Unaufhörlich wirken die Gründe und Motive nach, die bei der Begründung eines neuen Zustandes maßgebend gewesen sind.

- Leopold von Ranke (1795-1886)

Die nächste Woche verlief so ruhig, dass Ginny fast hätte glauben können, Theodore Nott wäre nie gestorben.

Natürlich bekam der Fall viel Aufsehen in den Nachrichten und es gab diverse Gerüchte über die mögliche Schließung der Schule, aus irgendwelchen Gründen aber schien der Schulrat oder gar das Zaubereiministerium nicht einmal darüber diskutiert zu haben – und ihr war auch klar, warum.

Es war ihr wie Schuppen von den Augen gefallen, als sie den Tagespropheten am Sonntagmorgen aufgeschlagen hatte. Unheil verkündend wie die schwarzen, großen Buchstaben auf der Titelseite stand dort: 'Slytherinschüler in Hogsmeade ermordet – Auroren setzen auf weitere Tat der Todesser-Mordserie'.

Man hatte nicht darüber nachgedacht, weil es Todesser waren, die ermordet wurden.

Seitdem dieser Artikel herausgekommen war, achtete Ginny immer mehr auf die Schlagzeilen. Es verschwanden seit Wochen schon ehemalige Todesser, ob freigesprochen oder auf der Flucht schien egal, doch war der Fall eines ermordeten Schülers der Erste von solcher Art – und der Grauenerregendste. Rita Kimmkorn, die schon immer ein Händchen für solche Dinge hatte, versetzte die Leser mit zukunftsweisenden Andeutungen in Schrecken und schaffte es, sogar die Schüler in Hogwarts zu beunruhigen.

Ginny konnte durch keinen Korridor gehen, ohne von verhalten tuschelnden Schülern umgeben zu sein, in der Bibliothek war es plötzlich leiser, als Madame Pince es jemals geschafft hatte, und auch in der Großen Halle war der Lärmpegel deutlich gesunken. Zum Glück aber schien die Tatsache, dass Ginny und Malfoy Nott nach den Mädchen gefunden hatten, noch nicht zu der restlichen Schule durchgedrungen zu sein.

Die drei Viertklässlerinnen hatten eine ganze Weile unter Schock im Krankenflügel verbracht und das Mädchen, das an der Wand gekauert hatte, hatte man schließlich von seinen Eltern abholen lassen.

Malfoy hingegen verlor kein Wort über den Vorfall, auch, als die beiden sich in der Woche darauf erneut in der Heulenden Hütte trafen. Er arbeitete still neben ihr, was bedrückender war, als wenn er sich mit ihr streiten würde, wie sonst. Malcom Richard schien ebenfalls so etwas wie Funkstille produzieren zu wollen, aber das störte Ginny nicht sonderlich – sie war mehr erleichtert darüber. Außerdem hatte sie genug mit Ron zu tun, der sie zu Tode nervte, damit sie ihm erzählte, mit wem sie in Hogsmeade gewesen war. War ja klar, dass er an etwas Banales wie das dachte, anstatt sich über wichtigere Dinge Gedanken zu machen, wie beispielsweise die Ermordung seines Mitschülers.

Aber auch, dass Nott ermordet worden war, hielt Slughorn nicht auf, seine Weihnachtsfeier veranstalten zu wollen – nur, dass Professor McGonagall sie auf nach die Ferien verschoben hatte. Wenigstens sie besaß noch Verstand genug, im Gegensatz zu manch anderen. Allerdings führte das dazu, dass Ginny, die nicht mehr damit gerechnet hatte, sich schließlich eine Woche nach dem Mord samstags mit Hermine in der Großen Halle einfand.

Dort warteten schon die anderen – Neville, Harry, Luna und zu Ginnys Überraschung auch Pansy Parkinson und zwei weitere Mädchen, die sie als Daphne und Astoria Greengrass erkannte.

„Zabini hat ja ziemlich viele Mädchen anheuern können", kommentierte Ginny das und ließ ihren Blick über die Halle schweifen, in der einige Kartons standen, die nur so vor Mistelzweigen, kleinen Weihnachtsmännern und Weihnachtsbaumschmuck strotzten. Das war wohl genügend Dekoration, um fünf Große Hallen zu schmücken.

