Alles ändert sich.
- Ovid (43 v. Chr. - 17 n. Chr)
Die Zeit ist nicht dazu da, Veränderung in einer Sekunde hervorzurufen.
- YouDontKnowHer
In den folgenden Wochen geschah nicht viel. Um genau zu sein, herrschte praktisch Funkstille zwischen Ginny und Draco, als hätten sie sich gegenseitig aus ihrem Leben gezaubert. Sie beachteten sich nicht und die anfangs noch nervösen Blicke, die sie ihm zugeworfen hatte, verschwanden nach kurzer Zeit in einen ausgeprägten Instinkt, wie sie am schnellsten die Richtung wechseln konnte, ohne auffällig zu wirken.
Begegneten sie sich auf den Gängen, gingen sie so weit entfernt aneinander vorbei, wie nur irgend möglich, und senkten die Augen zu Boden.
Kurzum, es geschah nichts. Ginny vermied es außerdem zu ihren Treffen in der Heulenden Hütte zu kommen, sie war nicht erpicht darauf, dort auf ihn zu treffen. Wenn sie also ging, denn irgendetwas musste sie ja tun, ging sie an anderen Abenden und ließ sich von Colin oder Hermine begleiten. Die beiden Einzigen, die sie inzwischen nicht mehr ständig mit Fragen löcherten, wie zum Beispiel, wieso sie neulich im Gemeinschaftsraum so aufgelöst gewesen war. Ron hingegen hatte dafür kein Verständnis und hakte so oft nach, dass sie sich langsam Sorgen darüber machte, dass über Weihnachten ihre ganze Familie davon erfahren würde.
Aber sie selbst fragte sich das alles ja auch ständig. Zu einer Lösung war sie inzwischen aber nicht gekommen, nur zu der Erkenntnis, dass sie ihm offensichtlich nicht begegnen wollte, da sie überhaupt nicht erst daran erinnert werden wollte, dass sie eine Lösung suchte.
Und Weihnachten kam dabei auch noch schneller, als sie erwartet hatte. Glücklicherweise war sie mit dem Besorgen der Geschenke schon seit einer Weile fertig, was gar nicht so einfach gewesen war, denn dieses Jahr sollten sich nicht nur die üblichen Verdächtigen, sondern alle ihre Brüder samt Fleur bei ihnen versammeln, weshalb sie sich besonders viel Mühe gegeben hatte. Offenbar war ihre Mutter so froh gewesen, dass ihre gesamte Familie nach dem Krieg noch lebte, dass sie nicht darauf warten wollte, ihre anderen Söhne im Laufe der Feiertage zu besuchen.
Aber Ginny war das ganz recht. Es würde zwar sehr chaotisch werden (soviel war sicher), doch das fand sie besser, als wenn sie nur mit Ron, Hermine, Harry und ihren Eltern feiern würde, was kurzweilig eine ungewohnte Stille in den Fuchsbau gebracht hätte. So würden sie letztlich zu zwölft sein. Und besonders auf Charlie freute sie sich, derjenige ihrer Brüder, der sie immer am besten verstanden hatte und ihr nie auf einer anderen Augenhöhe begegnete.
Und so kamen die Ferien und mit ihnen der Tag der Abreise. Ginny verabschiedete sich von Colin, Luna und Neville, die alle in Hogwarts bleiben würden. Neville würde zwar kurz an Heiligabend zu seiner Großmutter und seinen Eltern ins St. Mungos fahren, doch eigentlich blieb er die Zeit über im Schloss. Auch Colin würde bleiben, zusammen mit seinem kleinen Bruder Dennis.
„Ich schreib dir mal, ja?", meinte Colin und drückte sie kurz an sich.
„Ich dir auch, Colin. Feier schön."
„Mach ich, du auch."
„Und euch ebenfalls fröhliche Weihnachten." Ginny umarmte Luna und Neville noch einmal und machte sich auf die Suche nach einem leeren Abteil. Hermine und Ron, als Schulsprecherin und Vertrauensschüler, würden erstmal in den Gängen patrouillieren und sich ihren Aufgaben widmen, danach aber mit Harry die Zeit verbringen.
