Hallo allerseits, auch wieder da? Freut mich. :)
Denn es ist ja Sonntag – und das heißt: Ein neues Kapitel! Habt Spaß und genießt euren Sonntag beziehungsweise die nächste Woche.
Am Ende dieses Kapitels habe ich übrigens „Kiss With A Fist" von Florence & The Machine gehört.
Und bevor ihr denkt, ich labere hier nur, um zu labern, der wahre Grund für diesen Autorenkommentar: Meine Absicht, einen Dank für ihre lieben Reviews auszusprechen …
blondies
Fanny 2001
Gila :D
Und zuletzt habe ich eine kleine Neuigkeit: Ich komme in diesem Sommer vermutlich wieder nach Paris! Nachdem ich schon im Herbst da war, aber nur mit der Schule und auch nur so, dass ich nicht alles sehen konnte, werde ich wohl in der ersten Ferienwoche mit meiner großen Schwester zurückkehren – für Versailles, Notre Dame und natürlich den Père Lachaise. Ich hoffe, ihr freut euch auch so auf den Sommer, wie ich jetzt!
LG Eure Grim ^-^
„Please, would you tell me", said Alice, a little timidly, for she was not quite sure whether it was good manners for her to speak first, „why your cat grins like that?"
„It's a Cheshire-Cat," said the Duchess, „and that's why. […]"
- „Die Herzogin" und „Alice" in „Alice im Wunderland" von Lewis Carroll (*1832)
Es waren nicht einmal dreißig Minuten verstrichen, als sich die Tür wieder öffnete und Malfoy und Mr Graham heraustraten.
Ginny stand auf, hielt aber inne, als sie das Gesicht des Slytherins sah. Es war kalt, völlig ausdruckslos und ohne jede Empfindung. Ihre Augen trafen sich quer durch den Warteraum und kurz blitzte etwas in seinen grauen auf, bevor er sich abrupt abwandte und etwas zu dem Wächter neben ihm sagte, der ihm ihre Zauberstäbe reichte. Dann kam er zu ihr herüber.
„Wir können gehen", sagte er neutral und ohne sie anzusehen.
Ginny merkte, wie ihr ganz flau im Magen wurde, nickte aber. „Okay", antwortete sie leise und folgte ihm nach draußen. Den Blick wie erstarrt auf seinen Rücken geheftet, rasten ihre Gedanken wild und verquer durch ihren Kopf.
Sie hatte die ganze Zeit zappelig auf ihrem Stuhl gesessen, ohne stillsitzen zu können, und hatte sich gefragt, wie er sein würde, wenn er wieder zurückkam. Dass er aber so distanziert war, das hatte sie sich gar nicht ausmalen können – und wollen.
Es war fast, als wäre er der alte Malfoy, mit dem sie nun schweigend den Weg zurückging, den sie gekommen waren. Erst an Mrs Palmer vorbei, die sie nicht beachtete, dann die Klippen hinunter über den steilen Pfad, bis sie an der Grenze des Zaubers ankamen. Kurz davor stoppte Malfoy und drehte sich halb zu ihr um, um ihr wieder die Hand hinzustrecken. Ginny starrte eine Weile stumm auf seine blassen Finger, dann nahm sie sie und umschloss sie fest mit ihren.
Er führte sie wieder durch den Sturm, den sie dieses Mal jedoch kaum noch spürte, und irgendwann hielten sie wieder an und er gab ihr einen Gegenstand, den sie nicht identifizieren konnte. Es dauerte nicht lange und ohne Vorwahrung nahm der Portschlüssel sie mit sich.
„Bitte Platz für die Nächsten freimachen", empfing sie die Stimme des Mannes, der sich auch schon vorhin mit ihnen befasst hatte und sie nun hektisch zum Aufstehen animierte. Ginny rappelte sich hoch und nach einigen Formalien verließ sie zusammen mit Malfoy das Büro.
„Bist du bereit?", fragte er draußen.
„Ja …", erwiderte sie automatisch, zögerte jedoch, während sie sein Profil betrachtete.
Dann fasste sie einen Entschluss.
