Eine Entschuldigung fällt deshalb so schwer,

weil sie eine erkannte Schwäche offenbart,

die dann gern vom Machtgefühl des anderen,

getreten und lächerlich gemacht,

ausgenutzt wird.

- Nico Szaba (*1970)

„Hast du zu viel getrunken?", fragte sie ungläubig und die Heftigkeit ihrer Stimme, die bei dieser Frage mitschwang, konnte sie sich selbst nicht erklären. Malfoys lockeres Grinsen, das immer noch einen Funken seiner üblichen Herablassung mit sich trug, verschwand allerdings nicht, dennoch glaubte sie eine gewisse Überraschung in seiner Mimik wahrzunehmen.

„Nein, deshalb frage ich dich ja, ob wir ein Butterbier trinken wollen."

Ginny schüttelte abweisend den Kopf. „Nein, danke."

Seine Augenbrauen hoben sich ein Stück seinem Haaransatz entgegen.

„Wenn du meinst, aber findest du nicht, ich habe etwas mehr als nur zwei kleine Wörtchen als Abfuhr verdient?"

„Erstens war das keine Abfuhr, da du es wohl kaum ernst gemeint haben kannst. Und zweitens bist du der letzte Mensch, der irgendetwas verdient hat."

„Harte Worte, Weasley."

Sie biss sich auf die Unterlippe, um die Fassung zu bewahren, und murmelte, noch während sie sich abwandte: „Du nervst."

Erneut packte er sie, dieses Mal jedoch an ihrem Handgelenk.

„Komm mit", sagte er nur und ohne ein weiteres Wort und mit gesenktem Blick zerrte er sie, definitiv nicht so achtsam, wie zuvor, aus der Menge der feiernden Gäste und zu einer Stelle, wo man durch eine Lücke in der Zeltwand nach draußen gelangen konnte. Sie versuchte sich loszumachen, doch sein eiserner Griff lockerte sich weder bei ihren wüsten Beschimpfungen, noch bei der Evidenz ihrer Wut auf ihn.

„Was soll das?!", schnaubte sie, als er sie urplötzlich einige Meter vom Fest entfernt losließ. Sie wunderte sich nicht wirklich, dass sie die Kälte nicht wahrnahm, die die Nacht und der Schnee ausstrahlten, denn ihr Blut kochte.

Ihr Blick bohrte sich in den Rücken Malfoys und sie fragte sich, was in diesem Moment in seinem Kopf vorging. Sie musste nicht lange warten, um es herauszufinden.

„Ich nerve also?", sagte er beherrscht und wirbelte herum. Seine ruhige Stimme widersprach dabei seiner zornigen, fast bedrohlichen Miene um einiges.

Ginny funkelte ihn an. „Ja!"

„Findest du, Weasley? Was glaubst du denn, wie sehr du mich nervst?!"

„Wie ich dich nerve?"

„Ja! Du bist doch die, die diese launischen Stimmungsschwankungen hat!"

„Was?!"

Zornig trat sie näher an ihn heran, sodass sie fast zu ihm hochsehen musste, und schob die aufkommende Frage, was sie hier eigentlich tat, zur Seite.

„Du verwechselst hier eindeutig etwas, immerhin bist du der, der sich nicht zwischen dem Arsch, der er ist, und dem anderen Malfoy entscheiden kann!"
„Hör auf, mich zu beleidigen, Weasley, ich habe es nicht nötig, mir das anzuhören!"
Du wolltest doch mit mir reden! Und du hast versucht, mich zu retten, du hast mich geküsst!"

Es war, als wäre plötzlich eine unendliche Stille über sie hereingebrochen, die nur von ihren schweren Atemzügen und dem Dröhnen in Ginnys Ohren unterbrochen wurde. Beide spürten das Gewicht ihrer Worte und mit geröteten Gesichtern starrten sie sich herausfordernd an.

Sie glaubte schon, sie würden ewig so stehen bleiben, blockiert von ihrer beider Stolz außerstande wegzublicken.