Das bedeutete wohl oder übel, dass sie sich allein beschäftigen müsste. Momentan machte ihr das aber auch nicht viel aus und so ließ sie sich in einem Abteil am Ende des Zuges nieder und vergrub sich in einem Quidditchmagazin, das Ron ihr neulich geliehen hatte.
Begleitet vom Rattern des sich in Bewegung setzenden Zuges und einem Artikel über das Halbfinale der Quidditchweltmeisterschaft fuhr sie Kings Cross entgegen, wo ihre Familie schon auf sie warten würde. Mitsamt drei Wochen, in denen sie keine Sekunde Ruhe bekommen sollte. Allerdings auf eine andere Weise, als sie es erwartet hatte.
ooooo
„Eh, Draco!"
Er wandte sich um und wartete, bis Blaise ihn eingeholt hatte. „Da bist du ja, ich hab dich schon gesucht", schnauzte er und steckte die Hände missmutig in die Hosentaschen.
Sein Freund verdrehte die Augen gen Himmel. „Sei nicht so eine Drama Queen. Ich musste Astoria einsammeln."
„Und wo hast du sie jetzt wieder gelassen?"
Blaise seufzte. „Eben war sie noch-"
„Hier!", rief Astoria Greengrass und schob sich rücksichtslos durch eine Gruppe Gryffindors. Den Weg hindurch erkämpfte sie sich mit ihren äußerst spitzen Ellenbogen, die Draco zur Genüge kannte.
„Wo warst du? Du kannst doch nicht immer einfach so verschwinden …!"
Sie grinste süßlich. „Tja, du hast halt nicht auf mein Rufen reagiert, als dieser Typ meinen Frosch mitgenommen hat, weil er ihn mit seinem verwechselt hat – selbst schuld. Du bist echt ein Grobian, nicht wahr, Grobian?" Zufrieden sah sie in das hohe, mit einem Holzdeckel verschlossene Glas, in dem ein grüner Frosch schläfrig vor sich hin dümpelte.
„Du nennst ihn also immer noch nach Blaise, ja?", sagte Draco desinteressiert und sah nach dem Zug, in den schon die meisten Schüler eingestiegen waren. Ihre Antwort hörte er nicht mehr, da er in dem Moment Weaslette entdeckte. Sie verabschiedete sich gerade von diesem Paparazzo von einem Gryffindor – unwichtige Namen entfielen Draco einfach immer wieder. Abwesend beobachtete er, wie sie im Zug verschwand und ihren Freunden vorher noch einmal zuwinkte.
„Draco! Draco, komm schon!" Astoria und Blaise hatten sich offenbar schon auf den Weg machen wollen, doch als er ihnen nicht gefolgt war, waren sie stehen geblieben.
Er setzte seinen teilnahmslosesten Blick auf und folgte dem zankenden Nicht-Paar, das immer noch darüber diskutierte, ob Blaise sie verklagen konnte, weil sie ihren Frosch Grobian getauft hatte. Draco interessierte das Ganze schon lange nicht mehr und so fiel es ihm ziemlich leicht, abzuschalten. Er würde die beiden über die Ferien eh nicht sehen, denn Blaise und sie würden zusammen mit Blaise' Mutter und ihrem momentanen Mann zu seiner Familie in Spanien fahren, nachdem Astorias Eltern sie wieder einmal über Weihnachten allein ließen.
Ihre Eltern waren Auroren und häufig auf Einsätzen, weshalb Astoria praktisch alle Ferien ihres Lebens mit Blaise verbrachte. In Wirklichkeit aber viel mehr, weil die beiden sich schon von Kindesbeinen an kannten – und sie beteuerten trotzdem keinerlei Interesse aneinander zu haben, was der größte Unsinn war, den er sich je hatte anhören müssen.
