Amy hatte ihn verhext, jawohl. Mit ihren leise rieselnden Schuppen fing es vor ein paar Jahren an und mit der Zeit war alles immer schlimmer geworden. Er war mal ein Mann der Wissenschaft gewesen, der die Kunst perfektioniert hatte, seine Gefühle zu verbergen (oder ihnen mit dem geeigneten Getränk adäquat zu begegnen). Man hielt ihn nicht nur für emotionslos, sondern sogar für asexuell! Was für ein Triumph! Und nun? War er ein Mann der Wissenschaft, der nicht nur seine Jungfräulichkeit verloren hatte, sondern sich auch noch wünschte, er könnte seine Gefühle gegenüber seiner Freundin doch nur irgendwie deutlicher zeigen.
Doch er hatte einen Plan. Er würde Amy heute ebenfalls gründlich verzaubern. Und dann würde sie hoffentlich verstehen, was er für sie empfand, wie wichtig sie ihm war und vor allem, was es für eine gute Idee wäre, wenn sie ihn in nicht allzu ferner Zukunft heiraten würde.
Er hatte vorgehabt, sich für den großen Abend als Harry Potter* in Hogwarts-Schuluniform zu verkleiden, oder besser noch, als Gandalf. Gandalf der Weiße, das hätte doch richtig Stil, oder? Aber Howard, den er in dieser Angelegenheit ausnahmsweise um Rat gefragt hatte (Wenigstens kannte sich Howard ja ein wenig auf dem Gebiet der Zauberei aus, wenn er es auch schon beruflich zu nichts von Bedeutung gebracht hatte), hatte ihm schließlich entsetzt und vehement davon abgeraten. Das Ganze sollte doch ein Heiratsantrag werden und Amy sei schließlich weder an kleinen Jungs noch an einem Sugar Daddy interessiert. Stattdessen hatte er ihm vorgeschlagen, sich wie ein Zauberkünstler anzuziehen, was wiederum Sheldon sehr albern fand (sollte er etwa einen Zylinder und weiße Handschuhe tragen?!), aber mit einer Google-Suche hatte Howard ihm beweisen können, dass ein Großteil der modernen Zauberer von heute anscheinend im klassischen Anzug auftrat und das sollte doch eigentlich ganz nach Amys Geschmack sein.
Und nun war es soweit, Amy würde jeden Augenblick vor seiner Tür stehen. Schnell checkte er noch mal alles, was er vorbereitet hatte. Er trug ein neues blaues Hemd in der Farbe seiner Augen, dessen Ärmel er aufgekrempelt hatte (ja, er war ganz schön ins Schwitzen gekommen in den letzten Minuten), sowie Hose und Weste seines Anzugs. Er hatte Blumen besorgt, das Essen brutzelte im Ofen, er hatte sich ein kulturelles Rahmenprogramm überlegt und ein ganz besonderes Geschenk für Amy vorbereitet. Seinen Trick hatte er auch mehrmals geübt - Und da klopfte sie auch schon! Mit einem kleinen Hopser sprang er zur Tür.
„Hereinspaziert, hereinspaziert, meine Dame!" forderte er Amy im Tonfall eines Zirkusdirektors auf, während er mit seinen Händen eine einladende Handbewegung machte. „...und erleben Sie eine Nacht voller Magie, die Sie garantiert nie wieder vergessen werden!"
Das würde Amy, die keinerlei Ahnung von Sheldons besonderer Überraschung gehabt hatte, bestimmt nicht. Der Anblick ihres Freundes jedenfalls hatte ihr den Atem verschlagen. In diesem Outfit hatte sie ihn ja noch nie gesehen! Es stand ihm außerordentlich gut.
Die Begrüßung dagegen, hatte sie irgendwie... skurril gefunden. Aber sie kam gar nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, da Sheldon ihr nun einige Zweige eines gelb blühenden Strauches überreichte. „Ein kleines Begrüßungsgeschenk für die Dame. Es handelt sich dabei um die Art Hamamelis, auch Zaubernuss genannt!"
„Danke sehr!" Amy lächelte. Sie hatte eine Ahnung, wo das hier, zumindest thematisch, hinführen würde. „Das ist wirklich ganz zauberhaft!"
