Alles Alte ist an sich stiller Natur und scheint zu schlafen, bis es durch Widerspruch geweckt und herausgefordert wird.

- Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

'Wo bin ich?'

Ginny öffnete zögerlich ihre Augen einen Spalt, doch es änderte sich nicht viel. Es war immer noch stockdunkel und erst nach ein paar Sekunden erkannte sie genaue Umrisse. Sie befand sich offenbar im Krankenflügel – da waren die Betten, die sich nebeneinander an den Wänden aufreihten, die weißen Vorhänge und die Nachttische, auf denen die alten Schirmlampen mit dem blassen, gelbgrünen Streifenmuster standen.

Mit einem Seufzen kuschelte sie sich wieder in ihre Decken. Sie erinnerte sich langsam wieder an die Ereignisse vor ihrer Ohnmacht. Man musste sie in den Krankenflügel geschafft haben, während das Quidditchspiel noch gelaufen war, und hatte sie dann dabehalten, als sie nicht wieder aufgewacht war – oder so ähnlich. Aber so, wie Ginny Madam Pomfrey kannte, hatte diese um jeden Preis darum gerungen, sie dabehalten zu können. Dabei fühlte sich Ginny eigentlich wieder gut, obwohl sie nichts dagegen hätte, noch eine Mütze Schlaf zu bekommen. Doch einige Fragen hielten sie davon ab, wieder in das Land der Träume zu gleiten.

Zum Beispiel wie das Spiel wohl ausgegangen war? Oder – und noch viel wichtiger! – beispielsweise Malfoy. Wieso hatte er nur versucht, sie zu retten? Was, in Merlins Namen, hatte ihn dazu veranlasst? Zu so etwas so … Unmalfoyhaftem? Sie würde ihn wohl selbst fragen müssen, denn so auf die Schnelle und mit noch vom Schlaf vernebelten Kopf, fand sie keinerlei Lösung. Trotzdem … allein dieser Gedanke ließ sie kein Auge zumachen.

„Aber Schulleiterin, finden Sie es etwa richtig, meine Patienten zu stören?", durchbrach auf einmal eine Stimme die Ruhe des Krankenflügels. Ginny hörte Schritte, die sich leise auf das Portal zum Krankenflügel zubewegten. Sie stellte sich jedoch lieber schlafend, immerhin kannte sie die Heilerin. Das war besser, als die umhauenden Schlaftränke, die man sofort verabreicht bekam, wenn man nicht schlafen konnte (oder wollte).

Wieder waren da diese Schritte – dieses Mal war sie sich sicher, dass es mindestens zwei Personen waren.

„Keine Sorge, ich wollte nur kurz nach den beiden schauen und mich bei Ihnen erkundigen, wie es ihnen geht", erwiderte nun eine Frauenstimme. Dabei handelte es sich offensichtlich um Professor McGonagall, wie Ginny erkannte.

„Es geht ihnen gut, Professor", sagte Madam Pomfrey pikiert und fragte nach einer Pause ängstlich: „Konnte der Beutel mit dem Zauber nun einem Zauberstab zugeordnet werden?"

„Bedauerlicherweise nicht. Der Fluch war nicht besonders professionell angelegt und hätte bei richtiger Ausführung sicher mehr Schaden angerichtet, aber dafür waren offenbar umso mehr Zauber eingerichtet, um jegliche Spuren zu verwischen, die uns zu dem Täter hätten führen können."

„Aber wenn dieser jemand so nah an Miss Weasley herankam, um ihr den Beutel mit dem Fluch unterzuschieben, bedeutet das dann nicht …"

McGonagall schnitt ihr das Wort ab: „Ich hoffe nicht, wirklich nicht. Leider konnte Kingsley nicht mehr herausfinden – aber das können wir ja auch nicht von ihm erwarten. Bei diesen Anschlägen auf die Todesser und der ganzen Arbeit nach dem Krieg, war das schon sehr großzügig von ihm."

