Man wächst leichter in eine Freundschaft hinein als aus einer Feindschaft heraus.
- Peter E. Schuhmacher (1941-2013)
Das Kreischen von Eulen und die lärmenden Stimmen der Schüler und ihrer Familien erfüllte den Bahnsteig. Der Sommer war vorbei, doch trotzdem erleuchteten dieses Bild noch gnädige Sonnenstrahlen. Ginny streckte ihnen genießerisch ihr Gesicht entgegen und wartete, bis ihre Familie ihr durch die Mauer folgen würde.
Sie war schon vorausgeeilt, so sehr sehnte sie sich danach, endlich wieder nach Hogwarts zu kommen. Nicht das Hogwarts, das von Voldemort befehligt wurde und in dem sie einen kleinen Krieg gegen ihre eigenen Professoren führte. Nein, das Hogwarts, wo ihre Freunde auf sie warteten und sie ohne weltbewegende Sorgen ihr Frühstücksei vertilgen konnte.
Dieses Jahr, sie spürte es in ihren Knochen, dieses Jahr würde sie einen Neuanfang machen. Der Krieg war vorbei. Sie und die Menschen, die ihr wichtig waren, lebten. Es würde alles wieder normal werden. Sogar ihr Bruder, Hermine und Harry würden wieder in Hogwarts sein, nur dieses Mal würde sie mit ihnen den gleichen Jahrgang besuchen.
„Ginny, steh nicht im Weg rum, deine Sachen sind schon schwer genug!" Ginny drehte sich mit einem breiten Grinsen zu Ron um, der hinter ihr stand und mürrisch die Unterlippe vorgeschoben hatte. Wenigstens er veränderte sich nie.
„Ach, Ron, wenn du so lieb und höflich mit mir sprichst, dann kann ich gar nicht anders, als gerne beiseite zu gehen und dankbar zu sein, dass du die Sachen deiner kleinen Schwester auf deinem Gepäckwagen mitnimmst."
„Wieso hast du auch keinen eigenen Wagen genommen?"
„Weil das überflüssig gewesen wäre, unser Gepäck passt gut auf ein und denselben Wagen."
„Und wieso muss ich den dann schieben und nicht du?"
„Weil du der große Bruder bist. Was ist los, du spielst dich doch sonst so gern auf?", neckte sie ihn.
Ron setzte schon zu einer Antwort an, da trat auch Hermine durch die Mauer, gefolgt von Fred, George, Molly und Arthur. Als Letzter kam Harry, er schob ebenfalls einen Gepäckwagen vor sich her.
„Was steht ihr denn noch hier herum? Ron, sieh zu, dass du und Harry euer Gepäck loswerdet, bevor der Zug abfährt. Wir sind eh schon so spät", sagte Molly hektisch und scheuchte die beiden Jungen davon. Als sie weg waren, seufzte sie und fuhr etwas leiser fort: „Es wird Jahr für Jahr schlimmer mit ihnen …"
Hermine und Ginny tauschten ein belustigtes Lächeln und die Braunhaarige presste den Käfig mit Krummbein an ihre Brust, um ihn in der chaotischen Menge nicht fallen zu lassen. Der Kater döste zufrieden vor sich hin, er schien nicht viel von dem Trubel mitzubekommen.
„Hast du Creevey schon gesehen?", wollte Fred an Ginny gewandt wissen.
„Nein", sagte sie und sah sich um. Sie wollte Colin unbedingt sehen, sie vermisste ihren besten Freund, mit dem sie die letzten Wochen nur Briefe ausgetauscht hatte. Und tatsächlich, genau in diesem Augenblick entdeckte sie den mausgrauen Schopf des Gryffindors, der sich durch die Menge bewegte.
„Colin!", rief sie und drängelte sich an den Leuten vorbei zu ihm durch.
„Ginny", sagte er überrascht, als sie plötzlich vor ihm stand, zog sie aber erfreut in eine Umarmung. Als er sie wieder losließ, grinste er fröhlich. „Wie geht es dir?"
