Die Möglichkeit ist die schwerste aller Kategorien.
- Søren Aabye Kirekegaard (1813-1855)
„Ist das Malfoy?"
Ginny sah auf und erkannte Ron, der zwischen Hermine und Neville auf die Bank rutschte. Hermine sah zum Ende des Slytherintisches, wo auch schon Ginny den Slytherin entdeckt hatte, der neben Zabini und gegenüber von Greengrass und Pansy Parkinson saß. Er schien gelangweilt und lehnte sich demonstrativ zurück, als Parkinson auf ihn einzureden begann.
„Es sieht so aus", antwortete ihre Freundin verblüfft und nickte langsam. „Offensichtlich wiederholt er ebenfalls."
„Frage mich nur, wieso, der hat einen Abschluss doch gar nicht nötig, bei dem vielen Geld, das sein Vater angehäuft hat", meinte Ron grimmig. Bei seinem Tonfall wurde offensichtlich, dass es ihm missfiel.
Hermine hingegen presste die Lippen aufeinander und kniff die Augen zusammen. „Tja, vielleicht ist Malfoy ja der Meinung, dass er etwas für seine Noten tun möchte. Im Gegensatz zu anderen Personen, die scheinbar glauben, das siebte Schuljahr sei ein lockerer Spaziergang, bei dem es um Spaß haben, Quidditch und Feiern geht."
„Das ist nicht fair, ich bin immerhin hier und habe dir bereits gesagt, dass ich mich an deinen Lernplan halten werde. Ich tue auch etwas für meine Noten."
„Ach, und das-", legte Hermine erneut los, doch dieses Mal meldete sich Harry zu Wort und sagte beschwichtigend: „Es ist noch zu früh, um sich zu streiten. Seid friedlich."
„Meinetwegen", nuschelte ihr Bruder, während sich die Braunhaarige mit einem Seufzen ein Glas Kürbissaft eingoss. Ginny versteckte ihr leichtes Grinsen schnell hinter ihren Haaren. Das war typisch für Ron und Hermine, sie hatten selten nichts, worüber sie sich nicht zanken konnten.
Sie wurde jedoch von Professor McGonagall abgelenkt, die sich vom Lehrertisch erhoben hatte und nun aufrecht, wie immer, die Halle mit einem gebieterischen Blick überflog. Sofort kehrte Ruhe ein, selbst beim lärmenden Gryffindortisch.
„Zuerst einmal", begann sie mit erhobener Stimme, „Willkommen zurück in Hogwarts. Wie Sie sicher bereits bemerkt haben, sind wir ein paar mehr als sonst. Nachdem ich selbst mein Amt als Lehrerin für Verwandlungen abgelegt und das der Schulleiterin angenommen habe, freue ich mich, Ihnen unsere neue Lehrerin vorstellen zu dürfen, Professor Jones."
Freudig überrascht fiel Ginny in den Applaus ein, als Hestia Jones sich von ihrem Stuhl erhob und ruhig in die Menge lächelte, während sie winkend ihren Schal richtete.
„Hestia Jones unterrichtet Verwandlungen?", fragte Colin erstaunt.
„Das hat sie neulich bei einer Besprechung des Ordens erwähnt", erinnerte sich Hermine und strahlte. Sie mochte die Hexe, das wusste Ginny.
Einen Moment später fuhr McGonagall fort: „Außerdem möchte ich bekanntgeben, dass ab heute Professor Hagrid das Amt des Hauslehrers von Gryffindor bekleidet." Erneut brandete Beifall auf, jedoch deutlich geteilter, als bei Hestia: Die Slytherins schwiegen, dafür klatschten besonders die Gryffindors umso lauter und pfiffen euphorisch. Ginny sah, wie Hagrid rot anlief und freute sich ehrlich für ihn, jedoch wunderte sie sich, wieso es am Slytherintisch so ruhig blieb. Wenigstens den ein oder anderen Buhruf hätte sie erwartet.
