Nun kenn' ich beide Triebe
Und sag' euch's mit Verlass:
So süß fast als die Liebe
Und heißer ist der Hass.
- Felix Dahn (1834-1912)
Options are dreams and dreams aren't options.
- YouDontKnowHer
Professor McGonagall wartete schon vor dem Porträt am abgemachten Treffpunkt, als Ginny den Gang entlanghastete. Sie war zwar noch pünktlich, hatte sich aber beeilen müssen und war so leicht außer Atem. Ihre Unpünktlichkeit war wirklich eine schlechte Angewohnheit von ihr.
„Gut, dass Sie da sind", sagte die Schulleiterin und nickte ihr freundlich zu. Dann sah sie zu der kleinen Standuhr, die etwas entfernt auf einem Schränkchen mit sauber polierten Tellern stand. Sie runzelte die Stirn. „Allerdings müsste Mr Malfoy auch langsam hier sein. Haben Sie ihn auf dem Weg gesehen?"
„Nein, Professor. Die Korridore, die ich genommen habe, waren leer." Worüber sie froh war.
Doch die Bedenken der Professorin waren unbegründet: Malfoy stolzierte wenige Sekunden später ebenfalls um die Ecke und gesellte sich zu ihnen, als könne er kein Wässerchen trüben. Mit hochgezogenen Augenbrauen und missbilligendem Gesichtsausdruck nickte ihm McGonagall steif zu. „Da sind Sie ja. Dann können wir jetzt wohl endlich mit Ihrer Strafarbeit beginnen."
Sie drehte sich zu dem Porträt und in der Art, wie McGonagall es eben zu tun pflegte, räusperte sie sich und kitzelte die Birne, die auf dem Bild in einer Obstschale lag. Man hörte ein wisperndes Kichern, das wie ein Echo durch den Gang hallte, und das Porträt schwang zur Seite.
In der geräumigen Küche tummelten sich wie immer die Hauselfen wild durcheinander. Sie klapperten mit Geschirr, machten Abwasch oder räumten die sauberen Sachen in Schränke, Kommoden und Regale, von denen sich wirr alle möglichen, überhaupt nicht zusammenpassenden Sorten an den Wänden säumten. Ginny war zwar schon häufiger hier gewesen, zum Beispiel mit ihren Brüdern oder Colin, doch es überraschte sie immer wieder, wie groß Hogwarts doch eigentlich war. Denn die Küche war genauso imposant wie die Große Halle und das war nur ein einziger Raum von den tausenden, unterirdischen Stockwerken unter dem Schloss.
McGonagall trat nun zu einer Hauselfe, die offenbar schon auf sie gewartet hatte, und stellte sie als Winky vor. Sie hatte große, braune Augen und eine etwas knollige Nase, hauselfenüblich große Ohren und einen etwas grimmigen Zug um den Mund. Ginny kannte sie aus Schilderungen Harrys, der ihr ebenfalls erzählt hatte, dass Kreacher der Elfe den Alkohol abgenommen hatte und mit ihr nun ein strenges Entzugsprogramm durchzog.
„Guten Abend", grüßte die Elfe die beiden Schüler mürrisch und mit monotoner Stimme.
Professor McGonagall warf ihr einen ermahnenden Blick zu und sah wieder zu Malfoy und Ginny. „Winky wird Ihnen Ihre Arbeit für die nächsten zwei Stunden zeigen. Ich werde Sie dann um acht abholen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend. Ach ja, Ihre Zauberstäbe." Sie streckte die Hand aus, doch als sie Malfoys Miene sah, erklärte sie: „Damit Sie sich nicht wieder duellieren. Geben Sie einfach her. Keine Sorge, morgen finden Sie sie in Ihren Schlafsälen."
Ginny hatte das Gefühl, als müsse sie ihren einzigen Schutzwall gegen Malfoy ablegen, als sie ihren Zauberstab an ihre Lehrerin übergab. Wie sollte sie nur ohne diese Sicherheit einen Abend mit ihm überstehen? Es war, wie sich die Kleider vom Leib zu reißen. Sie hatte zwar mehrere Brüder, gegen die sie gelernt hatte, sich zu wehren, doch Malfoy war eindeutig stärker als sie. Und skrupellos. Er hätte keine Bedenken, im Gegensatz zu Bill oder Ron.
„Ich verlasse mich auf Sie", sagte Professor McGonagall und bedachte sie noch einmal streng, bevor sie durch das Porträt zurückging.