„Gut, wirklich gut. Und was ist mit dir?"
„Ah, mein Vater hat bis zur letzten Minute einen ziemlichen Aufstand gemacht und sich darüber aufgeregt, dass ich mich nicht aus dem Kampf herausgehalten habe, aber letztendlich konnte ich ihn damit besänftigen, dass ich Dennis davon abbringen konnte. Ich glaube, Dad wollte mich gar nicht mehr gehen lassen."
„Das geht den meisten so, denke ich. Hermine musste auch ganz schön damit kämpfen, sich von ihren Eltern loszureißen." Ginny runzelte die Stirn, als sie bemerkte, dass Colin sie komisch musterte. „Was ist los? Habe ich wieder vergessen, mir die Haare zu bürsten, oder wieso siehst du mich an, als hätte ich einen nackten Gnom auf dem Kopf?"
„Du bist nur so fröhlich. Ich habe mich gefragt, ob es dir wirklich gut geht. Wegen Harry …?"
Ginny verzog das Gesicht. Ihre gute Laune war verflogen. Das war wirklich nicht ihr Lieblingsthema.
Seit dem Sommer waren Harry und sie kein Paar mehr. Sie hatte sich wirklich gefreut, als sie wieder zusammen sein konnten. Doch nach zwei Wochen, hatte sie festgestellt, dass sie einfach nicht mehr so für ihn empfand, wie bevor er gegangen war. Ein Jahr lang hatte sie herbeigesehnt, dass er wiederkommen würde und dann … hatte sie ihn angesehen und erkannt, dass es sich nicht richtig anfühlte, nicht auf diese Art und Weise.
Ihr Blick wanderte wie zufällig zu ihm. Er war mit Ron zurück zu ihrer Familie gekehrt und einige Meter von ihnen entfernt diskutierte er angeregt mit Ron über die Quidditchweltmeisterschaft, die wegen des Krieges auf die Winterferien verschoben worden war. Als Harry merkte, dass er beobachtet wurde, schaute er über die Schulter, doch blickte schnell wieder weg, als er sie erkannte.
Das war schon so, seitdem sie mit ihm über ihre Gefühle gesprochen hatte. Er wich ihrem Blick aus, genauso jedem ihrer Versuche, eine Unterhaltung zu führen. Offenbar war er wirklich verletzt.
„Er spricht nicht mehr mit mir, also weiß ich es nicht", erklärte Ginny mit gesenktem Kopf. „Ich habe versucht, darüber zu reden, aber mehr, als ich bisher getan habe, kann ich nicht tun."
Colin nickte aufmunternd und stupste ihr gegen die Schulter. „Ich bin sicher, er kriegt sich wieder ein. Er hatte es nicht leicht."
In diesem Moment, und bevor sie noch Gelegenheit hatte, etwas zu erwidern, stieß die Lok einen weiteren Schwall Dampf aus und ihre Mutter rief: „Ginny! Ginny, komm her, der Zug fährt gleich!"
Ginny beeilte sich, zu ihren Eltern zu kommen, und sich von beiden noch einmal fest umarmen zu lassen. „Pass auf dich auf", sagte ihr Vater, während Molly sie mit Tränen in den Augen ermahnte, ihr ja viele Briefe zu schreiben. Dann ließ sie sich von Fred und George wortwörtlich auf den Arm nehmen und schließlich von Hermine und Colin zum Zug zerren.
„Tschüss, ihr Lieben! Habt ein schönes Schuljahr! Vergiss die Briefe nicht, Ginny Mäuschen!", rief ihre Mutter laut.
„Und grüßt Filch von uns!"
„Und macht uns ja viel Ärger!", fügte George hinzu.
„Und brüll' Ron an, wenn er sich dämlich benimmt!", schrie Fred.
