Es gibt nicht für alles in unserem Leben eine Erklärung, sehr wohl aber eine passende Ausrede.

- Ernst Ferstl (*1955)

Wenn dies auch Tollheit ist, hat's doch Methode!

- William Shakespeare (1564-1616)

„Dann werde ich jetzt aufbrechen. Ich werde vermutlich nicht so schnell mit Kingsley sprechen können, immerhin ist Weihnachten, aber ich werde mein Bestes geben. Warten Sie bitte einfach hier, Draco", sagte ihr Vater und ließ sich von Molly einen Kuss auf die Wange geben.
„Pass auf dich auf", meinte sie lächelnd und fügte in strengem Ton hinzu: „Und wehe, du kommst heute Abend zu spät."

„Keine Sorge. Bis später", sagte er und nickte ihnen noch einmal zu, bevor er in den Kamin stieg und in den züngelnden Flammen verschwand.

Ginny senkte den Blick auf ihre Müslischale. Der Hunger war ihr inzwischen vergangen, eine Erklärung hatte sie dafür nicht.

„He, alles in Ordnung?", fragte Percy. Sie sah zu ihm und nickte, wie um sich selbst zu überzeugen. Sie hatte das Gefühl, dass in ihr mal wieder ein Krieg aus gemischten Empfindungen tobte, die alle versuchten, die Oberhand zu erlangen. „Sicher."

„Also, Malfoy …", unterbrach Fred die Stille und legte einen Arm um den Slytherin. Dieser schien immer noch etwas geschockt zu sein, denn er sagte rein gar nichts dazu und sah von einem Zwilling zum anderen. „Dir scheint es ja besser zu gehen. Was hältst du von einem kleinen Spiel?"
„Ein Spiel?", fragte Malfoy mit zusammengekniffenen Augen.

„Klaro", meinte George und grinste. „Ein großartiges …"
„... spannendes …"
„... interessantes …"
„... und lustiges Spiel. Es wird dir gefallen."
„Und was für ein Spiel?"

„Es heißt …", begann Fred mit düsterer Stimme, bei der Ginny Böses ahnte. Die Zwillinge lächelten einander an, bevor sie gleichzeitig und besonders theatralisch verkündeten: „Schneeballschlacht!"

Kurz schwiegen alle, dann brach Charlie in Gelächter aus und ihre Mutter ließ ein Seufzen hören. „Ihr beide, wie aus euch noch etwas werden konnte … Ginny, bist du fertig mit Essen?"
Ginny schreckte hoch. „Ja, klar."

„In Ordnung. Dann werde ich jetzt anfangen aufzuräumen und ihr verschwindet schnell. Und Fred, George? Ihr behandelt unseren Gast bitte nicht … lasst ihn am besten einfach ganz in Ruhe. Draco, Sie sagen, wenn Sie etwas brauchen, ja? Ron, du kannst mir beim Abwasch helfen."
„Mum!", wiederholte ihr Bruder sich. „Das kann doch nicht dein Ernst sein! Es ist Weihnachten!"
„Ja, ich weiß, aber genau deshalb solltest du deine Mutter auch nicht ohne jede Hilfe stehen lassen. Hermine und Fleur, meine Lieben, ihr müsst mir heute nicht helfen, ja?"

Hermine grinste ihren Freund an und gab ihm kurz einen Kuss, bei dem Molly lächelte und Malfoy einheitlich mit den Zwillingen das Gesicht verzog. Es wäre ziemlich lustig gewesen, wenn eben nicht die Pointe des Witzes gewesen wäre, dass es Malfoy war. „Viel Spaß!"

„Also, Leute", rief Fred, „wer macht mit? Charlie?"
„Immer doch", lachte der. „Und Perc kommt sicher auch total gern."
„NEIN", sagte Percy und war schneller bei der Treppe, als Ginny es ihm je zugetraut hätte. „Nicht schon wieder!"