Ginny sah ihr zähneknirschend nach, doch sie riss sich zusammen und bemühte sich ein freundliches Gesicht zu machen (und nicht auszusehen, als würde ihr ein fürchterlicher Abend bevorstehen). Sie lächelte Winky freundlich an, die nur gereizt zurückstarrte und auf einen Stapel Geschirr deutete, der als Einziger von den Hauselfen nicht beachtet wurde.
„Da. Winky muss jetzt zurück an die Arbeit." Ohne ein weiteres Wort verschwand sie mit einem 'Plopp' und ließ sie sich selbst überlassen.
Malfoy stöhnte entnervt auf. „Das kann nicht ihr Ernst sein!", meldete er sich das erste Mal an diesem Abend zu Wort. Entrüstet fixierte er den Geschirrstapel, als bezwecke er damit ein Loch in das Porzellan zu brennen. „Ich werde das jedenfalls ganz bestimmt nicht alles spülen!"
„Ich hatte vergessen, du bist ein Malfoy. Spülen obliegt wohl nicht deinem Repertoire", stichelte Ginny und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Ganz richtig. Ich hatte dafür Personal", zickte er zurück. „Und außerdem bin ich ein Malfoy. Wollte ich in meinem Leben jemals spülen, dann würde ich das sicher nicht auf die Muggel-Weise machen. Ich bin immerhin ein Zauberer."
Sie rollte ob seiner tiefen Überzeugung die Augen. „Mhm, alles ganz toll, Malfoy. Aber da du keine andere Wahl hast, musst du es jetzt wohl doch auf die Nicht-verwöhnter-Arsch-Reinblüter-Weise tun. Reiß dich also zusammen und versuch bitte keinen Teller kaputtzumachen."
„Oh bitte, als ob das bei so etwas Simplem passieren würde!", schnaubte Malfoy spöttisch und trat würdevoll an das Spülbecken. Ginny beobachtete amüsiert, wie er einen Teller nahm, ihn in das Wasser tauchte und dann einfach daneben stellte. Verwirrt runzelte er die Stirn. „Wieso ist der nicht sauber?"
„Malfoy, du hast echt keine Ahnung, oder? Ich glaube, es wäre das Beste, wenn du es mich erst einmal vormachen lässt und es dann nachmachst, alles klar?"
Malfoy richtete sich empört auf. „Ganz sicher nicht! Ich bin wohl kaum auf die Hilfe einer Weasley angewiesen!"
„Gut, dann erklärst du aber McGonagall, wieso wir die Hälfte nicht geschafft haben", flötete sie. Innerlich musste sie lachen, als sie förmlich hören konnte, wie hinter seiner Stirn die Rädchen langsam zu demselben Schluss kamen, zu dem sie schon vorher gelangt war. Hach, sie war ja so fies heute.
Widerwillig nickte er schließlich mit angespanntem Kiefer und machte ihr Platz. „Okay, also zuerst musst du die Ärmel umkrempeln, damit sie nicht nass werden", begann Ginny und machte es ihm vor. Mit einem gewinnendem Feixen tat er dasselbe problemlos. Sie nickte ihm unbeeindruckt zu. „Dann nimmst du den Geschirrreiniger und machst etwas davon in das Wasser – Merlin, stopp! Malfoy, das war ein bisschen viel … Auch in Ordnung, machen wir weiter. Nimm einen Teller und tauche ihn ins Wasser, wie eben. Das Teil mit dem Stiel, das ist die Spülbürste. Mit der – ähm, an der anderen Seite greifen, Malfoy – mit der Bürste machst du den Teller sauber, indem du sie, genau wie ich, über den Teller ziehst. Siehst du, geht doch."
Malfoy zuckte die Schultern und erklärte hochnäsig, fast schon selbstverliebt: „Ich begreife halt schnell."
„Ja, nur dass der größte Teil davon falsch ist …", rutschte es ihr leise heraus.
„Hast du etwas gesagt, Weaslette?"
Ginny tat unbeteiligt, doch am liebsten hätte sie ihm jetzt ganz genau und ausführlich erklärt, wieso es falsch war, jemanden Schlammblut zu nennen – nur als kleines Beispiel. Sie unterdrückte aber ihre Wut und erklärte gelassen: „Ich habe nur erwähnt, dass sehr viele deiner Ansichten etwas altmodisch sind. Aber das ist ja nicht anders zu erwarten, bei einem Malfoy und Todesser wie dir."
