"Schön, dass du es dir noch mal überlegt hast", sagte Ken mit dem für ihn
typischen, leichten, unsicheren Lächeln. Sie waren im Bus zum Freizeit-
park unterwegs.
Touka antwortete nicht darauf. Sie hatte sich die ganze Woche über vorge-
nommen dass heute ein schöner Tag für Hinami und die Anderen werden sollte.
Aber es war immer noch schwer für Sie ein Lächeln vorzuspielen, während
Yoriko nach wie vor im Koma lag.
Yomo hatte ihr vor kurzem berichtet dass sie inzwischen wenigstens nicht
mehr in Lebensgefahr schwebte. Sie hatte keine Ahnung wie er an diese
Informationen gelangt war und ihr war klar dass er ihr nicht antworten
würde wenn sie ihn danach fragte. Dennoch vertraute sie ihm, dass er sie
nicht anlog und war dankbar dafür was er für sie tat.
Yomo hatte ihr weiter berichtet dass die Ärzte nun bald versuchen würden
die Narkosemittel die Yoriko in ihrem tiefen Schlaf hielten zu reduzieren
um sie so aufzuwecken. Doch wenn sich dann herausstellen würde dass...
"Nein, versuch zumindest einen Tag lang nicht daran zu denken.",
dachte sie angestrengt.
"HA,HA,HA,HA,HA!", lachte Hide auf einmal laut auf.
Aus ihren Gedanken gerissen warf Touka einen genervten Blick aus dem
Fenster. "Warum zu Hölle fährt er eigentlich mit uns mit? Was hat sich
Kaneki dabei gedacht?"
Hide beugte sich zu Ken hinüber und flüsterte so leise dass Touka ihn
nicht hören konnte:
"Ken, der Meister des Smalltalks! Was soll Touka-chan darauf denn
großartig antworten außer "Ja"?. Außerdem musst du schon etwas sagen wenn
ein langes, peinliches Schweigen entsteht! Man merkt dass du wenig
Erfahrung mit Mädchen hast!"
Hinami grinste ein wenig und tat so wie als könnte sie mit ihrem außer-
gewöhnlichen Gehör nicht genau alles mitbekommen.
"Naja, ich würde sagen dass ich in letzter Zeit mehr Erfahrung mit Mädchen
gesammelt habe als du Hide.", antwortete Ken laut mit einem verschmitzten
Lächeln.
"Das ist ganz schön finsterer Humor für jemanden der bei seinem letzten
Date fast gefressen wurde.", dachte Touka. Ken sah zwar zerbrechlich aus
und jammerte immer noch manchmal herum, aber sie musste inzwischen
häufiger zugeben dass sie angefangen hatte ihn ein wenig dafür zu
respektieren wie er sich entwickelt hatte.
"Nur ein wenig.", sagte sie sich nochmal bestimmt.
"Was?! Kann ja wohl nicht wahr sein! Aber ich glaube du hast Recht!"
rief Hide. "Es muss daran liegen das mich etwas belastet. Ja, ein
Versprechen dass ich mir selbst gegebenüber noch nicht erfüllt habe"
Auf einmal wandte er sich an sie. "Touka-chan, darf ich dich bei diesem
Ausflug vielleicht zu einem privaten Essen einladen?"
Touka-chan schwankte zwischen genervtem Zähneknirschen und einem
Schmunzeln. Schon wieder eine Einladung von diesem Hide...
Vielleicht sollte sie einfach mal Annehmen, nur um Kens überraschten
Gesichtsausdruck zu sehen... Aber sie schüttelte den Kopf. "Nein, das
passt nicht zu mir. Das wäre ein böser Scherz."
"Lass sie schon in Ruhe, Hide! Ehrlich gesagt haben wir dich nur mit-
genommen weil ansonsten eine Karte verfallen wäre.", antwortete Ken an
ihrer Stelle.
"Das schmerzt! Und so was von meinem besten Freund?", fragte Hide mit
einem breitem Lächeln. Ken gab sich Mühe ein strenges, ernstes Gesicht zu
machen, doch selbst Touka konnte sehen dass er sich freute von Hide
"Bester Freund" genannt zu werden, auch wenn er das bestimmt schon viele
Male gehört hatte.
"Diese Zwei!", dachte Touka. "Wie die überhaupt Freunde geworden sind,
möchte ich einmal wissen. Wie Tag und Nacht, die Beiden... "
Doch einen Moment später musste sie zugeben: "So wie Yoriko und ich, auf
den ersten Blick..."