„Das sind die einzigen Veränderungen im Lehrerkollegium, allerdings bin ich mir sicher, dass Sie die Anzahl unser älteren Schüler schon bemerkt haben. Im siebten und fünften Jahrgang beehren uns einige Schüler, die bereits letztes Jahr an den ZAG- beziehungsweise UTZ-Prüfungen teilgenommen haben oder hatten teilnehmen sollen, durch die Entwicklungen allerdings kaum Gelegenheit hatten. Deshalb werden besagte Klassen größer ausfallen, als sonst. An dieser Stelle möchte ich noch einmal den Krieg und dessen Opfer erwähnen. Bekannte, Freunde, Verwandte, viele von uns haben jemanden verloren, an keinem ist der Krieg vorbeigegangen. Er hat Narben und Wunden hinterlassen und ich möchte, dass wir uns diese in Erinnerung rufen und sie als Symbol nehmen, eine Zukunft aufzubauen, die nicht so einfach wieder zerschlagen werden kann."
McGonagall machte eine Pause und schien, erst jeden Einzelnen genau zu mustern, ehe sie weitersprach. „Ich hoffe, dass wir unsere Streitigkeiten beiseite legen können und setze auf Ihre Unterstützung dabei, einen Neuanfang zu wagen."
Ein Tuscheln ging durch die Menge. Auch am Gryffindortisch wurde leise geflüstert. „Was meint sie?", fragte eine Erstklässlerin, die gerade erst aufgenommen worden war.
„Sie redet doch nicht etwa von …?"
„Nein, das ist Blödsinn."
Colin lehnte sich etwas zu ihr und fragte, sodass nur sie verstand: „Denkst du auch, es geht um Slytherin und die anderen Häuser?"
Ginny zuckte stumm mit den Achseln, nickte jedoch leicht und tauschte einen fragenden Blick mit Hermine, die die Stirn kräuselte. Man konnte sehen, wie sie fieberhaft nachdachte und ganz in ihren Überlegungen versank.
McGonagall schien genug von dem Lärm zu haben und brachte die Halle erneut zum Schweigen. „Es geht mir, wie Sie sicher schon vermutet haben, um die Häuserkluften. Ich bitte Sie, dass wir Leuten, die so etwas als Vorwand benutzen, um Macht zu erlangen, keine Chancen mehr geben, auf unnötigen Feindschaften zwischen Zauberern aufzubauen. Es wird nicht von heute auf morgen Frieden geben, aber wir haben einen Krieg erlebt und es ist Zeit, nachzudenken und aufeinander zuzugehen. Nehmen Sie sich das zu Herzen."
Damit übergab McGonagall seufzend an Filch, der mit herausgestreckter Brust nach vorne schritt und begann, die Liste der verbotenen Gegenstände herunterzurattern; er hatte sich wohl dieses Jahr durchgesetzt, mit dem hintergründigen Motiv, den Schülern noch vor dem Abendessen die Laune kräftig zu verderben.
Doch Ginny hörte nicht zu – vermutlich kein Einzelfall, denn kaum einer lauschte der Rede, die wohl noch eine Viertelstunde dauern würde. Allerdings tat sie es aus einem anderen Grund. Sie dachte an McGonagalls Worte.
Vielleicht hatte die Schulleiterin recht. Sie war sich sogar ziemlich sicher. Aber es war ja nicht so, als würde Ginny absichtlich in Auseinandersetzungen geraten, sie würde auch lieber von den Slytherins ignoriert werden und fing, solange man sie nicht provozierte, auch keinen Streit an. Sie beschloss jedenfalls, sich daran auch weiterhin zu halten.
'Na ja', dachte sie noch, mit einem erneuten Blick zu Malfoy, 'solange sie sich auch daran halten.'
Die restliche Rede Filchs ließen die Schüler über sich ergehen, bis endlich das Abendessen aufgetragen wurde. Nicht zu erwähnen, dass Ginny sich sofort viel fröhlicher über ihre Pastete hermachte.
ooooo
Draco Malfoy sah sich in der Großen Halle um und erkannte hier und da bekannte Gesichter – Longbottom, seine komische, blonde Freundin aus Ravenclaw, Finch-Fletchley von den Hufflepuffs, Tracey Davis aus seinem Haus. Sie interessierten ihn allerdings nicht sonderlich. Er wartete nur darauf, dass McGonagall mit ihrer Rede beginnen würde, sodass er das Abendessen so schnell wie möglich hinter sich bringen und endlich in seinen Schlafsaal gehen konnte.