Aus den Augenwinkeln sah sie, wie er sich leicht straffte und seine Miene düster wurde. Wie ihr verwundert auffiel, bereits das zweite Mal, dass er so reagierte. „Der Krieg ist vorbei, Weasley. Es gibt keine Todesser mehr."
„Hm, vielleicht, aber es ändert nichts daran, dass du einer warst."
„Man hat nicht immer die Wahl."
Ginny konnte nicht fassen, dass er sich doch tatsächlich herausredete. Sie hatte gedacht, dass er wenigstens dazu stand, dass er ein Todesser war. Er fing doch jetzt wieder mit dem Schlammblut-Reinblut-Gerede an. Er war wirklich so ein Slytherin, durch und durch. „Man hat immer die Wahl", sagte sie bitter. Tonks' und Lupins bleiche, tote Gesichter kamen ihr in den Sinn und fachten ihre Wut an.
„Komm schon, Weasley, sag doch einfach, dass du mich verabscheust und dann kann ich sagen, dass ich das auch tue, und wir müssen nicht weiter miteinander reden."
Ginny legte die Spülbürste und den Teller hin, den sie gerade bearbeitet hatte. „Es ist nicht so, dass ich dich hasse, Malfoy. Es ist nur, nehmen wir mal an, du würdest brennen und ich hätte dieses Spülwasser … ich würde es lieber trinken."
„Der ist alt, Weasley." Das wusste sie selbst, verdammt.
„Aber passend, meinst du nicht auch?"
„Ganz ehrlich, wieso schon jetzt so feindselig? Ist es meine Aura? Oder macht dich mein übernatürlich attraktives Aussehen verlegen?" Boshaft grinste er sie an und zog eine Augenbraue in die Höhe.
Sie schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, Malfoy, aber ich muss dich enttäuschen, so toll siehst du nicht aus. Und ja, es ist deine abstoßende, widerliche, rassistische Ausstrahlung, bei der mir übel wird. Es haben dir bisher eindeutig zu wenig Leute gesagt, aber du bist ein Mistkerl."
Er lachte, scheinbar ehrlich amüsiert. „Und du bist zu arm, um dir auch nur halbwegs interessante Beleidigungen kaufen zu können, Weaslette."
„Hat dir jemand deinen Charakter gestohlen, Malfoy, oder warst du schon immer so?", schoss sie zurück und biss sich auf die Zunge, um nicht weiter aus der Haut zu fahren. Wieso machte er sie so wütend?
„Ach, gib es zu, eigentlich beneidest du mich um das, was du niemals haben wirst!"
„Natürlich, oh heiliger Malfoy! Du bist mein Gott, meine Sonne, mein Mond! Wie konnte ich nur je so dumm sein und dich nicht anbeten, ich dummes, naives Mädchen!"
„Warum so ironisch, Weaslette? Das ist doch alles wahr."
Ginny tat erschrocken. „Oh verdammt … Hast du mich doch glatt durchschaut. Weißt du was, Malfoy, du verdienst dafür eine besondere Entschuldigung …" Mit einem süßlichen Blick griff sie hinter sich, nahm eine Hand voll Schaum aus dem Spülwasser und klatschte ihn dem überrumpelten Malfoy mitten ins Gesicht.
Eine Weile schien er um seine Fassung zu ringen, während Unglaube in seinem Gesicht stand und er sie anstarrte. Ginny hätte beinahe laut triumphierend aufgelacht. Sie, eine Weasley, hatte ihn, den sich sonst so mit seiner Selbstkontrolle brüstenden Malfoy, aus der Fassung gebracht. Doch es hielt nicht lange an – er war eben doch ein Malfoy.
„Das, Weaslette, wirst du büßen, verlass dich drauf", grollte er mit knirschenden Zähnen. Schneller, als sie hätte reagieren können, packte er ihre Haare, an denen er sie zu seinem Waschbecken zog und ihren Kopf untertauchte. Sie strampelte panisch in seinem Griff und schaffte es irgendwie, ihm einen Tritt gegen das Schienbein zu verpassen und sich so zu befreien. Sie rieb sich hastig das Wasser aus den Augen, die von dem Geschirrreiniger schon brannten, und schnappte nach Luft, doch fand sie noch Gelegenheit ihm einen durchnässten Lappen entgegenzupfeffern. Sein Hemd zierte jetzt ein großer, nasser Fleck mit einzelnen Spritzern in alle Himmelsrichtungen.
