441 Module! Amys fettige Finger schmerzten und sie wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. Wehe der Userin, die dieses Rezept für schwarz-weiß Gebäck* in die Koch-Community gestellt hatte, wenn der Teig im Ofen nun verlaufen sollte. Dann würde sie aber einen Kommentar verfassen, der sich gewaschen hatte! Von der 1-Sterne-Bewertung mal ganz zu schweigen!
Naja, immerhin, sie probierte (bestimmt zum 6. Mal am heutigen Nachmittag des 4. Advents) noch mal etwas von den Teigresten (wenn Sheldon das sehen würde, wie sie rohen Kuchenteig aß!), war der Geschmack wirklich einwandfrei.
Jetzt wurde es also spannend. Rein mit dem Blech in den Ofen und in etwa einer halben Stunde würde sie wissen, ob sich der Aufwand gelohnt hatte. In der Zwischenzeit konnte sie ja noch ein wenig von den Teigresten naschen. Hmmm, das erinnerte sie an die Plätzchen, die sie zu Pennys Junggesellinnenabschied gebacken hatte. Die, die nicht in die Tupperdose gepasst hatten, hatte sie zuhause behalten. Und was sie damit gemacht hatte, sollte besser keiner erfahren, vor allem nicht Sheldon!
Gespannt holte Amy einige Zeit später das Blech aus dem Ofen und stellte es zum Abkühlen auf einen Rost. Sie zückte augenblicklich ihr Handy, hielt es mit einigem Abstand auf den Riesenkeks, atmete tief durch, startete die App und - Ja, es funktionierte! Oh, Gottseidank! Naja, eigentlich candyqueen1983 sei Dank! Das Rezept aus der Kochcommunity hatte einwandfrei funktioniert. Amy machte noch schnell ein Foto von ihrem Meisterwerk, das sie dann in den nächsten Tagen zusammen mit ihrem mehr als wohlwollenden Kommentar und der 5-Sterne-Bewertung unter dem Rezept posten wollte.
3425 Wörter! Sheldons Finger schmerzten und er wischte sich mit seinem Unterarm den imaginären Schweiß von der Stirn. Wehe den Administratoren, sollten sie seinen Eintrag als irrelevant, nicht objektiv oder nicht genügend belegt bewerten und ihn deshalb nicht veröffentlichen. Dann würde er aber eine Beschwerde verfassen, die sich gewaschen hatte!
Naja, immerhin hatte er den Text zuvor schon lokal auf seinem Computer erstellt. Er drückte (bestimmt zum 6. Mal am heutigen Nachmittag des 4. Advents) noch einmal auf den Speicher-Button (wenn Amy sehen würde, wie er ein und dieselbe Datei mehr als einmal speicherte!) und hoffte darauf, dass sein Vorhaben klappen würde.
Jetzt wurde es also spannend. Er klickte auf Fertigstellen. In etwa einer halben Stunde würde er wissen, ob sich der Aufwand gelohnt hatte. In der Zwischenzeit konnte er sich ja noch mal die Fotos von Amy ansehen. Hmmm, das erinnerte ihn an das Foto von Amy, was er heimlich in seiner Nachttischschublade aufbewahrte. Und was er damit gemacht hatte, sollte besser keiner erfahren, vor allem nicht Amy!
Gespannt las Sheldon einige Zeit später die Bestätigungs-E-Mail, die die Administratoren ihm geschickt hatten. Er klickte auf den Link und - Ja, es funktionierte! Oh, Gottseidank! Naja, eigentlich den Administratoren sei Dank. Er würde also keine Beschwerde verfassen müssen.
Einige Tage später war Heiligabend da. Amy und Sheldon hatten beschlossen, dieses Jahr nur zu zweit und nur ganz klein zu feiern.
Sie hatten sich beim Lieferservice Essen bestellt (Amy Würstchen mit Kartoffelsalat, Sheldon Gans mit Rotkohl und Knödeln) anschließend hatten sie die Christmas-Specials einiger ihrer Lieblingsserien angesehen und nun sollte es die Bescherung geben.
Amy packte ihr Geschenk zuerst aus. Es war eine Karte mit der Aufschrift: y=ln(x/m-s*a)/(r*r)**
Sie überlegte für einen kurzen Moment, lächelte Sheldon dann an und flüsterte „Das wünsche ich dir auch, Sheldon, von ganzem Herzen!". Dann öffnete sie die Karte, wo sie folgenden Text vorfand:
„Für eine der größten Wissenschaftlerinnen aller Zeiten: /wiki/Amy_Farrah_Fowler"***
Amys Knie wurden vor Rührung ganz weich.
„Oh Sheldon... mein eigener Wikipedia-Antrag? Von dir? Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll! Du hältst mich für eine der größten Wissenschaftlerinnen aller Zeiten? Wow, das ist so romantisch..."
„Möchtest du ihn gleich lesen?"
„Da fragst du noch? Natürlich!"
Amy ließ sich auf Sheldons Schreibtischstuhl nieder und rief den Eintrag auf dessen Computer auf, während ihr Freund ihr von hinten über die Schulter blickte.
Amy war vor Begeisterung hin und weg. Der Eintrag war einwandfrei; neutral, doch trotzdem in gewisser Weise schmeichelhaft und wohlwollend geschrieben, beinhaltete Verlinkungen zu sämtlichen Aufsätzen, Artikeln und Thesen, die Amy je verfasst hatte, und war umfassend und tadellos belegt. Sheldon hatte sogar Informationen zu ihren Hobbies und ihrem Privatleben ergänzt. „Amy Farrah Fowler ist die Freundin des anerkannten theoretischen Physikers Dr. Sheldon Lee Cooper, Experte auf den Gebieten der String-Theorie und der Dunklen Materie". Mit einem dazu passenden Bild, das sie beide vor dem CalTech zeigte und einem Link auf Sheldons eigenen Eintrag.