Während Fred und George ihrem Bruder hinterherjagten, begleitet von überhörten Rufen Mollys, auf der Treppe nicht zu rennen, wandte sich Charlie an Ginny. „Was ist mit dir?"

Ginny schüttelte den Kopf. „Nein, ich muss noch … Zeug erledigen." Damit erhob sie sich ebenfalls und ging an den anderen vorbei zur Treppe, wobei sie es vermied, zu Malfoy zu sehen.
Er konnte ihr echt gestohlen bleiben!

ooooo

Nachdem Weaslette verschwunden war, ließ sie einige verwirrte Gesichter zurück. Charlie tauschte einen Blick mit Bill und Granger machte eine so konzentrierte Grimasse, dass sicher niemand gewagt hätte, Legilimentik anzuwenden, da er sich mit Gedanken überladenem und rauchendem Kopf hätte zurückziehen müssen.

Draco war ebenfalls irritiert, doch verdrängte er alles sogleich wieder, was mit Weaslette zu tun hatte. Er hatte nicht vor, sich weiter mit ihr zu beschäftigen. Abgesehen davon hatte sie das offenbar ebenfalls nicht vor.

Die Zwillinge, die ihren älteren Bruder inzwischen eingefangen und in ihre Mitte genommen hatten, sahen Draco erwartungsvoll an. „Was ist, Malfoy, kommst du?"
„Wer hat je gesagt, dass ich mitkomme?"

Charlie grinste breit. „Mach schon, Kleiner. Feiglinge überleben nicht lange."

„Wie bitte?", rief er empört aus, doch bevor er sagen konnte, wie ihm geschah, schob ihn der Rothaarige hinter den drei anderen her.

Zu Dracos Überraschung, war das Gelände vor dem Fuchsbau ziemlich groß. Das Blut an der Türschwelle übersah er gewillt und guckte sich dafür um. Links war größtenteils Wiese, unterbrochen von einzelnen Bäumen, die sich kläglich zusammentaten und offenbar versuchten, den Anschein eines Wäldchens zu erwecken, während sich daneben in der Landschaft ein See abhob, der zugefroren war und von von Frost überzogenem Schilf umgeben war. Direkt vor dem kleinen Hof des Hauses, das man so von außen noch windschiefer wirkte, als von drinnen, zog sich eine hohe, verwilderte Hecke entlang und etwas abgelegen entdeckte er den alten Schuppen, den er schon vom Fenster aus gesehen hatte.

„Wir müssen da entlang", sagte Charlie und deutete in Richtung des Schuppens. „Da liegt ein kleiner Waldabschnitt und hinter dem die Obstplantagen, dort ist ziemlich viel Platz."

„Wo genau sind wir eigentlich?" Er hatte zwar schon einige Geschichten über den Fuchsbau gehört, doch genau wissen, wo der lag, tat er nicht.

„Du kennst doch sicher dieses Zaubererdorf Ottery St. Catchpole", rief Fred über die Schulter.

„Es liegt ein bisschen entfernt am Fuß des Hügels", fuhr George fort.

Sie passierten das Wäldchen, von dem Charlie gesprochen hatte, und als sie zwischen den vom Winter gezeichneten Tannen hindurch traten, streckte sich vor ihnen eine große Fläche Wiese aus, auf der mindestens ein halber Meter Schnee lag und die so weit war, dass einem vom Hinsehen schon die Augen wehtaten.

Draco kniff seine zusammen, um besser in die Ferne sehen zu können, als ihn etwas am Hinterkopf traf. Er wandte sich um und erkannte die Zwillinge, die fröhlich Schneebälle um sich warfen, wie verrückt gewordene Gnome, und Percy damit geradezu zwangen, sich zu wehren. Sie jagten ihn über die halbe Wiese, bis er sich hinter einigen Bäumen verschanzte und selbst hastig Schneebälle sammelte. Stimmte ja, die Schneeballschlacht. Er hatte ganz vergessen, warum sie hier waren.

