"It is an old maxim of mine that when you have excluded the impossible, whatever remains, however improbable, must be the truth."

- „Sherlock Holmes" in „The Adventure of the Beryl Coronet" von Sir Arthur Conan Doyle (1859-1930)

Am Abend war die Dachkammer über dem zweiten Stock so sauber, wie nie zuvor. Der Ghul hatte sich schon vor Stunden, jammernd über die ungewohnte Sauberkeit, in eine Ecke verzogen, während Molly glücklich mit Staubwedel in der einen und Putzlappen in der anderen Hand ihr Werk betrachtete.

„Das hätten wir schon vor langer Zeit einmal machen sollen!", sagte sie begeistert.

Charlie, Bill, Percy, Fred, George, Ron, Harry und Arthur standen als erschöpfter Haufen daneben und fragten sich vermutlich gerade, wieso sie dabei so viel Enthusiasmus zeigen konnte. Ginny erinnerte sich auch nicht mehr, wann sie zuletzt so viel geputzt, aufgeräumt und Haushaltszauber angewandt hatte – die sie eigentlich überhaupt nicht beherrschte.

Fleur und Hermine hingegen waren genauso erbaut wie Molly, da sie geradezu Meisterinnen im Putzen zu sein schienen.

„Essen ist fertisch!", rief Fleur von unten, wobei sie ihren französischen Akzent nicht ganz verwerfen konnte. Sie war schon einige Zeit vorher verschwunden, um sich um das Abendessen zu kümmern – kein Wunder, dass sie an dem Ganzen nichts Negatives sah.

Ginny seufzte und lief ihren Brüdern nach. Das Abendessen bekam sie gar nicht mehr richtig mit, so müde war sie, und das nicht nur, weil der Schlaf ihr in der Nacht fast völlig abhanden gekommen war. Später, als sie im Bett lag – sie und Hermine teilten sich Ginnys Bett –, waren sie beide noch wach.

„Ist doch seltsam, oder?", kam es kurz darauf von der Älteren. „Malfoy hier zu haben, meine ich. Was hältst du davon?"

Ginny stöhnte. „Muss das sein, Hermine? Ich bin hundemüde." Normalerweise war es ja sie, die Hermine wachhielt, doch dieses Mal war es wohl andersherum. Grummelnd rollte sie sich auf die andere Seite und wandte so ihr Gesicht von der Gryffindor ab.

Decken und Kissen raschelten, als diese sich neben ihr aufrichtete und auf sie hinabsah. „Nun, immerhin hat er dir ja offensichtlich versucht zu helfen, als man dich umbringen wollte. Ich finde, das ist schon mal etwas. Früher hätte er einen Freudentanz aufgeführt und jetzt … Das macht mich neugierig. Ob er sich wohl verändert hat? Mich persönlich würde es jedenfalls nicht stören, wenn er anfangen würde, sich zu bessern. "
Ohne zu zögern schüttelte Ginny entschieden den Kopf. „Er ist der gleiche Arsch. Aber das solltest du doch am besten wissen."

„Wie meinst du das?"

„Dich hat er immer am meisten … tyrannisiert", meinte Ginny vorsichtig und setzte sich ebenfalls auf.

Hermine ließ ein Seufzen hören. „Der Krieg hat uns alle beeinflusst, selbst Malfoy kann ich da nicht ausschließen. Was du sagst ist nicht unwahr, ich werde ihn vermutlich nie ins Herz schließen. Aber es herrscht Frieden, oder? Vielleicht ist es Zeit, dass man noch einmal von vorne beginnt, wie McGonagall an uns appelliert hat. Ich habe einfach so ein Gefühl, weißt du?"

„Mhm", murmelte die Rothaarige, während sie sich alles, was seit dem Schuljahresbeginn geschehen war, nochmal in Erinnerung rief.

Es stimmte schon, wenn sie daran zurückdachte, wie er die Wette mit ihr eingegangen war oder sie geneckt und beschützt hatte, dann … Aber allein sein Verhalten nach, was immer mit Harry gewesen war, sagte ihr deutlich, dass das noch lange nicht hieß, dass er sich zum Guten verändert hatte. Wie könnte er auch nur annähernd gut sein?