Draco ließ sich mit einem Seufzer in einen Sitz des Abteils sinken, das Astoria und Blaise schließlich unter weiteren Zankereien ausgesucht hatten. Das war dann auch das Letzte, was er von ihren Gesprächen mitbekam, denn er blendete sie voll und ganz aus. Eine der vielen guten Dinge daran, dass er ein Malfoy war.
ooooo
Die Abreise von Hogwarts war bereits einige Tage her und es waren nur noch zwei weitere bis Weihnachten. Draco trat aus einem teuren Juwelier und schlüpfte in seinen Mantel, den ihm ein unterwürfiger Angestellter angereicht hatte. Er nickte ihm gelangweilt zu und entließ ihn somit seiner Pflicht, dem Malfoy-Erben weiterhin Kratzfüße zu machen. Erleichtert verschwand er.
Wenigstens das hatte seine Familie im Krieg nicht eingebüßt: den allgemeinen Respekt. Obwohl man es sicher auch Angst nennen könnte. Kein Wunder, immerhin würde sein Vater noch jahrelang im Gefängnis sitzen. Draco und seine Mutter waren noch davongekommen, nachdem selbst Potter bei dem Prozess für sie ausgesagt hatte, was er vermutlich inzwischen bereute, getan zu haben. Sein Vater jedoch nicht.
Draco rückte seinen Schal zurecht und drehte sich nicht mehr um, stattdessen betrat er schnellen Schrittes die Hauptstraße. Er wollte so bald wie möglich weg von den sich einschmeichelnden Leuten, die ihn in der Lentless Road, einer luxuriösen Einkaufsstraße im Zaubererteil Londons, geradezu verfolgten. Doch da der Juwelier, den er gerade verlassen hatte, das Lieblingsgeschäft seiner Mutter war und sie fast all ihren Schmuck dort kaufte, hatte Draco sich, trotz seiner Abneigung gegen die Straße, hinbegeben.
Er sah auf die Uhr. Es war Viertel nach acht. Die Hauselfen warteten vermutlich schon mit dem Abendessen auf seine Rückkehr, doch er hetzte sich nicht. Weil seine Mutter dieses Weihnachten geschäftlich in Irland zu tun hatte, aufgrund der Beziehungen, die sie dort aufrichten und wieder festigen wollte, gab es dazu auch keinerlei Grund.
Draco bog in eine Nebenstraße ein und ging in einen Laden für Zaubertrankzutaten. Als er erneut auf die Straße kam, war es noch dunkler geworden. Kaum erkennbare Wolken zogen über den düsteren Himmel und die Straßenlaterne, die bis eben noch geleuchtet hatte, war erloschen. Bei genauerem Hinsehen erkannte er, dass sie zerschlagen worden war, vielleicht von einem geworfenen Stein.
Irritiert runzelte er die Stirn und apparierte zum Manor. Das hieß, er wollte es, doch aus irgendwelchen Gründen stand er immer noch an der gleichen Stelle, wie zuvor. Er versuchte es wieder, doch es funktionierte nicht.
„Lumos", sagte er leise und sah sich um. Er war nicht naiv oder dumm, er hatte in einem Krieg gekämpft. Und das auf der Seite der Bösen, bei denen nicht einmal untereinander Vertrauen existierte. Er erkannte, wenn jemand einen Apparier-Schutzzauber angewandt hatte. Mit gebieterischem Blick sagte er: „Zeigen Sie sich."
Als hätte man nur darauf gewartet, stieß sich ein stämmiger, hochgewachsener Mann von einer Wand im Schatten ab, wo er bis eben scheinbar gelehnt hatte. Draco wandte sich ihm mit misstrauischer Miene zu.
„Malfoy", sagte sein Gegenüber mit tiefer, leicht verzerrter Stimme.
„Richtig geraten. Was wollen Sie?"
Der Fremde grinste und entblößte seine weißen Zähne. „Nicht viel."
Damit, bevor Draco auch nur den Hauch einer Chance gehabt hätte, trafen ihn gleichzeitig zwei Zauber in den Rücken. Dem des Mannes hatte er locker ausweichen können, doch den beiden Zaubern der zwei Frauen aus dem Hinterhalt nicht.