Charlie bückte sich jetzt und formte mit seinen Händen den Schnee zu einer weißen, mehr schlecht als rechten Kugel. „Und, willst du anfangen oder soll ich?" Als Draco nicht antwortete, schüttelte er grinsend den Kopf. „Nein? Dann mach dich bereit!" Damit schleuderte er den Ball mit einer solchen Kraft auf Draco, dass der fast nicht hätte ausweichen können.

„Oh bitte", schnarrte er und richtete sich schnell wieder auf. „Bist du nicht zu alt, um mit diesen Kindern zu spielen?"

„Diese Kinder sind zufälligerweise älter als du. Und sag mir nicht, du hast noch nie gespielt. Du bist doch ein Malfoy, ich dachte, ihr verliert nicht gerne … Also wieso wehrst du dich nicht und versuchst, mich zu übertrumpfen? Wenn du Glück hast, Kleiner, triffst du mich vielleicht sogar!"
Dracos Augen weiteten sich. „Glück?", knurrte er und dachte ausnahmsweise nicht nach, als er sich blitzschnell ebenfalls hinkauerte und Schnee zusammenscharte. „Gesprächig bist du ja, aber ich werde dich so oft treffen, dass du am Ende Probleme haben wirst, deine Existenz einer jämmerlichen Niete zu rechtfertigen! Und noch was", Draco visierte den amüsierten Weasley an, „nenn' mich noch einmal 'Kleiner' und ich werde meine Drohungen wahr machen!"

Charlie lachte auf, als er leichtfertig Dracos Wurf auswich. „Ich glaube, du bist der von uns beiden, der hier Reden schwingt. Sicher, dass du nicht lieber aufgeben willst, solange du noch Gelegenheit hast?"

Draco bleckte mit einem wölfischen Feixen die Zähne und warf den nächsten Schneeball. „Ziemlich sicher!" Dass er dabei beobachtet wurde, ahnte er nicht.

ooooo

Sie lag auf ihrem Bett und blätterte gelangweilt in ihrem Zauberkunstbuch. Professor Flitwick hatte ihnen über die Ferien einen Aufsatz aufgegeben und auch die anderen Lehrer schienen nicht ganz von der Definition des zauberhaften Wortes 'Ferien' informiert worden zu sein. Nun ja, immerhin standen ja auch die UTZ's bevor …

Trotzdem konnte Ginny sich nicht konzentrieren. Immer wieder schweifte ihr Blick von den Seiten weg und an die Decke, wo sie Löcher in die Luft starrte, bis ihr einfiel, wieso sie überhaupt nach oben gegangen war. Eigentlich hatte sie sich ja mit irgendetwas Interessanterem beschäftigen wollen, doch ihre Bücher hatte sie schon ausgelesen. Tja, wenn man sich vor Draco Malfoy verkroch, ging einem der Lesestoff schon einmal aus.

„Merlin, bin ich so tief gesunken?", murmelte sie vor sich hin und warf ihr Buch in die Ecke. Schon schlimm genug, dass sie nach diesem Kuss vor ihm geweint hatte (vor diesem Slytherin) und sich seitdem immer wieder in tiefste Verwirrung stürzte, wenn sie über ihn nachdachte. Nein, jetzt versteckte sie sich auch noch in ihrem eigenem Zuhause vor dem Mistkerl!

Es war doch aber auch die Höhe. Sie waren ja nicht einmal befreundet, geschweige denn, dass sie überhaupt ein einziges Mal nicht gestritten hatten, wenn sie sich gegenüberstanden. Sie hassten sich, so war das halt. Und sie war doch tatsächlich neugierig gewesen, wieso er seinen Arm verletzt hatte. Nicht, dass sie besorgt gewesen wäre. Sie hassten sich. Moment, wie oft musste sie das eigentlich noch wiederholen?!