Nein, sie würde nicht weiter auf ihn hereinfallen. Wen kümmerte auch schon Draco Malfoy?

ooooo

Ginny gähnte und blinzelte verwirrt. Es war noch dunkel und das leise Atmen Hermines ertönte regelmäßig neben ihr. Es war noch dunkel draußen und sie konnte die Sterne von ihrem Bett aus durch das Fenster erkennen, wie sie leuchteten und auf den Sonnenaufgang warteten. Die Uhr neben ihr zeigte erst zwei an.

Merlin, sie musste auf die Toilette. Auch das noch. Reichte es nicht, dass sie nicht schlafen konnte? Unwillig und leise, sodass sie Hermine nicht weckte, stand sie auf und schlich lautlos ins Bad. Kurz darauf trat sie wieder auf den Flur und wollte schon wieder nach oben gehen, als sie ein komisches Geräusch, gefolgt von einem wüsten Fluch hörte, der an dieser Stelle wohl besser unerwähnt blieb.

Mit einer bösen Vorahnung blickte sie nach oben zu der Dachluke, wo ihre Brüder Malfoy hin verschleppt hatten. Offenbar war er jetzt wach – hätte er nicht so eindeutig menschlich geflucht, hätte sie einfach weitergehen und den Ghul für das Geräusch verantwortlich machen können.

„Shit", murmelte sie und wusste sofort, dass ihr Gewissen es ihr nicht erlaubte, jetzt einfach wieder in ihr Zimmer zu gehen. Am liebsten hätte sie ihn einfach ignoriert. Sollte er doch dort versauern, bis er zu seiner hochheiligen, reinblütigen Asche wurde. Aber das würden ihre Mutter und ihre Moral ihr nie durchgehen lassen.

Sie zückte ihren Zauberstab und flüsterte nur, um keinen ihrer Brüder zu wecken, den Zauber. Die übrigens auf diesem Stockwerk des windschiefen Gebäudes durch ihr fast einheitliches Schnarchen ihre Zimmer deutlich kennzeichneten. Wie Bill und Fleur bei dem Krach über und ihre Eltern unter ihnen schlafen konnten, war ihr schleierhaft. Sie und Hermine befanden sich zum Glück ganz oben, unter dem zweiten Dachboden mit der angrenzenden Dachterrasse, von der sie und ihre Geschwister nicht selten auf das Dach gelaufen waren, als sie noch klein waren – Fred und George machten das natürlich weiterhin.

Ein Dachspaziergang ist gut für die Entspannung des Gehirns", erinnerte sich Ginny an die Worte ihrer Brüder, als sie mit einem Zauber die Dachluke öffnete und die Leiter herunterkommen ließ.

Mit einem letzten, schweren Seufzen kletterte sie nach oben und spähte vorsichtig über den Rand der Luke. „Ähm, Mal-" Weiter kam sie nicht, denn ein Schlag traf sie direkt auf den Kopf. Ginny fluchte unterdrückt und krallte sich haltsuchend an der Leiter fest. „Spinnst du?!", zischte sie, als sie Malfoy erkannte, der mit misstrauischem Blick und einem Baseballschläger in der Hand vor ihr kniete. „Was sollte das?!"

„Ah, Weasley, ich hatte schon gewartet", sagte er nur lakonisch.

„Worauf, Mistkerl?", knurrte sie, sich selbst vor einem Wutausbruch zügelnd, und rieb sich die Stelle, wo er sie getroffen hatte. Ihr Vater hätte lieber nicht nur den Zauberstab des Slytherin behalten, sondern gleich den Dachboden von allen erdenklichen Waffen befreien sollen … Wieso nochmal war sie hier hochgekommen?

„Darauf, dass ich abgeholt werde. Genau mit dir hatte ich als meine persönliche Höllenwächterin zwar nicht gerechnet – und dass hier dieser komische Stock herumliegen würde übrigens ebenfalls nicht", er deutete nachdenklich auf den Schläger, „aber das ist besser als von Lord Voldemort in die düsteren Gefilde der Schuld geleitet zu werden."