„Oder … doch nicht. Ich möchte noch mit dir wohin."
„Wieso? Hast du Hunger?"
„Nein."
„Wohin dann?"
Ginny seufzte. „Das siehst du dann, wenn wir da sind. Komm schon, wir haben noch genug Zeit, bevor meine Eltern sich Sorgen machen werden." Sie hielt ihm wieder ihre Hand hin. „Bitte", bat sie, als er nicht reagierte.
„Wenn es sein muss …", murrte er schließlich, als er zu ihr trat. Ihre Finger verflochten sich miteinander und Ginny überkam ein wohliger Schauder. Sie zog ihren Zauberstab und keine Sekunde später apparierten sie.
„Wo sind wir?", wollte Malfoy wissen, der sich irritiert umsah. Sie befanden sich augenscheinlich in einem Park auf einem Platz, an dessen Seiten Bänke standen und verschiedene Wege abzweigten. Schnee lag auf dem Boden und färbte die Wipfeln der umstehenden Bäume weiß, ebenso wie das Dach des Musikpavillons, der in der Mitte des Platzes stand.
Die Rothaarige grinste.
„Battersea Park in London", sagte sie. „Mein Dad und Charlie haben mich manchmal nach London mitgenommen und dann sind wir immer hierhergekommen. Dort drüben", sie deutete auf eine Wiese, „habe ich öfters mit meinen Brüdern gespielt. Und auf dem Teich, der ein bisschen entfernt von hier liegt, habe ich das erste Mal in einem Boot gesessen."
Sie lief einige Schritte und kletterte auf das Geländer des Pavillons, um sich daraufzusetzen. Die Miene Malfoys verriet jedoch, dass er noch nicht ganz wusste, worauf sie hinauswollte. Verdeutlichend klopfte sie auf den Platz neben sich.
„Was sollen wir hier?", fragte er stattdessen gereizt und ohne auf die Einladung zu reagieren.
„Wir werden jetzt ein bisschen Spaß haben", erklärte Ginny und versuchte sich an einem Lächeln, das ihr sogar recht gut gelang. Sie wollte verdammt sein, wenn sie Malfoy jetzt nicht aufmuntern konnte. Sie wollte, dass er nicht mehr so kalt und distanziert, sondern wieder der offenere Slytherin war, mit dem sie an Silvester aufs Meer geschaut hatte. Und wozu war sie immerhin die kleine Schwester von Fred und George?
„Was soll das, Weasley?" Malfoy schien verärgert, als er seine Hände in seinen Hosentaschen verschwinden ließ und sie abweisend anschaute. „Ich habe keine Lust darauf."
Sie seufzte erneut und sprang vom Geländer herunter. „Falls du es vergessen haben solltest, Malfoy, du bist mir noch etwas schuldig. Ich habe gegen dich gewettet und ich möchte den Gefallen, den ich gewonnen habe, jetzt einlösen."
„Du hast mich bereits gezwungen, mir diese Briefe und dein schreckliches Vorlesen anzuhören. Dieser Gefallen ist Vergangenheit."
„Ach was, das zählt doch nicht!", sagte sie und er resignierte offenbar, denn genervt fragte er: „Und was sollen wir dann hier?"
„Ganz einfach: Ich möchte, dass du mit mir etwas unternimmst. Also entweder setzt du dich neben mich oder wir gehen woanders hin, aber irgendetwas werden wir jetzt zusammen machen", schnaubte Ginny und verschränkte die Arme demonstrativ vor der Brust. Sie sah, wie er mit sich rang, doch dann funkelte er sie genauso herausfordernd an, wie sie ihn.
Innerlich triumphierte sie und führte einen kleinen Freudentanz auf.
„Schön", knurrte er. „Du hast zwei Stunden."
„Dann gehen wir jetzt ein Eis essen – ich liebe Eis", grinste die Gryffindor und schnappte sich seinen Ärmel, um ihn hinter sich herzuziehen.
„Im Winter?"