Völlig verwirrt setzte sie sich auf und griff sich ein Kissen. Sie kam einfach nicht auf die Lösung. Seit Wochen. Es war so frustrierend! Und sie war wütend. Ja, richtig sauer! Wieso auch immer das jetzt in ihr hochkochte.

„Pff, oh nein, ganz bestimmt nicht", zischte sie entschlossen vor sich hin. Sie würde sich ja kaum in ihrem Zuhause in ihrem Zimmer verstecken! Nein, ganz bestimmt nicht. Besonders nicht vor Malfoy.

Mit dem Gedanken stapfte sie wieder hinunter – und stoppte direkt auf der Treppe, noch bevor sie auch nur im dritten Stock angekommen war. Der Grund war ein Fenster, das direkt auf die rechte Seite hinausging. Und Ginny konnte nicht glauben, was sie sah.

In einiger Entfernung, dort, wo sie im Sommer oft Quidditch spielten, stand Malfoy und lieferte sich tatsächlich eine Schneeballschlacht mit ihren Brüdern.

Sie beobachtete, wie Charlie einen Treffer direkt in sein Gesicht landete, doch statt, dass er wütend wurde und eine seiner dramatischen Drohreden hielt, grinste er und attackierte zurück, indem er in einer beeindruckenden Geschwindigkeit ein Schneeballgewitter startete.

Ginny wusste wirklich nicht, was sie jetzt denken sollte, doch ihren Blick konnte sie nicht von dem Slytherin nehmen. Es war einfach ein zu bizarrer Anblick. Wie einer Schlange dabei zuzusehen, wie sie fröhlich mit ein paar kleinen, niedlichen Kaninchen Fangen spielte. Nicht, dass ihre Brüder irgendwelche Ähnlichkeit mit putzigen Kaninchen gehabt hätten … eher mit Wildschweinen. Obwohl man Percy davon ausnehmen konnte – er war ein Hahn.

„Ginny?", fragte plötzlich Hermine neben ihr.

Die Rothaarige zuckte ertappt zusammen. „Was ist denn?!", fragte sie mit etwas höherer Stimme.

Ihre Freundin runzelte verwirrt die Stirn. „Ich wollte eigentlich nur nach oben um zu lernen. Was tust du da?" Nun sah sie ebenfalls neugierig nach draußen und entdeckte die Szene, die Ginny eben noch so gebannt verfolgt hatte. Überrascht blinzelte sie. „Ist das … Malfoy?"

„Ja … ich glaube schon … irgendwie … also … keine Ahnung …" Sie gab es auf, dafür eine Erklärung finden zu wollen, und starrte weiter nach draußen. Hermine folgte ihrem Blick und sah dann zurück zu Ginny, die erneut tief in Gedanken versunken war.

Hermine musterte sie genau und plötzlich weiteten sich ihre Augen. Eine Vorahnung beschlich sie langsam, wie eine Gänsehaut. Sie wusste nur nicht ganz, wie sie diese Ahnung einordnen sollte …

Ein Knall und ein darauf gefolgter Aufschrei ließ die beiden Mädchen aufschrecken. Sie tauschten einen Blick, dann eilten sie nach unten.

Dort standen ihre Mutter und Ron sich gegenüber und starrten auf den Kamin, aus dem eine Aschewolke und ein unterdrücktes Husten drang. An Rons gerötetem Gesicht und Mollys in die Hüfte gestemmten Händen konnte Ginny ahnen, worüber die beiden sich unterhalten (oder vielmehr gestritten) hatten.

Als die Wolke sich verzogen hatte, erkannte Ginny eine Gestalt, die sich mühevoll aus dem Kamin kämpfte. „Bah, hier sollte mal abgestaubt werden! Das Flohnetzwerk von heute ist aber auch nicht mehr das, was es einmal war …", zeterte die Person und klopfte sich ihren altrosafarbenen Rock ab, bevor sie ein lautes Niesen von sich gab.

„M-Muriel?", fragte Ginnys Mutter verblüfft. „Was machst du denn hier?"

