Wenn wir nur noch das sehen, was wir zu sehen wünschen, sind wir bei der geistigen Blindheit angelangt.
- Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach (1830-1916)
Die schlimmste Herrschaft ist die der Gewohnheit.
- Publius Syrus (eigentlich Publilius Syrus, wahrscheinlich 90 - 40 v. Chr.)
Die nächsten Tage vergingen rasch, vor allem, weil Ginny Malfoy kaum über den Weg lief. Das lag daran, dass er die Zeit oft in seinem Zimmer verbrachte (wann war es eigentlich zu seinem Zimmer geworden?). Außer zu den Essenszeiten, da war er immer pünktlich anwesend, beim Frühstück oft sogar früher als Ginny oder Hermine. Es ging also alles seinen inzwischen gewohnten Gang, zumindest, wenn man Muriel mit Scheuklappen ausblendete. Was schwer war, denn Muriel hatte die unmögliche Gabe, die Aufmerksamkeit der Leute mit ihrem Gegacker und Gezeter permanent auf sich zu ziehen.
Und so kam der Morgen schnell, an dem Malfoy im Ministerium seine Aussage machen sollte.
Er und Arthur frühstückten in aller Eile und ein Hauself des Manors brachte einen Anzug für den Slytherin vorbei. Ginny war gerade mit einem Gähnen die Treppe heruntergekommen und hatte sich zu ihrer Mutter, Hermine und Percy gesellt, die schon wach waren, als die beiden aus der Tür verschwanden.
Nach dem Frühstück setzte Ginny sich dann, während alle anderen Familienmitglieder, abgesehen von ihr selbst, Charlie, Hermine und Muriel, einkaufen gegangen waren, auf ein Sofa, um die Ruhe zu nutzen und einen Brief an Colin zu schreiben. Sie tauchte ihre blaue Feder kurz in das kleine Tintenfässchen, das sie auf dem Couchtisch platziert hatte, und begann dann zu schreiben, begleitet vom Ticken der Uhr und den leisen Scharchern Muriels, die in einem der Sessel eingeschlafen war.
Lieber Colin,
wie geht es dir? Und wie war dein Weihnachten?
Dein Geschenk schicke ich anbei. Ich hoffe nur, dass Pig es nicht auf dem Weg verliert, du kennst ihn ja.
Hier im Fuchsbau ist eigentlich alles, wie sonst auch. Doch du wirst mir bestimmt nicht glauben, wer hier ist: Überraschend ist Tante Muriel gekommen, angeblich wegen einer Ungezieferplage, die ihr Haus gerade zu Grunde richtet – deshalb haben auch ein paar Eulen vorhin einige ihrer Sachen vorbeigebracht.
Kennst du sie eigentlich?
Glaub mir: Das willst du sicherlich überhaupt nicht. Ich habe mir während des halben Frühstücks anhören müssen, dass ich spröde Haare, eine – ich zitiere! – „unweibliche Haltung" und, mein Favorit, „hinterlistige Gesichtszüge" hätte, mit denen ich „niemals einen abkriegen" würde!
Nicht schon nervend genug, dass sie Charlie damit seit Jahren belästigt. Mal ganz ehrlich: Ich bin doch gerade mal siebzehn … Und was eigentlich verwunderlich ist: Fred, George und Percy hat sie etwas Ähnliches noch nie gesagt!
Nun ja, zumindest ist Charlie hier. Es freut mich wirklich, ihn mal wieder an Weihnachten zu sehen, wo er sich doch sonst immer erfolgreich an seine Arbeit geklammert hat.
Es ist schade, dass du über die Ferien im Schloss geblieben bist. Dad hat unsere Karten für die Quidditchweltmeisterschaft schon lange. Rumänien gegen Spanien – ich bin mir sicher, dass ohne die rumänischen Treiber Bulgarien zurück im Finale gewesen wäre, Krum ist immerhin dieses Jahr abermals zur Höchstform aufgelaufen.