Hermine zuckte die Achseln. Sie blickte gehetzt, aber zufrieden drein. Die Weihnachtsstimmung schien selbst sie die Prüfungen und die Welt außerhalb der Schule vergessen zu lassen, obwohl sie, seit das mit Nott passiert war, fast nur noch still vor sich hin gegrübelt hatte.

Jetzt wandte sie sich mit gerunzelter Stirn an Ginny. „Ja, schon, nur er selbst ist noch nicht da. Und ich glaube, es kommt auch noch jemand. Wir hatten abgemacht, dass jeder von uns versucht, vier Leu..."

Doch sie brach ab, als plötzlich erneut die Flügeltüren aufgeschoben wurden. „Jetzt komm schon, Draco", knurrte Zabini und schleifte den ziemlich verstimmt wirkenden Draco Malfoy hinter sich her.

„Wieso sollte ich?", zischte der und riss sich aus Zabinis Umklammerung.

„Weil du mir versprochen hast, dass du mitkommst!", fauchte der Latino zurück.

Malfoy riss die Augen auf. „Ganz bestimmt nicht! Oder warte … stand ich unter Drogen oder so? Du solltest wissen, dass ich dich verklagen ka-"

„Nein, du standest nicht unter Drogen", seufzte Zabini kopfschüttelnd. „Du hast es ganz einfach nur vergessen, du Trottel."

„Ich vergesse nichts! Und nenn mich nicht Trottel!"

Hermine runzelte neben Ginny erzürnt die Stirn. „Jetzt reicht es aber", murmelte sie und trat an die beiden Jungen heran. „Zabini, du bist spät!"

„Was soll ich denn machen, wenn unser Prinzesschen hier meint, erst ein Fünf-Sterne-Menü zu sich nehmen zu müssen?"

„Dazu hast du es ja gar nicht kommen lassen …", sagte Malfoy beleidigt und rümpfte die Nase.

Ginny war ziemlich überrascht von dem, was sich vor ihren Augen abspielte, und konnte sich gar nicht davon losreißen. Sie hatte noch nie jemanden so mit ihm umspringen sehen, wie Zabini es gerade tat. Sie hatte nicht geahnt, dass Malfoy wirklich Freunde hatte – schon gar nicht Zabini. Die beiden waren so verschieden. Oder war das nur Einbildung? Hatte sie ihn vielleicht unterschätzt?
„Lasst uns jetzt besser anfangen …", seufzte Hermine nun und wandte sich an alle Helfer. „Es ist wirklich nett von euch allen, dass ihr gekommen seid. Zabini und ich werden jetzt kurz besprechen, wer was übernehmen soll, und dann können wir anfangen. Also habt bitte noch einen Moment Geduld."

Die beiden gingen einige Schritte beiseite und begannen, über ein Klemmbrett gebeugt, zu diskutieren. Harry sprach währenddessen mit Neville und Luna, die glücklich lächelnd nebeneinander standen und ganz unauffällig Händchen hielten, während Pansy Parkinson und Daphne Greengrass miteinander zu tuscheln begannen.

Ginnys Blick wanderte wie zufällig zu Malfoy hin, der etwas ratlos in der Halle gestanden hatte, wo Zabini ihn zurückgelassen hatte. Doch dann trat Astoria Greengrass an ihn heran. Im Gegensatz zu ihrer Schwester waren ihre Haare ziemlich dunkel und um ihre Handgelenke trug sie eine Ansammlung von kleinen Lederbändchen. Aus der Entfernung konnte Ginny zwar nicht hören, was die beiden sagten, doch als Malfoy die Zähne bleckte und nur etwas zusammenzuckte, als sie ihm lachend gegen den Arm schlug, vermutete sie, dass sie befreundet waren. Zumindest wäre das die nächste Vermutung, die man treffen durfte, wenn man berücksichtigte, dass Malfoy sie bei dieser Geste nicht sofort mit Blicken erdolchte.