Sheldon strahlte vor Freude. Sie hatte das Konzept augenblicklich verstanden. Ach, seine kluge Amy!
„Nun, wenn du dich dann zu Tische begeben möchtest, das Essen wird gleich serviert."
Amy ging zum Wohnzimmertisch, wo sie eine Zaubertafel (ach, wie süß!) vorfand, auf der Sheldon die Gänge des Menüs notiert hatte. Nach kurzer Zeit kam Sheldon mit einem Zaubererhut in den Hand aus der Küche ins Wohnzimmer gelaufen, der, wie Amy vermutete, das Essen enthielt.
„Na Sheldon, jetzt bin ich aber gespannt, was du uns da Schönes gekocht, ich meine natürlich gezaubert, hast!"
„Oh nein, jetzt habe ich ja ganz vergessen, dir zu zeigen, dass der Hut vorher leer war!" Sheldon schien ziemlich bestürzt über seinen Faux-Pas.
„Macht doch nichts, dann zeigst du es mir beim nächsten Gang"
„Nein, nein, wir machen das noch mal von vorn."
Sheldon sammelte den Hut nebst dem Essen wieder ein, ging in die Küche, stellte dort den Hut auf den Tresen, zeigte Amy, dass er leer war, schwang dann den Zauberstab, den er sich von Howard ausgeliehen hatte (Hoffentlich kommt nachher noch sein eigener Zauberstab zum Einsatz, dachte sich Amy, innerlich kichernd) und – simsalabim – war das Essen im Hut gelandet. Amy, die das Geheimnis hinter diesem Trick schon seit ihrer Kindheit kannte, spendete trotzdem einen (soweit ihr das als einzelner Person möglich war) tosenden Applaus. Er war so süß! Und so attraktiv in diesem Anzug…
Nachdem sie das von Sheldon zubereitete Mahl genossen hatten (wieso hatte er noch nie zuvor gekocht? Das Essen war köstlich!), und einen von Penny zubereiteten „Zaubertrank" (wieso mixte Penny nicht öfter diesen Cocktail? Er war köstlich!) zu sich genommen hatten, kündigte Sheldon an, zum „kulturellen Part" des Abends übergehen zu wollen. Er erklärte Amy lang und breit, warum sie keinen Harry Potter oder sonstigen Film mit Hexen und Zauberern schauen würden und dass er sich ebenfalls gegen einen Vortrag von Goethes „Zauberlehrling" entschieden hatte.
Wie gut, dass er kein Mentalmagier ist, dachte Amy, als ihre Gedanken bei Sheldons Erwähnung von Mozarts „Zauberflöte" schon wieder in ganz und gar nicht jugendfreie Richtungen abdrifteten.
Schließlich jedoch kamen sie an den Punkt, an dem Sheldon erklärte, was sie heute Abend machen würden: Tanzen! Natürlich zu Titeln mit einem Bezug zur Magie.
Amy war begeistert. Das letzte Mal, dass sie mit Sheldon getanzt hatte, hatte zu ihrem ersten Kuss geführt; wer wusste, was für angenehme Überraschungen dann vielleicht heute Abend noch auf sie warteten?
Sheldon startete mit einer App in seiner Hosentasche (oder war es etwa doch Zauberei?) die Musikanlage und sie begannen zu „Every Little Thing She Does Is Magic" von „The Police" zu tanzen. Als sie zur Textzeile „And ask her if she'll marry me in some old fashioned way." kamen, hatte Amy dass Gefühl, dass Sheldon ganz leise mitsang, und obwohl sie sich nicht ganz sicher war, ob er es wirklich tat, begann langsam eine wunderbare Ahnung in ihr zu keimen.
Einige Stunden später war Amy erschöpft (der Hang ihres Freundes, Dinge nicht unvollendet zu lassen, hatten ihn eine äußerst umfängliche Playlist mit Musiktiteln zum Thema „Magie" erstellen lassen, die sie natürlich komplett durchgetanzt hatten), aber von Sheldons Bemühungen, ihr einen „zauberhaften" Abend zu bereiten, wirklich gerührt.