Wir werden schon am 30. frühmorgens aufbrechen und dann bis zum nächsten Mittag bleiben, sollte das Spiel sich nicht unvorhergesehen in die Länge ziehen.
Versprochen, ich werde dir alles haarklein berichten! Und versprich du mir, dass du die Zeit nutzt und lernst (und ja, Hermine hat mich beauftragt, dich daran zu erinnern) – du hast immerhin auch nicht immer die Gelegenheit, dir von Neville Nachhilfe geben zu lassen.
Und bevor ich es vergesse: Wie geht es eigentlich Angélique?
Ich warte auf deine Antwort!
Deine Ginny
Ginny nickte zufrieden und lehnte sich zurück, während sie den Brief erneut überflog. Als sie am Ende angelangt war, stutze sie kurz und überflog ihn ein weiteres Mal.
Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie Malfoy mit keinem Wort erwähnt hatte … Aber das war ja auch nicht nötig.
Sie würde Colin einfach davon erzählen, wenn sie wieder im Schloss wäre und er sich auch keine unnötigen Sorgen zu machen bräuchte. Genau.
Halbwegs von sich selbst überzeugt faltete sie den Brief zusammen, bevor sie damit zu Pigwidgeon ging und ihm Colins Geschenk und die Nachricht übergab.
Sie sah ihm gerade noch hinterher, als sie Schritte auf der Treppe hörte.
„Hast du an Colin geschrieben?", fragte Hermine zerstreut, die einen Stapel Bücher in den Armen trug, ihre Locken unordentlich zu einem Zopf hochgebunden und ihre Schreibfeder hinter ihr Ohr gesteckt.
Sie war offenbar mit Lernen beschäftigt gewesen.
„Ja. Was sind das für Bücher?"
„Die gehören deiner Mutter. Ich habe sie mir ausgeliehen, für meine UTZ-Prüfung in Arithmantik."
„Ich wusste gar nicht, dass Mum Bücher über Arithmantik hat", erwiderte Ginny verwundert.
Hermine kicherte amüsiert, als sie die Bücher auf dem Küchentisch abstellte und schon wieder die Treppe hinaufsprang.
„Die hat sie zu ihrer vollständigen Lockhart-Sammlung dazugeschenkt bekommen!", rief sie noch.
Auch Ginny musste bei dem Gedanken an ihre Mutter, wie sie stolz alle Bücher Lockharts aufkaufte und dann einen Stapel an Arithmantik-Büchern in die Hände gedrückt bekam, lachen. Es war einfach eine zu lustige Vorstellung.
Aber da sie nun eh nichts anderes zu tun hatte, setzte auch Ginny sich an ihre Bücher und mit einer Tasse Tee in der einen Hand und einem Buch in der anderen brütete sie zuerst über Verwandlungen, dann über Kräuterkunde. Sie erfasste dabei nicht, wie schnell die Zeit vorbeiging, und bevor sie es sich versah, öffnete sich die Haustür, gerade, als die Wanduhr elf schlug. Neugierig sah sie auf und erkannte ihren Vater und Malfoy, die hintereinander eintraten.
„Oh, hallo Ginny", grüßte sie ihr Vater erschöpft und legte seinen Mantel auf einer Stuhllehne ab. „Wo ist deine Mutter?"
„Hey. Sie ist mit den anderen einkaufen gegangen und Charlie und Hermine sind oben. Muriel, na ja …" Ginny deutete mit einem schiefen Grinsen auf ihre Großtante.
„Ist denn alles gut gegangen?", erkundigte sie sich dann und blickte fragend zu Malfoy, der bisher schweigend und mit den Händen in den Hosentaschen dagestanden hatte.
„Sie haben mir nur einen Haufen Löcher in den Bauch gefragt und offenbar versucht, den Rekord für die abwegigsten Fragestellungen zu brechen." Mit missmutig gerunzelter Stirn ließ er sich ihr gegenüber nieder, während er seine Krawatte lockerte.
