Selbstbewusste verwandeln Probleme in Gelegenheiten, Unsichere machen es unbewusst umgekehrt.

- Ernst Ferstl (*1955)

Am nächsten Abend saß Ginny bereits etwas früher, als eigentlich ausgemacht, in der Bibliothek. Sie wollte sich wirklich nicht verspäten (und ihm die Gelegenheit geben, sich erneut über sie lustig zu machen). Außerdem hatte sie so die Gelegenheit, noch ihre Hausaufgaben für Zauberkunst zu machen. Als sie damit fertig war, war immer noch genügend Zeit, also lehnte sie sich in den mandelfarbenen Sessel zurück und holte das Buch heraus, das Richard ihr im Krankenflügel gegeben hatte.

Sie vertiefte sich schon in die Szene, bei der Alice auf die Grinsekatze stößt, da durchbrach ein Geräusch die Stille der Bibliothek. Ginny sah auf und erkannte Malfoy, der mit langen Schritten und den Händen in den Hosentaschen auf sie zukam.

„Weaslette, so pünktlich … was ist los? Wurdest du aus eurem heiligen Turm geworfen?", fragte er verschlagen und ließ sich ihr gegenüber auf einem Sofa nieder. Seine anthrazitfarbene Tasche stellte er daneben ab.

„Malfoy", meinte sie nur knapp und in einem sachlichen Tonfall und schlug das Buch etwas heftiger zu, als sie es vorgehabt hatte. Peripher fragte sie sich immer noch, woher Richard gewusst haben konnte, dass es ihr Lieblingsbuch war. Vielleicht hatte er aber auch einfach wahllos etwas ausgewählt. Egal.

„Wollen wir anfangen?" Gelangweilt fuhr er sich durch die Haare und legte seinen Ellbogen auf der Sofalehne ab, um sein Kinn wiederum auf seine Handfläche abstützen zu können. Offenbar hatte er miese Laune, aber die hatte er ja immer.

„Yep." Ginny holte den Terminkalender, den Hermine ihr geschenkt hatte, aus ihrer Tasche und platzierte daneben ihr Tintenfässchen mit ihrer schon leicht ausgefransten Feder. „Also … wann hast du Zeit? Ich habe an den meisten Freitagabenden Quidditchtraining, genauso wie an einigen Samstagen, da passt es nicht."

„Hast du noch sonstige Verpflichtungen?"

„Nein, nur Quidditch."

„Bei mir ist das dienstags. Die Wochenenden sollten wir generell streichen, bei dem Pensum an Hausaufgaben, das wir immer aufbekommen. Bleibt noch Montag, Mittwoch und Donnerstag. Ich könnte mit Granger und Longbottom sprechen und meine Vertrauensschülerrundgänge immer auf einen Wochentag legen."

Ginny hob erstaunt die Augen zu ihm. „Du redest mit Hermine und Neville? Freiwillig?", rutschte es ihr heraus.
„Wenn du das so formulieren willst", gab er zurück und wandte seinen Blick vom Fenster ab, durch das er bis gerade noch nach draußen in die Dämmerung gestarrt hatte. „Ich bin Vertrauensschüler, also muss ich ja wohl mit den Schulsprechern reden, oder?"

„Klar", sagte sie tonlos und nickte verwundert. Der Malfoy, den sie in ihrem vierten Jahr in seiner Rolle als Vertrauensschüler das erste Mal erlebt hatte, hätte nie mit Hermine oder Neville gesprochen, nur um etwas wegen seiner Pflichten zu besprechen. Er hätte sich eher die Zunge abgebissen. Geschweige denn, sie noch um etwas zu bitten. Mit neugieriger Miene starrte sie ihn an, wobei sie gar nicht bemerkte, dass er mit gerunzelter Stirn ihren Blick erwiderte.

„Hast du jetzt genug geguckt?", fragte Malfoy schließlich. „Mir ist schon bewusst, dass ich einzigartig gutaussehend bin, aber glaub mir, mit deinem Gedächtnis wirst du dir mein umwerfendes Aussehen auch in einem Jahrhundert noch nicht eingeprägt haben …"

Ginny blinzelte erschrocken und merkte, wie sie rot anlief. „So ist das doch nicht!", schnauzte sie.