„He!", kam es entrüstet von Ron, der sich neben ihr aus dem Fenster lehnte und seine Brüder wohl am liebsten auf der Stelle erwürgt hätte. Zumindest deutete das seine erhobene Faust an.
„Jungs!", hörte Ginny Molly noch sagen, doch da setzte sich der Zug in Bewegung und sie hatte Mühe, ihrer Familie noch zuzuwinken, die mehr oder weniger (im Falle der Zwillinge Hampelmänner machend) zurückwinkten.
Colin schüttelte nur belustigt den Kopf. Er hatte wohl schon vor einiger Zeit begriffen, dass ihre Familie manchmal etwas chaotisch war. „Wollen wir uns ein Abteil suchen?"
Ginny nickte und gab Hermine und Ron Bescheid, bevor sie beide sich durch den Gang auf die Suche nach einem Platz machten. Ginny ging ihm voran und schaute prüfend durch die kleinen Fenster, während der Boden unter ihnen im Rhythmus des fahrenden Zuges vibrierte.
Sie war so beschäftigt, dass sie die Person, die ihr entgegenkam, glatt übersah und völlig ahnungslos in sie hineinlief. Sie prallte hart zurück und taumelte gegen eine Abteiltür, konnte ihr Gleichgewicht allerdings halten. „'tschuldigung", meinte sie leicht benommen und suchte das Gesicht ihres Gegenübers. Ein spitzes Kinn, blasse Haut, weißblonde Haare. Sie sah in das Gesicht von Draco Malfoy.
„Tz", machte der nur abfällig, wandte sich ab und schritt an ihnen vorbei. Sie blickte ihm verwirrt nach und konnte kaum glauben, dass er es wirklich war, der jetzt zwischen einigen Schülern verschwand. Aber es war seine Haltung gewesen, derselbe stoische Gang, dasselbe erhobene Kinn, wie vor ein paar Wochen, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Das war noch auf dem Schlachtfeld gewesen.
Colin legte ihr eine Hand auf den Arm. „Hast du dich verletzt?"
„Nein, allerdings hatte ich wohl eben eine Fata Morgana. War das wirklich Malfoy?"
„Ja, ich habe ihn auch gesehen. Ich hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass er zurückkommt."
Ginny nickte nachdenklich. „Ich auch nicht. Denkst du, McGonagall hat ihn auch eingeladen, seinen Abschluss nachzumachen?"
„Sieht so aus, aber wir werden es wohl früh genug erfahren. Dabei hatte ich gehofft, dass dieses Jahr weniger Slytherins an der Schule sind."
„Stimmt." Sie seufzte und zog an seinem Ärmel. „Komm schon, lass uns endlich ein Abteil finden. Ich habe total Lust, jetzt Süßigkeiten zu futtern und Kürbispastete in mich reinzustopfen."
ooooo
Die Fahrt dauerte nicht lange, zumindest kam es ihr so vor. Jedoch war es schon dunkel, als sie am Bahnhof in Hogsmeade ankamen. Schon vor einigen Stunden hatte Ginny sich umgezogen, während Colin direkt in Schuluniform gekommen war, doch jetzt bereute sie es. In der Sommergarnitur wurde ihr kalt, die Temperaturen waren trotz der Jahreszeit heruntergegangen.
Fröstelnd hielt sie auf eine der Kutschen zu und wollte gerade einsteigen, da erkannte sie, dass sie schon besetzt war. In ihr saßen Blaise Zabini und Astoria Greengrass und schwiegen sich an, als habe der jeweils andere sie zutiefst beleidigt. „Oh, tut mir leid, wir suchen uns eine andere Kutsche", sagte sie, als die beiden Slytherins sie bemerkten.
„Hier ist genug Platz. Wenn ihr still seid, werden wir kein Problem miteinander haben", murrte Zabini gähnend, der sie schon gar nicht mehr beachtete und an die Decke starrte.
„Blaise!", brauste auf einmal Greengrass auf. „Mal ehrlich, du bist total unfreundlich! Aber das ist ja nichts Neues."