Draco fiel zu Boden und landete hart vornüber auf dem kalten Stein der Straße, sein Gesicht auf dem Asphalt. Ein unbändiger Schmerz schoss ihm dort, wo der eine Zauber ihn getroffen hatte, im Rücken hinauf. Der andere Zauber musste allerdings eine Ganzkörperklammer gewesen sein, denn sonst hätte er sicher nicht so ruhig dagelegen. Seinen Zauberstab hatte er allerdings noch fest mit der Hand umschlossen. Das könnte vielleicht, wer auch immer diese Gestalten waren, seine Chance sein … Er musste jetzt nur einen kühlen Kopf bewahren.
Eine von den Frauen kam nun näher und beugte sich über ihn. „Er ist es, definitiv."
„Hast du daran gezweifelt?", fragte die andere.
„Hm, kaum."
Der Mann schnaubte. „Wir verschwinden lieber, bevor der alte Mann im Laden noch was mitkriegt …" Er sah zu dem Geschäft, in dem Draco eben erst seine Einkäufe erledigt hatte. Mit einem leisen Murmeln hob er den Zauber auf, der das Apparieren verhinderte.
Draco biss die Zähne zusammen, um sich von seinem Rücken abzulenken. Dann nahm er all seine Kraft zusammen, löste den Petrificus Totalus und apparierte. Die drei Personen verschwammen vor seinen Augen und alles verschwand in einem Wirbel aus Dunkelheit. Ihm wurde schwarz vor Augen.
ooooo
Zuerst konnte Ginny die gedämpften Stimmen nicht zuordnen, doch als sie die Augen aufschlug, fiel ihr wieder ein, wo sie war. Sie lag in ihrem Zimmer ganz oben unter dem Dach, das sie sich für die Ferien mit Hermine teilte.
Die anderen und ihre Mitbewohnerin schienen schon aufgestanden zu sein, denn die Stimmen, die sie geweckt hatten, kamen von unten und sie erkannte sie als die lauten ihrer Brüder. Sie gähnte und schälte sich schlaftrunken aus den Laken. Als ihr Blick auf ihren Wecker fiel, stöhnte sie auf. Es war gerade mal sechs Uhr, wieso machten ihre Brüder nur so einen Krach? Normalerweise waren ihre Mutter und die Mädchen die Ersten, bis Ron und Harry zuletzt aufstanden.
Ohne sich erst fertig zu machen, stapfte sie die Treppen hinunter ins Erdgeschoss. Überraschenderweise waren dort fast alle versammelt, bis auf Ron, Harry und Percy, und genau wie sie trugen sie Schlafanzüge.
In dem Moment stürmte ihre Mutter aus dem Hausflur. „Hierher, tragt ihn zum Sofa!", dirigierte sie Charlie und Bill, die nach ihr, gemeinsam mit Hermine, hereinkamen.
Zwischen sich trugen sie eine Person – Charlie hielt seine Füße, Bill hatte ihn unter den Achseln gepackt. Die anderen machten ihnen hektisch Platz und auch Ginny wich zurück, als sie plötzlich das Gesicht der Person erkannte. Draco Malfoy. Ganz blass, noch sehr viel blasser, als sonst, und mit blauen Lippen, als käme er direkt aus einem Eisklotz. An seiner Stirn rann ein Rinnsal Blut hinab und sein dunkler Mantel war dreckig und feucht.
„Was ist denn los?", fragte sie. Fassungslos beobachtete sie Hermine und ihre Mutter, wie sie den inzwischen auf dem Sofa abgelegten Malfoy untersuchten.
„Mum hat ihn eben vor der Haustür gefunden", murmelte ihr Charlie zu, der vor den beiden Frauen bei dem halb Erfrorenen zurückgewichen war.
„Wie konnte das passieren? Wie kommt er hierher?", flüsterte sie aufgewühlt.
„Keine Ahnung." Charlie kratze sich ratlos im Nacken und zuckte die Schultern. „Du bist doch eigentlich die, die etwas wissen sollte, oder? Immerhin hast du mit ihm am meisten Zeit von uns verbracht."