„Dra-co!", erklang plötzlich eine Stimme hinter ihr. Sie drehte sich in ihrem Sessel etwas und sah Pansy Parkinson, die mit schwingenden Hüften auf sie zustolzierte. Als sie die Rothaarige erkannte, rümpfte sie die Nase. „Was machst du denn hier mit der da?"

Malfoy schenkte ihr nicht mal seine Aufmerksamkeit, sondern guckte wieder unbeteiligt aus dem Fenster. „Geht dich nichts an. Und jetzt hau ab, Pansy, du nervst. Schon wieder."

„Aber ich suche dich schon die ganze Zeit. Unten steigt eine Party und Blaise hat was aus der Küche mitgehen lassen!"

„Rede ich irgendwie Meerisch oder so?", wollte er wissen. „Ich habe keine Zeit für so etwas. Außerdem gibt es gleich Abendessen und ich hab keinen Bock, nur wegen ein paar Sandwiches und billigem Butterbier auf die Lasagne zu verzichten."

Parkinson sog scharf die Luft ein und schüttelte empört den Kopf. „Na schön!", keifte sie und wirbelte auf ihrem Acht-Zentimeter-Absatz herum. Kaum, dass sie um die erste Regalreihe verschwunden war, konnte Ginny das fette Grinsen nicht mehr unterdrücken.

„Meerisch, ja?", wollte sie belustigt wissen und schaute zu Malfoy. Sie war ehrlich beeindruckt, dass er Parkinson einfach weggeschickt hatte. Das hatte er noch nie getan. „Sie ist wohl nicht deine ominöse wahre Liebe, von der Trelawney geredet hat?"

Er schnalzte mit der Zunge. „Du hast davon gehört?"

„Na ja, ich vermute, die ganze Schule hat davon gehört."

„Diese Hexe", knurrte er und erhob sich trotz dessen elegant. „Ich sag dir Bescheid, wenn ich mit Granger oder Longbottom geredet habe. Hast du morgen Zeit?"
„Morgen?", fragte sie stirnrunzelnd und dachte kurz nach. „Ja, müsste eigentlich."

„Gut, dann sehen wir uns um sechs. Sayōnara, Weaslette!", rief er ihr noch zu, bevor auch er davonschritt.

Ginny selbst packte noch ihre Sachen zusammen und ging dann ebenfalls. Als sie die Große Halle betrat, saß Malfoy schon am Slytherintisch und aß – genau, wie er es gesagt hatte – seine Lasagne, mit einem Eifer, den Ginny ihm beim Essen gar nicht zugetraut hatte. Wo waren bitteschön seine pedantischen Essgewohnheiten hin?

Draco Malfoy blieb wirklich auch weiterhin ein Rätsel. Doch langsam begann sie zu glauben, dass hinter ihm etwas mehr steckte, als sie bisher angenommen hatte. Vielleicht hatte er sich ja doch etwas verändert – aber nur vielleicht und nur vielleicht ein bisschen.

„He, Ginny! Wo warst du denn so lange? Pigwidgeon hatte übrigens einen Brief für dich dabei", ertönte Colin und klopfte auf den freien Platz neben sich.
Schnell nahm sie ihre Augen von dem Slytherin und schlenderte zu ihrem Freund, neben den sie sich mit einem Lächeln fallen ließ und den höchstwahrscheinlich aus großer, mütterlicher Besorgnis geschriebenen Brief Molly Weasleys beiseiteschob. Sie würde ihn wohl später beantworten müssen, jetzt aber wandte Ginny sich ausweichend ihrem Teller zu.

Ihr war nicht ganz klar, wieso sie sagte, was sie nun sagte, doch für den Moment folgte sie ihrem Gefühl. Also meinte sie locker, während sie sich einen gefüllten Pfannkuchen auftat: „Nur kurz weg."

ooooo

Als Ginny aus dem Gemeinschaftsraum trat, schloss sie gerade die Verschlüsse ihres Winterumhanges. Es hatte in der letzten Nacht angefangen zu schneien und nun bedeckte weißer Pulverschnee die Ländereien draußen, weshalb sie noch am Morgen ihre gesamte Wintergarnitur herausgeholt und gegen den Platz der Herbstgarnitur in ihrem Kleiderschrank ausgetauscht hatte.