„Das ist die beste Jahreszeit dafür." Damit entschied sie sich für einen der Wege und dirigierte ihn schließlich zur Themse, die sie entlangliefen, bis sie einen Eissalon fanden, der auch im Januar noch Eis verkaufte und bei dem sich Ginny ein großes Erdbeereis und Malfoy einen Latte macchiato holten.
Sie wusste nicht genau, was sie da eigentlich tat, aber sie war froh, dass es ihn zumindest lockerer zu machen schien, denn in der nächsten Stunde, die sie ihn durch London schleifte, verlor er immer mehr von der distanzierten Haltung. Als sie irgendwann wieder die Themse erreichten, grinste er einmal sogar wieder malfoyhaft.
„Und was willst du als nächstes, das ich mit dir tue?", erkundigte er sich und hob anzüglich beide Augenbrauen.
Ginny ging nicht darauf ein, sondern überlegte fieberhaft. Leider wollte ihr einfach keine Idee mehr kommen. Man sollte es Zufall nennen, dass ihr Blick über seine Schulter wanderte und an etwas hinter ihm haften blieb. Er drehte sich mit gerunzelter Stirn um und atmete tief ein, als er sah, was ihr ins Auge gefallen war.
„Das London Eye?", murmelte er nicht gerade überzeugt, doch da war sie schon durch den Schnee losgestapft und überquerte die Westminster Bridge. Sie marschierte ihm voran und grinste diabolisch, als er sich hinter ihr in Bewegung setzte.
„Du hast doch keine Höhenangst, oder?", fragte sie neckend.
„Wie kommst du darauf? Ich spiele Quidditch."
„Dann ist ja alles gut."
Nach fünfzehn Minuten, die sie in der Schlange warten mussten, kamen sie endlich dran. Nicht zuletzt, weil Malfoy ungeduldig wurde und mit seinem Zauberstab nachhalf, indem er sie einfach am Anfang der wartenden Leute positionierte, was Ginny mit einem gespielt tadelndem Kopfschütteln kommentierte. Eine schwarzhaarige, junge Frau ließ sie in einer der verglasten Kabinen Platz nehmen. Hier brauchte der Slytherin nicht einmal seinen Zauberstab, denn mit einem gezielten, charmanten Lächeln und etwas, das er ihr zusteckte und ziemlich nach Geld aussah, brachte er sie tatsächlich dazu, ihnen eine Gondel für sich zu geben.
„Du bist wirklich ein Malfoy, egal, was passiert", wiederholte Ginny ihren Satz von Heiligabend, als sie in dem Glasraum waren und sich auf der Bank in der Mitte niederließen. Sie spürte, wie das Riesenrad sich unter ihren Füßen weiterbewegte und lehnte sich zurück, um sich hinter ihr abzustützen.
„Als ob ich mich in einen Raum mit lauter Muggeln begeben würde", entgegnete Malfoy abfällig, dessen Blick starr nach draußen gerichtet war. „Da besteche ich lieber jemanden."
„Sicher, dass es nur das Geld war? Ich glaube, bei einem Mann, der nicht gerade schwul ist oder einen Fetisch für blonde, arrogante Zauberer hat, hättest du es deutlich schwerer gehabt."
„Das glaubst auch nur du. Ich kriege jeden rum, den ich möchte", gab er zurück und statt etwas zu sagen, genoss sie still die Aussicht und beobachtete das dunkle Wasser der Themse. Sie war nur froh, dass momentan kein Schnee fiel, denn so konnten sie die gesamte, weiße Stadt überblicken.
„Sag mal", sprach Ginny nach einiger Zeit wieder und schielte zu ihm hin, „wenn du die Macht hättest, dich zu entscheiden, ob du zehn Fremde oder eine geliebte Person rettest … wen würdest du wählen?"
Malfoy sah sie ernst und verwundert an, doch hatte sie nicht das Gefühl, dass es bloß wegen der ungewöhnlichen Frage war, sondern mehr, weil ausgerechnet sie sie gestellt hatte. Nach einer Pause antwortete er ihr: „Ich würde die Person wählen, die ich liebe."
„Wieso?"
