Nichts ist so gut, wie es zunächst den Anschein hat.

- Georg Eliot (eigentlich Mary Ann Evans, 1819-1880)

Ginny stellte das Tablett mit ihrem Mittagessen darauf zur Seite und gähnte herzhaft. Hermine hatte sie schon vor einer Weile allein gelassen, weil sie noch in die Bibliothek zum Lernen wollte. Auch Zabini hatte den Krankenflügel irgendwann verlassen und so waren Malfoy und sie erneut in ein mehr oder weniger harmonisches Schweigen verfallen. Sie ignorierten sich jetzt schon gekonnt zwei Stunden, ohne auch nur ein Wort gewechselt zu haben – was nach Ginnys Meinung wohl mit dem Orden des Merlin ausgezeichnet werden sollte.

Jetzt jedoch wünschte sie sich, dass Malfoy wieder mit ihr redete – na ja, gut, 'stritt'. Doch er blieb beharrlich stumm, obwohl er den gleichen, gelangweilten Ausdruck in den Augen hatte, wie sie. Da er also als Beschäftigung nicht zur Debatte stand, sah sie sich nach etwas anderem um, doch im Krankenflügel herrschte eintönige Leere. Nichts, mit dem man sich auch nur eine Minute beschäftigen könnte. Sie hätte Hermine vorhin bitten sollen, ihr etwas aus der Bibliothek mitzubringen, und wenn es irgendein trockener, langweiliger Wälzer über die Reaktion von Flubberwürmern auf eine Überdosis Blumenkohl gewesen wäre.

Umso glücklicher machte sie es, als von draußen Schritte zu hören waren und sich erneut das Eingangsportal öffnete. Auch Malfoy schien interessiert, denn er wandte sogar den misstrauischen Blick, mit dem er sie bisher aus den Augenwinkeln beobachtet hatte, von ihr ab.

Als aber Malcom Richard den Saal betrat, war Ginny enttäuscht. Er sah sich kurz um und entdeckte schließlich sie. Völlig perplex erkannte sie, dass er gar nicht zu Madam Pomfrey wollte, wie sie angenommen hatte, sondern lächelnd auf sie zukam. „Guten Nachmittag!", sagte der Slytherin beschwingt und kam zu ihr, wobei er Malfoy dabei kein bisschen beachtete, von dem sie ausgegangen war, dass Richard ihn besuchen wollte.

Ginny starrte verwirrt zu ihm hoch. „Äh, ja?", gab sie von sich, als er immer noch nicht das bedenkliche Grinsen abgestellt hatte.

Schwungvoll nahm er sich einen Stuhl und stellte ihn neben ihr Bett. „Wie wäre es denn mal mit einer Begrüßung? Nachdem du gestern vom Besen gestürzt warst, wollte ich dich ja eigentlich schon früher besuchen, aber na ja, du kennst ja Madam Pomfrey."

„Ja … aber, äh, was genau tust du hier, Richard?"

Er machte eine irritierte Miene. „Na, was wohl? Ich wollte fragen, wie es dir geht." Malfoy im Hintergrund schnaubte ungläubig.

„Nein, das meinte ich nicht. Ich meine, was genau tust du wirklich hier?"

Richard verdrehte auf eine etwas ungeschickte Weise die Augen. „Ich wollte dich fragen, wie es dir geht. Und außerdem habe ich dir etwas mitgebracht." Grinsend beugte er sich hinunter und kramte etwas aus seiner Tasche hervor, das er ihr hinhielt. „Ich glaube, dass dir das gefallen könnte."