„Woher weißt du das denn nun schon wieder?"
Ihr Bruder lächelte sie schief an. „Ron redet viel, wenn er den Mund mal nicht voll hat."
„Ginny!", rief ihre Mutter und riss sie aus ihren wirren Gedanken. „Hol mir ein paar Handtücher. Fred, George, ihr bringt mir einen Eimer mit warmem Wasser. Und ihr anderen verschwindet gefälligst, wir brauchen Platz!"
Ginny blinzelte kurz, dann erwachte sie aus ihrer Starre und beeilte sich, nach oben zu gehen und das Gewünschte schnellstmöglich zu holen. Als sie zurückkam, war das eh schon völlig voll gestellte Wohnzimmer um einige Personen leerer, denn ihr Vater, Bill, Charlie, Fleur und die Zwillinge schienen sich in ihre Zimmer zurückgezogen zu haben.
Sie reichte Hermine die Handtücher, die diese in den Eimer tauchte und damit das Blut an seiner Stirn abwischte, wo sich eine Platzwunde auftat. Ihr fiel außerdem auf, dass sein Gesicht seltsam schmutzig war, als hätte er im Dreck gelegen. Als sich ihre Mutter an dem Mantel des Malfoys zu schaffen machte, fragte Ginny: „Was tust du da?"
„Er hat eine Wunde am Rücken, nicht schon schlimm genug, dass er total durchgefroren ist. Er hat den ganzen Schnee draußen vollgeblutet, der arme Junge …" Mit geschickten Handgriffen öffnete ihre Mutter die Knöpfe seines Mantels und Hermine half ihr, den Malfoy aufzusetzen, um ihm den Mantel auszuziehen. Ginny war ziemlich geschockt, als sie sein weißes Hemd sah, dessen Rückseite mit rotem Blut durchdrängt war.
Als Hermine das sah, zögerte sie nicht und zückte ihren Zauberstab. Mit einem Schnippen eben jenes schlitzte sie den Stoff auf und entledigte ihn auch davon. Ginny erstarrte. Sie hatte zu oft Blut gesehen, um zimperlich zu sein, aber der tiefe Schnitt, der sich quer von seinen Schultern seine Wirbelsäule entlangzog, war dann doch nicht leicht wegzustecken.
„Hilf mir, ihn auf den Bauch zu legen", meinte Molly sachlich und schaffte es mit Hermines Hilfe ihn hinzulegen.
„Das ist kein besonderer Zauber", sagte Hermine erleichtert und Ginnys Mutter nickte.
„Nein, das wird kein Problem." Sie hob ihren Zauberstab und begann leise Zauberformeln vor sich hin zu murmeln. Sofort sah man, wie er wieder ein bisschen Farbe bekam, obwohl er weiterhin zu blass war. Auch die Wunde an seinem Rücken schloss sich nur sukzessive, bis ein feiner Riss und das Blut als Einziges zurückblieben.
Molly erhob sich erschöpft. „Wir sollten ihn nach oben bringen, dann können wir uns um den Rest kümmern. Nehmt erst einmal ein paar Decken, damit er nicht weiterhin friert, ich besorge etwas zu Essen." Geschäftig verließ sie den Raum.
Ginny näherte sich mit langsamen Schritten Hermine, die die Handtücher zur Seite räumte. Ihre Freundin sah zu ihr auf. „Hilfst du mir?"
Sie nickte, noch immer fühlte sie sich überrumpelt und ganz durcheinander. Wie war Draco Malfoy noch gleich in ihr Haus gekommen? Aber Ginny ließ sich nichts anmerken und half der ebenfalls noch unter Strom stehenden Hermine, ihn mit Decken zu wärmen. Nachdenklich sah sie ihm ins Gesicht, als plötzlich seine Augen sich leicht öffneten.
Mit flatternden Lidern sah er zu ihr hoch, Stahlgrau traf auf Braun. „Malfoy!", sagte sie erschrocken.