„Könnte es nicht sein, dass eben diese beiden Dinge miteinander zusammenhängen? Diese Sache mit den Todessern und der Versuch, Miss Weasley zu … schaden? Immerhin war Mr Malfoy auch darin verwickelt …"

„Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Der Täter hätte wohl kaum voraussehen können, dass ausgerechnet Mr Malfoy versuchen würde, Miss Weasley zu helfen, und dann selbst das Gleichgewicht verliert." Ginny glaubte, sich verhört zu haben. Bitte was hatte sie da gerade gesagt? Malfoy war auch gestürzt? „Nein, nein, das ist unwahrscheinlich", fuhr die Verwandlungslehrerin fort. „Ich vermute vielmehr, dass es ein böser Streich war. So ungern ich auch glauben will, dass einer der Schüler etwas damit zu tun hat, so wäre es das wohl Nahestehendste, davon auszugehen."

„Das stimmt natürlich … Es war wirklich überraschend, was da auf dem Feld passiert ist, nicht wahr?", wechselte Madam Pomfrey das Thema und näherte sich den Krankenbetten etwas.

Ginny hörte Stoff rascheln, als auch Professor McGonagall nähertrat. „Ja, wer hätte das gedacht? Es war wohl die richtige Entscheidung, ihn zu bitten, zurückzukommen – das wird sich sicherlich auf ihn auswirken und vielleicht noch für einige Überraschungen sorgen. Auch, wenn er nicht auf mich hören wollte."

„Glauben Sie wirklich? Der arme Junge hatte es schwer in den letzten zwei Jahren … sollte man es nicht dabei belassen? Offenbar möchte er es so." Ginny hätte fast laut aufgelacht. 'Arm' war das letzte Wort, mit dem sie ihn beschrieben hätte. Trotzdem hielt sie angespannt den Atem an, als Professor McGonagall antwortete.

„Nein … Ich denke, mit der Zeit könnte ihn das dazu bringen, seinen Versuch aufzugeben. Sein Vater ist in Untersuchungshaft und seine Mutter im Ausland. Es hat sich schon so vieles geändert, wieso sollte man also nicht grundlegend etwas ändern können? Und das, was er heute gezeigt hat, heißt doch, dass er fähig wäre", schmunzelte sie.

Madam Pomfrey schien nicht überzeugt. „Bei jemanden, der von Geburt an so stark geprägt wurde, sollte es ihn doch vollkommen aus der Fassung bringen, oder nicht? Ist es klug, ihm dem auszusetzen? Besonders, nach dem, was er durchgemacht und getan hat? Sie sind doch alle noch so jung, Minerva."
Professor McGonagall lächelte, das konnte Ginny allein an ihren Worten hören. „Gerade deshalb ist doch der Zeitpunkt so perfekt", erklärte sie, doch es war ein trauriger Unterton, der dabei mitschwang. „Albus hat mir immer nahegelegt, dass wir gerade im jungen Alter offen für Neues sind, dass es immer etwas gibt, das einen seine Meinung ändern lassen kann. Mr Malfoy hat viel gesehen, meinen Sie nicht auch? Er versucht sich nun allerdings wieder zu dem zurückzutasten, was ihm immer Halt gegeben hat, zu dem, was er kennt. Ich denke, wenn wir ihn genau jetzt … abfangen, dass wir ihm vielleicht helfen können, zu verstehen. Und ich denke, Miss Weasley ist genau die Richtige, um ihm die Tür dahin zu öffnen."

Die Heilerin schien sie damit sprachlos gemacht zu haben, denn sie sagte daraufhin nichts. Ginny hingegen erschauderte und bekam eine Gänsehaut, als sie ihre Worte hörte. Überhaupt, das ganze Gespräch ergab für sie keinen Sinn. Was meinte sie, als sie davon sprach, er habe nicht auf sie hören wollen? Und McGonagall glaubte wirklich, dass jemand wie Malfoy 'abgefangen' werden konnte?