Vorhin hatte sie Malfoy nur kurz von hinten gesehen, jetzt fiel ihr aber unmittelbar ins Auge, dass ihm dieser Anzug wirklich gut stand. Erwachsener, so konnte man es wohl beschreiben.
„Allerdings. Leider konnten sie uns aber nichts Genaues sagen. Sie hoffen wohl mit Dracos Aussage einen Zauberstab weiterzukommen", mischte sich Arthur ein und trank einen Schluck Wasser. „Ich muss jetzt aber auch noch einmal ins Ministerium, es gibt wohl einige Komplikationen mit einem beschlagnahmten Artefakt in meiner Abteilung … Sagst du Molly Bescheid, dass ich wahrscheinlich nicht zum Mittagessen zurück bin?"
Ginny lächelte kopfschüttelnd. Ihr Vater liebte seine Arbeit einfach.
„Sicher doch, Dad. Bis später!"
„Wiedersehen, Mr Weasley", kam es von Malfoy.
Ginny winkte noch, als er in den Kamin stieg und in einer grünen Stichflamme verschwand, wobei er seinen Hut auf seinem Kopf festhielt und seine Brille zurechtrückte.
Danach wandte sie sich an den Blonden.
„Sie haben dich also ausgefragt?"
„Natürlich, Weaslette, etwas anderes macht man bei einem Verhör ja auch nicht."
Sie seufzte und beugte sich augenrollend wieder über ihr Buch. Malfoy war offenbar schlecht gelaunt.
„Schon klar."
Eine Weile schwiegen die beiden, bis Ginny ihm kurz einen Blick zuwarf und ihn musterte.
Er schien relativ erschöpft, denn er saß mit zurückgelegtem Nacken im Sessel und hielt die Augen geschlossen. Hätte sie es nicht besser gewusst, hätte sie sagen können, dass er ebenso schlief wie Muriel.
Mit einem leichten Lächeln machte sie weiter mit Lernen, wobei sie allerdings nicht ganz wusste, wieso sie lächelte.
„Sie haben mich gefragt, was für Zauber sie angewandt haben. Und nach ihrer Gruppenstruktur. Nach ihrem Aussehen, nach Namen oder Gerüchen und Geräuschen, die ich mitbekommen habe. Scheinbar wissen sie überhaupt nichts. Kein Wunder, immerhin hat bisher keiner überlebt."
Ginny hatte überrascht aufgesehen, als er plötzlich zu sprechen begonnen hatte, doch er rührte sich bei seinen Worten kein Stück, als wäre er eine Statue.
Sein Tonfall war bei dem letzten Satz allerdings etwas bitter geworden.
Weil sie aber nicht genau wusste, was sie darauf antworten sollte, blieb sie stumm und wartete, dass er noch etwas sagen würde. Was er schließlich auch tat.
Seine dunkle Stimme erfüllte den Raum und er sprach langsam und distanziert.
„Es ist irgendwie seltsam, wenn man diesen Typen gegenüber sitzt, die einen vor einigen Monaten noch hätten töten können. Besonders, wenn man bedenkt, dass sie mit mir geredet haben, um die Typen zu finden, die mich jetzt umbringen wollen. Obwohl sie das wahrscheinlich nicht werden."
Sie fixierte ihn und sagte fest: „Ich bin mir sicher, dass sie etwas dagegen tun werden. Du vergisst, dass du nicht mehr auf deren Seite stehst."
Malfoy hob die Augenbrauen in der typischen Slytherin-Manier und schaute sie an.
„Wieso bist du dir da so sicher?"
Stimmt, wieso ging sie davon aus?
Aber ihr Gefühl sagte ihr, dass es stimmte. Es musste stimmen.
„Nun ja", meinte Ginny und nahm all ihren Mut zusammen, „das bist du immerhin, oder?"
Ein Grinsen schlich sich auf sein Gesicht.
„Schätze schon."
Ginny konnte sich ein erleichtertes Lachen nicht verkneifen und auch Malfoy wirkte wieder entspannter.