„Du hast auch einen eigenen Wikipedia-Eintrag?" fragte sie, sich erstaunt zu Sheldon umdrehend.
„Irgendwo musste ich das ganze Prozedere ja erstmal üben," antwortete dieser mit einem schelmischen Lächeln.
Amy lächelte zurück und stand auf. Sie wurde nervös. Hoffentlich sah Sheldon nicht, dass sie leicht zitterte. „Ok, dann bist du jetzt an der Reihe."
Sheldons Geschenk war groß und sehr, sehr flach. Sheldon hob es an und fragte sich, was darin sein sollte. Von außen fühlte es sich ein bisschen an wie ein Backblech…
Er riss das Papier ab und – tatsächlich, es kam ein Backblech zum Vorschein. Mit einem Kuchen, nein, einem riesigen Keks darauf! Und der Keks war gemustert. Er riss erstaunt die Augen auf. Es war ein QR-Code!
„Amy! Warum backst du mir denn einen QR-Code? Das muss ja ein Heidenaufwand gewesen sein! Die kann man doch ausdrucken!"
„Dann wäre es aber nichts Besonderes gewesen, Sheldon. Und außerdem erinnert es so doch an die Weihnachtsplätzchen, die ich dir letztes Jahr gemacht habe."
„Oh ja, die waren köstlich! … Aber in Anbetracht der Größe dieses Gebäckstücks und des Aufwands, den du mit seiner Erstellung hattest, scheint es mir unangebracht, es zu essen... Meinst du, ich kann mir den Keks einrahmen und an die Wand hängen? Das könnte ziemlich cool aussehen"
„Wenn du dir dafür extra-starke Dübel besorgst und Penny bittest, dir zu helfen, sollte das funktionieren," meinte Amy „Aber du solltest ihn vorher vielleicht mal scannen," fügte sie nun etwas verlegen hinzu.
„Oh ja, natürlich!"
Sheldon zückte sein Smartphone, startete die entsprechende App, hielt es auf den Keks und hob kurze Zeit später erstaunt die Augenbrauen. Auf seinem Bildschirm standen die folgenden Worte: „Willst du mich heiraten, Sheldon?"
Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. Dafür, dass Amy eine der klügsten Wissenschaftlerinnen aller Zeiten war, konnte sie ganz schön dumme Fragen stellen. Natürlich wollte er sie heiraten! Warum wohl hatte er sonst seit anderthalb Jahren den Ring im Tresor liegen? Er war halt nur noch nicht dazu gekommen, sie zu fragen… Aber wenn er jetzt gleich „ja" sagen würde, dann wären sie verlobt und dann - er seufzte theatralisch.
„Halbwertszeit der Beziehungsrahmendaten: gerade mal noch 6 Tage! Wohin soll das nur führen?" murmelte er und ging langsam an Amy vorbei zu seinem Computer. Amy folgte ihm mit klopfendem Herzen. Was sollte das nun wieder heißen? Warum sagte er denn nichts?
Sheldon meldete sich mit aller Seelenruhe bei Wikipedia an (Ernsthaft, Sheldon, „Klugscheisser_Deluxe"?!) und fing an, Amys Eintrag zu bearbeiten.
Zuerst fügte er unter „Hobbys" „Anfertigung beeindruckender Backwerke (u.a. Todessterne, männliche Fortpflanzungsorgane, QR-Codes)" hinzu, bevor er schließlich den Absatz „Privates" zu bearbeiten begann. Er löschte das Wort „Freundin" aus dem Satz „Amy Farrah Fowler ist die Freundin des anerkannten theoretischen Physikers Dr. Sheldon Lee Cooper, Experte auf den Gebieten der String-Theorie und der Dunklen Materie" (Amy meinte in diesem Moment, ihr bliebe das Herz stehen) und schrieb nach kurzer Bedenkzeit stattdessen „Verlobte" (was wieder zu einer ungewöhnlich heftigen, diesmal aber positiven Reaktion von Amys Herz führte).
Als er gerade anfangen wollte, sein eigenes Profil entsprechend zu bearbeiten, drehte Amy den Schreibtischstuhl, auf dem Sheldon saß zu sich hin und sah ihn nun mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Ist das jetzt ein „ja", Sheldon?"
Er sah sie kurz irritiert an. Dann lächelte er, stand auf, umarmte sie, küsste ihre Wange und flüsterte „Natürlich, was denn sonst?" in ihr Ohr. Dann schaute er sie wieder an. „Wie wär's, wenn du den Tee machst und ich ändere noch schnell meinen Eintrag? Dann hole ich den Ring und dann schauen wir mal in meinem Kalender nach, wann wir Zeit für einen Hochzeitstermin hätten..."
* Schwarz-weiß Gebäck ist in Deutschland ein traditionelles Rezept für Weihnachtsplätzchen. Schaut euch die Bilder bei Google an, wenn ihr es nicht kennt, sonst könnt ihr euch Amys Geschenk wahrscheinlich nicht richtig vorstellen!
** Eine hübsche kleine mathematische Spielerei. Wenn man die Gleichung umformt, ergibt sich irgendwann "merry= x-mas"
*** URLs werden hier automatisch gelöscht. Aber ihr könnt sie euch ja bestimmt denken.
Ziemlich nerdig, oder? Die nächste Geschichte wird wieder romantisch!