Ginny starrte ungläubig auf das Buch in seinen Händen. 'Alice im Wunderland' stand dort in geschwungenen Buchstaben auf dem Umschlag, während sich die Grinsekatze im Hintergrund auf einem Herz-Ass räkelte. „Das ist mein Lieblingsbuch!", rief sie überrascht aus. „Ich … äh, danke, schätze ich …"
„Keine Ursache. Ich hatte mir schon gedacht, dass du es magst", erklärte er und lehnte sich zufrieden in seinem Stuhl zurück. „Also, wie geht es dir denn inzwischen?"
„Ganz gut, denke ich …" Noch zögernd legte sie das Buch vorsichtig zur Seite und wandte sich an ihren Besucher. Sie wusste, dass er ganz gut aussah und etwas größer als sie war, was anders gesehen auch keine Meisterleistung darstellte, doch sie kannte ihn eigentlich überhaupt nicht. Sie wusste nicht mal genau, welche Kurse sie zusammen belegten. „Ich will ja nicht undankbar erscheinen, aber wie kommt es, dass du mich freiwillig besuchen gehst?"

„Na ja, ich dachte einfach, du würdest dich darüber freuen." Etwas verärgert verschränkte er die Arme vor der Brust. „Oder willst du meine Gesellschaft nicht?"
„Ich- also- so war das jetzt wirklich nicht gemeint!", winkte sie hastig ab. „Es ist nur ... na ja, du bist ein Slytherin und-"
„Ach, es geht dir darum." Richard schüttelte belustigt den Kopf. „Ich wollte dich eigentlich einfach gerne kennenlernen, immerhin gehen wir seit sieben Jahren in den gleichen Jahrgang und haben noch nie miteinander gesprochen. Ich glaube, du hast sogar mehr Kontakt zu Malfoy, als zu mir. Da dachte ich mir, dass man das ändern könnte. Ist ja kein Verbrechen."
„Oh", war das Einzige, das ihr über die Lippen kam.

„Ich kann natürlich auch gehen", meinte er leicht verletzt, ob ihrer Reaktion, und wollte sich schon erheben.

Ginny packte ihn schnell am Arm. Sie war selbst darüber verwundert, doch er war nett und ihr war sowieso langweilig. Und wenn ein Slytherin schon auf eine Gryffindor zuging, konnte sie ja schlecht nicht darauf eingehen. „Nein, selbstverständlich nicht. Wenn du willst, dann …", sagte sie also und machte eine einladende Geste. „Außerdem bin ich dir für dieses Buch etwas schuldig, ich mag es nämlich wirklich gerne."

„Ich habe es ja nur aus der Bibliothek ausgeliehen."
„Trotzdem, das war toll von dir", meinte sie entschlossen. „Also danke, noch einmal."

„Gern geschehen", sagte er langsam und ließ sich grinsend wieder auf dem Stuhl nieder.

Kurze Zeit später war Ginny mit ihm in eine Unterhaltung über die Frage, ob Professor Binns es merkte, wenn man zu spät kam, verstrickt. Und sie amüsierte sich gut, wirklich gut. Sie konnte dabei ja nicht ahnen, dass hinter Richards freundlichem Lächeln etwas ganz anderes steckte.

ooooo

„Dann holen Sie sich jetzt alles, was sie noch brauchen, und zwar ein bisschen Beeilung, wir haben nämlich nicht mehr so lange!", gluckste Slughorn und sah gut gelaunt zu, wie die Schüler sich erhoben und zum Zutatenschrank drängelten.

Blaise neben Draco erhob sich und hob fragend die Augenbrauen: „Du kümmerst dich um den Kessel?"
Der Slytherin nickte nur, als sein Freund sich schon auf den Weg machte, den anderen zu folgen, und erhob sich. Während er ihre Kessel über der Feuerstelle anbrachte und den Tisch freiräumte, damit sie gleich die Zutaten vorbereiten konnten, merkte er immer noch die leichten Schmerzen an seinen Schultern, wo sich der Muskelkater breitgemacht hatte. Madam Pomfrey hatte zwar gesagt, dass das abheilen würde, aber nachdem er nicht mehr die Murtlap-Essenz einnahm, fühlte er sich wieder wie gerädert.