Als Zabini sich von Hermine löste und zu den beiden stieß, fragte er Malfoy offenbar etwas, doch der setzte nur seine distanzierteste, unergründlichste Maske auf und verschränkte die Arme. Verwirrt stellte Ginny fest, dass er auch hier leicht das Gesicht verzog. Über die Entfernung konnte sie es nicht genau sagen, doch als er Harry entdeckte, tauschten die beiden einen Blick, in dem pure Feindseligkeit aufflackerte. Es war jedoch nicht die Art von Feindseligkeit, die sie normalerweise beobachten konnte.

Langsam fragte sie sich, ob sie etwas verpasst hatte. Was war heute nur los?

„So", erhob Zabini seine Stimme und lenkte ihre Aufmerksamkeit von dem Blonden ab. „Longbottom und Potter, ihr werdet euch um die Beleuchtung kümmern. Daphne, Pansy, ihr seid für die Dekoration zuständig. Lovegood, Weasley und Draco, Hagrid hat uns schon einige Weihnachtsbäume hingestellt, die ordnet ihr bitte so, dass sie nicht im Weg stehen, und schmückt sie. Astoria, du und ich werden die Musik regeln. Wenn das für alle in Ordnung geht, dann können wir anfangen. Granger wird immer wieder rumgehen und bei allen anpacken, falls ihr also Fragen habt, wendet euch vorwiegend an sie."

Hermine lächelte und klatschte motiviert in die Hände. „Dann mal los!"

ooooo

Eine halbe Stunde war bereits vergangen und Ginny arbeitete daran, den zweiten Weihnachtsbaum zu schmücken. Den Ersten hatte sie schon fertig und langsam aber sicher kam sie wirklich in Weihnachtsstimmung, was ganz gut war, denn momentan hatte sie das wirklich nötig.

Über die Ferien würde sie wieder nach Hause fahren, gemeinsam mit Ron, Hermine und bedauerlicherweise auch Harry. Es würde vermutlich nicht das angenehmste Weihnachten werden, das sie je erlebt hatte, aber sie hoffte, dass er sich, eben weil Weihnachten war, etwas zusammenreißen würde und sie vielleicht, nur ganz vielleicht, auch wieder etwas Normalität in ihre momentane Beziehung bringen konnte.

Sie lächelte und beugte sich über Schachteln mit Kugeln in verschiedenen Farben. Das obligatorische Rot, dezentes Grün, aber auch mattes Gold und blasses Silber. Ginny entschied sich erst einmal für Rot und schob die Leiter, die sie bereits vorher benutzt hatte, so, dass sie genau richtig stand.

Mit vorsichtigen Schritten erklomm sie die Stufen und oben angekommen begann sie die Kugeln anzubringen. Als sie fertig war, stieg sie wieder nach unten, doch auf der letzten Stufe setzte sie ihren Fuß zu weit auf die Kante und knickte weg. Ihr kam nicht einmal ein Schrei über die Lippen, als sie, statt zu stolpern oder gar hinzufallen, gegen jemanden prallte.

Erstaunt sah sie sich um und erkannte Malfoy, der ebenso verwirrt zurückstarrte. Er hatte wohl schon eine Weile hier gestanden. „Was genau tust du da, Malfoy?" Irritiert trat sie einen Schritt zurück.

Er schüttelte den Kopf und schien augenblicklich zu seinem altem Ich zu finden, denn sein wie üblich herablassendes Grinsen erschien. Spöttisch musterte er sie. „Du solltest besser aufpassen."

„Und du solltest nicht blöd herumstehen und wie ein Schaf in der Gegend herumglotzen!", fauchte sie.

Malfoy ignorierte ihren Einwurf und legte eine Hand auf ihre Schulter. „Es fällt mir echt schwer, es dir zu sagen, aber du bist ungeschickter als eine blinde Eule. Liegt das bei euch in den Genen oder einfach nur so?"