Umso überraschender war, dass er seine Lider ein wenig senkte und sie aus katzenartigen, grauen Schlitzen betrachtete, aus denen die Wut gewichen war, und nur noch ein unergründlicher Ausdruck blieb. Ginny sah, wie er mit den Zähnen knirschte, offenbar mit sich rang. Dann ließ er den Blick zu Boden fallen, sein Gesicht im Dunkeln liegend.

„Du hast recht."

Ginny hatte ein Déjà-vu, als sie glaubte, sich verhört zu haben. Auch war sie viel zu sehr vor den Kopf geschlagen, um noch aufgebracht zu sein.

„Hä?", brachte sie dann doch schließlich nicht sehr eloquent heraus.

„Du hast recht", sagte er mit festerer Stimme, sah sie nur trotzdem nicht an. „Ich werde mich nicht noch einmal wiederholen, aber du kannst mir glauben. Ich hätte … das … nicht tun sollen. Es tut mir leid."

„Du entschuldigst dich - bei mir …?"

Ein Teil in ihr sträubte sich weiterhin, ihm zu glauben.

Malfoy spannte den Kiefer an und nickte. Ihre Blicke trafen sich das erste Mal wieder, was sie nur noch mehr aus der Bahn warf, als sie den Ernst in seinem erkannte. „Ich hätte das nicht tun dürfen", erklärte er.

Ginny schaute starr zu Boden, während sie seine Worte innerlich noch einmal Review passieren ließ. Es erschien ihr so unwirklich – Draco Malfoy entschuldigte sich doch nicht.

Aber er hatte es getan.

Wenn sie gerade nicht halluzinierte.

„Kann ich dir glauben?"

„Wie bitte?"

Sein Gesicht hatte sich fassungslos verzerrt.

„Ob ich dir glauben kann", wiederholte sie schnell.

„Du denkst echt, dass du mir nicht glauben könntest?" Er ballte die Hände so zu Fäusten, wie es Kinder manchmal tun. Fehlte nur, dass er mit dem Fuß aufstampfte.

„Das fasse ich einfach nicht! Ich habe mich in meinem Leben noch nie für irgendetwas ernsthaft entschuldigt und du kannst mir glauben, ich hätte auch nie damit gerechnet, dass ich das erste Mal vor einer Weasley resignieren würde, also könntest du mir jetzt deine Achtung schenken und dich geehrt fühlen?!"

Ginny blinzelte kurz, während das Einzige zwischen ihnen ihre hoffnungslosen Versuche waren, etwas zu sagen, indem sie immer wieder den Mund öffnete und schloss. Das Ganze musste einem Fisch sehr ähnlich sehen.

Dann brach das Lachen einfach aus ihr heraus, ohne, dass sie etwas dagegen tun konnte.

„Du bist wirklich noch ein Malfoy, egal, was passiert!", prustete sie und musste sich an seinem Hemd festhalten, um nicht umzukippen. Als sie fertig war und sich wieder halbwegs gefasst hatte, richtete sie sich, um Ernst bemüht, auf. Sie räusperte sich entschuldigend, als er sie fast geschockt anstarrte.

„Also, tut mir wirklich leid. Es ist nur, dass du so ernst aussahst, als du das gesagt hast …"

Er rümpfte die Nase.

„Und du bist eine Weasley, egal, was passiert ..."

„Ja, stimmt wohl."

Sie machte eine Pause, in der sie kurz Luft holte.

Malfoy nickte auffordernd und schwieg, also fuhr sie fort: „Danke für die Entschuldigung, ich glaube dir. Und ich habe dir schon einmal gesagt, dass ich keinen Streit will, also … wie wäre es vorerst mit Frieden? Wir sind immerhin keine Kinder mehr. "

Malfoy wirkte wieder verblüfft und schien eine Weile darüber nachzudenken, musterte sie mit gerunzelter Stirn. Ginny war die Stille unangenehm und war froh, als er wieder redete.

„Ich würde sagen, ja. Lass uns versuchen, uns nicht die Köpfe abzureißen."

„Klar", stimmte sie lässig zu und steckte die Hände in die Jackentaschen, während sie ihn weiter erleichtert angrinste.