„Das sagt die Richtige. Wer hat mich denn eben einfach stehen lassen, weil sie unbedingt mit dem großartigen Großkotz Vaisey hat sprechen müssen, he?!", zickte er zurück.
„Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich ihm etwas von meiner Schwester sagen sollte. Könntest du also aufhören, dich wie der Grobian zu benehmen, der du bist, und netter sein?" Ginny hatte irgendwie das Gefühl, völlig vergessen worden zu sein. Colin schien es nicht anders zu gehen.
„Wieso-", setzte Zabini schon zu einer Erwiderung an und es wäre wohl noch ewig so weitergegangen, hätte ihm eine Stimme nicht das Wort abgeschnitten.
„Wenn ihr das geklärt habt, dann können wir jetzt losfahren, oder?" Ginny wirbelte überrascht herum. Hinter ihr stand, wie aus dem Boden gewachsen, Malfoy. „Was stehst du hier rum? Du kannst gehen", sagte er höhnisch.
Ginny funkelte ihn verärgert an, er musterte sie unbeteiligt, was auch nicht zu ihrer Besänftigung beitrug. „Weißt du, Malfoy, du könntest zur Abwechslung mal freundlich sein. Aber ich vergaß, das bist du ja nie. Du überraschst mich allerdings. Was ist los, wo ist dein Gefolge?"
Jetzt reagierte Malfoy doch. „Du solltest eigentlich wissen, dass Goyle im Gefängnis sitzt und Crabbe tot ist. Aber ich vergaß, du, als Weasley, interessierst dich vermutlich überhaupt nicht dafür, was andere durchmachen müssen, wenn du dich doch neben dem Goldjungen im Ruhm sonnen kannst." Verächtlich verzog er den Mund zu einer dünnen Linie, fast, wie McGonagall es immer tat. Er hatte ja keine Ahnung, wie falsch er lag.
„Urteile nicht über mich, als würdest du mich kennen, Malfoy."
„Das gilt dann aber auch für dich, Ginny Mäuschen." Er schob sie nicht gerade sanft zur Seite, stieg in die Kutsche ein und knallte die Tür zu. Seine Augenbraue hob sich ein Stück, als er sah, dass sie immer noch dastand. Er hatte doch tatsächlich gehört, wie ihre Mutter sie am Bahnsteig genannt hatte, dieser …
„Arsch", schleuderte Ginny ihm mit geballten Fäusten ins Gesicht, wobei sie merkte, dass sie es genauso meinte.
Sie wollte sich schon abwenden, um sich einfach eine andere Kutsche zu suchen, da griff jemand nach ihrer Schulter und zog sie zurück. „Lehn dich nicht zu weit aus dem Fenster, Weaslette."
Ginny sah auf und erkannte Malfoy, der sie aus seinen sturmgrauen Augen heraus eingehend fixierte. Seine Worte hallten in ihren Gedanken nach. Sie war schon lange nicht mehr Weaslette genannt worden, um genau zu sein war er auch der Einzige, der das tat. Eine Erinnerung drängte an die Oberfläche ihres Bewusstseins, während sie seinen Blick gefangen erwiderte und versuchte, zu entscheiden, was sie als nächstes tun sollte. Die Bilder von vor drei Jahren vertrieben ihre Gedanken allerdings kurz.
Die Schatten wurden langsam länger und die Abendsonne verschwand fast hinter den Wipfeln des Verbotenen Waldes, als Ginny durch die Eingangshalle auf die Treppe zuschlich. Ihr Blick fiel dabei auf die Standuhr, die in einer Ecke stand und ein regelmäßiges 'Tick Tack' von sich gab.
Es war bereits Viertel vor neun. Sie war spät dran. Schon wieder. Stumm vor sich hin fluchend stapfte sie die Treppe hinauf, nicht, ohne vorher ihre vom Schlamm dreckigen Schuhe auszuziehen.