Ginny wollte schon eine schnippische Erwiderung geben, da sah sie am Rande ihres Sichtfeldes etwas, was sie stutzen ließ. Sie packte sein Handgelenk und schob den Ärmel seines Pullovers hoch. Dieser war hochgerutscht und sie hatte einen Teil des Blutergusses sehen können, der sich auf seinem Unterarm ausgebreitet hatte. Ihr fiel auf, dass das Dunkle Mal, von dem sie wusste, dass es dort gewesen war, verschwunden war. Hörbar atmete sie ein. „Woher hast du den denn?"

Seine Miene änderte sich sofort. „Was geht dich das an?", zischte er und verdeckte die Stelle wieder.

„Entschuldige mal, ich habe doch nur-"

„Oh, hat die kleine Gryffindor sich etwa Sorgen gemacht?" Er schnaubte. „Bleib in deinem Leben und lass die Finger von meinem, Weasley!" Damit verschwand er um den Baum herum und stolzierte zur anderen Seite der Halle.

Zwischen Fassungslosigkeit und Verärgerung sah sie ihm nach. Sie hatte nur gefragt, verdammt! Das war keine große Sache, immerhin sollten sie doch zusammenarbeiten. Aber, und an dieser Stelle dominierte die Fassungslosigkeit, das hätte sie trotzdem nicht gefragt, wenn sie sich keine Sorgen gemacht hätte, das war ihr klar. Mit immer noch gemischten Gefühlen beschloss sie, ihn später noch einmal zu fragen. Gründe und Sorgen hin oder her, neugierig war sie trotzdem.

Und so schmückte sie weiter Weihnachtsbäume, konnte es sich aber nicht verkneifen, ihn wieder und wieder zwischen den Tannennadeln hindurch zu beobachten. Auch er tat schweigend seine Arbeit, doch Ginny glaubte zu erkennen, dass er sich anders verhielt, so als wäre er nicht bei der Sache. Und das weckte erneut ihre Neugierde. Besonders die Atmosphäre zwischen Harry und Malfoy, wenn sie aneinander vorbeigingen und der Gryffindor ihn, genau wie sie, immer wieder ansah, schien noch kälter, als sonst.

„Das machst du wirklich sehr gut", lobte sie plötzlich Hermine. Sie sah von der Leiter herab zu ihrer Freundin.
„Danke."

„Nein, echt, es sieht gut aus. Ich gehe noch kurz zu Zabini, dann könnt ihr gehen. Den Rest machen dann er und ich."
Die Rothaarige nickte, während sie noch den Stern auf der Spitze richtete. „Alles klar."

Wenig später entließ das Organisationspaar die Helfer tatsächlich und sich ausgelassen unterhaltend verschwanden sie aus der Halle. Ginny musste sich beeilen, um Malfoy hinterherzukommen, der zwar noch kurz mit Zabini gesprochen hatte, dann aber ebenfalls und mit schnellen Schritten gegangen war.

„Malfoy, warte!", rief sie in der Eingangshalle, als er schon die Treppen zum Kerker erreicht hatte. Sie war erleichtert, dass keiner mehr da war, der sie sehen könnte, denn die Gerüchteküche ging ihr zuweilen oft auf die Nerven.

„Was ist?", wollte er in einem kühlen Tonfall wissen.

Sie holte schnell auf und stoppte vor ihm. „Ich wollte noch einmal wegen dieses Blutergusses mit dir reden."

„Und wieso genau interessiert dich das so?"

„Vielleicht solltest du damit zur Krankenstation gehen, weißt du?"

„Oh bitte, sag mir nicht, was ich tun soll."

„Schön, ich wollte zwar nicht gleich so direkt werden, aber … woher stammt das Teil?" Prüfend kniff Ginny die Augen zusammen und sah, wie er die Hände zu Fäusten ballte.

„Geht dich immer noch nichts an." Es überraschte sie ziemlich, aber seine sonstige Ruhe und Distanz war kaum noch zu spüren.

„Ach, komm schon. Du wirst dich ja kaum gestoßen haben, oder? Hat Harry etwas damit zu tun?"