Sie bezweifelte es stark. Jedoch … er hatte sie immerhin versucht zu retten. Und … nein. Es war immer noch Malfoy. Nichtsdestotrotz, noch während sich die zwei Frauen entfernten, lag Ginny still da und zerpflückte jeden Gedanken und alles andere doppelt und dreifach. Erst spät konnte sie einschlafen, zu Antworten war sie nicht gekommen.

ooooo

Leises Flüstern weckte Draco aus seinem Traum, in dem ihn immer wieder braune Augen verfolgt hatten. Er öffnete blinzelnd die Lider und kniff sie sofort wieder zu, als helle Sonnenstrahlen ihn blendeten. Er hielt sich schützend eine vor sein Gesicht und sah sich um, wobei ein kleines Ziehen durch seine Schultermuskulatur zuckte. 'Der Krankenflügel', schoss es ihm durch den Kopf.

„Mr Malfoy!", hörte er auch sogleich Madam Pomfrey ausrufen, die ihm von einem Bett an der gegenüberliegenden Wand entgegeneilte. „Endlich sind Sie wach! Ich war ganz überrascht, dass Sie endlich mal so lange schlafen – normalerweise sind Sie der Einzige, der meinen Schlaftränken widerstehen kann …"
„Sollte ich als Geist auf die Erde zurückkehren, werde ich Ihnen sicherlich erklären, was die fehlende Arznei ist, um mich umzuhauen", murmelte er verschlafen und setzte sich mit schmerzenden Gliedern auf.

„Ich nehme Sie ernst", versprach ihm die Heilerin mit strengem Unterton und reichte ihm ein Glas, in dem eine undefinierbaren Substanz hin und her schwappte. Draco schüttete sie klaglos in einem Zug herunter, schnitt aber trotzdem eine angeekelte Grimasse. „Sie standen diese Nacht unter dem Einfluss von einem speziellen Trank, den Professor Snape und ich entwickelt haben. Damit sollten Ihre Rippen wieder in die richtige Position gebracht worden sein, allerdings werden Sie dafür heute mit einem Muskelkater leben müssen, weshalb ich mich noch eine Weile Ihres … angenehmen Aufenthalts erfreuen darf. Zum Frühstück gibt es heute Haferbrei und sollten Sie sich zu sehr belastet fühlen, werde ich Ihnen noch etwas Murtlap-Essenz geben."

Er nickte nur genervt und stellte dabei fest, dass sein Nacken bei dieser kleinen Bewegung schon wehtat.

„Na, Malfoy, hast du auch diesen höllischen Muskelkater? Madam Pomfrey hat mir vorhin was von diesem Murtlippen Zeugs gegeben, aber ehrlich gesagt hilft es nicht besonders", kam es von dem Bett, an dem die Heilerin vorhin gestanden hatte.

Draco sah auf und erkannte die kleine Weasley, eingehüllt in mehrere weiße Decken, mit einem halb leeren Tablett auf dem Schoß, das eindeutig Reste von Haferbrei aufwies. Aus irgendwelchen Gründen schoss ihm dabei das erste Mal seit langer Zeit wieder das Bild einer jüngeren Ginny Weasley durch den Kopf, als er sie auf seiner Vertrauensschülerpatrouille aufgegabelt und ihr den Spitznamen Weaslette verpasst hatte.

War er verflucht? Er wollte nicht daran denken. Wieso erinnerte er sich auch ausgerechnet jetzt daran? Und wieso musste sie ausgerechnet ihm gegenüber liegen? So würde er den gesamten Tag damit gestraft sein, ihr direkt ins Gesicht blicken zu müssen. Einfach perfekt.

„Weaslette", sagte er knapp und nahm das Tablett von Madam Pomfrey entgegen, das offenbar das gleiche trockene Essen beinhaltete, wie das der Gryffindor. Sobald er den ersten Löffel genommen hatte (wobei er eine

missmutige Grimasse zog, denn es gab nicht einmal Honig!) erkundigte er sich beiläufig: „Weißt du, zu wie viel wir gewonnen haben?"