Sie war draußen gewesen, um heimlich mit einem der Schulbesen für die Quidditchauswahl des nächsten Jahres zu trainieren, aber sie bezweifelte, dass sie schon gut genug war. Besonders, da sie nur mit diesen lausigen Schulbesen üben konnte. Aber wenn sie nicht entdeckt werden wollte, und das war nun wirklich das Letzte, was sie gebrauchen konnte, dann musste sie ihr Ziel so erreichen.
Und langsam sollte sie sich aus demselben Grund angewöhnen, pünktlich mit dem Training aufzuhören. Sollten ihre Brüder davon erfahren, würden sie sie nicht ernst nehmen oder, was sogar wahrscheinlicher war, auslachen und damit aufziehen. Das würde sie nicht ertragen. Es hatte sie ja alle Überwindung gekostet, überhaupt auf dieses Ziel hinzuarbeiten. Sie wollte zeigen, dass sie genauso gut sein konnte, wie ihre Brüder.
So in ihre eigenen Gedanken vertieft sprang sie eilig die Stufen hinauf. Sie wollte gerade auf eine anschließende Treppe wechseln, die schon Anstalten machte, im nächsten Moment wieder die Richtung zu ändern, da stolperte sie plötzlich in ihrer Eile über ihren Umhang. Ginny strauchelte vornüber, konnte sich mit der einen Hand aber noch am Geländer festhalten, während die andere sich auf einer Stufe abstütze. Im nächsten Moment jedoch brach die Stufe unter ihr weg und sie spürte, wie ihre Hand einbrach.
„Ah verdammt", murmelte sie und da sie wusste, dass sie ohne nicht loskommen würde, kramte sie in ihrem Umhang, um ihren Zauberstab zu ziehen. Wenn sie eines an Hogwarts nicht mochte, dann waren es die Trickstufen. Eine Weile suchte sie nach dem rettenden Zauberstab, doch dann fiel ihr ein, dass sie ihn ja vorhin in ihrem Schlafsaal gelassen hatte, um nicht, wie beim letzten Mal, noch einmal zurück zum Quidditchfeld hetzen zu müssen, weil sie ihn dort liegen gelassen hatte.
„Das darf doch nicht wahr sein …" Ginny ließ sich auf der Stufe nieder. Was sollte sie nun tun? Wenn jemand sie finden würde, dann würde am Ende noch das eintreten, was sie befürchtet hatte. Bei ihrem Glück fand sie Filch. Oder noch besser: Snape.
„Na, das ist doch mal ein perfektes Beispiel zur weasleyschen Koordinationsgabe."
Ginny wandte sich überrascht um und sah auf, doch ihre Miene verfinsterte sich zunehmend, als sie Malfoy erkannte. Mit den Händen in den Hosentaschen stand er etwas über ihr auf der Treppe und lehnte lässig am Geländer, als würde er dort schon die ganze Zeit stehen. Sie hatte sich getäuscht: Snape war harmlos im Gegensatz zu Malfoy. Der würde sie zurücklassen, wenn er seinen Spaß gehabt hatte.
„Brauchst du was?"
„Ach, ich war nur gerade auf dem Weg, meinen Rundgang anzutreten, da sah ich dich und ich dachte mir: Wieso sich nicht ein bisschen unterhalten, bevor ich dir Punkte, wegen unberechtigtem Aufenthalt auf den Gängen während der Nachtruhe, abziehe?", gab er gelassen zurück.
„Ich habe aber kein Interesse daran, mich mit dir zu unterhalten." Konnte er nicht verschwinden? Helfen würde er ihr eh nicht.
„Bist du dir da auch ganz sicher? Dann findet dich halt jemand anderes und plaudert dein kleines Geheimnis aus."
Ginnys Blick schnellte hoch. „W-Wovon sprichst du?"