Der Slytherin atmete tief ein und stieß die Luft dann wieder abrupt aus. „Ich hasse Leute wie Potter, die sich für die zehn entscheiden würden, weil sie es tun, um ein Held zu sein."
„Ist das nicht heldenhaft, auch, wenn sie nicht aus den glorreichsten Motiven handeln?", fragte sie, nachdem sie kurz nachgedacht hatte.
„Ja, vielleicht ist es das, aber es ist auch abartig. Als Potter …", sagte er und unterbrach sich selbst, bevor er viel schneller als vorher weiterredete, als wollte er es hinter sich bringen. „Als Potter mich aus dem Raum der Wünsche rettete, habe ich ihn nachher noch mehr gehasst. Ich habe ihn noch mehr gehasst, weil er zum einen mal wieder bewies, wie … wie gut er doch ist, und zum anderen, weil er es ausgerechnet mir gegenüber war."
„Ich hätte nie erwartet, einen Draco Malfoy kennenzulernen, der die Liebe respektiert", murmelte Ginny leise, fast hoffend, dass er sie nicht hören würde.
„Das tue ich – das tue ich inzwischen, Weaslette … Alle sagen immer, wir Slytherins wären so kalt, dabei sind wir nur nicht so großzügig darin, jemanden zu lieben."
Ginny erinnerten seine Worte an Blaise' und sie beobachtete ihn ganz genau. Die grauen Augen erwiderten ihren Blick nicht, denn er richtete seine Aufmerksamkeit auf den Big Ben, auf den sie mittlerweile hinuntersehen konnten. Sie hatte gar nicht bemerkt, wie schnell sie an Höhe gewonnen hatten, doch die Gondel begann schon wieder zu sinken.
„Ich liebe meine Mutter", fuhr er fort. „Und ich hasse meinen Vater, weil ich ihn nicht hassen kann. Verstehst du das? Ich verabscheue, was er getan hat. Ich verabscheue, wie er in diesem Raum gewesen ist, aber ich hasse ihn einfach nicht."
„Hasst deine Mutter ihn?"
„Nein."
„Wieso solltest du ihn dann hassen? Wir sind Menschen, wir können nicht bestimmen, was wir fühlen, nicht wahr? Wenn wir das könnten, dann wäre diese Welt übervölkert mit Leuten wie Voldemort." Als Malfoy nichts erwiderte, fragte sie vorsichtig: „Was … hat er vorhin gesagt?"
„Prinzipiell war er wie immer."
Ginny konnte sich vorstellen, was er meinte, zumindest, wenn ihr Bild von Lucius Malfoy mit seinem übereinstimmte. Sie sah auch, wie sehr er sich dagegen sträubte, ihr weiter etwas zu erzählen, doch was auch immer es war, es trieb ihn dazu, trotzdem zu reden, und das erleichterte sie. Auch, wenn er deutlich Schmerz dabei empfand, über seinen Vater zu sprechen.
„Er wird wohl in sieben Jahren wieder draußen sein. Ich glaube nicht, dass ich noch einmal zu ihm gehen werde. Ich weiß nicht, was ich tun soll, wenn er zurückkommt. Meine Mutter liebt ihn und auf irgendeine Weise liebt er sie auch, aber er ist so stolz und … das alles hat ihn kaputt gemacht."
„Aber du hast es versucht!", versuchte Ginny ihn aufzumuntern. Sie selbst wusste nicht, was sie dazu trieb, aber sie rückte näher an ihn heran und zwang ihn dazu, sie anzusehen. „Und egal, was er jetzt gesagt hat, er bleibt dein Vater, oder? Das nennt man Familie."
Ihre Blicke verhakten sich ineinander und langsam nickte er.
Sie lächelte schief. „Gut."
Danach legte sich wieder Stille über die Kabine und dicht nebeneinander blieben sie sitzen, so nahe, dass sich ihre Schultern beinahe berührten.
„Malfoy?"
„Was ist?", murmelte er.
„Sind wir Freunde? Ich meine, wirklich Freunde?"
„Ja." Sein Kopf drehte sich ihr abermals zu. „Ja, wir sind Freunde, Weaslette."