Sie konnte selbst nicht glauben, dass sie mit ihm hier saß und über etwas, was er sagte, so beruhigt war.
Schon seltsam, wie sich Dinge manchmal veränderten.
Schon seltsam, wie sich Personen manchmal veränderten.
„Und sie haben noch etwas gesagt …", sprach er da plötzlich wieder. Es erschreckte sie, dass er so abrupt wieder ernst war. „Sie haben gesagt, dass ich meinen Vater bald besuchen dürfte. Seine Strafe steht wohl fest, der Prozess ist nach Neujahr."
Ginny schwieg und überlegte, wie sie ihm antworten sollte.
Die Stimmung im Raum ließ sie nervös werden und irgendwie machte es ihr Herz schwer, wie Malfoy an die Wand starrte und so tief in sich versunken zu sein schien. Allerdings verwirrte sie es auch, dass er ihr so etwas anvertraute.
„Wirst du … ihn besuchen?", fragte sie dann.
Malfoy richtete sich auf.
„Nein."
„Warum? Er ist immerhin dein Vater, oder?"
„Ja, er ist mein Vater", sagte er langsam und konzentriert. Seine Unterarme stützte er jetzt auf seinen Knien ab, den Blick zu Boden gerichtet.
Daraufhin folgte Stille und Ginny traute sich nicht, ihn noch einmal anzusprechen.
Sie versuchte weiterzulernen, allerdings fiel es ihr nicht ganz so leicht, wenn sie dabei mit jemandem zusammensaß, der Löcher in die Luft starrte und ihr eben noch mehr Stoff zum Nachdenken gegeben hatte, als gut für sie war. Und dazu war Kräuterkunde eh schon ihr schlechtestes Fach, neben Geschichte der Zauberei – hierbei waren Colin und sie die Volltrottel des Jahrgangs.
Und so stöhnte sie nach wenigen Minuten schon genervt auf und warf Malfoy einen missmutigen Blick zu.
Er bemerkte ihn, denn spöttisch wollte er wissen: „Was denn? Störe ich dich bei deinem Liebesroman?"
Verdattert hob sie die Augenbrauen. „Wieso Liebesroman?"
„Du sahst sehr konzentriert aus. So gucken Mädchen entweder, wenn sie einen Liebesroman lesen oder Hundewelpen sehen."
„Tja, ich lerne aber."
„Du lernst schon zu Beginn der Ferien?", hakte er überrascht nach.
„Ja? Dein Bild von mir scheint wirklich herausragend zu sein. Also echt …"
Er zuckte nur die Achseln.
„Dann gehörst du offenbar nicht zu der Sorte Mädchen, die ich sonst um mich habe."
„Was, du beachtest die soweit, dass du so etwas feststellst?", sagte sie gespielt schockiert.
„Ja – manchmal. Aber was ist denn jetzt?"
„Kräuterkunde!"
„Kräuterkunde? Dabei hast du Probleme?"
„Ja."
Malfoy feixte und setzte schon zu einem Kontra an, das wahrscheinlich etwas mit Nervosität ihrerseits als Reaktion auf sein umwerfendes Aussehen zu tun hatte, als er ihren genervten Blick sah.
Er seufzte.
„Na schön, zeig mal her …"
Damit kam er um den Couchtisch zu der überraschten Ginny herum, griff ungefragt ihr Buch und ließ sich neben sie fallen.
„Hey...", protestierte sie, doch als er nicht reagierte, beäugte sie ihn dabei, wie er kurz die Seite überflog, die über ihren Verstand hinausging, und sich schließlich zu ihr beugte und auf eine kurze Textpassage deutete.
„Du hast dich in der Zeile geirrt. Wandersteinwurzeln kann man nur im Winter ziehen, ihre Blüten sollte man stattdessen im Sommer schneiden. Du solltest sie getrennt in die Tabelle eintragen, so kannst du dir das und vor allem ihre Wirkungen leichter merken", erklärte er ruhig und so fließend, als hätte er das schon mit tausend Leuten erörtert.
