Wenn meine Beziehungen schlecht sind, begebe ich mich in die totale Abhängigkeit von anderen. Und dann bin ich tatsächlich in der Hölle. Und es gibt eine Menge Leute auf der Welt, die in der Hölle sind, weil sie zu sehr vom Urteil anderer abhängen.
- Jean-Paul Sartre (1905-1980)
Natürlich hatte Draco einen ähnlichen Brief bekommen und war genauso überrascht wie Ginny. Allerdings hatte er keine Lust, weiter darüber nachzudenken und verdrängte die Sache fürs Erste. Was aber auch nichts half, denn der Abend kam schnell.
Er hatte sich etwas von Blaise' Sachen genommen und in einem alten Shirt und mit der Hoffnung, nicht gesehen zu werden, ging er schließlich hinunter in die Eingangshalle. Weasley wartete überraschenderweise ebenfalls schon in ähnlichen Klamotten. Sie trug ein kariertes, etwas zu großes Hemd und eine abgewetzte Hose. Als sie ihn erblickte, zwang sie sich, damit aufzuhören auf den Füßen zu wippen und ihm so gelassen wie möglich entgegenzusehen.
„Weaslette", sagte er nur und nickte ihr zu.
„Redselig wie immer, Malfoy."
Und ab da schwiegen sie, bis Professor Flitwick kam. Der kleine Lehrer für Zauberkunst trippelte aus der Großen Halle zu ihnen herüber und tupfte nebenbei mit einem Taschentuch einige Tomatensoßenspritzer von seiner dunklen Weste.
„Guten Abend, Miss Weasley, Mr Malfoy!", sagte er etwas außer Atem und sah zu den beiden hoch. Selbst der kleinen Weasley ging er gerade mal zum Oberschenkel. „Sie sind schon da, das ist gut. Dann sollten wir uns jetzt schon mal auf den Weg machen, sonst brauchen wir zu lange dorthin."
„Wollen Sie uns nicht zuerst erklären, wohin wir überhaupt gehen?", meldete sich Weasley zu Wort.
„Das machen wir auf dem Weg", antwortete Flitwick und winkte sie zum Eingangsportal, das trotz der Uhrzeit ungewöhnlicherweise offenstand. Die beiden Schüler folgten ihrem Lehrer mit gemischten Gefühlen nach draußen und auf die Ländereien. In der Dunkelheit konnte der Slytherin erkennen, dass sich auf den Armen des Mädchens eine Gänsehaut ausbreitete, als sie ins Freie traten.
„Also", begann Flitwick, der trotz seiner Größe ein nicht geringes Tempo an den Tag legte, „Professor McGonagall sagte, Sie wissen noch überhaupt nichts. Ist das richtig?"
„Ja."
„Na gut, dann beginne ich am Anfang. Es ist nämlich so, dass wir schon seit längerem ein Projekt planen, von dem wir dachten, dass wir eigentlich noch etwas daran feilen müssten, doch Professor McGonagall kam die Idee, wie man Sie dort nützlich und effektiv einbringen könnte. Wir sind alles durchgegangen und zu dem Schluss gekommen, dass dies die ideale Beschäftigung für Sie wäre."
„Was genau meinen Sie mit 'Beschäftigung', Professor? Und wohin gehen wir?"
Flitwick grinste verglüglich. Hätte er nicht sprechen müssen, hätte er sicherlich vor Freude gesummt. „Zur Heulenden Hütte", sagte er und Draco dachte erst, er hätte sich verhört. Er konnte sich nicht denken, was für eine Art Strafarbeit man in diesem Wrack von einer Behausung erledigen sollte. Er witterte aber auch nichts Gutes dabei.
„Sie müssen wissen, dass der Schulrat schon seit einiger Zeit über ein Projekt nachdenkt. Es geht darum, ein Denkmal für die Zukunft zu errichten, das künftig daran erinnern soll, was geschehen ist und dass es niemals wieder passieren darf."
„Das klingt nach einer Idee von Granger", murmelte Draco in seinen nicht vorhandenen Bart, Flitwick hörte ihn aber offenbar, denn er warf ihm einen belustigten Blick zu.