Weaslette ging es offenbar nicht anders, denn als er ihr einen prüfenden Blick zuwarf, hatte sie die gleiche Miene wie er und bewegte sich, als wäre sie mit dem Besen gegen eine Mauer geflogen. Sie arbeitete mit Granger zusammen, während Potter sich mit Weasel King zusammengetan hatte. Draco rollte mit den Augen, als er sah, wie Granger ganz panisch wurde und rote Flecken ihr Gesicht zeichneten, während sie arbeitete. Kaum, dass er sich jedoch wieder abwandte, bemerkte er die neugierigen Schüler, die ihn offenbar die ganze Zeit über beobachtet hatten.

Er starrte einige von ihnen eine Weile herausfordernd und mit der typischen Draco-ist-jetzt-gereizt-du-willst-nicht-sehen-was-passiert-wenn-er-sauer-wird-Miene an, bis sie sich wieder verängstigt ihrer eigenen Arbeit widmeten. Seit diesem Quidditchspiel – das Slytherin auch noch verloren hatte, weil Potty, alias der Junge-der-nicht-sterben-wollte, wieder mal allen die Show stehlen musste – wurde er geradezu von der Gerüchteküche verfolgt. Von Vermutungen einer geheimen, verbotenen Liebe zwischen Weaslette und ihm, bis hin zu dunklen Abmachungen. Noch schrecklicher allerdings war, dass das noch von den Gerüchten um Trelawneys 'Vorhersage seines Schicksals' unterstützt wurde, was die gesamte Schule seit Neuestem brennend zu interessieren schien, wobei es vorher nur einige Mädchen ernst genommen hatten.

„He, Draco", sagte Blaise, als er zurückkam, die Arme voller Tinkturen, Pflanzen und anderem Undefinierbarem, „ich konnte mich nicht so richtig entscheiden, aber Astoria meinte, dass ich eigentlich Baldrian für diesen Trank der schnarchenden Toten nehmen soll, aber ich bestand auf die Wermutswurzeln, also habe ich beides mitgeschleppt."
Er seufzte. „Ihr lagt beide falsch, wir brauchen Baldrianwurzeln und Wermut, was du eigentlich wissen solltest. Und seit wann hörst du auf Astoria, wenn es um Zaubertränke geht?"

Der Slytherin zog eine Grimasse. „Sie hat mich total verwirrt."
„Sie 'verwirrt' dich doch schon, seit sie ihren Frosch nach dir benannt hat", meinte Draco und nahm ihm die wenigen Sachen ab, die sie wirklich brauchten.

„Sie hat ihn nicht nach mir benannt. Er heißt 'Grobian' und das ähnelt nicht einmal im Entferntesten meinem Namen."
„Ja, ich glaube auch nicht, dass sie damit unbedingt auf deinen Vornamen angespielt hat", sagte Draco und stand selbst auf, um die richtigen Zutaten zu holen. Typisch Blaise. Obwohl Zaubertränke sein Lieblingsfach war, war er einfach zu leicht abzulenken und umzustimmen. Ein kleines Wort reichte und er geriet ins Schwanken, obwohl er eigentlich genau wusste, was richtig war – denn er war Blaise, er wusste, was in einen Zaubertrank kam.

Als Draco vorne ankam, standen nicht mehr viele Schüler dort, nur noch Weaslbe, der eine zerbrochene Phiole mit seinem Zauberstab reparierte. „Na, Weasley, war das mal wieder Longbottom oder wolltest du selbst deine geistige Brillanz beweisen?", stichelte er sofort.

Weasley drehte sich mit hasserfülltem Blick um. „Ach, halt dein dreckiges Maul, Malfoy", zischte er.

„Also, ich kenne ganz andere Sachen, die dreckig sind. Du solltest zum Beispiel mal deine kleine Freundin angucken, vielleicht tust du ja doch das Richtige und schießt sie ab. Ich meine, komm schon … das Schlammblut und der Blutsverräter?" Weasley ballte die Hände zu Fäusten und Draco hob gespielt beschwichtigend die Arme. „Aber, aber, Weasley, du willst doch nicht ernsthaft im Unterricht etwas … Unüberlegtes tun, oder?"