Sie überging seine Provokation gelassen. „Keine Ahnung. Madam Pomfrey meinte, sie hätte es nicht mitbekommen, weil sie sich um uns beide kümmern musste. Hermine hat ihr aber gesagt, dass sie später noch vorbeikommen würde. Ach ja, dein aufgedrehter Slytherinkumpel Zabini war vor zwei Stunden zu Besuch und hat nach dir gefragt, aber da hast du ja noch dein Nickerchen gemacht", berichtete Weaslette achselzuckend und schaufelte sich den letzten Rest des Haferbreis in den Mund.

„Aha." Danach schwiegen beide und aßen ihr Frühstück. Bedeutet, Draco aß sein Frühstück und sie die zweite Portion. Er wunderte sich wirklich, wie ein so kleines Mädchen überhaupt so viel in sich hinein stopfen konnte, aber das musste wohl an ihrem Umgang mit einem Armleuchter-Bruder wie Weaslbe liegen. Oder es waren die Gene, was wusste er schon.

Er spürte indes ihres Schweigens immer wieder ihre nachdenklichen Blicke auf sich, die er gekonnt ignorierte. Draco konnte sich denken, was sie von ihm hören wollte: Warum er versucht hatte, sie zu retten. Und er hatte sie in den letzten Jahren oft genug beobachtet, um zu wissen, dass sie nicht so schnell aufgab.

Moment, er hatte sie beobachtet?

Nun ja … immerhin war sie nicht umsonst eine Weasley. Sie stach heraus. Ja, das musste wohl der Grund sein.

Aber genau deshalb konnte er ihr ja kaum die Wahrheit sagen, eine Ausrede fiel ihm auf die Schnelle jedoch dann auch nicht ein. Was wirklich absurd war, denn normalerweise hatte er immer irgendeine schnelle Lüge oder ein Ausweichmanöver auf den Lippen. Falls es in diesem Fall überhaupt eine Wahrheit gab …

'Natürlich gibt es die, Draco, und du weißt es auch!', tadelte ihn eine besonders genervte Stimme seiner Selbst.

'Ach ja? Und wieso bist du dir da so sicher?'

Das Stimmchen kicherte nur, was eine bizarre Ähnlichkeit mit dem Lachen seiner Tante Belatrix hatte; er schauderte, die Erinnerungen daran waren nicht besonders gut. 'Versuch nicht auszuweichen, es ist doch ganz logisch. Du hast versucht, sie zu retten, weil du nicht untätig zusehen wolltest, wie das Biest von ihrem Besen stürzt. Gib es zu: Du konntest ja nicht einmal den alten Knacker Dumbledore erledigen!'

'Ach, halt die Klappe!'

Verärgert über sich selbst (was wirklich sehr selten vorkam) stellte er sein Wasserglas etwas zu heftig auf seinem Nachttisch ab und schob den Teller von sich. Jetzt hatte er sich selbst den Appetit verdorben. Obwohl, das war nicht sonderlich schwer, bei diesem Fraß.

„Passt Ihnen etwas nicht, Mr Malfoy?", fragte Madam Pomfrey kritisch – hatte er schon erwähnt, dass sie ihn im Gegensatz zu Trelawney nicht leiden konnte? So überhaupt nicht.

„Nein, es ist alles in bester Ordnung", log er und nahm gereizt die Phiole entgegen, die sie ihm hin hielt. Er musterte sie skeptisch. „Was ist das?"

„Das ist die Murtlap-Essenz, die kennen Sie doch schon zur Genüge. Ich denke, das wird Ihnen gut tun."

„Wenn Sie meinen", sagte er, immer noch misstrauisch, und nahm den Trank ein.