Etwas sagte ihr, dass in diesem Moment der Faden riss. Malfoy sah sie mit einem so eisigen Blick an, dass sie beinahe den Kopf eingezogen und eine Hundertachtzig-Grad-Wendung Richtung Gryffindorturm vorgenommen hätte. Wie gesagt, beinahe.

„Oh nein, dein Lover Potter hat rein gar nichts damit zu tun!", bluffte er höhnisch.

„Wie oft muss ich den Leuten bitte noch sagen, dass wir Schluss gemacht haben?" Wütend stemmte sie die Arme in die Hüften, eine Zornesfalte bildete sich nun auf ihrer Stirn.

Doch er hörte sie gar nicht. „Es wundert mich aber auch überhaupt nicht, dass er dein Freund ist – immerhin lässt du ja jeden ran!"

„Ach ja?!"

Sie wusste nicht, was sie danach getan hätte, aber das war auch gleichgültig, denn sein undefinierbarer Blick, mit dem er sie einen Augenblick bedachte, ließ sie vor Schreck innehalten. Und in der nächsten Sekunde, völlig unvorbereitet, trat er einen Schritt auf sie zu, legte seine Lippen auf ihre und küsste sie hart und fordernd. So, wie er sie küsste, spürte sie all seine Wut, sodass es schon wehtat, und seine Hände umfassten grob ihre Oberarme.

„Malfoy", schnappte sie und versuchte sich loszumachen. „Malfoy!", rief sie noch einmal verzweifelt. Dann ließ er sie abrupt los.

Klatsch!

„Spinnst du?!", schrie sie ihn an und war außerstande, irgendetwas anderes zu tun, als in sein Gesicht zu sehen, dorthin, wo ihre Hand ihm eben noch eine verpasst hatte. Sie konnte noch überhaupt nicht begreifen, was eben geschehen war, doch alles in ihr schrie, sie solle rennen. Bloß weg von ihm. Sie wirbelte herum und rannte die Stufen nach oben.

In ihrem Kopf kreisten die Gedanken wirr umher und dann waren da plötzlich die stillen Tränen, die ihr über die Haut rannen und die sie sich selbst nicht erklären konnte. Erst, als sie in ihrem Schlafsaal angekommen war, vorbei an einem erschrockenen Ron, lehnte sie sich mit rasendem Herz an die Tür und konnte wieder richtig atmen.

Was war eben passiert? Sie verstand es nicht. Genauso wenig, wie sie verstand, wieso sie weinte. Genauso wenig, wie sie ihn verstand. Das hatte sie doch aber noch nie. Wie sollte man auch einen Arsch wie ihn verstehen? Ginny wusste doch, dass er ein Arsch war – oder hatte sie das etwa nicht? Hatte sie das etwa vergessen? Hatte es etwas damit zu tun, dass er versucht hatte, sie auf dem Quidditchfeld zu retten? Und dass er sie vor Richard gerettet hatte?

Aber jetzt verhielt Malfoy sich genauso, wie er. Er war ein Arsch. Natürlich war er ein Arsch. Ein Feigling, Slytherin, Widerling, Malfoy und überhaupt, er hatte alle Beleidigungen dieser Welt auf tausend und mehr Sprachen verdient, wenn es denn mehr als tausend gab. Obwohl, wenn man Akzente dazuzählte … Was gab er sich auch das Recht dazu, seine Wut an ihr auszulassen?

Doch Ginny konnte all das nicht wirklich erfassen und in diesem Zustand wollte sie auch nicht darüber nachdenken. Wie war das alles nur so schnell passiert? Eben hatten sie sich noch wegen belanglosen Dingen gestritten und jetzt tat er so etwas. Wieso? Sie wusste nicht weiter und in den nächsten Momenten beschränkte sie sich darauf, ihren Herzschlag zu normalisieren und ihre Tränen wegzuwischen. Mehr konnte sie nicht tun.

ooooo

Was hatte er getan? Das fragte sich Draco Malfoy immer wieder, während er dem Mädchen fassungslos nachstarrte. Er hasste sie, oder? Also sollte es ihm gleichgültig sein. Was sollte dann aber diese beklemmende Kälte, die sich in ihm breitmachte und ihn wünschen ließ, er hätte seine angestaute Wut nicht an ihr ausgelassen? Er verstand es einfach nicht. Als wäre es ihm wichtig, was mit ihr geschah.