„Willst du so dringend geschlagen werden oder brauchst du ganz einfach das bisschen Aufmerksamkeit, um dein Ego aufzubessern?" Es war Weaslette, die plötzlich neben ihm stand und wütend zu ihm aufsah. Sie wandte sich an den Gryffindor: „Komm, Ron, lass das Frettchen doch denken, was er will. Er ist nur eifersüchtig, weil er selbst es nicht ein einziges Mal geschafft hat, eine Freundin über eine Nacht zu halten."

Draco verengte die Augen zu Schlitzen. Er verstand nicht, was sie sich jetzt eigentlich einmischen musste. „Ach ja, das sagt das kleine Mauerblümchen, das sogar von einem Trottel wie Potty abgeschossen wurde."

„Falls es dich interessiert, ich habe mit ihm Schluss gemacht und nicht andersherum." Weaslette packte ihren Bruder am Arm und wollte ihn schon mit sich ziehen, als Draco sie grob an ihrem Kragen zurückzog.

„Das glaubst du doch selbst nicht", flüsterte er ihr ins Ohr, wobei sie zornig die Zähne zusammenbiss. Sie war eindeutig kurz davor, die Kontrolle zu verlieren.

„Lass sie los, Malfoy", knurrte jemand hinter ihm bedrohlich. Draco sah sich interessiert um und erkannte Potter, der mit Granger an sie herangetreten war.

„Und wenn nicht?", fragte er gespannt, wobei er den angehaltenen Atem der Schüler um sie herum fast hören konnte.

Weaslette riss sich überraschenderweise plötzlich von ihm los. „Halt die Luft an, Malfoy, und verschwinde zu deinem Kessel", sagte sie ruhig, wobei sie ihre Klamotten richtete. Dann wandte sie ihm den Rücken zu und ging zurück zu ihrem Platz.

Potter trat einen Schritt vor, seine Haltung feindselig und hasserfüllt. „Ich weiß nicht, was du damit bezweckst", fauchte er leise, wobei er praktisch nur seine Lippen bewegte, „aber halt dich von ihr fern. Das ist eine Warnung."
Granger und Weasley zögerten einen Moment, doch dann nahmen sie Potter und zogen ihn ebenfalls von Draco weg, der nur stumm Potters Blick erwiderte. Er riss sich zusammen und unterdrückte seine Überraschung, indem er mit erhobenem Kinn zu Blaise schritt und sich ruhig wieder an die Arbeit machte. Sein Freund warf ihm einen berechnenden, nachdenklichen Blick zu.

„Musste das denn sein?", fragte er leise. Eine Antwort bekam er für den Rest der Stunde nicht mehr.

Am Ende des Unterrichts erhob sich Slughorn mit einem freundlichen Lächeln, hatte er doch von der Auseinandersetzung zwischen Draco und den Gryffindors mal wieder nichts mitbekommen. „So, Sie haben das wirklich alle sehr gut gemacht! Ich bin wirklich zufrieden, aber das war ja nur die Wiederholungsstunde. Ich bin gespannt, wie Sie in der nächsten Stunde abschneiden, denn da werden wir einen neuen Trank brauen. Aber bevor Sie alle gleich aus der Klasse stürmen, würde ich Ihnen gerne noch mitteilen, wen ich alles zu meiner kleinen Weihnachtsfeier einladen werde. Im Gegensatz zum letzten Mal, möchte ich Sie alle auffordern, reichlich zu erscheinen. Ich habe mir nämlich erlaubt, den gesamten Abschlussjahrgang einzuladen, immerhin ist das Ihr letztes Jahr hier und welcher Zeitpunkt wäre besser, um Sie einigen sehr bekannten und interessanten Persönlichkeiten aus aller Welt vorzustellen? Sonstige jüngere Schüler dürfen Sie natürlich als Ihre Begleitung mitbringen, genauso werden die jüngeren Mitglieder des Slug-Clubs ebenfalls anwesend sein. Genaueres erfahren Sie dann in der Ankündigung in ihren Gemeinschaftsräumen, die ich veranlassen werde, aufzuhängen. Damit wären Sie entlassen. Ach, und bevor ich es vergesse: Miss Weasley, Mr Malfoy, Professor McGonagall erwartet Sie in ihrem Büro."