Und als er das sagte, musste Ginny in eine andere Richtung gucken, um nicht von der Empfindung überrannt zu werden, die in ihr aufkam. Es war eine Empfindung, als hätte er etwas Falsches gesagt. Irgendetwas an seiner Aussage stimmte nicht und hätte sie in Draco hineinschauen können, wüsste sie, dass er es auch bemerkt hatte.
ooooo
„Ginny! Ginny, beeil dich!", rief ihre Mutter durch den Fuchsbau.
„JA!", schrie sie genervt zurück und rollte, als sie an Hermine vorbeistapfte, mit den Augen. Als sie in ihrem Zimmer stand, holte sie ihren Koffer aus einer Ecke und legte ihn auf das Bett.
Kurz darauf stand sie davor und betrachtete das Chaos auf dem Laken.
„Handtücher, Muggelkleidung, Zahnbürste, Zahnpasta, Schuluniform, Ersatzuniform, Lehrbücher …"
Soweit sie sehen konnte, war alles vorhanden, was sie für ihre Rückkehr nach Hogwarts brauchte, also begann sie, die Sachen in ihren Koffer zu stopfen. Ginny hatte noch nie viel von Bügeln und Zusammenlegen gehalten, denn immerhin würde es in Hogwarts ja eh nur wieder unordentlich und Hauptsache irgendwie verstaut werden.
Es war der 10. Januar und in einer Stunde würde der Hogwarts-Express am Gleis 9 ¾ abfahren, folglich kein Wunder, dass ihre Mutter sie hochgescheucht und ihr befohlen hatte, zu packen. Die anderen waren schon fertig, doch nachdem Ginny gestern erst spät über ihren Büchern eingeschlafen war, hatte sie den Morgen fast komplett verschlafen. Hermine ebenfalls, doch vorsorglich wie immer hatte sie alles bereits am vergangenen Nachmittag bereitgelegt und sich auch noch einen Wecker gestellt. Manchmal wünschte sich die Rothaarige, sie hätte die Organisationsgabe ihrer Freundin, doch es war, wie es war.
Ein Klopfen ließ sie aufsehen.
„Ja?", sagte sie und die Tür zu ihrem Zimmer öffnete sich. Es war Malfoy.
„Deine Mutter hat mich gebeten, dir zu sagen, du sollst dich beeilen", erklärte er und Ginny seufzte, während sie fortfuhr.
„Ich mache ja schon."
„Ich bin keine Posteule, das kannst du ihr selbst sagen", antwortete er amüsiert und da er nichts zu tun zu haben schien, ging er den Raum in langen Schritten ab und sah sich um.
„Sag mal, was machst du da eigentlich?", wollte sie schließlich wissen, während sie zu ihrem Schrank ging und eine Hose herauskramte.
„Ich fliehe vor deinem Bruder. Dank Granger langweilt er sich, weil er nicht panisch herumlaufen und packen muss, und hat folglich genug Zeit, mich zu beschatten", spottete Malfoy. „Ich konnte ihn im Badezimmer abhängen."
Sie konnte sich Ron gut vorstellen, wie er dem Slytherin nachdackelte und jeden seiner Schritte bewachte.
„Und wieso mein Zimmer?"
„Weil Mrs Weasley erstens sehr unheimlich auf mich gewirkt hat, sodass ich es für besser befand, ihre Botschaft zu überbringen, und zweitens, weil ich es sehr interessant finde, dass du fünf Ausgaben von Alice im Wunderland hast." Grinsend unterbrach sie ihre Tätigkeit und ging zum Bücherregal hinüber, vor dem er stand und stirnrunzelnd ihre Bücher betrachtete.
„Das hier", sie deutete auf das erste Buch von links, „hat mein Vater mir geschenkt, als ich sechs war, deshalb sind darin auch Kinderillustrationen. Das danach habe ich von meiner Großtante Maggie zu Weihnachten bekommen, das daneben ist von Charlie, als ich nach Hogwarts kam, das Vorletzte habe ich in einem Antiquariat selbst vor ein paar Jahren abgestaubt und das letzte Buch hat Madame Pince mit gegeben, weil es niemand haben wollte."