„Tatsächlich war Miss Granger diejenige, die Professor McGonagall die Idee nahegelegt hat. Ich bin mir sicher, Sie werden sich viel Mühe geben. Allerdings geht es bei Ihrer Arbeit nur um den Grundpfeiler, mit der genauen Umsetzung des Denkmals haben Sie nichts zu tun. Wobei wir Ihrer Hilfe bedürfen, ist eher die Hütte soweit auf wichtige Gegenstände zu untersuchen, dass man sie ohne Bedenken ausräumen und renovieren kann. Nachdem Mr Lupin seinen Posten hier beendete, haben wir die Hütte für die Unterbringung von Dingen wie Zaubertrankzutaten oder historischen Dokumenten genutzt. Es ist also Ihre Aufgabe, diese passend zu sortieren und zu beschriften."
„Eine Frage", kam es von Draco misstrauisch, der zu den anderen beiden aufschloss, „wie lange wird das dauern?"
Flitwick lächelte verlegen. „Professor McGonagall hat sich das genau überlegt und ist zu dem Schluss gekommen, dass diese Aktion erst nach einem längeren Zeitraum ihren Zweck effektiv erfüllen kann."
„Sir", kam es nervös von Weaslette, „was meinen Sie mit einem 'längeren Zeitraum'?" Unter anderen Umständen hätte Draco ihre plötzliche Schwäche vermutlich ganz amüsant gefunden (denn nervös hatte er sie noch nie gesehen, höchstens wütend), aber das war jetzt nicht der Fall, mehr konzentrierte er sich darauf, Flitwicks Antwort genau zu hören.
„Ich fürchte, man erwartet von Ihnen, mindestens einmal die Woche gemeinsam an die Arbeit zu gehen. Wie lange, kann ich Ihnen nicht sagen, das kommt auf Ihr Arbeitstempo an. Und wann, das dürfen Sie unter sich ausmachen, solange Sie wirklich einmal pro Woche gemeinsam herkommen."
„Das bedeutet also, wir müssen … zusammen? Jede Woche?!", fragte Weaslette entsetzt.
„Das ist der Sinn der Sache. Es geht bei dieser Strafarbeit um Zusammenarbeit."
Draco fühlte sich salopp ausgedrückt verarscht. Das war schlimmer, als alles, was er als Malfoy bisher hatte durchmachen müssen (gut, er übertrieb, aber das konnte man ihm ja auch nicht verübeln). Mit Weaslette zusammenarbeiten, das war wie … Gnome und Jarveys oder Salazar und Muggel. Er bezweifelte allerdings, dass sich daraus etwas wie Zusammenarbeit ergeben würde. Fast wie in Geschlossene Gesellschaft, eine gegenseitige Hölle.
Er und Weaslette tauschten einen identisch abgeneigten Blick und sahen dann genervt in die jeweils andere Richtung. Nun, wenn er mal so darüber nachdachte, hatte das Ganze jetzt einen positiven Aspekt: Sie würde genauso darunter leiden und es genauso grausam finden, wie er.
„Oh, wir sind da!", sagte Flitwick plötzlich und blieb stehen. Über ihnen ragte jetzt die Peitschende Weide auf, die man in der Dunkelheit fast nicht erkennen konnte. Dafür hoben sich die dicken, knorrigen Äste, die sich unruhig in der Kälte bewegten, deutlich vom Himmel ab, wie Finger einer Hand, die nur darauf warteten, zuzuschlagen und alles von sich fernzuhalten, was in ihre Nähe kam. Draco hatte das bisher auch eigentlich immer getan und er wünschte, es könnte auch so bleiben.
Doch Flitwick hatte andere Pläne. Er ging furchtlos weiter zur Peitschenden Weide, gerade an den Rand ihrer Reichweite, und bückte sich suchend. Schließlich kam er freudig strahlend wieder hoch, in der kleinen Faust einen dicken Ast. Diesen hielt er Draco hin und fragte etwas verlegen: „Könnten Sie den freundlicherweise dort auf diese Wurzelknolle werfen? Ich habe meinen Zauberstab … nicht dabei."
Draco starrte ihn ungläubig an. „Ist das Ihr Ernst, Sir?"
„Leider", entgegnete Flitwick.