Sie eilte die Treppen hinunter, noch während sie sich ihre Handschuhe überstreifte, denn es war wirklich frostig im Schloss, wenn die Hauselfen noch nicht alle Kamine angeheizt hatten. Im vierten Stock stellte sie auch noch fest, dass sie offenbar ganze fünfzehn Minuten zu spät dran war. „Verdammt", fluchte sie und lief so schnell sie konnte in die Eingangshalle.

Doch der Einzige, der noch dort war, war ein Hauself, der für die Nacht die restlichen Fackeln entzündete. Offenbar war Malfoy ungeduldig geworden und vorgegangen. „Diese Nervensäge", murrte sie verärgert vor sich hin.

„Oh, Miss!", piepste der erschrockene Hauself mit weit aufgerissenen Augen, als er sie bemerkte. Er schien noch relativ jung zu sein, denn seine Haut war nicht ganz so faltig, wie die der anderen, und auf seinem Kopf kringelten sich vereinzelte, blonde Locken wild durcheinander.

„Hallo", begrüßte Ginny ihn mit einem Lächeln, „hast du hier einen arroganten, blonden Slytherin vorbeikommen sehen?"

„J-ja, so einen hat Jii gesehen, Miss", antwortete der Elf etwas verunsichert. „Er ist nach draußen gegangen, was Jii gewundert hat, weil ja eigentlich bald schon Nachtruhe ist, aber Jii hat ihn selbstverständlich nicht aufgehalten, Miss. War das ein Fehler?" Wenn es möglich war, dann wurden seine Augen nur noch größer und runder und Ginny sah schon vor sich, wie er gleich in Tränen ausbrechen würde.

Hastig hob sie beruhigend die Arme und schüttelte den Kopf. „Nein, nein, du hast alles richtig gemacht. Danke für die Auskunft, Jii." Sie winkte ihm zu und wollte schon aus dem Eingangsportal nach draußen treten, da hörte sie Schritte hinter sich.

Es war Malcom Richard, der die Treppe aus den Kerkern hinaufstieg. „Oh, Ginny", sagte er erfreut, als er sie erkannte, und kam auf sie zu. „Wolltest du auch gerade einen Spaziergang machen?"

„Nein, nicht so wirklich", antwortete sie. „Ich habe mit Malfoy doch diese Strafarbeit und dafür muss ich zur Peitschenden Weide."
„Wie interessant", sagte Richard neugierig. „Hast du etwas dagegen, wenn ich mitkomme? Ich wollte mir etwas die Beine vertreten und in deiner Begleitung", er zwinkerte charmant, „würde das sicher viel mehr Spaß machen."

Ginny zuckte die Schultern. „Wenn du willst, ich habe nichts dagegen."

„Na dann." Er bot ihr grinsend seinen Arm an und sie nahm mäßig erfreut, doch mit einem schiefen Lächeln, das Angebot an. Eigentlich hatte sie keine große Lust auf Gesellschaft, aber sie wollte ihn auch nicht vor den Kopf stoßen. Also gingen die beiden schweigend, Schulter an Schulter, nach draußen und stapften durch den Schnee hinunter zur Peitschenden Weide.

Nach einigen Minuten der Stille, bei der Richard neben ihr fröhlich vor sich hin gesummt hatte, unterbrach er sich selbst und sah sie von der Seite her an. „Du musst also diese Strafarbeit bei der Peitschenden Weide machen? Was könnte das denn für eine sein, was McGonagall sich da Spezielles ausgedacht hat?"

„Oh, es klingt ungewöhnlicher, als es ist. Im Prinzip ist es nur sortieren und so", meinte Ginny. Es reichte ihr schon, ihre Zeit mit Malfoy zu verschwenden, da musste sie nicht auch noch darüber reden.

„Du Arme. Vielleicht könnte ich meine Spaziergänge ja mit dir verbinden, dann könnten wir uns immer so nett unterhalten, wie gerade."

„Mal sehen", sagte Ginny ausweichend, „aber ich weiß momentan nicht genau, an welchen Tagen Malfoy und ich uns treffen werden, verstehst du? Wir haben noch nichts ausgemacht …"

„Klar, natürlich. Aber du musst dich dann ja ziemlich auf das Hogsmeade-Wochenende freuen, wenn dir sonst deine Freizeit so geraubt wird."