„Ach ja, bevor ich es vergesse … einige Ihrer Freunde haben Päckchen für Sie abgegeben."
„War eines von Amy White dabei?"

Madam Pomfrey sah kurz auf den Stapel mit den Geschenken. „Wenn Sie Miss Amanda White meinen, ja, ich glaube zwei Stück."
„Dann werfen Sie sie am besten in den Kamin, letztes Mal hat es sich sofort selbst entzündet", ordnete er an und ließ sich von ihrem erschrockenen Gesichtsausdruck nicht beirren.

„Ich wusste ja gar nicht, dass eine Hufflepuff solche Rachegelüste hegen kann", überlegte Weaslette von der anderen Seite des Krankenflügels. „Darf man nach dem Grund fragen?"

„Ich habe ihrem Bruder die Freundin ausgespannt und ihre Weihnachtsgeschenke seit der … lass mich überlegen, dritten Klasse ignoriert. Obwohl … nein, waren es nicht Valentinsgrüße?"

„Ist ja geradezu atemberaubend, wie du dir manche Dinge behältst …", frotzelte Weaslette und hob ganz nach Slytherin-Manier eine Augenbraue.

Draco rollte abweisend mit den Augen. „Lass das, es sieht lächerlich aus."

„Ist Geschmackssache", meinte sie lediglich und folgte Madam Pomfrey mit den Augen, als diese seufzend in ihrem Büro verschwand. Sobald die Heilerin weg war, peitschten ihre Haare durch die Luft, als ihr Kopf zu ihm herumwirbelte. „Und jetzt kannst du mir die Wahrheit sagen."

„Ich weiß nicht, was du meinst", wich Draco schnell aus. Und schon waren sie bei dem Gespräch angelangt, das er auf gar keinen Fall führen wollte.

„Stell dich nicht dumm, du weißt doch ganz genau, wovon ich spreche." Sie lehnte sich bedrohlich vor und sah dabei aus, wie ein Racheengel. Merlin, war das Feuer oder bildete er sich das ein?

„Und was willst du hören?" 'Reiß dich zusammen, Draco! Soll sie etwa merken, dass du mit dem Rücken an der Wand stehst?' Mit einiger Eleganz, die wohl nur er selbst beherrschte, stellte er eine eiserne Miene zur Schau und sah sie höhnisch an.

Weaslette ließ sich bedauerlicherweise nicht beeindrucken. „Beispielsweise, wieso du das getan hast?!"

Draco zuckte unbeteiligt mit den Achseln und zwang sich dazu, weiter ihrem Blick zu begegnen. „Weaslette, es mag für dich unglaublich klingen, aber nur weil ich ein Slytherin bin, bedeutet das nicht, dass ich ein Idiot bin. Wenn ich nicht wenigstens versucht hätte, dich vor einen Aufprall zu bewahren, hätte ich doch die ganze Arbeit mit der Heulenden Hütte allein machen müssen."

Er verschränkte herausfordernd die Arme vor der Brust und grinste sein übliches Slytherin-Grinsen. Draco konnte es nicht wissen, aber Ginny hatte trotz seiner überzeugenden Maskerade das Gefühl, dass mehr hinter seinen Worten steckte, als er zugeben wollte. Fragte sich nur, ob nur ihr gegenüber oder auch vor sich selbst.

„Also ging es nicht nur darum, dass du was bei mir gut haben willst? Die Sache ist für dich gegessen?"

Draco rollte mit den Augen. „Vergiss es einfach, Weaslette."

„Aber-"

„Ginny!" Draco, der innerlich erleichtert aufatmete, wandte sich dem Eingangsportal des Krankenflügels zu. Dort standen Weaslbe, Granger und Weaslettes kleiner Freund, Colin Creevey, ausnahmsweise ohne Kamera. Zu seiner Überraschung war auch Blaise bei ihnen, allerdings etwas abseits und mit einem fetten Grinsen im Gesicht.