Sie konnte nicht sagen, dass sie nicht mehr wütend war, und sie war weiterhin verwirrt, wegen eigentlich allem zwischen ihnen, aber sie war froh über ihre Abmachung. Sie wollte sich ja auch nicht mit ihm anfreunden. So, wie es war, war es gut. Und … nun, er hatte immerhin versucht, ihr Leben zu retten – und ihr in Hogsmeade geholfen. Vielleicht würde das gar kein schlechter Ansatz für einen Neuanfang sein.

„Was denkst du, gehen wir wieder rein?"

Malfoy zögerte, doch dann meinte er: „Wenn ich mein Butterbier bekomme."

Und Ginny hätte es nicht gedacht, aber plötzlich breitete sich ein warmes Gefühl in ihrem Inneren aus und völlig unvorbereitet musste sie lachen. Hätte sie darauf geachtet und wäre nicht in ihre eigenen Gedanken versunken gewesen, hätte sie seinen staunenden Blick bemerkt.

ooooo

Im Festzelt herrschte noch immer Hochbetrieb. Niemand schien bemerkt zu haben, dass sie kurz verschwunden waren, und das, wobei es ihr so vorkam, als wären hundert Dinge zugleich an diesem Abend geschehen.

Ginny entdeckte die Zwillinge, wie sie grinsend neben einer schon leicht angetrunkenen Tante Muriel standen, die mit weiten Gesten gestikulierte und offenbar mal wieder ihre Meinung der ganzen Welt darbot.

„Nun, ich sage euch jedenfalls", beendete Muriel eine ihrer Ausführungen und hob, der Luft überschwänglich zuprostend, ihr Sektglas, „wenn ich dem armen Richie damals nicht geholfen hätte, hätte er bis heute noch keine einzige Scheidung eingereicht. Er war ein bisschen wie unser Charlie, der arme Richie …"

Fred schüttelte amüsiert den Kopf, als er Ginny und Malfoy entdeckte, und kam auf sie zu.

„Hey, Schwesterchen, wo wart ihr denn?", fragte er und beugte sich zu ihnen vor, damit die anderen ihn nicht hören konnten. „Ihr habt Tantchen Muriels beste Rede über das 'weibliche Bild der Gesellschaft' verpasst, bevor sie zum 'armen Richie' übergegangen ist."

Ginny merkte, wie sie sich verkrampfte, und antwortete ausweichend: „Wir waren nur kurz weg." Das wurde inzwischen ja beinahe eine Gewohnheitsausrede von ihr, wobei es nicht einmal eine besonders gute war – und es ging schon wieder um Malfoy.

Fred runzelte fast unmerklich die Stirn, doch scheinbar erkannte er, dass es besser war, nicht nachzufragen.

Geschickt, wie er es als Rumtreiber nun einmal war, wechselte er das Thema: „Ihr hättet jedenfalls sehen sollen, wie Fleur vorhin beinahe davongestürmt wäre, als das Gespräch auf ihre Hochzeit fiel. Muriel hat sich erst darüber ausgelassen, dass einige der Gäste von sehr fragwürdiger Natur waren – obwohl sie dabei wohl leider nicht sich selbst miteinbezogen hat – und dann über die gewählten Brautjungfernkleider. Typisch Muriel eben. Wenn du mich fragst, hat sie sich diese Ungezieferplage auch nur ausgedacht, um Weihnachten nicht allein verbringen zu müssen, ohne dabei zugeben zu müssen, dass sie ihren Schwur von damals bricht, nie wieder bei uns zu feiern …"

„Tja, ihr habt ihre stolze Persönlichkeit auch ganz schön in eine Zwickmühle gebracht, immerhin habt ihr die Stinkbombe direkt unter ihrem Stuhl hochgehen lassen."

„Ach komm …", schmollte George, der sich zu den dreien gesellt hatte, jedoch breit grinsend wie immer. „Hast du damals ihr Gesicht gesehen?"
„Ihr habt eine Stinkbombe unter ihrem Stuhl gezündet?", erkundigte sich Malfoy mit unnachahmlich ausgeglichener Miene. Vielleicht lag es auch daran, dass er nicht dabeigewesen war, denn Ginny selbst konnte sich nur zu gut erinnern.