Er hatte keine Lust, sich dem fröhlichen Geschwätz der anderen auszusetzen. Er hatte ja nicht einmal Hunger. Aber es wäre seltsam, würde Draco nicht beim Essen erscheinen. Er brachte außerdem das neugierige Starren der anderen lieber heute hinter sich, anstatt sich morgen damit auseinanderzusetzen. So würde es einfacher sein.
Seine Augen wanderten wie zufällig zu dem Platz, wo Potter mit seinen Freunden saß. Es war die übliche Kombination aus ihm selbst, Weaslbe, dem Bücherwurm Granger, dem Volltrottel Longbottom und Weaslette, nebst ihrem Freund Creevey. Sie alle sahen so verdammt glücklich aus, dass Draco am liebsten wieder weggesehen hätte, doch Potter hatte ihn bemerkt und sie tauschten einen kurzen, feindseligen Blick.
Als er sich wieder vom Gryffindortisch wegdrehte, musterte ihn Blaise Zabini aus seinen grünblauen Augen. Blaise Zabini und er waren schon seit ihrer Kindheit befreundet. Sie waren nie besonders eng miteinander gewesen und hatten sich öfters gestritten, aber nun kamen sie sehr gut miteinander aus. Die Leute konnten sagen, was sie wollten, über das stolze, egoistische Verhalten der Slytherins, aber letztendlich hielten sie zusammen. Man konnte sagen, dass sie sich ergänzten.
„Was ist?", fragte Draco trotzdem genervt. Er war momentan wirklich nicht sonderlich erpicht auf diese Unterhaltung, wusste er doch genau, worüber sein Freund sprechen wollte.
„Du bist dir sicher?", erwiderte der ernst.
„Wir haben das jetzt oft genug durchgekaut. Es ist besser so."
„Du willst also wirklich nichts verraten und einfach dort weitermachen, wo ihr vor dem Krieg wart?"
„Nur deswegen werde ich mich nicht auf einmal mit ihnen anfreunden, falls du das meinst. Ich hasse Potter und sein Gesindel immer noch, egal, was ich getan habe und was nicht."
„Dir ist klar, dass ich dich unterstützen werde, bei was auch immer, aber du weißt auch, was McGonagall davon hält."
„Ich verstehe nicht, wieso ihr alle denkt, dass ich mich großartig verändert habe, und ich sage es dir ein letztes Mal: Der Krieg hat nicht plötzlich einen anderen Menschen aus mir gemacht. Ich bin weiterhin Draco Malfoy."
Blaise setzte zum erneuten Sprechen an, doch da schwang sich plötzlich Pansy auf den Platz ihnen gegenüber und strahlte in die Runde. Abwehrend verschränkte Draco die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück. Pansy begann sofort, loszuplappern. Draco hörte ihr nicht zu.
Er war froh, dass jetzt wieder alles so werden würde, wie zuvor. Nur noch etwas Geduld.
ooooo
Es war einige Wochen später und ein frischer, kalter Wind wehte über die Ländereien von Hogwarts, der den baldigen Einzug des Winters ankündigte. Ginny hatte nicht sonderlich gut geschlafen und war entsprechend abwesend. Sie gähnte mehrmals herzlich, während sie neben Colin den Weg hinunter zu Hagrids Hütte hinabschlenderte. Pflege Magischer Geschöpfe war ihr erstes Fach an diesem Tag.
Worüber sie erleichtert war, denn das kühle Wetter war angenehm und weckte ihre Sinne besser, als wenn sie stattdessen über ihrem Pult hängen und Zauberformeln aufsagen oder einem von Professor Binns Vorträgen lauschen müsste. Ein gewisser Friede lag in der Luft und hob ihre Stimmung, trotz der Müdigkeit.
Es tat sogar doppelt gut, denn die Zeit nach dem Schulbeginn war nicht sonderlich angenehm gewesen. Nicht, dass sie keinen Spaß gehabt hätte, doch die Lehrer schienen den Krieg völlig vergessen zu haben und stiegen schon in den ersten Unterrichtsstunden voll ein. Und nebenbei noch ihr Quidditchtraining, mit dem Harry besonders Druck machte, da schon an diesem Samstag ausgerechnet auch noch gegen Slytherin das erste Spiel sein würde. Das alles war zusammen ziemlich stressig.
„… Was meinst du?", riss Colin sie aus ihren Gedanken.