Weaslbe warf ihm einen wütenden Blick zu und folgte den anderen beiden zu seiner Schwester. Weaslette sah noch kurz zu Draco herüber, eine stumme Frage in ihren dunklen Augen.

Demonstrativ wandte er sich ab.

ooooo

„Ron, es geht mir gut", brummte Ginny. Sie wusste nicht, wie oft sie ihm das jetzt versucht hatte zu vermitteln. Sie freute sich, dass ihr Bruders und Hermine sie besuchten, die ja eigentlich seit Wochen nur noch in der Bibliothek lernten (von wem das ausging, war wohl klar). Doch jetzt war sie nur noch genervt von ihm, der seinen brüderlichen Beschützerinstinkt mal wieder die Kontrolle übernehmen ließ.

„Und du bist dir sicher", er lehnte sich flüsternd etwas vor, „dass dieses Frettchen wirklich keine Hintergedanken hatte? Ganz Hogwarts diskutiert darüber … das ist komisch."
„Ich glaube gar nichts", meinte sie und fügte beschwichtigend hinzu: „Aber ich bin mir sicher, dass ich ihm nichts schulde. Er hat das nur gemacht, um nicht die ganze Mühe mit der Heulenden Hütte allein zu haben." Ron schien schon eher überzeugt, doch Hermine musterte ihre Freundin prüfend, die nur ausweichend den Blick senkte.

„Pro pro Heulende Hütte", schaltete Colin sich ein, „was genau denkt sich McGonagall eigentlich nur, euch beiden so eine Strafarbeit aufzugeben? Das ist doch übertrieben."
„Das meine ich auch!", sagte Hermine. „So etwas hätte sie lieber uns Schulsprechern auftragen sollen! Neville und ich sind inzwischen ein wirklich gut eingearbeitetes Team und die Vertrauensschüler sind alle – Malfoy vielleicht eher weniger – sehr zuverlässig. Wir hätten das Ganze sicherlich auch gut hinbekommen und zumal wäre es noch schneller gegangen! Stattdessen darf ich mit diesem unverantwortlichen Witzbold Zabini jetzt Slughorns Weihnachtsparty organisieren. Wie der seinen Durchschnitt hält ist mir wirklich schleierhaft …"

„Frag mich nicht. Aber wieso musst du dich ausgerechnet mit Zabini um Slughorns Weihnachtsparty kümmern? Zabini ist doch gar kein Vertrauensschüler oder so etwas."

„Der Kerl hat sich freiwillig gemeldet, als wir beim letzten Klubtreffen darüber geredet haben – würde mich nicht wundern, wenn der das nur gemacht hat, um in die Bowle Alkohol zu mischen. Ich jedenfalls werde ganz bestimmt nicht zulassen, dass diese aufgeblasene Nervensäge etwas ruiniert, das in meiner Verantwortung liegt!"

„Du bist doch nur sauer, weil er dich in der Zaubertränkeprüfung geschlagen hat …", murmelte Colin in seinen nicht vorhandenen Bart.

Hermine auf dem Stuhl neben ihm richtete sich empört auf, wobei sie aussah wie eine sich aufplusternde Henne. „Das ist doch gar nicht wahr!", regte sie sich auf und stemmte die Hände in die Hüften. Ginny wunderte sich einzig, dass das, obwohl sie saß, nicht einmal seltsam wirkte.

Colin duckte sich und Ron tätschelte vorsichtig Hermines Arm. „Alles gut, Hermine. Das war doch nur eine Prüfung und nicht die Zeugnisno-"

„Nur eine … Prüfung? Du meinst, es war NUR EINE PRÜFUNG DIE FÜNFUNDZWANZIG PROZENT DES GESAMTWISSENS DER UTZ-PRÜFUNG AUSMACHT?! Dann ja, es war NUR eine Prüfung!" Sie schien den Tränen nahe, was Ron gänzlich zum Verzweifeln brachte.

„Ich-", stammelte er.