Er konnte es nicht fassen und auch, als er sich aus seiner Starre löste, langsam die Treppen hinunterstieg und durch die Kerker wanderte, ging es ihm einfach nicht aus dem Kopf. Er war völlig verwirrt. Und das war es, was ihn am meisten schockte. Diese Verwirrung und Ratlosigkeit, weil ihm einfach keine Erklärung einfiel. Ihm, dem König im Erklärungenfinden. Er dachte an den Morgen und seine Begegnung mit Potter zurück.

Draco war ziemlich früh dran, denn Madame Pince würde die Bibliothek erst punktgenau in einer Dreiviertelstunde öffnen. Trotzdem ging er, für seine Verhältnisse, ziemlich gut gelaunt in die Richtung, denn er hatte nicht schlafen können, was wohl an seiner Vorliebe für das frühe Aufstehen lag, und da er eh für die Prüfungen lernen sollte, bot es sich ihm geradezu an. Für jeden nicht lebensmüden Schüler, gleich welchen Hauses, sah er vermutlich aus, als plane er ein Attentat, denn gute Laune verhieß normalerweise nichts Gutes bei ihm.

Als er um eine Ecke bog, entdeckte er allerdings jemanden, auf den er jederzeit ein solches Delikt planen würde und es sofort erneut tat. Potter stand an einem geöffneten Fenster und betrachtete einen Brief, den er in den Händen hielt.

Dracos Grinsen wurde zu einem vorfreudigen Feixen. „Oh, Potter!", tat er überrascht und näherte sich mit federnden Schritten seinem Erzfeind. „Was hast du denn da?"

Dieser sah auf und verengte kampfbereit die Augen zu Schlitzen. „Nichts, was dich etwas angeht!", zischte er und starrte ihn wütend an.

Draco legte nachdenklich den Kopf schief. „Hm, was könnte den Goldjungen nur dazu bringen, so unfreundlich zu seinem alten Bekannten zu sein? Wir sind doch Freunde, Potter …"

Sicher nicht", antwortete der Gryffindor, halb überrascht über die Worte seines Gegenüber. Hatte Malfoy es nicht immer vorgezogen seine Beleidigungen auszusprechen und ihn zu verhöhnen, statt diese Art der Provokation? Es wunderte ihn schon sehr, dass das Frettchen plötzlich so seltsam anders war. Eigentlich hatte er auch nicht mehr viel mit ihm 'geredet', seit das neue Schuljahr begonnen hatte, doch Harry war sich sicher, dass es an einer neuen Taktik lag.

Draco hingegen musterte den Schwarzhaarigen nur gelangweilt, als dieser ihn so lange anstarrte. „Weißt du, Narbengesicht, ich befürchte, du wirst eine stärkere Brille brauchen, wenn du weiter so glotzt."

Zufrieden stellte er fest, wie Potter mit seinem Kiefer knackte. Jetzt war er also wütend. „Was willst du?", sagte er so ruhig wie möglich.

Nichts? Ich wollte mir einfach auf den Weg zur Bibliothek die Zeit vertreiben. Und inzwischen interessiert mich brennend, was in diesem hübschen Brief steht …" Schneller, als Potter hätte reagieren können, schnappte er sich das Pergament.

Und es brachte den gewünschten Effekt: Potty wurde nun wirklich wütend. „Gib das zurück, Malfoy!"

Nö-ö", flötete er und klappte den Brief auf.

Ich wiederhole mich nur ungern, aber gib das zurück!"

Draco grinste. Glaubte der ernsthaft, es interessierte ihn, was da drin stand? Der Adresse nach zu urteilen, war er eh von Weasleys Mum, und mit der hatte er nun wirklich nichts am Hut. „Du willst ihn also wirklich wiederhaben?"

Ja!", knurrte Potter.