„Ach so?"
Ginny runzelte die Stirn und lehnte sich noch ein kleines Stück vor, um sich die besagten Sätze durchzulesen. Dabei bemerkte sie überhaupt nicht, wie ihre Schulter leicht an seine stieß.
Sie öffnete schon den Mund und sah auf, um etwas dazu zu sagen, da wurde auch ihr bewusst, wie viel näher er plötzlich war. Fasziniert musste Ginny feststellen, dass seine Iris aus der Nähe sehr viel dunkler wirkte und auffällig mit der hellen Haut und den weißblonden Haaren kontrastierte.
Es war ihr vorher nie so scharf ins Auge gestochen.
Weniger durch ihr Zutun, sondern beinahe unbewusst, breitete sich ein Lächeln auf ihren Lippen aus. Malfoys Pupillen weiteten sich überrascht und einen Moment hatte sie das Gefühl, er wollte etwas sagen.
Doch dann unterbrach er ihren Blickkontakt und wandte das Gesicht ab.
„Du hast das wirklich nicht verstanden?", durchbrach er das Schweigen.
Ginny räusperte sich verlegen und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Nicht jeder kann ein Genie in Kräuterkunde sein …", nuschelte sie in ihren nicht vorhandenen Bart.
Malfoy setzte schon zu einer Antwort an, da hörten sie Schritte auf der Treppe. Beide drehten sich um, als Hermine den Wohnbereich betrat.
„Sag mal, hast du mein-", rief sie, doch stockte, als sie die beiden auf dem Sofa erkannte.
„Malfoy, du bist schon zurück?"
„Für die Verhältnisse der Auroren ging es tatsächlich schnell, ja."
Die Ältere runzelte die Stirn. „Gut … denke ich."
„Was soll ich denn nun gesehen haben?", lenkte Ginny ihre Aufmerksamkeit auf sich.
Ihr war es nicht besonders angenehm, dass Hermine sie und Malfoy entdeckt hatte – obwohl sie ja eigentlich nichts Verbotenes taten. Sie waren … ja, wenn sie heute schon so optimistisch war, konnte sie sagen, dass sie in gewisser Weise …. Freunde … waren. Oder zumindest einander gegenüber unparteiisch eingestellte Bekannte.
Trotzdem war ihr etwas an der Situation peinlich.
„Ähm, nun, mein Zauberkunstbuch", antwortete Hermine irritiert.
„Ja … es müsste irgendwo hier sein …"
„Neben deinem Ellbogen, Weaslette", unterbrach Malfoy ihr Herumgekrame und erhob sich. „Ich werde mich mal umziehen gehen."
Er schob sich an Hermine vorbei und sie starrte ihm hinterher, bevor sie schließlich wieder zu der Rothaarigen schaute. Über ihrem Kopf schwebte praktisch ein großes, blinkendes Fragezeichen.
„Kräuterkunde, Ginny?", wollte sie unverbindlich wissen, obwohl man ihr ihre Belustigung ansah.
„Nimm einfach dein Buch, Hermine …", seufzte Ginny.
ooooo
Wenn sie vorher nur zögerlich hatte sagen können, dass Malfoy und sie mindestens nicht mehr verfeindet waren, dann war sie sich jetzt ganz sicher.
Wenn sie nicht sogar etwas mehr waren.
Und sie sollte wohl zugeben, dass sie dagegen wirklich nichts hätte, mit ihm befreundet zu sein.
Das alles ergab sich daraus, wie die beiden in den nächsten Tagen miteinander umgingen. Es war viel leichter, sich mit ihm zu streiten, wenn sie sich nicht all seine Kommentare und Andeutungen zu Herzen nahm, und sie wusste, dass er es eigentlich genauso mochte, mit ihr zu diskutieren, wie es ihr inzwischen gefiel. Natürlich fielen gewisse Spannungen nicht weg, denn so einfach ließ sich das Kriegsbeil kaum begraben, aber man konnte sagen, dass die Richtung sich geändert hatte.