„Nun ja, ich habe nichts Besonderes vor und die meisten Geschäfte kenne ich ja schon. Aber es wird sicher lustig, ich wollte mit Hermine hingehen. Na ja, das heißt, es wird lustig, wenn sie es nicht schafft mich in dieses Geschichts-Museum mitzuschleppen."
„Wenn du schon mit Granger verabredet bist, dann werde ich dich wohl kaum fragen können, ob du nicht lieber mit mir hingehen willst", sagte er mit einem Seufzen. „Ich würde gerne mal mit dir Zeit verbringen."

Ginny schluckte nervös. Hatte er sie gerade gefragt, ob sie mit ihm ausgehen wollte? Damit hätte sie wirklich nicht gerechnet.

„Da muss ich wohl aufgeben …", sprach er weiter. „Du solltest dich eh nicht mit einem Slytherin wie mir sehen lassen – ich wäre wirklich ungern ein Auslöser für Probleme mit deinem Bruder."
„Es ist nicht so, dass ich nicht mit dir ausgehen würde!", protestierte Ginny hektisch und schlug sich im nächsten Moment mental gegen die Stirn. „Ich würde wirklich mit dir gehen", fuhr sie ruhiger fort, „und mein Bruder hat absolut nichts damit zu tun, aber ich habe Hermine schon versprochen-"
Er nickte enttäuscht und blieb stehen. „Verstehe."

Ginny biss sich auf die Lippe. Sie hatte Hermine eigentlich gar nichts zugesagt, aber sie war sich auch nicht sicher, ob sie eigentlich überhaupt etwas mit Richard anfangen wollte, in welche Richtung auch immer. Er war nett gewesen, aber immer noch ein Slytherin. Konnte man denen überhaupt trauen? 'Ach was, Ginny, sei nicht so misstrauisch. Guck dir den Kerl doch an. Er ist wirklich in Ordnung, sieht außerdem noch ganz gut aus und es scheint ihm ja wirklich wichtig zu sein!', flüsterte ihr eine besonders optimistische Stimme zu.

„Chrm, also …", nuschelte Ginny und räusperte sich erneut. Richard sah mit hoffnungsvoller Miene auf. „Ich kann Hermine ja mal fragen, ob es okay für sie ist, wenn wir ein anderes Mal dieses bescheuerte Museum besuchen. Das könnte sie sich ja auch mit Ron ansehen." Obwohl sie bezweifelte, das ihr Bruder ihr dafür dankbar sein würde.
„Ich würde mich sehr freuen!", lächelte Richard und beugte sich erneut über ihre Hand, um ihre Fingerknöchel kurz mit seinen Lippen zu streifen. Ginny unterdrückte eine Grimasse und zwang sich zu einem halbwegs aufrichtigen Lächeln.

„Ich schreibe dir, sobald ich Hermine gefragt habe."

„Perfekt! Ich denke- oh. Malfoy scheint sauer zu sein." Richards Blick fiel auf etwas hinter Ginny und sie drehte sich auf ihrem Absatz herum. Ein düster dreinblickender Draco Malfoy stolzierte auf sie zu, ein bedrohliches Blitzen in den stahlgrauen Augen. Sie wunderte sich, als sie noch etwas anderes erkannte, was sie aber nicht genau definieren konnte.

„Weaslette", sagte er kühl, ohne irgendeine Begrüßung, „du hast mich warten lassen. Wundervolle dreißig Minuten lang."

Ginny tat den seltsamen Gedanken beiseite und stemmte die Hände in die Hüften. Der Slytherin erinnerte sie gerade stark an ihren Bruder, wenn er wütend wurde. Und das machte sie wütend. „Tut mir ja wirklich leid, Malfoy, ich hatte die Zeit vergessen und bin zu spät. Zieh jetzt bitte keine Show ab."

Malfoys eisiger Blick wanderte zu dem anderen Slytherin und musterte ihn von oben bis unten. Dann starrte er wieder Ginny an. „Wir sollten jetzt anfangen", schnarrte er und fügte hinzu, Richard vollkommen ignorierend: „Und den da kannst du zurückschicken. Ich muss nicht noch so einen Idioten am Hals haben, auf den ich aufpassen muss."

Sie drehte sich ihrem Begleiter zu. „Entschuldige. Wir sehen uns dann am Wochenende?" Richard nickte grinsend und ging mit einem Winken zurück zum Schloss.

