarbigen bunten Kunststoff-Schlüsselringen an einem kleineren Schlüsselring, offenbar aus Messing, befestigt, den Sheldon zwischen drei Fingern der linken Hand hielt.
„Wow, das hatte ich jetzt nicht erwartet!" Amy war ob der Menge an Schlüsseln ziemlich perplex.
„Nun, also," fing Sheldon an zu erklären „der Schlüssel am grünen Ring ist für die Haustür und die Wohnungstür, der am blauen Ring für den Briefkasten, der am roten Ring für den Tresor, der am gelben Ring für Pennys und Leonards Wohnungstür, der am orangenen Ring für mein Büro in der Universität, der am pinken Ring für mein Bankschließfach, der am violetten Ring für das Haus meiner Mutter, der am braunen Ring für meinen Lagerraum (würdest du ihn für mich räumen lassen?) und der am schwarzen Ring für mein Tagebuch. - Den Schlüssel zu meinem Herzen konnte ich naturgemäß nicht hier dran befestigen, aber den hast du ja bereits gefunden," fügte er lächelnd hinzu, froh, dass ihm dieser Witz so spontan eingefallen war, und Amy sah ihn etwas ungläubig an.
„Oh, ich weiß nicht, ob ich mich jemals an diese Hippie-Ausdrucksweisen werde gewöhnen können," fuhr Sheldon nun wieder ernsthafter fort. „Ich maile dir nachher auch noch mal eine Excel-Tabelle mit der Zuordnung der einzelnen Farben zu den Schlüsseln zu, falls dir das jetzt zu schnell ging. Auf einem weiteren Arbeitsblatt enthält sie auch sämtliche Passwörter, PINs und Codes für mein Online-Banking, meine Social-Media-Profile usw."
„Ähm, ok..."

Sheldon wirkte auf einmal nervös. „Weißt du Amy, ich will nicht nur meine Wohnung mit dir teilen, sondern alles. Mein ganzes Leben. Deswegen bekommst du die Schlüssel zu allem, was mir wichtig ist. Und die bunten Ringe, damit du sie nicht verwechselst. Ich verstehe ja, dass nicht jeder einen Schlüssel allein an seinem Bart erkennen kann."
Mit diesen Worten legte er zitternd den klappernden Schlüsselbund in Amys Hand, und schloss seine eigene schnell darüber. Amy verstand nicht ganz, was in ihn gefahren war, doch ihr Herz klopfte nun etwas schneller als üblich, denn sie spürte, dass hier etwas im Busche war.
„Es gibt noch einen zehnten Ring, Amy. An ihm hängt der Schlüssel zu unserer gemeinsamen Zukunft."
Damit nahm er seine Hand von ihrer und Amy sah, dass der vermeintlich messingfarbene Schlüsselring eigentlich golden und mit einem Diamanten bestückt war.
„Und was ist der Schlüssel zu unserer gemeinsamen Zukunft, Sheldon?" flüsterte Amy.
„Deine Antwort auf die Frage, ob du mich heiraten willst!" flüsterte Sheldon zurück.
„Dann stelle sie!" forderte Amy ihn auf.
Und das tat Sheldon dann auch.