„Ah, Molly! Wieso so überrascht? Hast du meinen Brief etwa schon vergessen? Ich habe mich ja etwas gewundert, dass du mir nicht zurückgeschrieben hast, aber du hattest wahrscheinlich wieder zu viel zu tun. Ich sage dir seit Jahren, dass du endlich jemanden zur Hilfe anschaffen solltest – zumindest, wenn deine gesamte Horde Wilder im Haus ist. Ich hoffe, deine Söhne haben inzwischen ein paar Manieren gelernt. Das sah ja auf der Hochzeit noch nicht so aus …" Sie seufzte und nahm ihren, passend zu ihrem Kostüm, rosafarbenen, ausladenden Hut vom Kopf, um ihn abzuklopfen.

„Tante Muriel, was genau tust du hier?", mischte sich Ginny ein und wechselte einen Blick mit ihrer Mutter und Ron.

Muriel sah auf. „Oh, Ginevra, du bist ja auch da! Und Ronald, lasst euch ansehen! Bist du etwa schon wieder gewachsen, Ronald? Und deine Haare, ach herrje … tz tz tz, nun ja, dieses Mal haben wir ja genug Zeit, uns darum zu kümmern. Aber sag mal, Kind, isst du auch genug?" Sie musterte Ginny kritisch von oben bis unten. „Und was soll eigentlich diese unhöfliche Frage?"

„Nun ja, Muriel", sagte Molly, „wir hatten eigentlich nicht mit deinem Besuch gerechnet."

„Wie bitte?" Empört schnalzte sie mit der Zunge. „Ich habe dir einen Brief geschickt! Diese unfähige Eule sah zwar nicht besonders vertrauensvoll aus, aber ich hatte damals keine Zeit, den Brief zum Eulenpostamt zu bringen, weil ich schon so entkräftet von dieser schrecklichen Ungeziefer-Plage war, die in meinem Haus wütet."
„Nein, tut mir leid, wir haben keinen Brief bekommen."

„Na, wenn ich diese Eule erwische … Aber was halten wir uns auf, ihr habt sicher trotzdem etwas Platz für eine alte, von Kleintieren vertriebene Dame. Und was ist das hier überhaupt? Ich bin hundertacht, wie wäre es, wenn ihr mir mal einen Stuhl geben würdet? Merlin, diese Reisen machen mich immer ganz müde …", sagte sie bekräftigend, wobei sie ihre alte Masche nutzte und sich mit ihrer freien Hand Luft zufächelte.

In diesem Moment hörte man das Öffnen der Tür und alle blickten zum Hausflur, wo die Jungen hereinpolterten. Percy mit geröteten Wangen als Erster, dann Fred und George und schließlich Charlie, der Malfoy auf den Rücken klopfte.

„Tante Muriel?", kam es von Percy, der die Brauen hochzog, während die Zwillinge entsetzt die alte Frau anstarrten, als wäre sie vom Himmel gefallen und hätte ihren Scherzartikelladen in die Luft gesprengt. Charlie hingegen seufzte und schaute fragend zu Ginny, die zur Antwort mit den Schultern zuckte.

Sofort ging Tante Muriel wie ein energiegeladener Rennbesen auf die neu Hinzugekommenen los. „Fred, George, genau euch beide wollte ich sehen! Hallo, Percy, mein Lieber, und Charlie ist ja auch da – du siehst heute besonders gut aus. Und nun zu euch!" Sie sah wieder die Zwillinge an. „Stimmt es, was ich neulich in der Zeitung gelesen habe? Ihr habt Rita Kimmkorn ein Interview verweigert und sie als, ich zitiere, 'wild gewordene, verlogene Furie' bezeichnet?"

„Nein, Tantchen Muriel, eigentlich sagten wir mehr etwas in Richtung von einer wild gewordenen, Scheiß erzählenden Furie."