Es war einfach erstaunlich, wie verändert Malfoy war, im Gegensatz zu vor den Ferien. Ihre Familie bemerkte die Veränderung in gewissen Graden ebenfalls, nur Ron war viel zu sehr damit beschäftigt, darauf achtzugeben, dass Malfoy nicht klammheimlich den Fuchsbau in Brand setzte.
Hermine hingegen verhielt sich genau gegenteilig, sie erfasste am meisten von dem Szenario, was wohl auch daran lag, dass sie es im Besonderen beobachtete. Sie dachte überhaupt nicht daran, mit Ginny darüber zu reden, denn ihr war klar, dass ihre Freundin das unangenehm finden würde.
Nein, sie war mehr daran interessiert, zu sehen, wie es weitergehen würde.
Bedauerlicherweise hatte Ginny nicht noch einmal mit Malfoy über seinen Vater sprechen können, ihr Kopf machte sich dafür umso mehr Gedanken. Sie war so verdammt neugierig – sie wollte wissen, was zwischen Lucius Malfoy und seinem Sohn war. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, ihren Vater nicht sehen zu wollen, wenn dieser im Gefängnis säße. Malfoy sprach es jedoch leider auch nicht mehr an.
Und so kam auch bald der 30. Dezember, der Tag, an dem sie zur Quidditchweltmeisterschaft aufbrechen würden. Dieses Mal mussten allerdings alle früh aufstehen, da die Weltmeisterschaft in Irland stattfinden würde und das Apparieren als Fortbewegungsmöglichkeit ausschloss.
Ginny war zu gut gelaunt, als dass sie ihre sonstigen Anwandlungen eines Morgenmuffels aufhielten, hellwach mit einem Rucksack auf dem Rücken die Treppen hinunterzuhüpfen und ihrer versammelten Familie einen guten Morgen zu wünschen, was mehr oder weniger erwidert wurde.
„Sei still, Ginny, ich will schlafen", beschwerte sich Ron hingegen, der die Hände über seine Ohren schlug und den Kopf auf die Tischplatte sinken ließ, als wäre sie das weichste Kissen der Welt.
Auch Fred und George wirkten unausgeschlafen und starrten mürrisch in ihre Haferbreischüsseln, während Charlie seinen fünften Kaffee hinunterkippte und Fleur Bill fröhlich vor sich hin summend die Hand streichelte, um sicher zu gehen, dass er wach blieb.
„Das sind ja ganz andere Töne von dir", sagte Molly erfreut und nahm einen Topf vom Herd.
„Ach, heute ist einfach ein guter Tag", flötete sie gelassen, ignorierte Ron und ließ sich auf ihrem Stuhl nieder.
Sie blickte sich am Tisch um und entdeckte alle, abgesehen von Percy und Muriel, die nicht mitkommen würden. Zu ihrer Überraschung sogar Malfoy, immerhin war es gerade mal Viertel nach fünf.
Doch sie tat es fürs Erste ab und stürzte sich stattdessen lieber auf die köstlich aussehenden Brötchen, die ihre Mutter an sie weiterreichte, und wollte gerade eines davon mit Himbeermarmelade bestreichen, da eilte ihr Vater herein.
„Kinder, für Essen ist jetzt keine Zeit mehr, wir müssen los!", rief er panisch und stellte die Milch wieder hin, die Harry sich gerade hatte einschenken wollen.
Molly hielt ihren Mann am Ärmel auf. „Sagtest du nicht, ihr müsstet dieses Jahr erst in einer halben Stunde gehen, Arthur, mein Lieber?"
„Ich habe eben noch einmal auf den Zettel gesehen, den Ludo mir gegeben hat: Wir sollen schon in zwanzig Minuten am Treffpunkt sein!"
Bill richtete sich hustend auf und die Zwillinge verschluckten sich synchron an ihrem Brei, nur, um sich dann gegenseitig röchelnd auf den Rücken zu klopfen.
„WAS?!", schrie Ron entsetzt und sprang auf, wobei Hermine und Ginny einen entnervten Blick tauschten.