Ein Seufzer entfuhr Ginny, doch sie drückte nur die Schultern durch und stapfte Malfoy hinterher zur Peitschenden Weide. Das würde anstrengend werde.

ooooo

„So, dann wollen wir mal sehen, was wir hier haben …", meinte Ginny mit gerunzelter Stirn und krempelte ihre Ärmel ein Stück höher. Ihren Mantel und den selbstgestrickten Schal ihrer Mutter hatte sie vorhin an einen einsamen Kleiderständer im Flur gehängt. Jetzt waren sie und Malfoy in der Bibliothek. „Ich schlage vor, wir sehen uns erst einmal die Regale hier an und arbeiten uns dann durch den Raum. Das muss immerhin alles durchwühlt und beschriftet werden."
Malfoy nickte desinteressiert und warf seinen dunklen Umhang achtlos in eine Ecke, bevor er sich lustlos neben ein Regal fallen ließ. Ginny beobachtete überrascht, dass er sich überhaupt nicht beklagte und nur stumm begann, die unteren Reihen auszuräumen.

„Bist du krank, Malfoy?", rutschte es ihr heraus.

„Wir sollen hier doch arbeiten, oder?", murmelte er, ohne zu ihr zu sehen.

„Ja, schon, aber ..."

„Was, Weaslette? Sprich dich aus oder lass es, aber fang an zu arbeiten. Ich bin nicht hier, um deinen Kram mitzuerledigen."

Ginny warf ihm einen missmutigen Blick zu. „Nun ja, sonst beschwerst du dich über jedes Staubkorn, das deine Kleidung beschmutzen könnte …", gab sie gereizt zur Antwort und kniete sich einige Meter von ihm entfernt auf den Boden.

Er zuckte nur die Schultern und hüllte sich erneut in Schweigen. Offenbar hatte er nicht vor, darauf einzugehen, und so konzentrierte sie sich auf ihre Arbeit. Sie musste zugeben, dass es eine gute Idee war, unten anzufangen, da sie so einfacher an die Kisten kamen, in die sie den Inhalt der Regale räumen sollten.

Mehrere dicke Bücher, die alle mit Jahreszahlen beschriftet worden waren, befanden sich in einem großen Fach, das scheinbar eine Art Sammlung von Bänden enthielt – problematisch nur, dass die Zahlen nur noch schwer leserlich oder zum Teil gar nicht mehr zu entziffern waren. Was fest stand: sie waren eindeutig älter, als dass es das Adjektiv 'alt' beschreiben könnte.

So kämpften sie sich einige Zeit durch die Regalreihen an zum Teil alten, zum Teil sehr alten und zum Teil auch uralten Büchern und Pergamenten, bei denen sich Ginny fragte, wieso die Schule zwei Siebtklässlern eigentlich erlaubte, so etwas überhaupt erst anzufassen. Wenn sie sich vorstellte, wie Hermine darauf reagieren würde, sollte sie es je erfahren, dann würde sie in jedem Fall so etwas sagen, wie „Unverantwortlich!" oder „Das sind wichtige, historische Aufzeichnungen!" oder „Am Ende zerstört ihr etwas ungemein Wichtiges!". Oder etwas in die Richtung halt.

Ginny musste bei dem Gedanken ein Kichern unterdrücken und zog, um sich abzulenken, einige noch nicht ganz so alte, dünne Büchlein hervor, die man mit einem dicken, dunkelgrünen Band zusammengebunden hatte. Vorsichtig löste sie das Band und legte es zur Seite, bevor sie die Seiten untersuchte. Sie waren allesamt unbeschrieben.

Enttäuscht wollte sie sie schon zur Seite legen, als sie ein Papierstück bemerkte, das aus den Seiten hervorragte. Sie schlug das Büchlein auf und ein zusammengefaltetes, winziges Pergament fiel direkt in ihre Handfläche. Als sie es auseinanderfaltete, sah sie, dass etwas darauf geschrieben stand. In so winzigen Buchstaben, dass sie sich anstrengen musste, sie zu entziffern, war dort eine kurze Nachricht notiert.

Rye,

du weißt, warum. Verzeih mir.

Biche noir.

R

„Französisch …?"

„Malfoy!", entfuhr es Ginny verärgert und versuchte den Zettel zurückzuerlangen, den er ihr geschickt abgenommen hatte. „Was soll das?!"