Draco, der bisher gelangweilt auf seinem Stuhl gesessen hatte, hob überrascht den Kopf. Wollte die Schulleiterin etwa noch einmal etwas wegen der Sache beim Quidditchspiel mit ihnen besprechen? Aber dazu hatte sie eigentlich keinen Grund. Er sah kurz zu Weaslette, in der Erwartung, sie ebenfalls ratlos vorzufinden, doch stattdessen packte sie nur ungerührt ihre Sachen zusammen. So, als wüsste sie, worum es ging.

Mit hochgezogenen Augenbrauen versuchte er, ihren Blick aufzufangen und zu deuten, doch sie ließ sich nicht darauf ein. Er konnte also nichts weiter tun, als ihrem Beispiel zu folgen und ihr selbst gleich darauf aus dem Klassenraum. Mit der Gelassenheit, die er als Malfoy eben aufbringen konnte.

ooooo

Natürlich konnte sich Ginny denken, wieso die Schulleiterin mit ihr sprechen wollte, doch sie konnte sich ganz ehrlich nicht erklären, was er hier sollte. Malfoy hatte ja nicht direkt etwas mit diesem Giftanschlag auf sie zu tun, von dem McGonagall immer noch nicht wusste, dass Ginny selbst davon wusste. Wieso sollte aber auch jemand ausgerechnet sie vergiften wollen? Sie hatte, soweit sie sich erinnern konnte, niemandem etwas getan. Aber vielleicht wusste McGonagall inzwischen mehr – nur erklärte das ihr immer noch nicht, wieso Malfoy dabei sein sollte!

In Gedanken versunken erreichten sie schweigend das Büro der Schulleiterin, wobei Ginny merkte, wie der Slytherin sie immer wieder aus den Augenwinkeln beobachtete. Sie blendete ihn so gut wie möglich aus und klopfte mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend an. „Kommen Sie herein", kam es gedämpft von drinnen.

Offenbar wurden sie schon länger erwartet, denn die Professorin saß hinter ihrem Schreibtisch und trommelte ungeduldig mit den Fingerspitzen auf der Tischplatte herum. Vor sich hatte sie eine Schale mit Mandelkeksen bereitgestellt und sie selbst hielt eine Tasse mit dampfendem Kaffee in der Hand. „Setzen Sie sich doch", forderte sie sie dennoch freundlich auf und so nahm Ginny auf dem äußeren linken und Malfoy auf dem äußeren rechten Stuhl Platz, der Stuhl in der Mitte blieb frei.

„Wenn Sie wollen, ich habe Mandelkekse. Die Hauselfen haben davon noch einiges herumstehen, weil Professor Dumbledore sie oft gegessen hat." Gedankenverloren sah sie auf die Keksschale hinab.

Ginny stellte sich den ehemaligen Schuldirektor nur zu leicht in einer Schürze vor, wie er fröhlich summend seinen langen, weißen Bart über die Schulter schwang, damit er nicht mit der Rührschüssel in Kontakt kam. Trotzdem erklärte sie: „Tut mir leid, ich habe eine Nussallergie."
Überrascht stellte sie fest, dass Malfoy das Gleiche gesagt hatte, und starrte ihn an. Er zuckte nur stumm die Achseln und wandte sich wieder der Professorin zu, die die beiden aufmerksam beobachtete. Nach kurzer Stille räusperte sie sich und stellte ihre Tasse auf den Tisch. „Nun, ich vermute, dass Sie nicht wissen, wieso ich Sie zu mir herbestellt habe und Ihnen Zeit Ihres kostbaren Unterrichts nehme?"

„Nein", antwortete Malfoy kurz angebunden und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.

„In Ordnung …", meinte die Schulleiterin in ernstem Tonfall, „dann werde ich es Ihnen erklären. Miss Weasley, ich habe Ihren Eltern bereits von dem Unfall letzten Samstag in einem Brief berichtet – obwohl man hier kaum von einem Unfall sprechen kann."
Malfoy kräuselte die Stirn. „Kein Unfall?", wiederholte er.