„Ihr beide! Wenn ich euch nicht schon längst enterbt hätte, würde ich es jetzt tun! Und wisst ihr was? Es war mir so peinlich, dass ich sofort einen Brief an die gute Rita geschrieben habe. Sie war so freundlich euch zu verzeihen und sich bereitzuerklären, doch ein Interview mit euch zu machen."

„Schon gut, kein Bedarf!", rief George über die Schulter und sprintete mit seinem Zwilling die Stufen hoch, außerhalb der Reichweite der alten Dame.

„Pff, immer wieder das Gleiche!", grummelte sie und wandte sich an die anderen. Verdutzt hielt sie allerdings inne, als sie schon den Mund aufmachte, um vermutlich den nächsten Kommentar von sich zu geben. „Und wer bist du, Junge?"

„Draco Malfoy", schnarrte er herablassend und betrachtete sie genauso misstrauisch, wie sie ihn. „Und wer sind Sie bitteschön?"

Die Weasleys hielten gleichzeitig die Luft an und selbst Hermine erstarrte. Wer Muriel kannte, der wusste, wie sehr sie es hasste, wenn man sie von oben herab behandelte …

Und dann breitete sich ein listiges Lächeln auf ihrem Gesicht aus. „Nenn mich Tante Muriel, mein Lieber. Du meine Güte, mit so einem gut aussehenden, jungen Mann hatte ich hier gar nicht gerechnet!"

Malfoy nickte mit einem anerkennenden Zucken seiner Mundwinkel und schüttelte ihre Hand. „Freut mich Ihre Bekanntschaft zu machen. Und Weasley: Mund zu." Sein spöttischer Blick huschte zu Ginny, die leicht zusammenschreckte und schnell ihren offenstehenden Mund schloss.

Muriel sah interessiert zu Ginny und wieder zu Malfoy. „Nun gut", meinte sie, wobei wohl keinem das neugierige Funkeln in ihren Augen auffiel. „Ich würde jetzt gerne meine Sachen wegbringen. Mach dich mal nützlich, Ronald, und bring meine Koffer hoch."
„Ähm …", machte der und sah zu seiner Mutter.

Molly atmete einmal tief ein. „Muriel, wir haben ein volles Haus, das ist dir hoffentlich bewusst. Aber wenn es nicht anders geht … können wir dir sicher noch Platz schaffen. Ron, bring das in das Zimmer der Mädchen. Es gibt auch gleich etwas zum Mittagessen, also gedulde dich noch etwas, Muriel, und setz dich doch ein Weilchen. Hermine, meine Liebe, hilf mir doch kurz in der Küche, ja?"

Hermine nickte schnell und folgte Molly durch den Raum. So blieben Charlie, Malfoy und Ginny mit der älteren Dame zurück, die sich auf dem Sofa niederließ. „Also, Charlie, Süßer, erzähl deiner Tante doch ein bisschen etwas über dein Liebesleben. Du hast bisher, vermute ich, immer noch keine abbekommen?" Charlie rollte in Richtung Ginny mit den Augen, ließ sich dann aber widerwillig in einem Sessel nieder und unterzog sich Muriels Verhör.

„Das ist deine Tante?", hörte Ginny plötzlich jemand neben sich fragen. Sie sah zur Seite und musste im nächsten Moment hochschauen, um überhaupt das Gesicht Malfoys zu sehen. Den hatte sie ganz vergessen, so hatte sie die Anwesenheit Muriels irritiert.

„Nein, sie ist meine Großtante. Große Familie, weißt du?", antwortete sie schließlich kühl.

„He, Weasley?"
„Was?", fragte sie genervt und sah auf, als er plötzlich vor ihrem Gesicht mit den Fingern schnippste. Wütend blies sie die Backen auf. „Was sollte das jetzt wieder?!"

„Ich dachte nur, du könntest vielleicht demnächst in eine Trance fallen, so dümmlich, wie du geguckt hast. Mit Sabber hab ich's nicht so."

Ginny starrte ihn kurz einfach an, bevor sie das Gesicht verzog. „Du bist ja heute wieder sehr erfinderisch. Halt einfach die Klappe und lass mich in Ruhe."