„Wie bitte?", fragte Ginny verwirrt und blinzelte zu ihm hoch.
„Merlin, Ginny, hast du heute deinen Kaffee verschüttet oder wieso bist du noch in diesem schlafähnlichen Zustand der Unaufmerksamkeit?"
„Ah, du bist mal wieder urkomisch. Es wurde gestern halt etwas länger, Hermine hat mich dazu verdonnert, noch bis spät in den Abend Kräuterkunde mit ihr zu lernen. Viel gebracht hat es nicht, ich verstehe einfach kein Wort, wenn sie davon spricht."
„Du verstehst momentan generell wenig", stichelte Colin grinsend und sprang lachend außer Reichweite, als sie gespielt verärgert mit der Faust drohte und dabei perfekt ihren Bruder imitierte.
„Tut mir leid", entschuldigte sie sich dann jedoch, „was hast du vorhin gesagt?"
„Ich habe dich nach deiner Meinung gefragt, was du über die Slytherins denkst."
Ginny verstand sofort. Er sprach von dem momentanen Verhalten der Schlangen, die ungewöhnlich ruhig waren. Sie selbst war überrascht, wenigstens von Malfoy hatte sie erwartet, dass er weiterhin Streit mit ihren Hausgenossen anfing. Nichts dergleichen war der Fall. Nun, sicherlich war er nicht so unschuldig, wie das jetzt klang, nicht selten sah sie ihn Erstklässler mit seinem düsteren Blick von ihren Plätzen verjagen oder Schüler anschnauzen, wenn sie nicht nach seiner Nase tanzten, doch es war trotzdem viel ruhiger um ihn geworden.
„Keine Ahnung, sie benehmen sich seltsam, nicht?", antwortete sie wage.
„Ich kann jedenfalls nicht glauben, dass sie die Worte von McGonagall ernst genommen haben. Vielleicht wollen sie sich nur unauffällig verhalten, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Obwohl kaum jeder Slytherin auf der anderen Seite gestanden haben kann."
„Redest du von jemand Bestimmten?", fragte Ginny scheinheilig.
Colins nervöse Reaktion war Antwort genug, wenn nicht sogar sein unruhiger Blick zu der Gruppe der Slytherins alles weitere penibel ausschloss. „Unsinn", log er hastig. Doch das hätte er sich sparen können, sie wusste, dass er an Astoria Greengrass dachte, die er plötzlich ganz interessant zu finden schien. Allerdings bezweifelte Ginny, dass er es ernst meinte, sie glaubte eher, dass er damit seine Gefühle zu seiner Brieffreundin Angélique, die nebenbei Fleurs Cousine war, verdrängen wollte. Greengrass war hübsch, ohne jeden Zweifel, aber Jungs in ihrem Alter neigten nun einmal zur Verdrängung, ihr Bruder war ja wohl ein Paradebeispiel dafür.
Ginny sah grinsend zu Boden, doch das verging ihr, als sie plötzlich über eine Wurzel stolperte und unelegant hart auf dem Boden aufkam. Sie hatte Glück, dass in der Nacht kein Regen gefallen war, denn so wurde nur ihr Rock dreckig und sie kam mit einem aufgeschürften Knie davon. „Scheiße …!", fluchte sie gedämpft und rappelte sich gerade hoch, als ein Schatten über sie fiel.
„Du bist im Weg, Weaslette, aber ich schätze, das bist du ständig. Eure Sippe hat es perfektioniert, immer zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, langsam glaube ich ein Muster dahinter zu erkennen", schnarrte Malfoy und musterte sie abschätzig.
„Nerv nicht, Malfoy", entgegnete Colin scharf.
„Hast du was gesagt, Paparazzo? Ich habe leider nur gesehen, wie sich dein Mund in Zeitlupe bewegt hat und etwas herauskam, das mich an das Gebrabbel eines Dreijährigen erinnert." Malfoy verschränkte herausfordernd die Arme vor der Brust. Die Schüler, die hinter ihnen gelaufen waren, machten währenddessen einen großen Bogen um sie herum und gingen hastig weiter. Inzwischen waren sie schon die Letzten.