Sie ließen sich nebeneinander auf dem Sofa nieder. War es jetzt etwa so weit? Amy wurde nervös und machte sich darauf gefasst, gleich die Frage aller Fragen zu hören. Doch Enttäuschung machte sich in ihr breit, als Sheldon ankündigte, dass nun zur „Abkühlung der erhitzten Körper und Gemüter" etwas „magischer Rätselspaß" folgen würde. Amy nahm noch mal einen großen Schluck von ihrem „Zaubertrank", während Sheldon etwas aus seinem Apothekerschrank holte. Es war ein Zauberwürfel.
Echt jetzt? Sheldon wusste doch, dass sie solch einen Würfel mit links lösen konnte. Wo war da der „Rätselspaß"?
Doch halt? Was war das? Da standen Wortfragmente auf den einzelnen Feldern. Amys Herz begann wild zu schlagen. „Gib her!" forderte sie ihn ungeduldig auf und nach kurzer Zeit hatte sie die blaue Seite gelöst**. Das Wort „meine" erschien nun in Sheldons Handschrift darauf. Oh Gott, es war wirklich wahr. Sie wurde zittrig, die Würfel ließen sich immer schlechter drehen. „Willst" stand nun lesbar auf der weißen. „Amy?" konnte sie kurz darauf auf der gelben entziffern. Amys Augen füllten sich mit Freudentränen „Oh Sheldon..." brachte sie nur hervor, während sie hektisch versuchte, die rote Seite fertig zu bekommen (sie wusste genau, Sheldon würde darauf bestehen, dass sie den Würfel zu Ende brachte): „Frau". Es fehlten nur noch Orange und Grün (komm schon, komm schon, komm schon): „du" und „werden,".
„Ja!" „JA!" Amy sprang auf und warf ihre Arme um Sheldons Hals und ihre Beine um seine Hüften. Sheldon hatte mit hinter dem Rücken verschränkten Armen vor dem Sofa gestanden und innerlich die Zeit mitgezählt hatte, die Amy zum Lösen des Würfels gebraucht hatte, um vor lauter Nervosität nicht verrückt zu werden. Er schlang seine Arme um Amys Rücken, presste sie an sich und war in diesem Moment auch ein wenig froh, dass er seit Jahren schon heimlich trainierte, um eines Tages seine Braut Amy über die Schwelle tragen zu können.
„Gut, ich hätte nämlich auch keine andere Antwort akzeptiert" raunte er ihr glücklich grinsend ins Ohr. Dann setzte er sie vorsichtig auf den Boden und küsste sie. Anschließend sah ihr in die Augen, nahm ihre Hände in seine und erklärte ihr noch einmal seine Liebe. Amy schwebte auf Wolke sieben. Sie hätte in Sheldons Augen ertrinken können. War dies auch wirklich kein Tagtraum?
Nein, es musste echt gewesen sein. Dazu war der Abend zu verrückt gewesen. Wie gut, dass Sheldon nicht noch auf die Idee, gekommen war, die Nummer mit der zersägte Jungfrau mit ihr durchzuspielen. Aber dafür, dachte sie, und sie musste schon wieder innerlich kichern, hätten sie ja erstmal eine Jungfrau haben müssen.
Aber eigentlich war es wunderschön gewesen. Sheldon, der große, süße, unglaublich scharf aussehende Zauberer, hatte sich wirklich alle Mühe gegeben, einen „zauberhaften" Abend für ihre Verlobung zu veranstalten.
Sie kam wieder halbwegs zur Besinnung. Da fehlte doch noch etwas Entscheidendes! „Sheldon, hast du nicht noch einen Ring für mich?"
„Du trägst ihn schon längst," flüsterte Sheldon und lächelte geheimnisvoll. Er hob ihre Hand an und küsste sie sanft. Ungläubig fiel Amys Blick auf einen goldenen Diamantring, der auf ihrem Finger steckte.
* Ich habe diese Geschichte geschrieben, bevor ich wusste, dass Amy anscheinend doch auf Harry Potter steht...
** Auch hier habe ich dazu gelernt. Inzwischen weiß ich, dass zumindest für Zauberwürfel-Anfänger eine Schicht-für-Schicht-Lösung empfohlen wird und es vermutlich gar nicht möglich ist, einen Zauberwürfel Seite für Seite zu lösen. Betrachtet diese Szene daher bitte einfach als "künstlerische Freiheit"! :-D