„Als ob ich es nötig hätte, dich zu nerven. Es gibt tausend andere Leute, die sehr viel interessanter zu nerven wären."

„Weißt du was, Malfoy, ich – argh", sie ballte die Hände zu Fäusten, „egal!" Und so stapfte sie mit einem letzten, tödlichen Blick ebenfalls aus dem Zimmer.

ooooo

Draco sah ihr mit gemischten Gefühlen nach. Zum einen wies ihn sein alteingesessener Stolz darauf hin, dass sie ihn gerade mal wieder angeschnauzt hatte, obwohl er ein Malfoy war und sie eine Weasley.

Zum anderen fragte er sich, wieso sie so heftig auf ihn reagierte. Er glaubte nicht, dass es mit dem Kuss zusammenhing, denn das konnte sie ja kaum wirklich verletzt haben, immerhin hielt sie nichts von ihm und konnte somit auch nicht von ihm und seiner Aktion enttäuscht sein. Aber er kam auch nicht darauf, was sie sonst so aus der Haut fahren ließ, wobei sie sonst bei solchen Kommentaren seinerseits kräftig zurückfeuerte, statt den Rückzug anzutreten.

Da er aber keine Lösung fand und nicht dafür bekannt war, sich lange mit solchen Dingen befassen zu können, sah er noch kurz zu Charlie und Muriel, die beschäftigt schienen, und drehte sich zur Treppe. Er sah keinen Grund, weiterhin hier herumzustehen, wo er nicht beachtet oder stehen gelassen wurde.

Mit den Händen in den Hosentaschen stieg er die Stufen hinauf und betrat den kurzen, schmalen Flur, auf dem das Zimmer von Mr und Mrs Weasley und eine Abstellkammer lagen, wie er mit einem Blick durch die offenstehende Tür sah.

„Malfoy!", ertönte da plötzlich die Stimme von Potter, die er unter Tausenden erkannt hätte, und er sah auf, um ihn sich direkt gegenüber am Fuß der Treppe zu sehen, die weiter nach oben führte.
„Potter, was kann ich für dich tun?", fragte Draco und lächelte arrogant.

„Ich wollte mir dir sprechen."

„Tu dir keinen Zwang an."

Der Gryffindor musterte ihn verbissen und kam einige Schritte auf ihn zu. „Was glaubst du, was du hier tust?", platzte es aus ihm heraus und Draco hob herausfordernd eine Augenbraue.

„Ich glaube, das weißt du."

„Verarsch mich nicht", fauchte Potter. „Was ist das für ein Trick? He, Malfoy? Was willst du?"
„Leider ist mir nicht bewusst, was du von mir willst", tat Draco weiter unwissend und musste sich zusammenreißen, ihn nicht weiter zu provozieren. Stattdessen wurde sein Tonfall warnend, als er leise sagte: „Und ich weiß auch nicht genau, was Mrs Weasley davon halten wird, wenn sie davon erfährt, wie du ihre Gäste behandelst …"

Er beobachtete interessiert, wie Potter die Hände zu Fäusten ballte und mit dem Kiefer knackte. „Lass dir nur eines gesagt sein, Malfoy, ich werde dich im Auge behalten und wenn ich sehe, dass du irgendetwas Verdächtiges tust oder meiner Familie zu nahe kommst, werde ich nicht zögern. Also bleib von ihnen fern. Von ihnen allen."

Mit großen Schritten schritt der Schwarzhaarige an ihm vorbei und verschwand die Treppe hinunter, was Draco mit blitzenden, grauen Augen verfolgte. Am liebsten wäre er ihm nachgegangen oder hätte seinen Zauberstab gezückt, um ihm einen Fluch in den Rücken zu schießen, doch er riss sich zusammen und erklomm die Stufen in die entgegengesetzte Richtung.

Er hatte Potters Anspielung verstanden.