In Ordnung." Vor Überraschung wurden die Augen des Gryffindors noch größer, doch da lächelte Draco und mit einem fast kindlich gespannten Zug um die Mundwinkel warf er den Brief aus dem Fenster, das Potter so nett geöffnet hatte.

Fassungslos sah der ihm nach. Dann packte er den Slytherin wütend am Kragen. „Okay, ich werde mich jetzt nicht dazu herablassen und so wütend werden, dass du dir wünschst, niemals gezeugt worden zu sein, aber zwei Sachen möchte ich klarstellen. Erstens, lass mich und meine Freunde in Ruhe."
„Das waren eigentlich schon zwei Dinge, Potter, und das auch nur, wenn man nicht jeden deiner Sippschaft einzeln zählt", wies Draco ihn freundlicherweise auf seinen Fehler hin.

Und zweitens", überging er ihn einfach, „wenn du Ginny auch nur berührst oder ihr sonst irgendwie zu nahe kommst, werde ich dir persönlich jede Foltermethode zeigen, die jemals verboten wurde. Sie ist eine Gryffindor, verstanden?"

Dracos Augen verengten sich zu Schlitzen. Es war ihm nicht ersichtlich, was genau ihn an Potter gerade so wütend machte – noch wütender, als sonst. „Oh Potter, bist du dir sicher, dass du die Berechtigung hast, so etwas zu verlangen? Ich glaube, momentan gehörst du nicht wirklich dazu …" Mit schleppender Stimme beobachtete Draco immer mehr, wie Potters Geduldsfaden zu reißen drohte.

Halt deinen Mund!"
„Und wenn ich", Draco grinste genießerisch, „
Ginny davon erzähle … was meinst du, wird sie wohl sagen? Lass uns kurz darüber nachdenken, ja?"

KLAPPE!", brüllte Potter, packte grob sein Handgelenk und holte aus. Draco hatte nicht damit gerechnet, doch noch überraschter war er, als sein Kontrahent die geballte Faust kurz vor seinem Gesicht stoppte. Der Atem der beiden ging schnell, auch, als Potter seine Hand sinken und von ihm abließ. Seine Augen loderten vor unterdrücktem Zorn. „Ich werde das nicht tun, ich werde mich nicht auf dein Niveau hinabbegeben", sagte er bebend. „Ich habe es dir allerdings schon einmal gesagt und ich sage es dir erneut: Halt dich von Ginny fern. Es ist mir egal, was du mit deinen Aktionen bezweckst, aber lass sie da raus."

Draco lachte auf, er klang viel gelassener, als er eigentlich war. „Na na, Potter, sei lieber netter zu mir, ich habe ihr immerhin praktisch das Leben gerettet." Potter erwiderte darauf nichts mehr, sondern verschwand um die nächste Ecke, das Echo seiner Schritte sich schnell entfernend.

Draco verzog das Gesicht, als er sich daran zurückerinnerte. Potters Griff war ziemlich fest, denn dieser war für den Bluterguss verantwortlich, den Weaslette entdeckt hatte.

Der Slytherin blieb nachdenklich stehen und starrte, mit hochkonzentriertem Gesichtsausdruck, an die Decke der Kerker. Was immer mit ihm los war, er erkannte gut, dass er Schuldgefühle hatte. Nicht wegen Potter, sondern wegen Weaslette. Was hatte er sich auch dabei gedacht, sich so gehen zu lassen?

Und da war da auch noch das seltsame Gefühl, das er verspürt hatte, als er sah, wie Richard sie berührt hatte. Natürlich erkannte er das Gefühl, doch bisher hatte er das nur erlebt, wenn sein Vater seine Mutter herumgescheucht und ihr vorgeschrieben hatte, was sie tun sollte, als wäre sie seine Bedienstete. Es war ein Beschützerinstinkt.

Mit einem wütenden Knurren verdrängte er jegliche weitere Gedanken daran und beschloss, dass es ihm ganz einfach egal war, was Weaslette jetzt dachte. Sie spielte ganz einfach keine Rolle mehr.
„Als ob sie das je hätte", schnaubte er und mit hocherhobenem Kinn ging er zurück zum Slytherin-Gemeinschaftsraum.