„Wovon wohl? Dass du praktisch jeden Abend heimlich nach draußen verschwindest, vielleicht? Oder dass du heimlich über das Quidditchfeld torkelst und etwas machst, das vermutlich Ballübungen sein sollen? Ich weiß wirklich nicht, was ihr Gryffindors genommen habt, dass ihr ständig annehmt, total unauffällig zu sein. Und mal ehrlich, es war doch nur eine Frage der Zeit, bis es jemand herausfindet. Obwohl ich mit meiner Brillanz natürlich einen Vorteil habe."
Ginny kam nicht dagegen an, innerlich die Augen zu verdrehen, doch der Ernst der Lage ließ seine Selbstverliebtheit nicht ganz so belustigend wirken, wie in einer anderen Situation. Er wusste es wirklich. Er wusste von ihrem Geheimnis und er hatte die Macht, sie auffliegen zu lassen. Wobei ihre momentane Position auch nicht sonderlich hilfreich war. Zum wiederholten Male fragte sie sich, wie sie aus dieser Misere wieder herauskommen sollte.
„Was willst du?", wiederholte sie ihre Frage von vorhin mit zusammengebissenen Zähnen.
„Oh, falls du glaubst, ich würde etwas sagen, dann täuschst du dich. Ich habe nicht vor, dich hochgehen zu lassen. Es ist sogar ziemlich wahrscheinlich, dass du das selbst fertigbringst."
„Du willst … nichts tun?" Ginny war positiv überrascht. Allerdings war da auch ein gewisses Misstrauen in ihr, dass ihr sagte, sie solle ihm bloß nicht über den Weg trauen. Und das hatte sie auch nicht vor.
„Stimmt. So macht es mehr Spaß. Aber sag mal, wann genau fragst du mich um Hilfe? Ich hatte gehofft, dass du weißt, wann es Zeit ist, zu betteln", sagte er mit einem hämischen Grinsen. Am liebsten hätte sie es ihm aus dem Gesicht gewischt.
„Das spare ich mir, schönen Dank auch", schnappte sie und bemühte sich dabei, ihre Selbstbeherrschung zu wahren. Immerhin hatte er sie momentan in der Hand, egal, wie oft er sagte, dass er nicht vorhatte, sie zu verraten.
„Warte, Weasley, fährt das Kätzchen da etwa seine Krallen aus? Dabei dachte ich immer, dass du kaum sprichst, weil du zu sehr damit beschäftigt bist, dem großartigen Potty hinterherhecheln."
Ginny merkte, wie sie rot wurde, und senkte schnell den Kopf. Malfoy war wirklich ein Mistkerl, genau, wie Ron immer sagte. Er hatte Gefallen daran, sie aus der Fassung zu bringen und mit ihr zu spielen. Und natürlich musste er sie dabei auch noch auf Harry ansprechen. Sie wusste ja selbst, dass sie bei ihm keine Chancen hatte und hasste es, dass sie in seiner Gegenwart zu stottern anfing oder sogar überhaupt kein Wort herausbrachte. Leider war es gar nicht so leicht, damit aufzuhören, wenn sie ihn jeden Tag sah.
„Ach, lass mich doch einfach in Ruhe!", schnauzte sie Malfoy an und biss sich schnell auf die Zunge, um ihn nicht weiterhin zu provozieren. Sie sollte wirklich still sein.
„Wie du willst …", sagte er schulterzuckend und schlenderte unbekümmert an ihr vorbei die Stufen hinunter.
Ungläubig sah sie ihm nach. „Malfoy! Warte, Malfoy! Du Arsch, du kannst mich doch nicht einfach so hier sitzenlassen! Malfoy?! Komm schon …! Malfoy! Malfoy, bitte!"
Er drehte sich auf dem Absatz um und sah in einer Mischung aus Triumph und Hohn zu ihr auf. Er war inzwischen schon am Ende der Treppe angelangt, kam aber nun wieder langsam hoch. „Du bettelst jetzt also doch?"