Ginny starrte ihn fassungslos an. „Wo glaubst du, dass du bist?"
„Na, wo wohl? In der Hölle. Im Abgrund? In der Unterwelt? Du bist doch die Erscheinung, die mir jetzt erklären sollte, was mit mir und meinem attraktiven Selbst passieren wird …" Er runzelte die Stirn.

„Malfoy, so seelisch es mich auch schmerzt, aber du bist nicht tot. Jedenfalls noch nicht." Genervt stieg sie die letzten Stufen hoch und hievte sich aus der Luke.

„Oh. Und weshalb bin ich dann auf dieser Müllhalde?"

Ginny klappte den Mund auf, bevor sie sich dazu zwang, ihn wieder zu schließen. „Okay, kurze Ansage", sagte sie schließlich beherrscht und stemmte die Hände in die Hüften, was sicher besser ausgesehen hätte, wenn sie dabei nicht noch sitzen würde. „Du bist weder tot, noch auf einer 'Müllhalde', wie du es so nett umschrieben hast. Du bist bei mir Zuhause, weil du uns aus irgendwelchen Gründen dein blutendes, verletztes Ich angedreht hast. Glaub mir, wäre meine Mutter keine fürsorgliche Moralpredigerin, wärst du schon längst im Schnee vor unser Haustür erfroren und jetzt an dem Ort, an dem du glaubtest zu sein."

Malfoy blinzelte, blieb aber erstaunlich gelassen. „Bist du dir ganz sicher, dass ich zu euch appariert bin? Irgendwie bezweifle ich das ..." Er sah sich in dem dunklen Zimmer um. Offenbar hatte er den Lichtschalter noch nicht gefunden, denn beispielsweise eine kleine Schachtel war mehrere Meter von ihrem vorigen Standort abgerückt, welchen sie genau kannte, da sie sie vor wenigen Stunden noch selbst dort platziert hatte.

„Denkst du echt, wir hätten dich irgendwie dazu gezwungen bei uns unterzukommen? Glaub mir, du bist der Einzige, der uns – sprich Mum – dazu bewogen hat. Ich weiß ja nicht einmal, was mit dir passiert ist."
Malfoy wurde schlagartig ernst und sein Gesichtsausdruck nachdenklich. „Ich … wurde angegriffen."

„Was? Von wem?"

„Von irgendwelchen komischen Typen, einem Mann und zwei Frauen. Alle noch nicht besonders alt, keine Profis. Sonst hätten die mir den Zauberstab sicherlich abgenommen und mich nicht nur mit dieser Ganzkörperklammer-"
„Warte, warte, warte!", sagte Ginny und fuchtelte wild mit ihren Händen durch die Luft. „Fang bitte am Anfang an, sonst kapiere ich gar nichts."

„Wenn es sein muss."

Und so erzählte Malfoy Ginny auf dem Dachboden, was geschehen war. Sie fühlte sich dabei fast so, wie das kleine Kind, das sie gewesen war, als sie sich hier von Fred und George gruselige Geschichten erzählen ließ, nur, dass die beiden sie damals immer wieder zum Weinen oder Lachen gebracht und ungeschickt mit einer alten Taschenlampe ihres Vaters herumhantiert hatten. Während allerdings Malfoy erzählte, fühlte sie rein gar nichts; er sprach mit einer tonlosen, sachlichen Stimme. Wäre sie dabei gewesen, hätte sie mitbekommen, dass er ihr einiges verschwieg.

Doch Draco hatte nicht das Gefühl, dass sie davon wissen musste, wie einfach diese Typen ihn hatten überrumpeln können oder wie schmerzhaft der Fluch dieser Frau gewesen war. Das war schon erniedrigend genug. Besonders die Tatsachen, dass er sich nicht nur nicht hatte wehren können, sondern dabei auch noch gelähmt wie ein Fünftklässler im Verteidigungsunterricht auf der Nase gelegen hatte. Was vor ihrem Wiedersehen geschehen war sprach allerdings keiner an und darüber waren beide froh.

„Dann weißt du also nicht, was oder wohin sie mit dir wollten?"

„Nein", erwiderte Malfoy. „Aber sie haben mich nicht sofort getötet, als sie die Gelegenheit hatten, und einen Anführer konnte ich auch nicht unter ihnen erkennen."