„Weaslette …", brachte er mit rauer Stimme hervor, bevor seine Atemzüge ruhiger wurden und er wieder das Bewusstsein verlor.
Hermine hatte davon nichts bemerkt, denn sie war still vor sich hin grübelnd in der Küche verschwunden und hatte die beiden allein gelassen. Das verräterische Pfeifen der Teekanne sagte ihr, dass sie Tee aufgesetzt hatte.
Etwas ratlos stand Ginny neben dem Sofa und beobachtete weiterhin Malfoy, wie er schlief. Er wirkte viel harmloser und entspannter, das Einzige, was eine andere Geschichte erzählte, war sein unruhiger, fast nervöser Gesichtsausdruck, als hätte er einen Albtraum.
In dem Augenblick kam ihre Mutter wieder herein, erneut Bill und Charlie im Schlepptau. „Bringt ihn bitte nach oben", sagte sie und sah ihren Söhnen nach, als sie den Blonden hochtrugen. Den Moment suchten Harry und Ron aus, um nach unten zu kommen. Verblüfft blieben sie auf der Treppe stehen.
„War das Malfoy?!", platzte Ron heraus, als sie weg waren.
„Ja", meinte seine Mutter erschöpft.
Ron lief puterrot im Gesicht an und ballte die Hände zu Fäusten. „Was hat der in unserem Haus zu suchen?!"
Obwohl Ginny sich vor nicht mal fünf Minuten dasselbe gefragt hatte, machte der gehässige und unversöhnliche Unterton in seiner Frage sie wütend – auch, wenn sie selbst Malfoy am liebsten vor die Tür gesetzt und ihm nachträglich für diesen bescheuerten Kuss eine Ohrfeige verpasst hätte. Bevor sie allerdings etwas sagen konnte, baute Molly sich vor ihrem Sohn und Harry auf, der bisher nur mit gerunzelter Stirn und unbeweglicher Miene geschwiegen hatte.
„Ronald Weasley, er ist verletzt und deshalb habe ich beschlossen, ihm zu helfen, bis er uns sagen kann, was passiert ist. Also halte dich bitte zurück und verhalte dich deinem Alter angemessen, statt dich zu beschweren!", sagte sie mit ebenso zorniger Miene. „Ginny, ich wäre dir dankbar, wenn du mir jetzt mit dem Frühstück helfen würdest, sonst werde ich wohl nicht rechtzeitig fertig."
Damit stapfte sie in den Küchenbereich und Ginny hatte keine andere Wahl, als ihr zu folgen.
ooooo
„Das hier bringst du ihm bitte, ja?" Molly drückte ihr ein Tablett mit köstlich duftenden Scheiben Brot, gekochten Eiern und einem Schälchen mit Marmelade in die Arme. „Wenn er wach ist, sag mir Bescheid, sonst stell es ihm einfach hin und komm zum Frühstück. Ich bin gleich so weit."
Zweifelnd sah Ginny auf das Tablett. Es widerstrebte ihr eigentlich sehr, diesem arroganten Slytherin irgendetwas zu bringen, nachdem sie sich jetzt halbwegs an den Gedanken gewöhnt hatte, dass er verletzt in ihrem Zuhause lag und schlief.
„Er wird eh nicht so schnell aufwachen, Mum."
„Ginny …"
„Aber-", setzte sie an, doch unterbrach sich selbst, als sie den Blick sah, der nur dazu geboren zu sein schien, ihr ein schlechtes Gewissen zu machen. Seufzend resignierte sie und ging die Treppe hoch. Dort kam sie an Charlie vorbei, der aus dem Schlafzimmer ihrer Eltern kam.
„Gibt es Frühstück für Malfoy?"
„Ja, bedauerlicherweise. Ist er wieder wach?"
„Nein, noch nicht."
Hatte sie ja gesagt.