„Du hast mir nicht geantwortet, also wollte ich sehen, was deine Aufmerksamkeit so sehr fesselt", sagte er grinsend und betrachtete die Nachricht eingehend, während sie sich auf die Beine kämpfte.

„Gib das her!", forderte sie. Ihr Mund öffnete sich verblüfft, als er ihr widerstandslos das Papierstück reichte, doch sie fasste sich schnell. „Was meintest du mit Französisch? Kannst du das lesen?"

„Na ja, dieser oder diese R – bei der Handschrift tippe ich allerdings eher auf einen Mann – hat in der Botschaft einen Ort angegeben. Es gibt hier auf Hogwarts einen Felsen am See, den man Black Hind nennt, was auf Französisch so viel wie biche noir heißt. Bedeutet, die Person, die das hier geschrieben hat, wollte wohl auf diesen Ort hinweisen. Es wird sich wahrscheinlich nur um irgendein Liebespärchen handeln, das sich versöhnen wollte oder dergleichen …"

Ginny rollte demonstrativ mit den Augen und sah wieder auf den Zettel herab. „Gleichgültig wie immer, was, Malfoy?", murmelte sie. „Wenn du Recht hast, dann müsste es doch noch etwas geben, das an diesem Black Hind versteckt ist, oder? Macht dich das nicht neugierig?"

„Nein. Außerdem ist es unwahrscheinlich. Ganz theoretisch, sollte ich Recht haben und sollte diese Person das Rätsel ebenfalls verstanden haben, dann hätte sie diese mysteriösen Hinweise, oder was auch immer dort versteckt sein könnte, doch längst an sich genommen. Wenn du mich fragst, ein bisschen zu viel wenn und vielleicht, um dem nachzugehen …"

„Beton das nicht so!" Ginny funkelte ihn verärgert an. Er verspottete sie schon wieder! „Nur, weil etwas unwahrscheinlich ist, bedeutet das nicht, dass es nicht sein kann! Und um dir das zu beweisen, werde ich hingehen. Und ich wette mit dir, ich werde etwas finden!"
Malfoy hob beide Augenbrauen, plötzlich ein gefährliches Grinsen auf den Lippen. Er beugte sich vor, so nah, dass sie seinen Atem in ihrem Gesicht spüren konnte. „Ach ja?", schnurrte er leise und hob ihr Kinn mit einem Finger herablassend an. „Weißt du eigentlich, auf wen du dich da einlässt? Mit einem Malfoy wettet man nicht …"
„Und wieso sollte ich nicht mit dir wetten?", fragte Ginny, so gelassen, wie es ihr bei ihrem pochenden Herzen möglich war. Alles in ihr schrie geradezu danach, zurückzuweichen und sich von ihm zu entfernen, doch ihr Stolz ließ nicht zu, dass sie ihn triumphieren ließ. Also blieb sie, wo sie war.

Malfoy bleckte die Zähne. „Weil wir Malfoys immer gewinnen."

„Ich-"

„Ja? Willst du immer noch wetten?"

Mechanisch ballte sie ihre Hände zu Fäusten. „Ja!", stieß sie hervor, wobei sie sich fühlte, als wäre sie mit einem Hippogreif um die Wette gelaufen.

Malfoy richtete sich wieder auf. „Gut, dann lass uns gehen", sagte er gut gelaunt und ging zu der Ecke, in der er seinen Umhang zurückgelassen hatte. „Oh, stimmt ja …", unterbrach er sich plötzlich und wandte sich noch ein weiteres Mal zu ihr um. „Was bekomme ich, wenn ich gewinne?"

„Die Frage ist, was ich gewinne, da du definitiv verlieren wirst", schnappte Ginny zurück. „Aber wenn es dich tröstet, such dir ruhig etwas aus."
„Schön, dann sagen wir … ein kleiner Gefallen?"

Sie schluckte und starrte auf Malfoys ausgestreckte Hand. Eine Gänsehaut hatte sich auf ihren Armen ausgebreitet und ihr ganzer Körper kribbelte vor Aufregung. Die Situation erinnerte sie nur zu gut an damals, als er sie von der Trickstufe befreit hatte. Worauf hatte sie sich da nur eingelassen?

„In Ordnung", murmelte sie. Und dann schlug sie ein.