„Nur das Beste für dich, Malfoy", zischte sie ihm zu. Ihre Brust hob und senkte sich aufgebracht, ihm ging es nicht anders.
Er verengte die Augen zu Schlitzen und Ginny ahnte, dass das blutige Rache geben würde. Malfoy nahm blitzschnell selbst eine Hand voll Schaum und schmierte ihn ihr genießerisch an die Klamotten, während er sie festhielt. „Dito", fauchte er und schubste sie zu Boden.
Ginny prallte hart auf und wäre sie keine Quidditchspielerin, hätte sie sicher nicht sofort seine Knöchel packen können, um ihn ebenfalls zu Boden gehen zu lassen. Er knallte gegen ein Regal, aus dem mehrere Tassen fielen und klirrend zu Bruch gingen. Schon wollte er es ihr heimzahlen, da erstarrte er mitten in der Bewegung. Erst verstand Ginny nicht, warum, doch da packte jemand sie von hinten und zog sie hoch.
„Miss Weasley, darf ich fragen, was Sie da tun?" Langsam drehte sie sich um. Hinter ihr stand ein düster dreinblickender Professor Snape und eine entrüstete Professor McGonagall.
„Ich-", stammelte sie und warf einen ratlosen Blick zu Malfoy, der sich eilig aufrichtete. Er war ziemlich nass, besonders, da er mitten in einer Pfütze gelandet war. Doch Ginny wusste, dass es um sie nicht besser stand; ihre Haare waren von Wasser durchnässt und ihre Bluse war nicht gerade trocken davongekommen.
„Es reicht!", schimpfte die Schulleiterin auf einmal los und stapfte auf sie zu. „Das darf doch nicht wahr sein! Wie alt sind Sie, beim Barte des Merlin?! Aber ich kann Ihnen sagen, das hier wird Konsequenzen haben! Professor Snape, lassen Sie Miss Weasley los. Ich möchte, dass Sie beide jetzt in Ihre Schlafsäle gehen und keinen Mucks mehr machen, bis Sie eine Eule von mir bekommen! Und jetzt", mit einem letzten, erschöpften Ausatmen zeigte sie auf das Porträt, „gehen Sie."
ooooo
Draco trat lautlos durch die Steinwand, die in den Slytheringemeinschaftsraum führte. Er war fast leer, bis auf einen vollbesetzten Tisch, an dem einige Jungen seines Jahrgangs saßen. Wie nicht anders zu erwarten, spielten sie offensichtlich Poker und tranken dabei Feuerwhisky, den wahrscheinlich einer von ihnen in die Schule geschmuggelt hatte. Selbst nach dem Krieg schien sich dieses Detail nicht geändert zu haben. Slytherins eben.
Und wäre Draco nicht so wütend, dass er am liebsten einfach nach oben verschwunden wäre, um sich still wüste Beschimpfungen für eine bestimmte, rothaarige Gryffindor auszudenken, hätte er vermutlich freudig mitgetrunken.
Davon hielt ihn allerdings eine Hand ab, die sich auf seine Schulter legte. „Du wirst es nicht glauben, aber-" Blaise Zabini stand neben ihm und unterbrach sich, als er seine tödliche Miene sah. „Also echt, Draco, so begrüßt man Freunde … Was ist passiert?"
„Weasley", knurrte er lediglich und Blaise runzelte die Stirn, während er ihn musterte, als hätte er eine Entdeckung gemacht.
„Sie scheint dich ja wirklich auf Trab zu halten."
„Sie ist eine Gryffindor. Und unausstehlich … Dieses Biest hat sich über mich lustig gemacht."
Blaise gluckste und lächelte nur verstehend. Draco war zu müde, um sich über das schalkhafte Zucken seiner Mundwinkel Gedanken zu machen. „Dann hast du ja Glück, dass ich dein bester Freund bin. Ich habe nämlich eine Überraschung für dich."
„Womit willst du dich heute als meine persönliche Nemesis platzieren?"
Sein Freund grinste breit und meinte verschwörerisch: „Keine Sorge, diese Sache wird deine Laune heben. Und, ebenfalls weil ich dein bester Freund bin – denn ja, Dracilein, diese Betonung ist gewollt –, ist es etwas wirklich Unglaubliches."