"Onee-Chan, Onee-Chan! Schau mal!"
Hinami zeigte aufgeregt in den Prospekt vor ihr.
Touka warf einen Blick darauf.
"Der Fuji ist wirklich nicht weit vom Park entfernt..."
"Das ist das erste Mal dass ich in von so Nah sehen werde!", rief Hinami
voller Vorfreude. "Die Wolken des Himmels halten in ehrfürchtigem Wunder
inne, ein Schatz der dem Sterblichen gegeben wurde, ein schützender Gott,
der über Japan wacht."
Touka sah sie perplex an.
"Das ist ein Gedicht das großer Bruder Ken mir beigebracht hat.", erklärte
sie.
"Du hast es dir sehr schön gemerkt Hinami-chan", bemerkte er lobend.
"Weißt du auch noch wo sich der Fuji befindet?"
"An der Grenze zwischen den Präfekturen Yamanashi und Shizuoka.",
antwortete sie sofort. "Im Süden befindet sich die Suruga Bucht und
nördlich vom Berg der Wald Aokigahara!"
"Ganz genau! Vielleicht sehen wir ja ein paar Yurei.", meinte Ken
scherzhaft.
"Yurei?", fragte Touka stirnrunzelnd.
"Die bösen, mächtigen Geister die am Fuß des Fuji im Aokigahara-Baummeer
herrschen sollen! Großer Bruder Ken hat mir von ihnen erzählt!"
Touka warf ihm einen verärgerten Blick zu.
"He,he,he. Wir hatten uns über ein Buch unterhalten, "Der Wellenturm" von
Matsumoto Seicho. Ein wirklich sehr trauriges Buch, das hast du bestimmt
auch schon-" Er brach ab als er sah dass ihre Miene noch finsterer wurde.
"Natürlich kenne ich dieses bescheuerte Buch nicht!", dachte Touka. "Aber
du musst Hinami nicht auch noch Schauergeschichten über Etwas erzählen was
ohnehin schon schlimm genug ist!"
Vom Aokigahara-Wald hatte sie schon häufiger gehört. Es war ein Ort an
dem außergewöhnlich viele Menschen hingingen um sich umzubringen.
"Ach, alles Unsinn.", sprach Hide, "Die Regierung versucht nur die Aliens
die dort Nachts herumwandern zu schützen!"
Darauf fiel erst einmal Niemandem eine Antwort ein.
"Warum hat Ken diesen Idioten überhaupt mitgebracht?", dachte Touka erneut.
Einen Moment später ärgerte sie sich etwas über sich selbst. Es war
übertrieben gewesen sich über so etwas ein paar Monaten
wäre es wohl einfach aus ihr herausgeplatzt, wenn sie etwas so geärgert
hätte. Sie atmete noch mal durch und entspannte sich wieder.
Auf einmal nahm der Bus eine Wende und ein atemberaubender Anblick
eröffnete sich vor ihnen:
Der Fuji thronte gewaltig über der Landschaft, seine Schnee- und Eisspitze
eingetaucht in das rosane Licht der aufgehenden Sonne. Zu ihrer Linken
sahen sie das Meer das an diesem ruhigen Morgen gleichmäßig im Licht
funkelte. Und zu ihrer Rechten in der Ferne einen dichten, finsteren Wald,
der sich gegen die Wärme die von der Sonne ausging zu widersetzen schien.
Das musste Aokigahara sein.
Auf den Gleisen im sanften Bogen um den Berg herum zischte gerade ein
Shinkansen-Schnellzug in hoher Geschwindigkeit dahin und dann sahen sie
auch schon die sich wild windenden, steil aufragenden Achterbahnen in
weiß, schwarz, grau und rot, ein gewaltiges Riesenrad, ein Kettenkarusell,
ein Hotel und unzählige weitere Geschäfte, Stände, Attraktionen und
Menschenmassen, was einen wirklich außergewöhnlichen Kontrast zu der
urtümlichen Umgebung bildete.
Touka konnte nicht anders als zusammen mit Hinami und den beiden Jungs zu
staunen. Einen solchen Ort hatte sie noch nie gesehen. Eine ganze kleine
Stadt, nur dafür da das Menschen Spaß zusammen haben konnten...
Endlich war die Busfahrt zu Ende. Alle streckten die inzwischen steif
gewordenen Glieder.