„Hör mal", mischte sich Ginny ein und trat zwischen die beiden, „ich habe dir schon gesagt, dass du mir höllisch auf die Nerven fällst und ich keine Lust habe, mich mit dir anzulegen, also lassen wir die Kindereien und ignorieren uns doch einfach. Am besten für den Rest des Schuljahres, dann könnten wir uns den Mist ersparen, den du jedem an den Kopf wirfst, um dein widerliches Ego aufzubessern."
„Gerade du redest davon, das Ego aufzubessern, wo du doch selbst mit deinem gutherzigen Helferkomplex so tust, als wärst du besser als alle anderen. Alle Gryffindors sind so, sorry, aber das nervt einfach. Ich könnte gut auf deine Existenz verzichten."
Colin richtete sich entrüstet auf und sagte betont ruhig: „Sprich nicht so über sie oder uns, Frettchen." Fast automatisch spielte der alte Kosename sich wieder ein. Malfoy verengte wütend die Augen zu Schlitzen und starrte ihren Freund hasserfüllt an.
„Ich rede, wie ich möchte, Creevey, also schweig du, wie es dir angemessen ist."
„Malfoy, dir hat es vielleicht noch niemand gesagt, aber wenn es einen Wettbewerb um den Titel des größten Mistkerl Englands geben würde, würdest du ihn vermutlich gewinnen", sagte Ginny wütend und fokussierte ihren Blick auf den Slytherin, als sie einen Schritt auf ihn zu tat und Colin mit erhobenem Arm zurückhielt. Er sah sie vollkommen gelassen von oben herab an, sein Dauer-Grinsen ununterbrochen. Es ging ihr gewaltig gegen den Strich. „Und mal ehrlich, du solltest froh sein, dass du jetzt nicht in Askaban sitzt, wie dein Daddy, sondern hier geduldet wirst, meinst du nicht? Also benimm dich nicht so."
Etwas irritiert verfolgte sie, wie er blass wurde, doch auch davon ließ sie sich nicht aus der Ruhe bringen. Als aber seine Hand vorschnellte und ihren Oberarm packte, biss sie sich doch erschrocken auf die Lippen.
„Pass lieber auf, was du sagst", knurrte er leise.
Ginny reckte ihr Kinn. „Oh, ist da jemand wütend?", stichelte sie zuckersüß und triumphierte innerlich ob ihrer schauspielerischen Leistung. „Lass mich los oder-"
„Oder was?", fragte er scharf und kam ihr mit seinem Gesicht immer näher, sodass sie zurückwich. „Wirst du mich abservieren, wie du es mit Potter getan hast? Aber warte mal … ach ja! Ich wäre ja niemals so blöd, mich auf dich einzulassen – auf eine dreckige, kleine Schlammblutfreundin." Ihr war sehr wohl bewusst, dass er damit auf Hermine und Colin anspielte.
Und das war es auch, was sie fassungslos vor Wut trocken schlucken ließ. Sie versuchte ihren Blick von seinen Augen loszureißen, die sie so eisig musterten, dass sie ihn am liebsten ins nächste Jahrhundert geflucht hätte. Wie konnte er nur so etwas sagen und dabei so vollkommen gleichgültig erscheinen, ohne jegliche Gefühlsregung?
„Halt. Die. Klappe", zischte sie betont ruhig. Ihre Hand schloss sich trotz ihrer Bemühungen eng um ihren Zauberstab.
Malfoy lächelte höhnisch und schielte zu ihrer Hand. Colin hinter ihnen schnappte entsetzt nach Luft und sagte irgendetwas, doch sie hörte nur die samtene Stimme des Blonden. „Du willst dich duellieren?"
„Was wenn?"
„Dann werde ich wohl müssen", antwortete er und tat es ihr gelassen gleich. „Allerdings bin ich etwas enttäuscht, zwei gegen einen ist nicht so heldenmütig, wie ich von einer Gryffindor erwartet hatte."
Ginny begriff zuerst nicht, wen er damit meinte, doch als sie sich leicht umdrehte erkannte sie Colin, der ebenfalls seinen Zauberstab hervorgeholt hatte und damit schussbereit auf Malfoy zielte. „Colin", sagte sie warnend.
Colin ließ seinen gelassenen Blick keine Sekunde von Malfoy ab. „Ginny, lass dich nicht provozieren, er ist es nicht wert. Wir sollten jetzt weitergehen. Die anderen sind schon fast unten."