Der Blonde seufzte. Was hatte er für eine Wahl? Damit schleuderte er den Ast durch die Finsternis und zu seinem Erstaunen traf er genau. Womit er auch nicht gerechnet hätte, war, dass die Weide sofort erstarren würde, als wäre sie eingefroren. Nur ihre Zweige schienen noch etwas zu zittern, als wollten sie ihre Empörung mitteilen.
Weaslette neben ihm öffnete ungläubig den Mund. „Du hast getroffen", sagte sie erstaunt. In Dracos Augen schwang bei ihren Worten zumindest ein Hauch Bewunderung mit.
„Wieso so überrascht?", fragte er und tat dabei völlig ernsthaft. „Ich bin immerhin Sucher von Slytherin." Weaslette hob nur kritisch die Augenbrauen und folgte Professor Flitwick, der sich dem Stamm der Weide näherte.
ooooo
Als Ginny sich in den Schacht hinunterließ, der sich zwischen den Wurzeln der Peitschenden Weide auftat, war sie nicht darauf vorbereitet gewesen, dass sie fast sofort wieder auf den Füßen landen würde. Obwohl man überhaupt nichts von draußen erkennen konnte, schienen sie nicht mal drei Meter unter der Erde zu sein.
Professor Flitwick erleuchtete den niedrigen Gang, der in scheinbar unendliche Finsternis führte, mit einer Lampe, die er von einem Haken an der Wand nahm.
Ginny wollte schon in den Gang treten, da hörte sie über sich Malfoy, der sich wohl ebenfalls daran machte, zu ihnen zu stoßen. Schnell trat sie zur Seite und stieß dabei mit dem Kopf gegen die Decke des schmalen Tunnels. Als Malfoy neben ihr landete, stand sie gebückt da und rieb sich mit grimmiger Miene die Stirn. Der Slytherin konnte sich ein boshaftes Grinsen darüber nicht verkneifen und Ginny streckte ihm dafür nur trotzig die Zunge heraus.
„Kommen Sie", wies sie Flitwick nun an und in gebeugter Haltung folgten sie dem kleinen Zauberer, der beim Gehen selbstverständlich überhaupt keine Mühe hatte. Jetzt war ihr auch klar, wieso Professor McGonagall ihn geschickt hat und nicht selbst gekommen war.
Nach langer Zeit – sie hatte schon gedacht, der Tunnel würde nie enden – kamen sie am Ende an, wo Flitwick Ginny bedeutete, ein Brett über einer Öffnung in der Decke zur Seite zu schieben, die sie erst da überhaupt bemerkte. Der Lehrer ließ sich von Malfoy in die Hütte hieven, der ihm dann selbst folgte. Als auch sie ihnen nachkam und schließlich in der Hütte stand, musste sie erst einmal den aufwirbelnden Staub wegblinzeln, der sich wie Nebel im Zimmer erhoben hatte.
Abgesehen davon war die Hütte verblüffenderweise relativ gut instand gehalten. Die Krallenspuren und zerstörten Möbel, von denen Hermine einmal berichtet hatte, waren beseitigt oder allenfalls repariert worden und die Wände waren mit frischer Farbe gestrichen. Aus dem Zimmer heraus führten zwei Türen und in der Mitte des Raumes erhob sich ein alter, aber gepflegt erscheinender, schwarzer Flügel, über dessen Tasten Ginny nun neugierig fuhr. Er klang etwas verstimmt, aber nicht schrecklich.
„Wieso ist es so ordentlich? Ich hatte es mir schlimmer vorgestellt", wandte sie sich an Flitwick.
„Man hat die Hütte vor einigen Wochen wieder renoviert – zwar nur das Nötigste, aber es steht ja auch noch nicht fest, was genau daraus wird", erklärte er. „Kommen Sie, ich zeige sie ihnen." Und das tat er.
Zuerst brachte er sie aus dem Wohnzimmer durch die offen stehende Tür in einen kleinen Flur, dessen Boden bei jedem Schritt knarrte, als wollte er im nächsten Moment wegbrechen. Wie Flitwick noch sagte, befand sich in den beiden Zimmern, die vom Flur abgingen, eine Küche und ein Bad, doch er erwähnte ebenfalls, dass diese noch nie wirklich 'zur Benutzung geeignet' gewesen waren. Danach gingen sie nach oben, wo es eine kleine Kammer gab, in der sogar noch ein klappriges Bett ohne Matratze oder Laken stand und bei dessen Anblick Malfoy die Nase rümpfte. Neben der 'Schlafkammer', wie Flitwick sie nannte, lag die Bibliothek, die im Prinzip nur ein Raum mit einigen vollgestopften Regalen und vielen herumstehenden Kisten war.