„Findest du nicht, dass das grangersche Züge hat?"
„Vielleicht ein bisschen. Aber das sind alles völlig verschiedene Ausgaben. Und außerdem ist die von Charlie zweisprachig, nämlich auf Rumänisch und Englisch. Das ist sehr interessant und etwas ganz anderes", verteidigte sie sich. „Es ist außerdem so, dass sie mir praktisch zufliegen. Ist ja nicht so, als hätte ich sie mir alle selbst angeschafft."
Malfoy zog eines der Bücher aus dem Regal, das, das sie sich gekauft hatte, und öffnete es. „'Ich bin verrückt. Du bist verrückt.' 'Woher weißt du denn, dass ich verrückt bin?', fragte Alice. 'Du musst es sein', sagte die Katze, 'sonst wärst du nicht hierhergekommen.'", las er vor. „Die Grinsekatze, stimmt's?"
Ginny hatte ihm ganz fasziniert zugehört und blinzelte überrascht, als er sie ansprach. Es war seltsam, aber er hatte die Stelle genauso gelesen, wie sie sie sich immer in ihrem Kopf vorgestellt hatte.
„Ja", sagte sie schließlich langsam. „Das ist meine Lieblingsfigur. Hast du es gelesen?"
„Nein", meinte er gedankenverloren und blätterte in den alten Seiten. „Meine Mutter hat es mir aber einmal vorgelesen. Sie hat damit aufgehört, als sie herausfand, dass Carroll kein Zauberer war."
Die Gryffindor räusperte sich und löste ihren Blick von seinem Profil, um zu ihrem Bett zu gehen. Es irritierte sie sehr, dass sie wieder dieses komische Gefühl verspürte, das sie neuerdings in seiner Gegenwart häufiger hatte.
„Wenn du willst, kannst du es dir ausleihen. Ich nehme eh immer eine Ausgabe mit."
„In Ordnung", antwortete er, womit sie nicht gerechnet hatte. Auch, wenn sie und Malfoy sich jetzt angefreundet hatten und er Wörter wie Schlammblut nicht benutzte (zumindest nicht in ihrer Gegenwart), hatte sie nicht erwartet, dass er Interesse an einem Muggelbuch haben könnte. Noch dazu an einem 'Kindermärchen', als solches er es bestimmt bezeichnet hätte. Aber das hatte er nicht.
„'Spielst du heute mit der Königin Croquet?' 'Das würde ich sehr gerne tun', sagte Alice, 'aber ich bin noch nicht eingeladen worden.' 'Wir sehen uns dort', sagte die Katze und verschwand", las Malfoy wieder und Ginny erschrak etwas, weil er plötzlich unmittelbar hinter ihr stand. „Das finde ich etwas verwirrend. Diese Katze ist nicht sonderlich durchschaubar."
„Ja …" Sie drehte sich zu ihm um und ignorierte geflissentlich, dass er ihr wieder so nahe war. „Da kenne ich noch jemanden. Und jetzt gib das Buch her, du solltest nicht in der Mitte, sondern am Anfang beginnen." Sie fasste nach dem Buch, doch er hielt es von ihr weg, sodass sie sich strecken und an ihm vorbei lehnen musste. „Malfoy, das ist nicht witzig, gib es wieder her."
Der Slytherin grinste sie spielerisch an und hielt seinen Arm so, dass sie keine Chance mehr hatte, es zu erreichen.
„Malfoy!", fauchte sie und sprang, um danach zu langen. Als sie wieder auf ihren Füßen landete, strauchelte sie und knickte um. Einen Halt suchend krallte sie sich an ihm fest und bevor sie es richtig registrierte, fiel sie und zog ihn mit.