„Yep, und sie hat sich dabei unverbesserlich dramatisch an ihrer Gans verschluckt."

Die Zwillinge klatschten sich in einvernehmlich schadenfrohem Gekicher ab, beinahe wie zwei Erstklässlerinnen beim Anblick von Hagrid, wenn er aufstand und dabei fast den ganzen Lehrertisch umwarf.

Ginny rollte mit den Augen und löste sich von der Gruppe der Jungen, um sich neben Hermine auf einen freien Stuhl zu setzten.

Sie griff nach einem Blätterteigröllchen mit Schafskäse. „Wo ist Ron?", fragte sie.

„Mit Harry am Buffet …", murmelte Hermine und knabberte lustlos an einem Mini-Sandwich herum, während sie versuchte, Muriel auszublenden, indem sie betont nicht in ihre Richtung sah.

„Ah. Mein Bruder lässt dich also sitzen, um sich den Bauch vollzuschlagen, und wird dabei von Harry beaufsichtigt?", übersetzte Ginny, was ihre Freundin nur zustimmend mit den Achseln zucken ließ. „Und was ist mit McLaggen?"

„Hat sich zum Glück mit irgendeinem Mädchen hinter einen Busch verdrückt. Und bevor du fragst: Charlie wird immer noch belagert und deine Eltern habe ich nicht mehr gesehen."

Hermine schwieg an dieser Stelle, dann begann sie wieder zu sprechen. „Sag mal, Ginny … was war das eigentlich gerade mit Malfoy?"

Natürlich musste ihr so etwas auffallen. Es wäre wohl zu viel des Guten gewesen, wenn sie es nicht hätte. Ginny stöhnte leise auf und sah sich im Festzelt um, um ihre Antwort herauszuzögern. Was sollte – oder eher konnte – sie Hermine erzählen? Wenn sie ihr sagte, dass Malfoy sich bei ihr entschuldigt hatte, würde sie wohl oder übel erzählen müssen, was vor den Ferien passiert war. Und das hatte sie bisher noch niemandem erzählt …

Hier stutzte sie. Warum eigentlich nicht?

Normalerweise war sie nicht auf den Mund gefallen, wenn es darum ging, jemandem etwas anzuvertrauen, was sie beschäftigte. Nicht wie Hermine, der man praktisch alles aus der Nase ziehen musste. Also wieso hatte sie nicht einmal ihr oder Colin von Malfoys Aktion erzählt? Oder Charlie, der schon am Anfang der Ferien gemerkt hatte, dass sie nicht halb so ausgelassen war, wie sonst.

Und noch einmal: Was? Wieso das jetzt wieder nicht? Hatte Malfoy in den Wochen wirklich so ihre Gedanken eingenommen, dass sie sich ernsthaft davon hatte herunterziehen lassen? Das hatte sie bisher gar nicht so betrachtet, doch jetzt … Ginny verstand gerade die Welt nicht mehr, schon wieder, obwohl sie zuvor noch so erleichtert gewesen war, diese andere Sache mit Malfoy aus der Welt geschafft zu haben.

„Ähm, Ginny?", machte Hermine sie wieder auf sich aufmerksam. Mit etwas glasigem Blick schüttelte die Rothaarige langsam den Kopf: „Ja?"

„Ist irgendetwas passiert?"
„Nein", antwortete Ginny, doch selbst in ihren Ohren klang es wie eine Frage. Gleichermaßen wenig überzeugt kräuselte Hermine die Augenbrauen.

„Ginny, ich bin deine Freundin, du kannst immer mit mir reden", sagte sie sachlich und musterte sie eindringlich. „Selbst, wenn es in irgendeiner Weise um Malfoy geht."

Um eine Erwiderung konnte sie sich drücken, denn in diesem Moment entdeckte sie Ron, der ein Sandwich verschlingend auf ihren Tisch zusteuerte.

„Ron, wo hast du Harry gelassen?", fragte Hermine ihn stirnrunzelnd, als er bei ihnen ankam, und er brauchte kurz Zeit, um ihr antworten zu können.