„Hermine, hier, nimm einen Schluck davon", meinte Ginny schnell und reichte ihr einen Krug, in dem sich eine durchsichtige Flüssigkeit befand, die man beinahe mit Wasser verwechseln könnte. Nun ja, beinahe.

„Was ist das?", schniefte Hermine und ließ sich doch tatsächlich ein Taschentuch von Colin reichen.

Ginny lächelte aufmunternd. „Das ist ein Beruhigungstrank von Madam Pomfrey, falls ich das Bedürfnis verspüren sollte, Malfoy eine reinzuhauen. Ist echt gut für die Nerven, glaub mir."

Hermine nickte und trank aufgelöst einen Schluck. Sie atmete tief durch und lehnte sich dankbar gegen Rons Schulter, der einen erleichterten Seufzer von sich gab. „Ach, Ginny", wechselte Colin weise das Thema, „dich interessiert doch sicherlich das Ergebnis von dem Spiel gestern?"
„Ja!", rief Ginny aufgeregt aus. Malfoy und Zabini sahen verwirrt zu ihr herüber und verdrehten synchron die Augen, doch sie wurden nicht beachtet.

„Na ja, nachdem du und Malfoy raus wart, hatte Slytherin keine große Chance mehr und Harry hat den Schnatz gefangen. Damit haben wir mit achtzig zu zweihundertzwanzig gewonnen", grinste Colin mit der Rothaarigen um die Wette, die einen triumphierenden Freudenschrei ausstieß.

„Hey, Weaslette, kein Grund, ausfallend zu werden!", rief Zabini feixend.

Sie ließ sich nicht beeinflussen und lächelte immer noch, als Ron sich erhob. „Ich muss jetzt langsam gehen, Ginny. Harry hat noch ein Quidditchtraining angesetzt."

„Gut", sagte sie leicht verstimmt und winkte ihrem Bruder hinterher, der rot anlaufend mit einem Kuss von Hermine verabschiedet wurde.

Colin sah sie bedauernd an. „Tut mir leid, ich muss auch. Astoria hat mir versprochen, dass sie mit mir für die Zwischenprüfung in Verwandlung lernt."

Überrascht starrte Hermine ihn an. „Astoria Greengrass?"

Er kratzte sich verlegen am Kopf. „Ähm, ja …", nuschelte er und machte sich hastig aus dem Staub.

„Wow, Creevey wäre ja fast rot geworden."

„Ja, aber ich glaube kaum, dass da wirklich was draus wird", meinte Ginny. „Seit dem Trimagischen Turnier schreibt er sich regelmäßig mit Fleurs Cousine Angélique."

Hermine nickte. „Tja, er wird schon wissen, was er tut. Und Ginny, wenn wir schon beim Thema Slytherins wären ..." Die Braunhaarige legte fragend den Kopf schief. „Was war das vorhin mit Malfoy? Du glaubst doch wohl selbst nicht, was du erzählt hast."
„Ich habe mir das ja nicht ausgedacht, das war er. Ich dachte nur, das wäre eventuell die beste Ausrede, um Ron abzulenken. Ich weiß es ja selbst nicht …" Ginny schaute zu den beiden Slytherins, die sich gedämpft miteinander unterhielten. Dabei erinnerten sie die Weasley an Lavender und Parvati, wenn sie über 'wichtige Dinge' Sprachen, wie sie sagten. Ein Grinsen huschte für einen Sekundenbruchteil über ihre ernste Miene wie ein Schatten.

„Also hat er dir das genauso gesagt?"
„Tatsache. Sobald Madam Pomfrey uns mal allein gelassen hat, habe ich ihn gefragt. Er hat ziemlich überzeugend geklungen, aber du kennst Malfoy. Etwas steckt dahinter, ich komme nur nicht darauf, was es sein könnte." Ihre Gesichtszüge hatten sich sofort wieder geglättet. Das Gespräch, das sie in der Nacht belauscht hatte, spukte ihr immer noch im Kopf herum, doch Ginny verschwieg es lieber. Sie selbst wusste nicht ganz, warum. Immerhin war es ja Unfug. Malfoy konnte ganz einfach nicht die Art Typ sein, die McGonagall in ihm zu sehen glaubte.