Ginny staunte nicht schlecht, als ihr Auge auf etwas fiel, das sie sofort in seinen Bann schlug. Begeistert ging sie auf das Erkerfenster zu, das gegenüber der Tür lag. „So eins wollte ich schon immer", sagte sie und ließ sich zufrieden grinsend darauf nieder.
„Schön, dass du dem Ganzen etwas abgewinnen kannst", murmelte Malfoy ironisch. „Allerdings gibt es Erkerfenster auch an anderen Orten, dazu müsstest du nicht hier sein."
„Sieh dir doch die Aussicht an. Ich wette, neben Hogwarts ist das hier eine der Besten!" Tatsächlich konnte man sogar die Lichter aus Hogsmeade erkennen, die von den magischen Straßenlaternen oder den noch beleuchteten Fenstern kamen, und wäre es Tag gewesen, hätte man den See sicher auch noch sehen können.
„Bezweifle ich …", widersprach er gedehnt, fast schon gelangweilt, nachdem er einen kurzen Blick nach draußen geworfen hatte. „Mein Zimmer hat einen besseren."
„Du hast ein Erkerfenster?", fragte Ginny, schalt sich aber gleich. Immerhin war das Malfoy, mit dem sie sich unterhielt, natürlich war es für ihn normal, ein verdammtes Erkerfenster zu besitzen. Vermutlich mit den edelsten und slytheringrünsten Kissen ausgestattet, die es zu finden gab.
Professor Flitwick rettete sie aber zum Glück davor, sich eine Antwort überlegen zu müssen. „Hier werden Sie wohl am meisten Zeit verbringen. Die Bücher sind ziemlich alt, aber nicht alle unbedingt wertvoll. Trotzdem bitte ich Sie, alles genau anzusehen."
„Und wieso sollten wir dann Kleidung mitbringen, die schmutzig werden kann?"
Er runzelte amüsiert die Stirn, sodass sich eine Falte zwischen seinen Augenbrauen bildete. „Die Schulleiterin dachte wegen des vielen Staubes an ihre Sachen und wollte verhindern, dass sich jemand beschwert." Dabei sah er betont nicht zu Malfoy.
Ginny nickte und musste sich ein Lächeln verkneifen. Sie lenkte sich ab, indem sie ein bisschen durch den Raum schlenderte. Sie näherte sich gerade einem eleganten Sofa, auf dem ein mottenzerfressener, alter Fellmantel lag, als sie auf eine lockerte Bodendiele trat. Diese schnellte hoch, und hätte sie sicher erwischt, wenn Ginny nicht so schnell reagiert und sich aus der Ziellinie gebracht hätte. Man sollte sagen: Glück im Unglück, denn das führte dazu, dass sie über ihre eigenen Füße stolperte und zu Boden fiel. Knurrend rappelte sie sich hoch, während sie sich die schmerzende Seite rieb.
„Geht es Ihnen gut?", hörte sie Flitwick im Hintergrund besorgt sagen, doch seine Stimme wurde nebensächlich, als ein warmer Lufthauch ihre Haut streifte.
„Heute nicht Ihr Tag, Miss Weasley?", flüsterte Malfoy an ihrem Ohr und sein Atem bescherte ihr eine Gänsehaut. Sie fuhr erschrocken herum und sah dem Slytherin ins Gesicht, der sich einen durchlöcherten Fedora tief ins Gesicht gezogen hatte. Völlig verwirrt starrte sie ihn an, was er mit einer hochgezogenen Augenbraue und seinem üblichen, eiskalten Blick quittierte.
Da räusperte sich plötzlich Flitwick. Ginny hätte ihn beinahe komplett vergessen. „Wie dem auch sei, wir sollten jetzt wieder gehen. Mr Malfoy, das legen Sie aber noch zurück."