„Ich habe nicht mal meine Sachen gepackt! Komm, Harry!"
Damit zog er den Schwarzhaarigen, der noch zerzauster wirkte, als sonst, nach oben, die Zwillinge und Charlie ihnen hinterherhechtend.
„Ein Glück, dass isch unsere Sachen schon gestern gepackt 'abe …", murmelte Fleur missbilligend und Hermine nickte zustimmend.
Zwei Minuten später waren die Jungen wieder unten und Arthur eilte der Truppe voran aus der Haustür, nicht, ohne sich noch kurz von Molly zu verabschieden, gefolgt von Charlie, Bill, Fleur, Fred, George, Hermine, Harry und Ron. Ginny machte bereits Anstalten den anderen zu folgen, als ihr auffiel, dass Malfoy ebenfalls aufgestanden war, eine Tasche schulterte und darauf wartete, dass sie vorauslief.
„Du kommst mit?", fragte sie überrumpelt.
„Klar, selbstverständlich habe ich schon seit Monaten eine Karte. Dein Vater hat geregelt, dass ich sie gegen einen Platz in eurer Loge tauschen konnte. Und jetzt guck nicht so schockiert, das deprimiert einen ja richtig."
Sie schnaubte und stapfte mürrisch nach draußen.
„Tschüss, Mum! Wiedersehen, Tante Muriel! Halt die Ohren steif, Perc!", brüllte sie über die Schulter, bevor auch sie in einen Laufschritt verfiel und ihrem Vater nachhetzte, was beneidenswerterweise bei Malfoy eher als elegantes Laufen zu beschreiben war.
Sie brauchten fast eine Viertelstunde, bis sie, schwer aus der Puste, auf dem Wieselkopf ankamen, wo auch dieses Mal der Portschlüssel zur Quidditchmeisterschaft versteckt war.
Hermine und Ron ließen sich mit roten Gesichtern ins Gras fallen, während Fred und George lautstark nach Luft rangen und Bill sich auf seine Knien stützte.
Auch Ginny hätte sich nicht ungern kurz ausgeruht, doch ihr Vater, der aus irgendwelchen Gründen überhaupt nicht nach einem Ohnmachtsanfall aussah, rief keuchend: „Schnell! Sucht, puh, sucht nach einem – was war das denn nochmal …? Ah, ja, sucht nach … nach, pfuh, einem blauen Waschlappen!"
Charlie, Harry und Malfoy, die als Einzige noch halbwegs dazu fähig wirkten, begannen zu suchen und fanden den verdreckten Waschlappen halb unter einem Stein, den man allerdings kaum als blau bezeichnen konnte.
Die Gruppe versammelte sich und alle griffen, ohne große Anweisungen oder Beschwerden wegen des Waschlappens, nach dem Portschlüssel.
Ginny nahm nur noch wahr, wie sie dicht gedrängt zwischen Malfoy und Hermine stand, bevor sich die Umgebung in einem schwindelerregenden Wirbel auflöste und sie an einen anderen Ort mit sich fortriss.
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Hey Leute,
tut mir leid, dass das Kapitel erst so spät kommt. Und es geht weiter, mit den schlechten Nachrichten. Ich weiß, aber auch, wenn ich euch das jetzt erst etwas spät ankündige, fürchte ich, die nächsten beiden Updates werden ausfallen. Auch Autoren brauchen kleine Pausen, also habe ich mir überlegt, ich gönne mir bis zum 27.12. eine kleine Weihnachtspause. Momentan habe ich wirklich viel Stress und es wird wohl nicht aufhören, bis die Ferien abfangen. Trotzdem hoffe ich, zumindest dieses Kapitel hat euch gefallen!
Bis zum nächsten Mal sage ich jedenfalls noch schnell: Habt schöne, besinnliche Adventstage und ein fröhliches Weihnachtsfest! :)
LG und ich wünsche euch viele, viele Geschenke!
Eure Grim ^-^