„Allerdings. Wir gehen davon aus, dass man Ihnen einen Zauberbann untergeschoben hat, Miss Weasley. Einen Bann, der nach einiger Zeit seine Wirkung voll entfaltet und zu verschiedenen Nebenwirkungen führen kann."
„Die Kopfschmerzen, nicht wahr?"
McGonagall nickte und faltete die Hände auf dem Tisch zusammen, so wie Ginny es schon öfter bei ihr gesehen hatte. „Sie scheinen nicht sonderlich überrascht."

„Nein, nicht wirklich", gab sie zu. Die Schulleiterin beließ es mit einem Heben ihrer dünnen Augenbrauen dabei.

„Dann wissen Sie wahrscheinlich auch, dass wir den Zauberbann in Form eines Beutels, angeheftet an Ihrem Umhang, gefunden haben?"
„Nein, das wusste ich nicht. Aber … wieso sollte jemand so etwas tun?"

„Das sollten Sie sich lieber selber fragen. Gibt es möglicherweise jemanden, der etwas gegen Sie hat?"

Ginny sah mit zuckenden Mundwinkeln zu Malfoy, der grimmig zurückstarrte. „Nein, außer ihm", sie deutete auf ihn, „fällt mir ehrlich niemand ein."
„Wirklich nicht? Denken Sie genau nach! Oder zumindest, wer eine Gelegenheit hätte." Eindringlich beugte die ältere Frau sich vor.

„Nein, das nicht. Und was die Gelegenheit angeht … da wäre das gesamte Gryffindorteam, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass einer von ihnen so etwas tun würde. Das Gleiche bei den Mädchen meines Schlafsaals."
„Richard", bemerkte plötzlich Malfoy. McGonagall und Ginny starrten ihn irritiert an, woraufhin er weitersprach: „Er hat dir an dem Morgen mit deinen Sachen geholfen."

„Du hast das gesehen?", fragte Ginny und merkte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg.

„Seine schleimige Spur kann man kaum übersehen", schnappte er zurück.

Ginny ballte wütend die Hände zu Fäusten und fauchte: „Er weiß wenigstens, wie man sich nett verhält."
„Oh bitte, das Einzige, wovon der Kerl eine Ahnung hat, ist, wie man einfältige Mädchen", mit einem hastigen Blick zu McGonagall senkte er seine Stimme und murmelte, „reinlegt." Er hatte sicherlich etwas anderes sagen wollen, doch sie verstand auch ohne Worte und rückte eingeschnappt noch ein Stück von ihm ab, als sie die verärgert zusammengekniffenen Augen der Schulleiterin bemerkte.

Gereizt fuhr diese fort: „Sie meinen mit Ihren Ausführungen wahrscheinlich Malcom Richard, richtig?"
„Ja, aber ich", stichelnd sah sie zu Malfoy, „bin mir sicher, dass Richard das nicht tun würde."
Er ignorierte sie. „Wissen Sie, das ist ja alles ganz nett", sagte er und fixierte die Schulleiterin, „aber sagen Sie, was genau soll ich eigentlich hier? Weaslettes Probleme interessieren mich nun wirklich nicht."

McGonagall seufzte. „Ich habe Sie ebenfalls hergebeten, weil ich Sie darum bitten wollte, dass Sie beide wirklich gemeinsam zur Heulenden Hütte hinunter- und zurückgehen. Ich bin etwas beunruhigt, denn sollte sich noch solch ein Vorfall ereignen, wäre das die perfekte Gelegenheit, wer auch immer nun dahinter steckt."

'Was?!', dachte sie, wie vor den Kopf geschlagen. Auch Malfoy schaute fast schockiert abwechselnd von der Rothaarigen zu McGonagall und zurück.