Ginny schwieg betroffen. Sie war zugegeben etwas schockiert über sich selbst, doch jetzt wollte sie keinesfalls einen Rückzieher machen. Das wäre schlimmer, als jede Alternative. Vielleicht, wenn sie an seine Menschlichkeit appellierte …
„In Ordnung", fuhr er auf einmal fort. „Unter einer kleinen Bedingung."
Menschlichkeit also? Bei Malfoy? Wohl kaum.
Natürlich würde er ihr nicht einfach so helfen, nein, das kam für einen Draco Malfoy nicht in Frage. Aber was könnte er wollen? Wenn es etwas Schreckliches wäre, wie, dass sie als seine persönliche Sklavin fungieren, seine Hausaufgaben machen oder seine verdammten Socken zusammenlegen müsste, dann …
Aber sie konnte es jetzt unmöglich zurücknehmen. Das ließ ihr Stolz nicht zu. Sie war zu sehr eine Gryffindor, zu sehr eine Weasley, als sich so vor ihm die Blöße zu geben. Trotzdem hatte sie das Gefühl, dass sie gerade einen schwerwiegenden Fehler beging. Als ihre Blicke sich dann trafen, veränderte sich Malfoys Miene, als ob er etwas Überraschendes entdeckt hätte. Er beugte sich ein Stück vor, sodass sie direkt auf Augenhöhe waren.
„Du musst nicht so ernst gucken, ich bin nicht Grindelwald", sagte er gelassen und sein Atem streifte ihre Haut, so nahe war er.
„Dann … dann sag mir, was du willst."
Er erwiderte nichts, sondern zog seinen Zauberstab. Erst erschrak sie, doch als sie seine Absicht erkannte, hielt sie verwundert still. Eine winzige Bewegung seiner Hand reichte aus und sie war frei.
„Was sollte das?", fragte sie, als sie sicher stand, obwohl sie nicht genau wusste, wie sie sich jetzt verhalten sollte.
„Freu dich einfach. Du kannst dich natürlich auch gerne wieder hinsetzen und darauf warten, dass jemand kommt und dich ein weiteres Mal befreit, deine Entscheidung", erwiderte er und entfernte sich von ihr.
„Wieso? Was willst du?" Ginny konnte einfach nicht glauben, dass er ohne jegliche Wiedergutmachung ging.
„Du bist mir nichts schuldig, falls du das meinst, Weaslette."
Sie stutzte. „Weaslette?", rief sie ihm nach. „He, Malfoy, warte doch mal!"
Doch er war schon durch die Tür am Treppenabsatz verschwunden.
Langsam entglitten die Erinnerungen ihr wieder und sie schüttelte rasch den Kopf, um auch die letzten Fetzen loszuwerden. Sie wusste bis heute nicht, wieso Malfoy das getan hatte. Sie war extrem neugierig und hatte versucht, ihn zu fragen, doch er hatte sie ignoriert. Irgendwann war es ihr auch reichlich egal geworden, sollte er doch seine Mysterien aufrechterhalten und sich distanzieren. Nicht, dass jemals so etwas wie Nähe zwischen ihnen bestanden hätte.
„Finger weg", zischte sie jetzt, angestachelt von ihren unschönen Erinnerungen. Als sie sich von ihm losmachte, wobei er sich erstaunlicherweise sofort zurückzog, fauchte sie: „Und lass dir gesagt sein, Malfoy, der Einzige, der sich momentan aus dem Fenster lehnt, bist du. Ich hab keinen Bock, mich mit dir auseinanderzusetzen, also lass mich doch einfach in Ruhe."
„Ginny, gib's auf, das bringt nichts." Mit einem letzten, wütenden Blick folgte sie Colin. Dass Malfoy ihr mit düsterem Gesicht nachsah, konnte sie nicht wissen, zu sehr war sie damit beschäftigt, sich weiterhin zu ärgern.
Sie hoffte, nein, sie betete wirklich, dass sie das Jahr über nichts mehr mit ihm zu tun haben würde. Wie sie sich doch täuschte.