Sie hatten entschieden dass diese Art zu Reisen für sie alle die Sicherste
sein würde, da in Zügen Ausweiskontrollen wesentlich wahrscheinlicher gewesen
wären. Außerdem waren in letzter Zeit die Sicherheitsmaßnahmen an Bahn-
höfen gegen Ghoule deutlich verstärkt worden.
Als sie am Eingang angekommen waren machte Ken sie unauffällig auf ein
Schild aufmerksam: "Park von Montag bis Dienstag geschlossen wegen
Umbauarbeiten zur Ghoulabwehr." Das bedeutete wahrscheinlich RC-Detektoren
an allen Ein- und Ausgängen. Ein einzelner dieser Detektoren kostete im
Moment noch ein kleines Vermögen, doch der Parkverwaltung schien es die
Investition für die Sicherheit und das Wohlbefinden der Parkbesucher wert
zu sein.
Es war doch gut gewesen dass sie Hinami überredet hatte hier hin
mitzugehen. Eine Woche später, hätten sie es gar nicht mehr
hineingeschafft.
Als sie sich in die Schlangen vor dem großen Eingangstor eingefunden
hatten, begann Hide eine Ansprache:
"Soooo! Alle mal herhören! Ich hab etwas für euch dabei!" Er grinste
noch breiter als sonst.
"Zunächst einmal: Danke dass ihr mich eingeladen habt! Das hier ist Touka-
chans Geburtstagsfeier und ich weiß schon, dass sie sie lieber mit jemand
Anderem als meiner Wenigkeit verbracht hätte."
Ken hatte ihm also etwas erzählt.
"Aber nun sind wir hier und wir sollten so viel Spaß haben wie nur möglich
um den Daheimgebliebenen später erzählen zu können was wir alles Tolles
erlebt haben!"
"Ja, das wird wohl das Beste sein.", dachte Touka tapfer lächelnd.
"Aus diesem Grund habe ich uns Gutscheine für die tollsten Fahrgeschäfte
besorgt! Hier Touka-chan! Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!"
Er übergab ihr ein dickes Gutscheinheft. Sie mochte gar nicht daran denken
wie lange sie hätte arbeiten müssen um sich so etwas kaufen zu können,
obwohl sie im Cafe Antik gut verdiente für eine Kellnerin.
"Oh! Danke sehr.", brachte sie unsicher heraus. Sie kannte Hide nicht mal
richtig und er machte ihr ein so teures Geschenk...
"Es ist übrigens auch ein Gutschein für ein Dinner zu Zweit mit dabei!
Aber den kann ich gerne auch euch überlassen!" Er trat einen Schritt
zurück so dass nur noch Touka und Ken nebeneinanderstanden die sich
anstarrten. Touka wurde etwas rot im Gesicht.
"Nei-Nein! So, so ist das nicht!", stotterte Ken der offensichtlich
befürchtete das Touka gleich schrecklich wütend auf sie werden würde.
"Ach, na wenn das so ist sollten Hinami-chan und Touka-chan
zusammen gehen!", rettete ihn Hide der sie anscheinend doch
unabsichtlich in Verlegenheit gebracht hatte. Und wir beien fahren
währendessen mit Dodonpa, der am schnellsten beschleunigenden Achterbahn
der Welt!" Er holte einen weiteren, golden schimmernden Gutschein hervor.
Ken sah nicht begeistert aus.
"Darf ich mitfahren!?", fragte Hinami fröhlich.
"Ich glaube dass geht nicht Hinami-chan, du bist noch recht klein und die
Schulterbügel bei den Achterbahnen-", fing Ken umständlich an zu
erklären.
"Dann ist es also abgemacht!", unterbrach Hide. "Ken und ich, lassen uns
gleich von 0 auf 172 km/h beschleunigen! In weniger als zwei Sekunden! Du
willst doch nicht dass der Gutschein verfällt, oder? Das wäre sehr
unfreundlich Touka-chan gegenüber. Schließlich ist das ihre
Geburtstagsfeier!"
Touka nickte unwillkürlich bestätigend.
Ken gab sich seinem Schicksal geschlagen.
Sie schmunzelte leicht. Warum Menschen darauf kamen sich freiwillig so
etwas anzutun... Vielleicht war es doch nicht so schlecht gewesen dass
Hide mit ihnen mitkam. Mit ihm in der Gruppe war zumindest immer
irgendetwas los, keine Zeit für zu viele Gedanken.
Das hier war für Yoriko. Und sie hätte sich von Touka ein Lächeln
gewünscht...