„Wie meinst du das?"

Ihre Verwunderung erstaunte ihn offensichtlich, denn er zog kritisch eine Augebraue hoch. „Ich war auf der Seite der Bösen, schon vergessen? Das ist keine liebenswerte Friedensgemeinschaft, bei denen alle zusammen, Hand in Hand, ihre Entscheidungen treffen. Es gibt immer einen, der die Fäden zieht, mag es davon mehrere geben oder nur einen, bei jemandem laufen alle Fäden zusammen."

„Oh …", machte sie betroffen und knetete nervös ihre Hände in ihrem Schoß. Sie hatte doch tatsächlich vergessen, wen sie hier vor sich hatte – wieso passierte ihr das mit ihm ständig? Das hieß, es war ihr ständig passiert, bevor er sie daran erinnert hatte, wer er war. Und es nun erneut getan hatte. Müsste sie es nicht besser wissen?

Ginny schüttelte die Gedanken ab, besonders den, der sie am liebsten sofort aus dem Raum manövriert hätte. Sie lehnte sich zurück, in dem Bedürfnis, mehr Abstand zwischen sie zu bringen, und richtete ihren Blick auf ihn. „Aber wieso bist du danach zu uns appariert?"

Sie beobachtete ihn zwar genau, doch nur Draco selbst wusste, wie er sich fühlte. Innerlich erstarrte er in diesem Moment, während er sich äußerlich sofort hinter seiner üblichen, abwehrenden Fassade verbarg. „Das war wohl purer Zufall", sagte er kühl, bevor er genau überlegen konnte, denn eigentlich kannte er selbst nicht einmal die Antwort.

Wieso er jetzt hier war und nicht bei Blaise, seiner Mutter, Astoria oder … nun ja, mehr blieb ja auch nicht wirklich. Er wusste es nicht. Wieso war er dann aber stattdessen, nein, ausgerechnet hier gelandet?

Ginny währenddessen kaute mit gemischten Gefühlen auf ihrer Unterlippe herum. Hoffentlich sah er das nicht in der Dunkelheit. Vermutlich hätte er dann den nächsten, hämischen Spruch losgelassen.

Sie schwankte aber wirklich zwischen Verwirrung und Wut – Wut auf ihn, weil er ihr eine so offensichtliche Lüge vorgehalten hatte. „Es gibt beim Apparieren keine Zufälle, das macht es ja gleichzeitig so gefährlich und so sicher. Haltet euch an die goldene Dreierregel und es kann nichts passieren", hatte der Apparierlehrer ihnen mitgeteilt, als sie es letztes Jahr erlernt hatte.

„Ich gehe jetzt", platzte es aus ihr heraus. „Warte hier oder mach was du willst. Meine Familie steht erst in ein paar Stunden auf, also bleib einfach, verhalt dich leise und … bleib. Und der Ghul tut nichts, der ist harmlos."

Sie hielt es einfach nicht mehr in seiner Nähe aus. Der Drang zu gehen war noch größer als eben, bestärkt durch ihre aufkeimende Wut. Ohne eine Antwort abzuwarten, sprang sie die Leiter hinunter und schnippte mit ihrem Zauberstab, um die Treppe wieder nach oben fahren zu lassen.

ooooo

Er war nicht geblieben.

Gut, eigentlich war er das, aber nachdem er versucht hatte zu schlafen und es einfach nicht gekonnt hatte, hatte er sich auf die Suche nach einem Lichtschalter gemacht und den auch irgendwann gefunden. Dann hatte er etwas unschlüssig das Zimmer betrachtet.