„Ja", höhnte Malfoy. „Hör auf deinen Freund und hau ab. Geh, spiel die feige, brave Weasley, die sich hinter ihren großen, starken Freunden und ihrem dämlichen Bruder versteckt …" Seine Worte trieften nur so vor purem Spott. Ginny spürte, wie sie innerlich erstarrte.
„Ginny, komm schon", bat Colin eindringlich.
Das brachte sie wieder in die Gegenwart. Ginny wusste nicht, wie er es geschafft hatte, aber Malfoys Worte hatten sie mehr getroffen, als sie geglaubt hätte. Sie ballte die Hände zu Fäusten, um nicht von ihren aufgewühlten Gefühlen überrannt zu werden.
„Nein."
„Nein?" Ihr Freund starrte sie verwirrt an. Und ließ damit Malfoy aus den Augen. Vollkommen unvorbereitet rief dieser „Petrificus Totalus!" und schleuderte die Ganzkörperklammer auf Colin. Der Gryffindor ging sofort zu Boden.
Ginny schrie wütend auf und sah aus den Augenwinkeln, wie Malfoy seinen Stab auf sie richtete. Bevor er aber sie ebenfalls angreifen konnte, hatte sie instinktiv einen Schutzzauber heraufbeschworen, sodass sein Schockzauber daran abprallte.
„Nicht schlecht, Weaslette", schnarrte Malfoy. Sie sah ihn voller Abscheu an, etwas, was sie bei ihm bisher eigentlich nie verspürt hatte, und rief anklagend: „Eben noch redest du von Feigheit und jetzt beweist du sie selber – das nenne ich einen vorbildlichen Todesser!"
„Das hatten wir doch schon: Hör auf, über mich zu urteilen!" Er schleuderte ihr einen weiteren Fluch entgegen, sie blockte ihn geschickt ab und griff dann selbst an. „Opugno!" Ein Schwarm rot gefiederter Vögel schoss aus ihrem Zauberstab auf den Slytherin zu.
Mit einer lässigen Handbewegung ließ er diese verschwinden und öffnete schon den Mund, um dem etwas entgegenzusetzen, da hörten sie die donnernde Stimme Hagrids hinter sich.
„Na hört ma!", brüllte er verärgert und schnappte sich Malfoys Schulter, der angeekelt das Gesicht verzog. „Nehmen Sie Ihre dreckigen Finger von mir!", zischte er.
Hagrid ignorierte ihn und warf insbesondere Ginny einen halb vorwurfsvollen, halb verwunderten Blick zu. „Ihr geht jetz' zu Professor McGonagall", brummte er. „Und macht keinen Ärger."
Damit winkte er Hermine herbei, die sich aus der Gruppe der eintreffenden Klasse löste und sich zu Colin kniete. Ron starrte seine Schwester währenddessen entsetzt an. „Ginny?", fragte er, doch sie antwortete nicht. Sie sah auch nicht mehr, wie ihr Freund von der Ganzkörperklammer erlöst wurde, denn sie drehte sich hastig weg, um den schockierten Blicken der anderen nicht begegnen zu müssen.
Malfoy riss sich von Hagrid los und stapfte ohne einen Blick zurück auf das Schloss zu. Ginny folgte ihm schweigend.
ooooo
Draco saß neben Weaslette in Professor McGonagalls bescheiden eingerichtetem Büro und starrte missmutig auf den Quidditchpokal, der ihn von einem Regal an der Wand zu verspotten scheinen wollte.
„Nun", sagte die Schulleiterin und lenkte somit seine Aufmerksamkeit auf sie, „aus Miss Weasleys Bericht kann ich schließen, dass Sie sich in einem Streit befanden, in den auch Mr Creevey involviert war und dann Zauberstäbe zum Einsatz kamen. Mr Creevey wurde durch einen Zauber Ihrerseits, Mr Malfoy, geschädigt und dann haben Sie beide sich duelliert – liege ich richtig?"
„Ja, Professor", antwortete Weaslette und starrte zerknirscht in ihren Schoß. Sie fand das Ganze offenbar genauso unangenehm, wie Draco. Obwohl ihre Gründe sicher anderer Natur waren, als die seinen – er hatte das tiefe Bedürfnis, sich selbst zu verfluchen, nachdem er sich in diese unnötige Angelegenheit geritten hatte. Aber sie hatte es ja nicht anders gewollt! Sie hatte ihn ja geradezu dazu herausgefordert, als sie da auf dem Boden gesessen hatte, verstaubt und so … Weasley. Er verzog das Gesicht, da er natürlich selbst wusste, dass das unsinnig war.