„Ich bin mir durchaus Ihrer Differenzen bewusst, aber ich will Ihnen zu Bedenken geben, wie ernst ich die Sache einschätze. Seien Sie also vorsichtig, Sie beide." Streng sah sie von einem zur anderen, wie der Blonde vorher.

„Das – nur über meine Leiche!"

„Finden Sie nicht, dass Malfoy wirklich der Letzte ist, der mir auch nur irgendwie hilfreich sein könnte?", fragte Ginny aufgebracht. Was vermutlich stimmte. Obwohl sie sich nicht mehr so sicher war, denn hatte er ihr immerhin beim Quidditchspiel helfen wollen. Sollte jemand ausnutzen, dass sie zur Heulenden Hütte ging, und er wäre dabei, würde er sie dann links liegen lassen? Der alte Malfoy hätte es getan.

McGonagalls Nasenflügel bebten, als sie aufstand und mit dem Finger zur Tür zeigte. „Schluss jetzt – es ist mir egal, ob Sie, Mr Malfoy, sie begleiten oder jemand ihres Hauses, aber sollte ich sehen, wie Miss Weasley alleine auf den Ländereien herumläuft, dann können Sie sich sicher sein, dass Mr Filch Sie als persönliche Assistenten für dieses Jahr zur Seite gestellt bekommt, verstanden? Und jetzt gehen Sie bitte", sie atmete beruhigend aus, „zu Ihrem Unterricht. Ich habe wirklich wenig Lust, Ihren Streitereien weiterhin beizuwohnen."

Ginny und Malfoy erhoben sich eilig und schlossen die Tür hinter sich, als sie auf den Flur traten. Der Slytherin schüttelte den Kopf. „Es ist bekannt, dass ich sehr intelligent bin, aber McGonagalls Reaktionen kann ich mir nicht erklären. Sie sollte vielleicht einmal einen Antidepressiva-Zauber probieren …"
„Hast du heute einen Clown gefrühstückt, Malfoy, oder woher kommt die Andeutung von humorvoller Ironie?", murmelte Ginny, die einfach im Gang stand und abwesend die gegenüberliegende Wand musterte, als lägen dort die Antworten auf ihr chaotisches Leben.

„Oh, eine Weile in deiner Gegenwart und sogar ich gebe diesen Mist von mir, den du Humor nennst."

Sie konnte nicht umhin, ihn nun doch zu beachten, und erklärte ihm amüsiert: „Du hast es schon wieder gemacht."

„Siehst du!", gab er anschuldigend zurück und schulterte seine Büchertasche. „Wenn McGonagall also darauf besteht, und ich sage das wirklich, ehrlich, unter keinen Umständen, völlig rein und wahrheitsgemäß nicht gern, sollten wir vielleicht langsam mit unser Strafarbeit anfangen. Umso schneller", er machte eine kurze Pause, in der er grimmig Luft holte, „wir es hinter uns bringen, umso weniger muss ich mich vor deiner Gegenwart in naher Zukunft fürchten."
Ginny seufzte ebenfalls genervt, obwohl sie sich in gewissem Maßen darüber freute, dass er sich ausnahmsweise so zugänglich verhielt. „Dann wäre ich dafür, dass wir uns heute treffen, um zu besprechen, wie und wann wir die nächsten Wochen arbeiten."
„In diesem Falle wäre ich dafür, dass wir uns morgen vor dem Abendessen in der Bibliothek treffen, heute habe ich Quidditchtraining", erwiderte er mit einem hochnäsigen Grinsen.
„Dann wäre ich dafür, dass du pünktlich bist", brummte sie. Dass sie gerade eine relativ normale Unterhaltung mit ihm führte, verdrängte sie lieber.

Malfoy nickte ihr noch einmal zu, dann verschwand er um eine Ecke. Auch Ginny machte sich auf zu ihrem nächsten Unterricht – Muggelkunde – und lauschte dabei dem nachhallenden Klang ihrer sich voneinander entfernenden Schritte. Würde sie an das Schicksal glauben, dann würde sie nun wahrscheinlich vermuten, dass es momentan etwas gegen sie hatte.