Genau, wie in der Dunkelheit schon, sah es im Licht nicht gerade besser aus, doch er musste zugeben, dass es etwas an sich hatte. Es war sauber und eigentlich recht gemütlich, mit einem Fenster, durch das man auf ein Stück Wiese und einen alten Schuppen hinabsehen konnte. Obwohl er dem Ghul, der ihn von seiner Ecke aus wütend anstarrte, vorzugsweise nicht zu nahe kam.
Und so hatte Draco sich stundenlang damit beschäftigt, Löcher in die Luft zu starren und darüber nachzudenken, was er hier tat. Und dazu war ihm Weaslette auch nicht aus dem Kopf gegangen – unglaublich, dass sie sogar in seinen Gedanken so hartnäckig und stur war, wie in der Realität. Aber er musste wirklich tief gesunken sein: Er kriegte eine Weasley nicht aus seinen Gedanken und teilte sich einen Raum mit einem Tierwesen. Wenn das sein Vater wüsste …

Zwischendurch stellte er fest, dass Weaslettes Familie einige nette Heilpraktiken kannte, denn seine Wunden taten kaum noch weh. Obwohl er sich gar nicht vorstellen wollte, was man mit ihm sonst noch angestellt hatte – denn da Weasley von ihrer Familie gesprochen hatte, konnte Potter nicht weit sein. Und was er bisher von ihren Brüdern mitbekommen hatte, war auch nicht besonders beruhigend.

Allerdings hatte er es irgendwann nicht mehr fertiggebracht, sich nur vor sich hin zu langweilen, und war im Zimmer auf und ab gegangen. Da war sein Blick dann auf die Schachtel gefallen, über die er vorhin gestolpert war. Und bevor er richtig darüber nachgedacht hatte, hatte er die Schachtel auf seinen Schoß genommen und sie geöffnet.

Was er darin gefunden hatte, war gar nicht mal so uninteressant gewesen. Tatsächlich war es sogar ziemlich interessant. In der Schachtel waren Fotos. Fotos, von vor sicher einigen Jahren, auf denen er zum Teil Weaslettes Brüder, zum Teil sie selbst oder ihre Eltern sah.

Auf einem trug sie ein weißes Sommerkleid und einen unordentlichen Pferdeschwanz und lächelte strahlend in die Kamera, während im Hintergrund ein See zu sehen war. Sie hatte auf dem Bild eine Zahnspange, was bedeuten musste, dass das noch vor Hogwarts gewesen war, denn die hatte sie in der Schule nicht gehabt.

Dann gab es noch einige von ihren Brüdern. Auf einem erkannte er einen muskulösen Jungen im Teenageralter mit etwas zu langen Haaren, der Weaslette über seine Schultern hob, die damals noch ein Kleinkind gewesen war. Draco musste grinsen, als er ihren begeisterten Gesichtsausdruck sah, weil ihr großer Bruder sie auf den Armen trug und sie damit fast zwei Meter über dem Boden schwebte. Ihr Blick erinnerte ihn sehr an die Weaslette, die er heute kannte.
Zwar hatte sie ihn natürlich nie so angesehen, aber wenn sie mit ihren Freunden zusammen war oder …

Was dachte er da gerade eigentlich? Wieso sah er, Draco Malfoy, sich Familienfotos der Weasleys an? Das war die ironischste Situation, die er je erlebt hatte. Noch ironischer, als der Ort, an dem er sich befand. Hastig packte er die Fotos wieder weg, konnte allerdings nicht verhindern, wie er erneut einen Blick auf die beiden Bilder warf.

Danach hatte er den Raum sich selbst überlassen und sich damit beschäftigt, auf dem knarrenden Bett zu liegen und an die Decke zu starren, wobei er praktisch nur daran dachte, wie er es verhindern konnte, nicht ständig an irgendetwas zu denken, was mit diesem rothaarigen Mädchen zu tun hatte. Es war so erbärmlich. Zum Verzweifeln.

Die Erinnerungen daran hatte er allerdings eine Weile später ordentlich in den hintersten Winkel seines Gedächtnisses verschoben und war erneut aufgestanden. Dieses Mal aber um die Dachluke zu öffnen und nach unten zu klettern. Ihm war natürlich bewusst, dass er dabei gegen Weaslettes 'Anweisung' handelte, aber das war ihm in dem Moment auch egal.

Interessiert sah er sich um, doch erblickte er nur drei Türen und eine Treppe, die eine nach oben, während die andere nach unten führte. Als er dieser folgte, kam er wieder nur auf einen engen Flur mit jeweils zwei Türen links und rechts von ihm. Er runzelte die Stirn. So viele Kinder wie die Weasleys hatten, bestand das Haus vermutlich nur aus Schlafzimmern.