„Der ist zu Charlie gegangen", erklärte er, nachdem er fertiggekaut hatte. „Mum und Dad wollen aufbrechen und sammeln die anderen ein, während Harry ihn und ich euch holen sollte."
„Dann lasst uns gehen", meinte Ginny etwas zu enthusiastisch und folgte ihrem Bruder und Hermine. Sie sehnte sich gerade sehr nach ihrem Bett und der Ruhe, die es versprach. Sie hatte keine Lust mehr, über Malfoy oder irgendetwas anderes nachzudenken.

„Gut, da seid ihr ja", begrüßte sie ihr Vater und winkte sie aus dem Zelt.

Den Partylärm und die laute Musik hinter sich lassend, traten sie nach draußen, wo schon alle warteten. Auch Malfoy stand bei ihrer Familie und blickte neutral wie immer durch die Gegend, doch als er sie entdeckte, lagen seine grauen Augen für einen Moment auf ihr.

Arthur sah auf seine Uhr hinunter und sagte erschöpft: „Ich schlage vor, wir apparieren wieder zurück. Ich möchte nicht zu spät nachhause kommen."

„Bill und isch würden lieber zurückgehen – wir wollen uns die Sterne anse'en", warf Fleur ein, die sich an Bills Seite schmiegte.

„Ich hätte auch Lust zu laufen", meinte Hermine. Ron kratzte sich an seinem Hinterkopf und seufzte schicksalsergeben, da er wohl ahnte, dass er nicht darumkommen würde, sie zu begleiten.

„Was ist, Gin, wollen wir auch spazierengehen?", fragte Charlie sie und legte brüderlich grinsend einen Arm um ihre Schultern.

Ginny lachte. „Klingt gut."

Sie erinnerte sich, dass sie das früher öfter getan hatten, aber in den letzten Jahren war es kaum dazu gekommen. Sie freute sich, mit ihrem Bruder wieder Zeit verbringen zu können.

Kurz darauf verabschiedeten sich die sechs von den anderen, die sich auf der Stelle drehten und in der Dunkelheit verschwanden. Sie war froh, dass Malfoy ebenfalls apparierte, denn so konnte sie sich entspannen und wurde nicht ständig an die vielen Fragen erinnert, die sie sich innerlich stellte.

Es war sehr kühl und Ginny konnte nur von Glück sagen, dass sie so dick angezogen war, während Hermine sich von Ron sein Kapuzenshirt lieh. Eine Weile gingen Charlie und sie in friedlichem Schweigen nebeneinander her den verschneiten Weg entlang, der aus Ottery St. Catchpole zum Fuchsbau hochführte, und lauschten dem Schnee, der unter ihren Schritten knirschte.

„Ist etwas her, dass wir das gemacht haben, oder?", fragte Charlie sie schließlich und stopfte seine Hände in die Jackentaschen.

Sie nickte zustimmend. „Ja, seit du in Rumänien bist, sieht man dich kaum noch. Aber ich bin froh, dass du dieses Weihnachten gekommen bist. Besonders Mum war das sehr wichtig, denke ich."
„Ich auch. Sie macht sich immer noch andauernd Sorgen, was?"

„Ja, das tut sie. Und du, wo warst du den Abend lang? Wurdest du von deinen Verehrerinnen belästigt?", neckte Ginny. Ihr Atem bildete weiße Wölkchen in der Finsternis, die sofort wieder verblassten.

„Nicht ganz", entgegnete er. „Ich habe mich ein paar Minuten mit Harry unterhalten. Er scheint nicht sonderlich glücklich darüber zu sein, dass du so viel Zeit mit Malfoy verbringst. Du hast mir davon gar nichts erzählt."

Vorwurfsvoll und fragend blinzelte er durch den fallenden Schnee zu ihr hinüber.

Ginny wandte ihren Blick ab. Obwohl es ihr jetzt bewusst war, war sie nicht darauf erpicht, ihrem Bruder genauer von Malfoy zu erzählen.

„Harry übertreibt, das ist alles", lenkte sie ein. „Wir müssen zusammen diese Strafarbeit für McGonagall erledigen und wir liegen uns inzwischen zumindest nicht ständig in den Haaren, ganz simpel."