Mit einem Gähnen schlurfte ihr Bruder in die Wohnküche, während Ginny nach kurzem Zögern den Raum betrat, in dem Malfoy lag. Das Doppelbett ihrer Eltern war so groß, dass Malfoy in der Mitte lag und sich vermutlich zweimal hätte klonen können, ohne Platzprobleme zu bekommen. Jetzt allerdings war so etwas wie Klonen schon mal überhaupt nicht möglich, denn er schlief seelenruhig. Was sie ihm zugutehalten sollte: er schnarchte kein bisschen, im Gegensatz zu ihren gesamten Brüdern.
Wie auf Zehenspitzen näherte sie sich dem Bett und stellte das Tablett auf die Kommode am Fußende. Der Boden knarrte. 'Bitte, bitte, lass ihn jetzt nicht aufgewacht sein', dachte sie flehentlich, doch als sie den Blick hob, schlief er immer noch.
Ohne es wirklich zu merken, kam sie näher. Es war seltsam ihn nach Wochen wiederzusehen. Auch noch in dieser vertrauten Umgebung, in ihrem Zuhause. Aber irgendwie wirkte er … friedlich, jetzt, wo seine Wunde behandelt worden war.
Beim genaueren Betrachten merkte sie plötzlich, dass seine Gesichtszüge so noch viel schöner waren. Das blonde Haar fiel ihm locker in die Stirn, es war etwas zu lang geworden. Sie konnte ihn sich gut auf einem Gemälde oder als Statue vorstellen, ohne, dass die Künstler irgendeinen Makel hätten verstecken müssen. Es war wohl eine einfache Tatsache, aber es wunderte sie, dass es ihr erst jetzt auffiel. Draco Malfoy war wunderschön.
Oh Gott, was dachte sie da eigentlich? Abrupt machte sie kehrt und verließ praktisch fluchtartig den Raum.
In der Küche hatten sich wieder alle um den Tisch versammelt und schaufelten sich eifrig Essen auf ihre Teller. Ginny ließ sich auf ihren Platz fallen, wirklichen Appetit verspürte sie allerdings nicht.
„Alles okay? Du bist so rot", informierte Percy sie skeptisch.
Ach, war sie das? War ja auch etwas heiß hier drin …
'Ginny, es sind Minustemperaturen …'
'Ach, halt die Klappe!'
„Ja klar. Alles okay."
„Also … was machen wir jetzt mit Malfoy?", fragte George unbekümmert, der seinen Toast noch nicht ganz zu Ende gekaut hatte.
Ron und Harry sahen auf, beide mit finsteren Mienen. Arthur lehnte sich in seinem Stuhl zurück und seufzte. Er sah zu seiner Frau. „Ich denke, wir müssen abwarten, bis er aufwacht und uns sagen kann, was geschehen ist. Dann werden wir weitersehen."
Molly nickte zustimmend. „Ganz recht, Arthur."
„Dann bleibt dieses Frettchen hier?!", fragte Ron fassungslos, fast angewidert, meldete sich aber nicht mehr zu Wort, als seine Mutter und Hermine ihm einen verärgerten Blick zuwarfen.
„Und wo soll er unterkommen? Er kann ja wohl kaum die ganze Zeit in eurem Schlafzimmer bleiben", meinte Bill sachlich. Die Familie überlegte.
„Zu mir kommt er nicht", grummelte Ron.
„Er könnte einfach auf der Couch bleiben", warf Charlie ein.
„Oder wir stecken ihn zum Ghul …"
Alle starrten Ron an. „Das ist …" „... gar keine schlechte Idee", beendete Fred den Satz seines Zwillings.
„Ihr wollt ihn beim Ghul wohnen lassen?", fragte Ginny perplex.
„Ja … wieso nicht? Er ist zahm und tut keiner Fliege etwas", grübelte Molly. „Oben ist eh genug Platz – es wundert mich, dass wir das Zimmer vorher nie entrümpelt haben. Jungs!" Sie klatschte in die Hände und sah ihre Söhne einen nach dem anderen an. „Heute wird aufgeräumt!"
Darauf folgte ein so einstimmiges Gestöhne und Gemaule, das es bei den Weasleys auf diese Art vorher noch nie gegeben hatte.