„Fred, gib das deinem Bruder zurück!", hörte er plötzlich eine Stimme von unten schimpfen.
Draco folgte ihr behutsam und kam in einen etwas größeren, jedoch ziemlich voll gestellten Raum mit einem auffällig schmuddeligen Kamin. Er rümpfte die Nase, doch wurde er um ein ganzes Stück blasser, als er die beinahe vollständig versammelte Familie Weasley an einem alten, hölzernen Esstisch gedrängt sitzen sah. Und sie starrten ihn an.

„M-Malfoy!", hustete Weaslbe, der sich an seinem Toast verschluckt hatte.

Potter klopfte ihm auf den Rücken, sah Draco jedoch feindselig an. Dieser war mehr davon beeindruckt, dass sich an diesem Tisch vermutlich ein Drittel der rothaarigen Gesellschaft Englands versammelt hatte – er zählte acht Rotschöpfe, plus den braunen von Granger, den blonden einer weiteren Frau und das schwarze Vogelnest Potters. Weaslette entdeckte er allerdings nicht.

„Da sind Sie ja, Draco", sagte Molly Weasley höflich und erhob sich. „Ich hoffe, es geht Ihnen besser. Haben Sie Hunger?"

Draco schüttelte schnell den Kopf. Auf Mrs Weasleys Gesicht schlich sich ein Lächeln, während sich die Mienen der Zwillinge in ein identisches Grinsen verwandelten.

„Kommen Sie", bat sie freundlich.

Er räusperte sich. „Nein, ich habe wirklich keinen Hunger." 'Jedenfalls nicht solange ich als Hauptgang serviert werden könnte', fügte er gedanklich hinzu und musterte die Weasleys misstrauisch. Er bezweifelte nicht, dass das sogar möglich wäre – zumindest, wenn die restliche Familie genauso viel verdrücken konnte wie Weaslbe.

Plötzlich knarrte hinter ihm eine Stufe und er wandte sich um. Dort stand Weaslette, mit einem verschlafenen Gesichtsausdruck, dunklen Ringen unter den braunen Augen und gekleidet in einen gestreiften, viel zu großen Schlafanzug, den sie schon in der Nacht angehabt hatte. Sie schien zuerst nicht ganz zu begreifen, was los war, bis sich ihre Augen weiteten. „Malfoy!", rief sie aus und blickte von ihm zu ihrer verwirrten Familie und zurück. „Ich hab dir gesagt, du sollst oben bleiben, bis ich dich hole", zischte sie ihm so leise zu, dass keiner sonst sie hören konnte.
„Nun, das wäre ich ja, wenn du mich irgendwann einmal geholt hättest."
„Pff, erwartest du, dass ich wegen dir früher aufstehe? Vergiss es!"
„Dann-", schnappte er schon zurück, doch wurde von Arthur Weasley unterbrochen.

„Nur die Ruhe", sagte er vorsichtig. Wohl nur, weil seine Tochter etwas furchterregend aussah. „Ich bin gerade mit dem Frühstück fertig geworden, Sie und ich, Draco, müssen uns sowieso noch unterhalten."
Weaslette seufzte entnervt und schob sich an ihm vorbei zum Tisch, wo sie sich routinemäßig auf einen Platz zwischen einem schlaksigen Mann mit Pferdeschwanz und diesen ehemaligen Schulsprecher fallen ließ, den Draco noch aus seinen ersten Jahren in Hogwarts kannte.

„Percy, gibst du mir mal die Milch?", murmelte sie, mit einem kurzen Blick zu Draco. Stimmt, der Kerl hieß Percy.

Mrs Weasley seufzte. „Sicher, Draco?"

Er nickte schnell, während er Mr Weasley dabei beobachtete, wie er sich auf einen Sessel sinken ließ und ihm bedeutete, sich ihm gegenüber zu setzen. Zögernd folgte er der Aufforderung.

„Und jetzt würde ich gern erfahren, was geschehen ist."