„Und das wäre?" Draco warf einen Blick in Richtung Treppe. Er wollte jetzt wirklich nur noch schlafen und darauf hoffen, dass er davon träumen würde, Weaslette zu erwürgen …
Blaise zog seine Aufmerksamkeit wieder auf sich, als er geheimnisvoll verkündete: „Wir haben eine Wette abgeschlossen."
„Das ist nichts Besonderes. Das tut ihr ständig."
„Sei still und hör zu, sonst erzähle ich es dir nicht. Und ich bin mir sicher, dass du das hören willst … Theodore hier", er deutete auf den Slytherin, der aussah, als könne er sich vor Lachen nicht mehr auf seinem Stuhl halten, „hat behauptet, dass Richard mit seinem IQ nicht einmal eine Gryffindor flachlegen könnte … Und du weißt, wie Richard ist, diese Herausforderung musste er sofort annehmen …"
„Aber das haben sie doch schon letztes Jahr mit Parvati Patil gemacht", versetzte er desinteressiert.
Theodore Nott und der dunkelhaarige Malcom Richard hatten die Angewohnheit, sich jedes Jahr eine neue, gleich dämliche Beschäftigung zu suchen. Die beiden waren für ihre grausamen Spielchen mit Mädchen bekannt, die nur deshalb als grausam zu bezeichnen waren, weil sie aus purer Langeweile entstanden. Und, um ihr Ego aufzupolieren.
In Dracos Augen gab es nichts Erniedrigenderes für einen Slytherin. Er gab zu, sie Slytherins waren wirklich eine hinterlistige, distanzierte Bande, aber aus solch niederen Motiven würde er selbst nie mit Mädchen spielen. Er spielte zwar mit ihnen, aber wenigstens war er dabei aufrichtig. Er hatte keiner vorgemacht, er hätte ernsthaftes Interesse, wenn es nicht auch so war. Was es nie gewesen war.
„Es ist ja kein gewöhnliches Mädchen, Draco. Und ich bin mir sicher, dass du weißt, wen ich meine. Wir sprachen eben von ihr."
„Schon wieder Patil?"
„Nein. Nein, nicht Patil." Blaise seufzte zerknirscht. „Es geht um die kleine Weasley. Wenn du mich fragst", hier senkte er, wenn möglich, seine Stimme noch mehr, „sind sie die größten Idioten unseres Hauses, wenn sie das versuchen wollen. Es wird aber bestimmt interessant, den beiden beim Scheitern zuzusehen."
Dracos Augenbraue zuckte nach oben. Es sollte in die Geschichte eingehen, denn es war vor echter Überraschung.
Die beiden Vollidioten wollten Weaslette, die Weaslette, flachlegen? Das war größenwahnsinnig. Weasley stand unter dem Schutz ihres Bruders, das wussten alle, und auf einen Slytherin würde sie sich schon gar nicht einlassen.
Wie er gesehen hatte, ging ihre Abneigung gegen Slytherins (insbesondere ihn selbst) ja so tief, dass sie sich nicht auf verbalen Ausdruck ihrer Gefühle beschränkte. Aber gerade deshalb war sie vermutlich perfekt, denn es würde kein Leichtes werden, sie rumzukriegen. Aber trotzdem, das Ganze war so irre, dass es bescheuert war, es überhaupt zu versuchen.
Allerdings konnte er nicht verhindern, dass sich ein innerliches Grinsen in ihm ausbreitete. Er richtete sich mit einem bösartigen Funkeln in den Augen auf, obwohl er vollkommenes Desinteresse ausstrahlte.
„Sollen sie es ruhig versuchen – sie werden eh scheitern. Und wenn nicht: Weaslette hätte es verdient", schnarrte er und überspielte dabei seine Schadenfreude mit einer lässigen Geste seiner rechten Hand. Auch wenn er die Methoden von Nott und Richard verabscheute, konnte er nichts dagegen tun, dass ihm der Gedanke gefiel, Weaslette vor den Kopf zu stoßen und sie von ihrem hohen Ross herunterzuwerfen.
Blaise nickte leicht, doch schien er genau bemerkt zu haben, was in seinem Freund vorging. Dieser war jedoch zu abgelenkt von seinen eigenen Überlegungen, als er den Gemeinschaftsraum durchquerte und nicht weiter auf seinen Freund achtete.