„Klar", erwiderte er nur knapp und so machten sich die drei wieder auf den Rückweg.
ooooo
„Ginny, wach auf!", drängelte Hermine und rüttelte an ihrer Schulter.
„Chrmmm", murmelte Ginny und rollte sich auf den Bauch. Sie vergrub ihr Gesicht in der bequemen Matratze. Sie war so schön weich, wie für einen Samstagmorgen geschaffen.
„Mann, Ginny! Du hast heute ein Quidditchspiel! Ginny, ich warne dich … Ron ist jetzt schon total mit den Nerven am Ende und macht mich wahnsinnig! Ich kann ja nicht mal lernen, weil der ganze Tag wegen eurem Spiel blockiert wird! Also zwing mich nicht dazu, sauer zu werden. Ich zähle jetzt bis drei – eins, zwei, drei … Na schön, du hast es nicht anders gewollt!" Ein Schwall Wasser traf die Rothaarige am Hinterkopf, als ihre Freundin ihr die warme, kuschelige Bettdecke wegzog und ihren Zauberstab auf sie richtete.
„Argh, Hermine!", grummelte sie und stütze sich stöhnend auf ihre Ellbogen auf. „Kein Grund gleich mit dem halben See um dich zu schmeißen! Ich bin ja wach …"
„Gut, dann mach dich jetzt fertig – mit ein bisschen Tempo, wenn ich bitten darf – und komm in die Große Halle. Ich werde dir solange ein paar Brote zusammenpacken, damit du wenigstens noch etwas in den Bauch bekommst, bevor das Frühstück vorbei ist", fasste Hermine sachlich zusammen und scheuchte die verschlafene Ginny Richtung Badezimmer.
Eine Viertelstunde später und mit klatschnassen Haaren hastete sie durch den Gemeinschaftsraum der Gryffindors und ins Treppenhaus. Sie sprang gerade die Stufen zur Eingangshalle hinab, als ihr Pansy Parkinson entgegenkam. Sie stolzierte mit einem arroganten, hauchfeinen Lächeln aus der Großen Halle, direkt auf Ginny zu. „Na, Weasley, mal wieder zu spät? Bei diesem Einsatz für deine Mannschaft müsst ihr ja heute einfach gewinnen!", spottete sie.
Ginny setzte schon zu einer Antwort an, da strauchelte sie auf dem letzten Treppenabsatz. 'Verdammt', fluchte sie in Gedanken, als sie ihre auf dem Boden verstreut liegende Quidditchkleidung sah, und hockte sich daneben.
Parkinson kniete sich grinsend ebenfalls hin und schob ihr gespielt hilfsbereit ihren gryffindorroten Umhang zu. „Sei nicht allzu traurig, wenn wir euch heute fertig machen, ja? Diese Flecken auf deinem Gesicht tauchen sicher auch auf, wenn du heulen musst … und ein kleiner Tipp nebenbei: Sie sehen ziemlich jämmerlich aus."
„Danke", knurrte sie und sah mit zu Schlitzen verengten Augen der Slytherin hinterher, die sich kichernd mit den ersten Vorzüglern auf den Weg zum Eingangsportal machte.
„Kann man dir helfen?", fragte da plötzlich eine tiefe Stimme über ihr. Ginny sah hoch und erkannte Malcom Richard, einen dunkelhaarigen, großen Slytherin ihres Jahrgangs. Sie kannte ihn nur vom Sehen – und das war es auch, was sie bei seiner nächsten Handlung so verwirrte. Er lächelte nämlich und kniete sich, wie Parkinson vorher, neben sie, um ihr beim Aufsammeln ihrer Quidditchmontur zu helfen.
„Das ist nicht-", setzte sie genervt an, doch da hatte er ihr schon ihren Umhang und die Beinschützer gereicht. Sie sprach nicht weiter, sonder sammelte stumm auch die restlichen Sachen mit ihm auf. Sie nickte ihm mit gerunzelter Stirn zu, nachdem sie sich erhoben hatten. „Danke dafür, schätze ich."