„Ich an deiner Stelle wäre vorsichtig. Wer weiß, was er wirklich vorhat. Er kann froh sein, dass Harry bei den Anhörungen für ihn ausgesagt hat."
„Verstehe."

Hermine knetete nervös ihre Finger in ihrem Schoß. „Du weißt, Ginny, dass Harry …"
„Hermine …" Sie verzog das Gesicht. „Du kennst doch den Grund, wieso ich nicht mehr mit ihm zusammen bin."
„Ja, und ich kann dich auch verstehen … es ist nur, dass wir uns alle wünschen, dass es anders wäre. Harry ist seitdem so … er ist nicht mehr ganz der Alte."
„Wie könnte er auch? Wir alle sind nicht mehr die, die wir vielleicht mal waren."

Die Gryffindor seufzte traurig. „Ja, du hast wohl recht. Vielleicht sollten wir das Ganze einfach abhaken und vergessen, damit Harry es auch kann."
„Das denke ich auch. Ich bin mir nämlich sicher, dass ich richtig gehandelt habe, als ich mich von ihm getrennt habe", sagte Ginny fest und entschlossen. Und das meinte sie auch so. „Lass uns jetzt über etwas anderes reden."
„Gut." Kurz schwiegen sie, da brach Hermine die unbehagliche Stille mit einem Lächeln auf den Lippen. „Ich wollte dich übrigens noch etwas fragen, Ginny."
„Was denn?", fragte diese, erleichtert über den Themenwechsel.

„Du weißt ja, dass ich diese Weihnachtsparty mit Zabini organisieren muss. Nur leider ist mein Problem, dass ich nicht genug Leute habe, die ich um Hilfe bitten kann. Ron hat an dem Tag Nachsitzen bei Snape, weil er … ähm, etwas unkonzentriert während Zaubertränke war, und …", kam sie verlegen ins Wanken und fuhr fort: „Ich konnte Harry, Luna und Neville dazu bringen, aber sonst konnte ich wirklich niemanden auftreiben. Ich hätte ja Lavender gefragt, aber … na ja, da du ja jetzt im Krankenflügel liegst und wegen Harry und so, aber du weißt ja, wie schlecht ich mit Lavender auskomme und..."
„Hermine", lenkte Ginny belustigt ein, „was willst du mich fragen?"

Hermine holte Luft. „Ich wollte eigentlich nur wissen, ob du Lust hast, mir zu helfen, indem du uns beim Dekorieren der Großen Halle hilfst. Slughorn hat beschlossen, die Party wegen der vielen Leute dort zu machen. Leider hatten wir damit nicht gerechnet und brauchen jetzt entsprechend mehr Hände, die uns zur Hilfe kommen."

Ginny lachte. „Und dazu musstest du erst so herumstottern? Ich helfe dir doch gerne. Außerdem habe ich dadurch eine kleine Ausrede, wie ich mich mal vom Lernen losreißen kann. Und was Harry angeht, das gibt doch eine gute Gelegenheit ihm einen kleinen Schubs zu geben, damit es wieder normal zwischen uns wird."
Hermine fiel dem Rotschopf erleichtert um den Hals. „Danke, Ginny, du rettest mir damit das Leben! Aber wenn du lernen musst, dann solltest du wirklich nicht von mir aufgehal-"

Ginny hielt ihr den Mund zu und grinste. „Keine Widerrede. Wozu hätten wir Freunde nötig, wenn wir sie nie nötig hätten?"

Hermine musste lachen. „Shakespeare, Ginny? Ich bin beeindruckt."
„Du färbst nun einmal ab. Und jetzt bitte irgendein anderes Thema, bevor ich mich noch in ein Buch verwandele."