Denn hätten die beiden wirklich Erfolg … würde Weaslette büßen. So, wie er es versprochen hatte.
ooooo
Sonnenstrahlen weckten Ginny am nächsten Morgen. Ausgiebig streckte sie sich, nachdem sie sich aufgesetzt hatte, und sah gähnend aus dem Fenster. Ein leichter Nebelschleier breitete sich über die Wiesen und den See aus, wich jedoch der aufgehenden Sonne und dem beginnenden Tag.
„Ginny, bist du wach?", hörte sie Hermine im Bett neben ihrem flüstern. Ginny sah zu ihrer Freundin, deren buschige braune Locken unter der Decke hervorlugten und ihr Gesicht umrahmten.
Sie nickte zur Antwort und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Guten Morgen", sagte sie verschlafen. „Gehst du gleich duschen, wenn du eh schon wach bist?"
Hermine schüttelte den Kopf. „Nein, heute nicht. Du kannst aber gehen, wenn du willst."
„Dann verschwinde ich mal schnell, bevor die anderen aufwachen." Ginny erhob sich von ihrem Bett und verschwand im Badezimmer. Als sie zurückkam (nach einer ausgiebigen, warmen Dusche) waren die anderen ebenfalls aufgestanden, während Hermine einem Waldkauz nachsah, der gerade aus dem Fenster verschwand. In ihrer Hand hielt sie einen Brief.
„Für wen ist der?", fragte Ginny neugierig und ging zu ihrem Kleiderschrank, um sich ihre Schuluniform für den heutigen Tag herauszusuchen.
„Für dich."
„Wirklich?" Überrascht tauchte die Weasley aus dem unordentlichen Berg aus Klamotten, den sie hervorgekramt hatte, auf.
„Ja, allerdings. Und wenn mich nicht alles täuscht, dann ist er von Professor McGonagall … wieso schreibt sie dir?"
Verlegen nahm Ginny ihr den Brief ab und setzte sich, noch in einen Bademantel gehüllt, auf ihr Bett. „Na ja … gestern lief es nicht so gut, wie ich gehofft hatte", meinte sie und berichtete Hermine kurz gehalten von der Strafarbeit mit Malfoy, wobei sie den Umschlag öffnete.
„Oh Ginny, du hast dich wirklich mit ihm geprügelt?", seufzte Hermine. „Ich wette, jetzt ist McGonagall erst recht sauer. Was hast du dir denn dabei gedacht? Malfoy hat dir doch früher auch nichts ausgemacht."
„Aber da war er auch nur … Malfoy. Jetzt nach dem Krieg könnte er es ruhig besser wissen, wir sind jetzt im Prinzip erwachsen."
„Ja, das sieht man", sagte ihre Freundin spöttisch und Ginny schnaubte genervt.
„Es macht mich einfach wütend, dass er immer noch glaubt, dass er, nur, weil er mal wieder davongekommen ist, jetzt weitermachen kann, als wäre nichts passiert. Und außerdem hackt er in letzter Zeit auf mir herum, nicht ich auf ihm", verteidigte sie sich verärgert und faltete den Brief auseinander. Über die Schulter der Weasley gebeugt las auch Hermine mit.
Sehr geehrte Miss Weasley,
nach dem gestrigen Abend habe ich Überlegungen angestellt und eine Entscheidung getroffen.
Kommen Sie bitte heute Abend um sechs Uhr in die Eingangshalle. Dort wird Professor Flitwick Ihnen alles weitere erklären. Ich bitte Sie darum, Kleidung anzuziehen, die schmutzig werden kann.
Mit freundlichen Grüßen
Professor McGonagall
Schulleiterin von Hogwarts
Hermine hob fragend die Augenbrauen. „'Kleidung, die schmutzig werden kann'?", wiederholte sie.
Ginny war ebenso verwirrt, wie ihre Freundin. Wozu sollte sie so etwas mitbringen? Sofort schossen ihr die schlimmsten Bilder durch den Kopf. Sie und Malfoy, wie sie Hagrid im Verbotenen Wald eine Woche lang jeden Abend helfen mussten, den Kot von irgendwelchen Ungeheuern aufzusammeln. Sie und Malfoy, wie sie im Schlamm Kürbisse pflanzten. Wie sie Professor Sprout beim Umtopfen der ekelerregensten Pflanzen der Zaubererwelt helfen mussten. Sie schauderte entsetzt.
„Denkst du das Gleiche, wie ich?", fragte sie Hermine.
Diese tätschelte aufmunternd ihre Schulter, sah dabei aber überhaupt nicht überzeugt aus. „Wird schon. Es ist ja nur Malfoy …"