„Keine Ursache", sagte er fröhlich und zwinkerte ihr zu. „Solltest du nochmal Hilfe benötigen: Sag einfach Bescheid. Ich helfe gerne schönen Mädchen in Not." Damit beugte Richard sich in einer lächerlich altmodischen Geste hinunter und gab ihr einen filmreifen Handkuss. Ginny sah ihm vollkommen verblüfft und mit hochrotem Gesicht nach, während er vor sich hin pfeifend in der Großen Halle verschwand.
Hatten jetzt alle Slytherins einen Knall? Das musste wohl am Wetter liegen.
„Ginny!", schrie Hermine ihren Namen, wobei sie ganz eindeutig nicht fröhlich klang. Hastig beeilte sie sich, zu ihrer Freundin zu kommen. Sie hatte heute immerhin noch ein Spiel zu gewinnen, egal, wie seltsam sich die Slytherins benahmen.
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„Es steht siebzig zu siebzig unentschieden – meine Güte, was für ein Spiel! Ah, jetzt hat Parkinson den Ball! Thomsett und Robins von Gryffindor nehmen sofort die Verfolgung auf! Doch Parkinson spielt zu Vaisey ab und … Weasley hält den Ball! Ja, weiter so Ron!", brüllte Colin johlend in das Mikrofon.
Ginny atmete erleichtert aus und streckte ihrem Bruder den erhobenen Daumen entgegen. Der grinste ihr mit einem unsicheren Lächeln zu und wurde tatsächlich bis zu den Ohren rot, als Hermine sich auf ihren Sitzplatz stellte und vor Freude strahlend in den Jubel der Gryffindors, Hufflepuffs und Ravenclaws einstimmte.
Ginny wandte sich von dem Hüter der Gryffindors ab und folgte der Jägerin Demelza Robins, die einen gewagten Alleingang auf die Torringe der Slytherins startete. Der Wind rauschte in Ginnys Ohren, als sie einen Sturzflug unternahm, um den Quaffel zu fangen, den Demelza ihr geschickt zugespielt hatte. Mit dem Jubeln der Zuschauer versenkte sie den dann auch gleich in einem der äußeren Torringe, was Colin erneut einstimmen ließ und nur durch Professor Snapes düstere Miene Einhalt fand.
Kira Thomsett, ebenfalls Jägerin der Mannschaft, gab ihr die Faust und Ginny stieg triumphierend mit ihrem Besen etwas höher, um das Spielfeld überblicken zu können. Harry, der gerade an den Plätzen der Ravenclaws vorbeiflog, war auf der anderen Seite des Spielfeldes und hielt offenbar die Augen nach dem Schnatz offen. Demelza und Kira verfolgten im Moment den dritten Jäger der Slytherins, einen dunkelblonden Fünftklässler, und Jimmy Peakes und Richie Coote zogen ihre Runden etwas abseits der anderen Spieler.
„Und, Weaslette, zufrieden mit diesem billigen Tor?"
Sie wendete ihren Besen mit einem schicksalsergebenen Grinsen. Sie hatte jetzt eigentlich überhaupt keine Lust auf ein Gespräch mit ihm und zusätzlich war da so ein trübes, hämmerndes Gefühl in ihrem Kopf. Das kam wohl daher, weil sie so spät aufgestanden war. „Du hast vollkommen Recht, gegen euren Armleuchter von einem Hüter Nott ist jedes Tor billig, aber ich kann ja nichts dafür, dass ihr solche Trottel in eurem Team aufnehmt, Malfoy."
Der Slytherin schenkte ihr einen gehässigen Blick. „Weaslette, an deiner Stelle würde ich lieber mal auf Weasel King aufpassen, er ist ja nicht gerade der Hellste …"
„Oh, keine Sorge. Ron ist zwar nicht perfekt, aber er kann immer noch mehr als euer gesamtes Team zusammen", schnappte sie genervt. „Und wenn du mich jetzt entschuldigen würdest? Ich habe noch einige Quaffel, die ich auf eurer Seite versenken muss …" Ginnys weitere Worte blieben in der Luft hängen, als ihr Sichtfeld verschwamm. 'Was ist denn jetzt los?', fragte sie sich stumm und griff sich an die Stirn. Ihr war plötzlich so schwindelig und Malfoy vor ihr schien fast schon undurchsichtig, wie einer der Geister im Schloss. Ihre Handflächen schwitzten ebenfalls und sie hatte das Gefühl, dass ihre Finger leicht zitterten.