Ihre Augen hatte sie ganz automatisch zusammengekniffen und als sie sie wieder öffnete, blieb ihr doch tatsächlich die Sprache weg. Malfoy starrte sie ebenso versteift an, seine Hände neben ihr auf der Matratze ihres Bettes abgestützt. 'Scheiße', schoss es ihr durch den Kopf, während sie unter ihm lag und sich ihre Blicke ineinander verhakten – Ewigkeiten, wie es ihr schien. Sie bemerkte gar nicht, wie sich ihre Gesichter näherten, sodass ihre Nasen sich fast berührten. Sein Atem streifte ihre Haut und ihr Herz begann allzu deutlich in ihrer Brust zu schlagen. Jedes Pulsieren hämmerte in ihren Ohren wider wie ein Donnergrollen.
'Oh Merlin …', dachte sie noch, dann schlossen sich ihre Lider flatternd und im nächsten Moment küsste er sie.
Seine Lippen bewegten sich gegen ihre, sacht und behutsam. Es war kein Vergleich zu dem Kuss vor den Ferien – und obwohl sie in ihrem Bett lagen, war er viel sanfter. Da war nichts von dem aggressiven, arroganten Malfoy, der alles zu seinem Vorteil ausnutzte.
Sie wusste nicht, wie lange er sie so küsste, doch nach einer Weile intensivierte er den Kuss, indem er sachte ihre Lippen teilte. Seine Zunge begann, ihren Mund zu erforschen und peripher fiel ihr auf, wie sich ihre Finger in den Stoff seines Pullovers krallten. Ihr Atem ging stockend und weit entfernt hörte sie jemandem aufkeuchen, was seltsam nach ihr selbst klang.
Und dann klopfte es erneut an der Tür.
„Ginny, Mum wird ungeduldig! Bist du fertig?", hörte sie die Stimme Percys von der anderen Seite.
Wie von der Tarantel gestochen fuhren Malfoy und sie auseinander und blickten sich schockiert an. Keine Sekunde später sprang er auf und sie kam ihm leicht wackelig auf den Beinen nach, die sich anfühlten, als wären sie zu Gelee geworden.
„Ginny?", fragte ihr Bruder wieder und trat ins Zimmer. Skeptisch musterte er die beiden und runzelte die Stirn. „Alles in Ordnung?"
„Ähm … ich meine, ja! Ich- Ich bin gleich fertig", stammelte sie und wandte sich schnell ihren Sachen zu. Wie sie feststellen musste, hatten Malfoy und sie mit ihrem Gewicht all ihre Umhänge plattgedrückt. Nicht, dass sie vorher nicht schon genug Falten gehabt hätten. Mit zitternden Händen griff sie danach und warf sie zu den anderen Dingen in ihren Koffer.
„Ich gehe dann mal runter", sagte Malfoy und sie hörte, wie sich seine Schritte entfernten. Percy schnaubte und murmelte etwas vor sich hin, bevor er ebenfalls ging.
Sobald sie sicher war, dass sie allein in ihrem Zimmer stand, ließ Ginny sich wieder auf das Bett sinken. Sie starrte die geschlossene Tür an. Ihr Puls raste immer noch.
„Bei Merlins Barte", flüsterte sie und schloss die Augen.
Sie hatte ihn geküsst. Sie hatte Malfoy geküsst.
Sie. Hatte. Draco. Malfoy. Geküsst!
„Haarige Veela." Sie hatte ihn nicht nur geküsst. Das wurde ihr jetzt klar. Wieso war es ihr nicht früher aufgefallen?
Ihr Herz, das immer im Dreieck sprang, wenn er in der Nähe war. Das Gefühl, wenn sie miteinander redeten. Dieser Wunsch, ihn kennenzulernen und ihn fröhlich zu sehen (so, wie er halt fröhlich sein konnte).
Sie war ganz offensichtlich in ihn verliebt. Und sie hatte diesen Kuss gebraucht, um es zu bemerken!
„Haarige Veela …", wisperte sie noch leiser als zuvor.
Verliebt. In Malfoy. Bisher, wenn sie verliebt gewesen war, hatte sie es immer schon vorher gewusst. Und es sich nie so angefühlt. So, als hätte sie einen starken Herzfehler und Atemprobleme, nur, weil sie geküsst wurde.
Aber trotzdem war es so.
„Scheiße."