„Hier, Draco, falls Sie doch Hunger haben", meinte Mrs Weasley, bevor er antworten konnte, und stellte auf den niedrigen Couchtisch ein Glas Orangensaft und einen Teller mit gebratenem Schinken, Spiegeleiern und Toast.

Draco wusste nicht ganz, wie er auf diese fürsorgliche Aufdringlichkeit, als die er ihre Geste verstand, reagieren sollte, also schwieg er. Ohne es anzurühren, sah er kurz zu den restlichen Weasleys, die unbeteiligt so taten, als würden sie noch frühstücken. Schließlich entschloss er, sie zu ignorieren. „Gut", sagte er also kühl und gab zum zweiten Mal die Geschehnisse des vorgestrigen Abends preis.

Als er geendet hatte, lehnte sich Mr Weasley mit nachdenklichem Blick zurück und Draco versuchte, das Starren der Bande hinter ihm zu vergessen. Die hatten nämlich inzwischen aufgehört, sich zu verstellen.

„Waren das vielleicht welche von denen aus der Zeitung?", erhob plötzlich der Mann die Stimme, der neben Weaslette saß – beziehungsweise gesessen hatte, da er inzwischen zu seinem Vater herübergekommen war und sich neben ihn stellte. Auch ein etwas kleinerer, muskulöser Kerl war herangetreten, während die anderen es wohl ebenfalls getan hätten, hätte ihre Mutter ihnen nicht strenge Blicke zugeworfen.

„Es ist auch egal, um wen es sich gehandelt hat", meinte Draco und kam elegant auf die Beine. Er hatte wirklich nicht vor, noch länger zu bleiben und sich von den Weasleys in den Boden starren zu lassen. „Ich danke Ihnen für Ihre Verpflegung, aber ich werde jetzt gehen."

„Ist Ihre Mutter Zuhause?"
Draco zuckte die Achseln. „Das ist vollkommen gleich, ich komme klar."
Mrs Weasley schnappte nach Luft. „Aber wir können Sie dann doch nicht einfach vor die Tür setzen!"

„Mum!", platzte es aus Weaslbe heraus, während Potter zeitgleich aufgesprungen war. „Wenn er doch schon gehen will!"

Eine wütende Miene seitens seiner Mutter brachte ihn zum Schweigen. „Diese Menschen könnten es erneut probieren", sagte sie an Draco gewandt. „Sie können gerne bleiben. Zumindest, bis wir wissen, dass Sie außer Gefahr sind oder wer Sie angegriffen hat."
„Ich halte es auch für zu gefährlich."

„Sir, ich bin volljährig."

„Aber auch momentan auf sich gestellt, da nützt Ihnen Ihr Alter nicht viel. Es wäre besser, wenn Sie hier bleiben, bis ich mit dem Ministerium gesprochen habe. Kingsley kann uns sicher weiterhelfen."
„Sie meinen den Minister?", fragte Draco erstaunt und Mr Weasley nickte. Er runzelte die Stirn und wollte schon weiter widersprechen, da klopfte ihm von hinten jemand auf die Schulter. Es war der Mann mit dem Pferdeschwanz.
„Hör mal, die Gastfreundlichkeit einer Familie abzulehnen, die dich hasst, wäre ziemlich unhöflich. Außerdem sind wir die Weasleys, wir werden dich nicht gehen lassen, also entspann dich. Ich bin übrigens Bill."

Ungläubig starrte Draco in das freundlich grinsende Gesicht. Hatte man ihm gerade erklärt, dass er praktisch ein Gefangener war? Er wollte schon widersprechen, irgendetwas Fieses und Beleidigendes sagen, da streckte ihm auch der andere Mann die Hand entgegen.

„Charlie."

„Und das hier ist meine Frau Fleur", sagte Bill und deutete auf eine blonde, hübsche Frau, die Draco ebenfalls zu kennen glaubte. „Den restlichen Haufen kennst du."

„Vielleicht müssen wir seine Erinnerungen etwas aufbessern", meinte einer der Zwillinge. Das fiese Grinsen in ihren Gesichtern war nicht sonderlich besänftigend.

Draco hatte sich getäuscht, dies hier war doch die Hölle. Und er hatte nicht nur einen, sondern gleich zwölf Höllenwächter.