Er war in diesem Moment nur so wütend gewesen. Darauf, dass er nicht mehr den Respekt von früher hatte, dass alles so verdammt schief gelaufen war. Dass sie ihn verspottet hatte, dass er überhaupt in Hogwarts 'geduldet' wurde. Es war zu viel gewesen – wie der letzte Tropfen.
„Mr Malfoy, passt Ihnen etwas nicht?", fragte McGonagall plötzlich und rückte ihre Lesebrille zurecht. Draco schüttelte gezwungen den Kopf.
Sie seufzte. „Na schön. Ich hoffe, Ihnen ist klar, dass Sie heute nicht das gezeigt haben, was wir zumindest von unseren älteren Schülern erwartet hatten. Ich hatte gehofft, dass wir die Häuserkluften etwas besänftigen könnten, indem wir zumindest den Jüngeren ein Vorbild sind. Bei Merlin!" Aufgebracht ließ sie sich in ihren Stuhl zurücksinken. „Haben wir nicht gerade erst einen Krieg hinter uns? Müssen Sie sich jetzt so verhalten, wie Erstklässler? Sie sind verdammt nochmal erwachsen! Benehmen Sie sich in Zukunft auch so!" Professor McGonagall holte einmal tief Luft, dann richtete sie ihren Blick wieder gefasst auf ihre Schüler. „Ich möchte nicht, das etwas dergleichen noch einmal vorkommt, haben wir uns verstanden?"
Draco hatte nicht mit solch einem Ausbruch gerechnet und ein seltsames Gefühl schien sich in ihm breit zu machen. Ein … schlechtes Gewissen? Er hatte bisher nicht viel Erfahrung mit dem Wort 'Gewissen' und dass es dabei auch noch ein 'schlechtes' war, verfehlte seine Wirkung nicht. Er fühlte sich überfordert und das mochte er kein bisschen, also nickte er stumm, obwohl ihm sicherlich bewusst war, dass dies nicht einfach einzuhalten sein würde.
Weaslette dagegen bejahte, sie hatte offenbar noch ihre Stimme.
„Gut", sagte McGonagall fachmännisch. „Da wir aber auf einer Schule sind und es meine Pflicht ist, Strafen konsequent durchzusetzen und Sie so offensichtlich die Schulregeln missachtet haben, ist mit einer Verwarnung wohl nicht Genüge getan. Ich erwarte Sie heute Abend Punkt sechs Uhr an dem Portrait, das in die Küche führt. Sie wissen ja sicher, wie sie dorthin kommen?" Die beiden nickten. „Dann können Sie jetzt gehen."
Die Professorin für Verwandlungen erhob sich und geleitete sie zur Tür. Als Draco gerade hindurchgehen wollte, hielt sie ihn zurück. „Warten Sie kurz, Mr Malfoy."
„Was ist?", fragte er etwas grob, doch McGonagall ließ es gnädig unkommentiert. Stattdessen sah sie ihm eindringlich in die Augen, wobei er, obwohl sie sicherlich um zehn Zentimeter kleiner als er war, das unheimliche Gefühl hatte, ihre Worte würden bis zu seinen Knochen vordringen und sich in sein Innerstes graben. „Nutzen Sie Ihre Chancen, darum habe ich Sie schon einmal gebeten. Machen Sie es sich nicht wieder kaputt. Sie würden es irgendwann bereuen."
Draco machte sich langsam von ihr los. „Danke, Professor", sagte er und bewahrte nur mit einiger Mühe seine ruhige Maske, um nichts von seiner Verwirrung preiszugeben. Sie nickte ihm zu und schloss die Tür hinter ihnen.
Weasley war schon verschwunden, hoch in den Turm oder wo auch immer hin, also machte er sich auf den Weg hinunter in die Kerker. Das seltsame Gefühl ließ ihn trotzdem nicht los und ihre Warnung klang immer wieder in seinen Gedanken nach.
Sie würden es irgendwann bereuen.