„Sei dir da mal nicht so sicher", hörte sie Malfoy wie aus weiter Ferne sagen, doch sie konnte sich nicht auf seine Worte konzentrieren. „Weaslette? Weaslette, ich rede mit dir! Ich habe dir nicht die Erlaubnis gegeben, mich zu ignorieren."
Ginny schnaubte und murmelte abgelenkt: „Ich brauche auch nicht deine Erlaubnis, um dich zu ignorieren. Ich-" Weiter sprach sie nicht mehr, denn sie kippte nach rechts und konnte sich gerade noch so an ihren Besen klammern, der einen leichten Satz zur Seite machte.
„Weaslette, was treibst du da eigentlich genau?", fragte sie Malfoy misstrauisch.
„Ich weiß nicht, keine Ahnung … mir ist so komisch", nuschelte sie, wobei sie darauf achten musste, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Bisher hatte sie immer einen hervorragenden Gleichgewichtssinn und wenn andere im Zug darüber klagten, nicht lesen oder Karten spielen zu können, weil ihnen dann schwindelig wurde, hatte sie bisher immer keine Probleme gehabt, schon gar nicht beim Quidditch.
„Weaslette, mach jetzt keinen Blödsinn", sagte Malfoy beunruhigt und sah panisch zu den Zuschauerrängen. Die Ersten wandten schon irritiert die Köpfe nach oben. „Wenn du jetzt vom Besen kippst, wird mir dein Bruder die Hölle heiß machen – von wegen, ich hätte dich geschubst. Und mal ehrlich, willst du wirklich verpassen, wie wir euch heute in den Boden trampeln?"
Merlin, war ihr übel. Und sie hatte Schwierigkeiten, sich aufs Reden zu fixieren. „Du irrst dich, Malfoy", sagte sie trotzdem. „Wir werden ganz bestimmt euch-" Aber was die Gryffindors mit den Slytherins anstellen wollten sollte Malfoy nicht mehr herausfinden, denn in dem Moment flutete erneut eine Schwindelattacke über Ginny hinweg, der sie dieses Mal nicht standhielt. Mit einem Ächzen merkte sie, wie sie nun endgültig die Kontrolle verlor und wie von dem Rücken eines Pferdes aus dem Sattel rutschte. Sie fiel zur Seite und sah, wie ihr Besen unter ihr wegschlingerte.
Sie hörte die aufgeregten Stimmen und die panischen Schreie, die von den Zuschauerrängen an ihre Ohren drangen, nur am Rande. Kurz sah sie schwarz, doch ein plötzlich warmes Gefühl an ihrer Hand, ließ sie die Lider aufschlagen. Ginny blickte direkt in das spitze Gesicht von Malfoy, der mit verbissener Miene gerade noch ihr Handgelenk gepackt hielt. Ihre braunen Augen weiteten sich, als sie dem stahlgrauen Blick begegnete. Er schien zu sagen: 'Lass bloß nicht los'.
„Halt dich fest, Weaslette! Ich kann dich nicht mehr lange halten!", keuchte Malfoy nun auch in Wirklichkeit und stöhnte angestrengt auf, als sein Besen unter dem ungewohnten Gewicht ein wenig absackte. Doch es war vergebens: Ginny fühlte, wie ihre sowieso schon schweißnasse Hand langsam aus dem eisernen Griff Malfoys glitt – das würde sicher blaue Flecken geben. 'Heißt, wenn du das überlebst, Weasley', flüsterte ihr ein angsterfüllter Gedanke zu.
Mit einem Schluchzen musste sie mit ansehen, wie sich Malfoys Hand Millimeter um Millimeter von ihrer löste und sie aus seiner Umklammerung rutschte. Schließlich konnte er sie nicht mehr halten und mit einem Aufschrei fiel Ginny in die Tiefe.
Das Ganze hatte nicht länger als eine Minute gedauert, doch noch während sie fiel, lief es immer wieder vor ihrem inneren Auge ab. Später kam es ihr vor, wie Momente in der Schwebe, vollkommen zeitlos. Und dann verlor sie das Bewusstsein. Das Letzte, das sie sah, waren immer wieder Malfoys vor Schreck geweitete, dunkle Augen.
