Sie sprachen lange miteinander in dieser Nacht.
Tagsüber war durch den Türspalt und ein nicht ganz zugenageltes Fenster noch ein wenig Licht in den Raum getreten, doch nun war es stockfinster. Touka konnte Yoriko nicht sehen, während sie ihr von ihrem ganzen Leben erzählte.
Davon wie sie aufgewachsen war. Wie sie ihre Eltern verloren hatte. Von ihrer Zeit allein mit Ayato, täglich ums Überleben kämpfend. Und schließlich wie sie im Cafe Antik angefangen hatte.
Manches ging ihr nur schwer über die Lippen. Sie hatte viele schlimme Dinge erlebt und getan in ihrem Leben. Doch Yoriko hielt die ganze Zeit über ihre
Hand. Touka konnte nicht glauben dass es einen Mensch geben konnte wie sie.
Am Ende erzählte sie ihr auch davon wie Hinami und Ken zu ihnen gekommen waren.
"Ihr hattet es alle sehr schwer... Das..., das ist so traurig..."
Sie war so mitfühlend... wohl fast jeder Mensch wäre schockiert gewesen die ganze Zeit über von so vielen Ghoulen umgeben gewesen zu sein, aber sie...
"Es tut mir leid dass ich dir nichts gesagt habe. Ich hatte Angst dass..."
"Ich verstehe dich..."
Mehr musste Yoriko nicht sagen.
Touka spürte bereits einen brennenden Schmerz in ihrem ganzen Körper. Sie wurde immer schwächer... der Hunger nagte immer stärker an ihr.
Doch egal was geschah, sie würde niemals... eher würde sie sterben.
Am Morgen öffnete sich die Tür des benachbarten Raumes und eine schlanke, kleine Gestalt erschien umleuchtet vom Licht. Es war die Ghoula mit der
schlichten, weißen Maske die sie hierhergebracht hatte. Abschätzig blickte sie in Richtung des dunkel glänzenden Käfigs.
Sie hatte diese verräterische Bande im 20. Bezirk die versuchte auf gut Freund mit den Menschen zu machen schon immer gehasst. Die den anderen Ghoulen vorschrieben was sie zu tun und zu lassen hatten. Aber allein waren sie zu schwach gewesen etwas gegen diesen Dreck vom Cafe Antik auszurichten.
Erst nachdem diese Organisation an sie herangetreten war und ihre Unterstützung angeboten hatte, waren sie in Aktion getreten.
Die Ghoula trat aufmerksam an den Käfig heran. Sie rechnete jeden Moment damit vom Hasen angegriffen werden. Der Hase war zwar geschwächt und
eingesperrt, aber sie musste dennoch vorsichtig sein. Ansonsten würde ihr das gleiche passieren wie Mika, dieser Idiotin. Wenn man den Zeitpunkt
verpasst von hinten anzugreifen und erst einmal tollpatschig durch eine Tür einbrechen muss, ist es kein Überraschungsangriff mehr...
An einer Seite des Käfigs lag dieses Mädchen zusammengerollt, eine blutige Jacke über ihren Kopf. Dachte sie wie ein kleines Kind dass niemand sie sehen kann wenn sie selbst nichts sieht? Die Ghoula hätte gerne einen Bissen von ihr probiert...
Der Hase war kaum auszumachen im Dunkeln auf der anderen Seite des Käfigs.
"Na, hungrig?", fragte sie boshaft.
Sie bekam keine Antwort.
"Schläfst du?"
Erneut keine Antwort, doch der Hase war aufgestanden.
"Mein Boss hat beschlossen dir eine Chance zu geben... aber nur wenn du mit uns zusammenarbeitest, verstanden? Genau genommen habe ich das sogar vorgeschlagen. Sei mir also dankbar, Miststück." Sie lächelte.
"Eigentlich wollten wir dich nur aushorchen welche Informationen du über das Cafe Antik hast.("Und dich dann umbringen.", dachte sie.) "Aber da wir auch
noch dieses weinende Balg mitgefangen haben, hatte ich eine andere Idee. Wir lassen dich hier raus."
Es gab immer noch keine Reaktion, doch die Ghoula war sicher dass der Hase ganz genau zuhörte.
"Wir werden dir sogar etwas zu essen geben, damit du wieder zu Kräften kommst. Dann schicken wir dich zurück zum Antik... Wenn du uns bei dieser Sache hilfst, darfst du dich uns anschließen."
Die Ghoula ging nicht davon aus dass der Hase überleben würde. Und selbst wenn hätte sie einer Menschenfreundin natürlich niemals getraut.
"Wenn nicht - bleibst du hier in diesem Käfig und deine Freundin stirbt. Du weißt doch genau dass du es nicht ewig aushalten wirst... Das ist deine
einzige Chance sie zu retten." Es würde funktionieren. Die Ghoula war ganz sicher.
"Was ist deine Antwort...?"
Dieses Miststück war stur. Wenn sie nur ihr Gesicht sehen könnte, aber in diesem Raum gab es fast kein Licht.
"Willst du deine Freundin also nicht retten." Sie starrte hinab auf das Menschen-Mädchen. Warum Menschen immer so albern bunte Sachen tragen mussten
... nun ja, die Maske vom Boss war auch nicht gerade stilvoll.
Dann fiel ihr das Blut auf. Nein. Hatte der Hase sie etwa schon angeknabbert? Ein Grinsen trat auf ihr Gesicht.
Vorsichtig die Bewegungen des Hasens beobachtend beugte sie sich hinunter um die Jacke vom Gesicht des Mädchens zu nehmen - und im nächsten Moment schossen zwei Hände an ihre Kehle. Sie versuchte sich loszureißen und konnte eine Hand abschütteln, doch einen Moment später war sie auf ihrem Gesicht und sie wurde mit Gewalt zurück gerissen, hart gegen die Gitterstäbe gepresst. Ein beißender Schmerz in ihrem Nacken und auf einmal wurde der
Würgegriff um ihre Kehle so fest wie Stahl. Rotes Licht erfüllte den Raum.
Sie war tot. Diese Schlampen hatten einfach ihre Kleidung getauscht. Die Hand der Ghoula schoss in Richtung der rechten Tasche ihres Mantels, doch
sie wurde abgefangen und zerquetscht. Sie hätte geschrien vor Schmerz und Wut, hätte sie noch Luft dafür gehabt.
Verdammt. Jetzt hatte sie ihr auch noch verraten wo der Schlüssel war.
Dann verlor sie das Bewusstsein.