„An seiner Stelle würde es mir nicht anders gehen. Er scheint noch Gefühle für dich zu haben, das weißt du, oder?"

Ja, das hatte sie befürchtet, doch sie hatte gehofft, dass es nicht so wäre. Ginny schaute hoch in den Nachthimmel, doch auch dort fand sie natürlich keine Lösung für ihre Probleme.

„Das ändert nichts daran, dass es vorbei ist", sagte sie dann fest. „Wir sind nicht mehr zusammen und ich habe ein eigenes Leben und meine eigenen Entscheidungen, ich will, dass er das akzeptiert. Ich weiß aber auch nicht, wie ich ihm das noch mitteilen kann – ich habe es gefühlt mit allem und mehr versucht. Ich fürchte aber, Ron und er werden nicht so schnell aufhören, sich einzumischen."

„In den Augen der beiden musst du halt beschützt werden. Ich sehe dich nicht jeden Tag, ich erkenne die Unterschiede viel besser und sehe, wie viel größer du im Vergleich zu den letzten Malen geworden bist. Sie nicht."

„Aber das macht es doch nicht besser!"

Charlie schmunzelte und wuschelte ihr durch die roten Haare, so, wie er es öfter gemacht hatte, als sie beide noch jünger waren. „Nein, wahrscheinlich nicht. Sei trotzdem nicht zu nachtragend und lass dich davon nicht aufhalten."

„Leichter gesagt, als getan. Ich frage mich, ob Ron mich in ein paar Jahren immer noch als kleines Kind sehen wird."

„Definiere mal 'ein paar Jahre'."

„Hm, fünf?"

„Das dürfte schwierig werden, aber bis in zwanzig Jahren sollte selbst er es kapiert haben", scherzte Charlie, wurde dann aber wieder ernst. „Vertrau dir selbst, Gin, ich kenne dich und ich weiß, dass du klug und alt genug bist."

„Du bist ein richtiger Schleimer, Charlie", sagte Ginny, lächelte aber breit bei seinen Worten.

Charlie war einer dieser Menschen, die immer genau wussten, wie sie mit anderen und verschiedenen Situationen umzugehen hatten – und genau das machte ihn so perfekt für seinen Job, in dem er diese Art der Selbstkontrolle oft gebrauchen konnte.

„Wie ist es mit dir?", fuhr sie fort. „Immer noch keine gefunden, mit der du Tante Muriel zum Schweigen bringen könntest?"

„Bedauerlicherweise scheinen die interessanten Frauen vor mir wegzulaufen, das ist in Rumänien nicht anders, als in England. Aber momentan bin ich ganz zufrieden. Ich habe meine Drachen und kein schlechtes Leben, ich brauche keine Frau, um glücklich zu sein."
Ginny hob ihren behandschuten Finger und deutete mit hochgezogenen Augenbrauen auf ihren Bruder.

„Vor neun Jahren, als du mit Elizabeth Parker aus warst, warst du noch anderer Meinung. Erzähl mir keine Lügen."

„Damals war ich jung und außerdem ist Elizabeth Parker Vergangenheit."

„Arbeitet sie nicht mit dir zusammen?"

„In gewisser Weise", gab er zu. „Wir sehen uns aber nur ab und zu bei diesen Ministeriumsveranstaltungen, also guck jetzt nicht so. Ich habe kein Interesse mehr an Lizzy."

„Ja ja, schon verstanden", kicherte Ginny und Charlie schnaubte ungläubig auf.

Danach sprachen sie noch eine Weile über Rumänien, seine Arbeit dort und über Hogwarts, doch nach etwa einer halben Stunde erreichten sie den Fuchsbau und Ginny war plötzlich ganz glücklich, endlich angekommen zu sein.

Nachdem sie den anderen Gute Nacht gesagt hatte, stapfte sie müde die Treppe hinauf und kaum, dass sie sich fertig gemacht hatte, taumelte sie ins Schlafzimmer.

Hermine und Muriel schliefen schon und das war auch gut so, denn auf weitere Gespräche hatte sie keine Lust.

Sie kuschelte sich in ihre Kissen und schloss die Augen.