Sofort vergas Touka wo sie war, wem sie gegenüberstand, alles um sich herum.
Das Display verschwamm vor ihren Augen, ihr Herz pochte und eine Kaskade
unterschiedlicher Gedanken und Gefühle brach über ihr hinein.
"SIE IST WACH!"
"GEHT ES IHR GUT?!"
"Ich muss zu ihr!"
"Ich kann nicht zu ihr! Ich bin gestorben!"
"Aber sie ist wach! SIE LEBT!"
"Aber was wenn sie sich nie von ihren Verletzungen erholen wird?!"
"Es war alles meine Schuld!"
"Hasst sie mich jetzt?!"
"Egal! Wenn es ihr nur gut geht!"
Touka atmete rasch ein und aus, versuchte sich zu beruhigen und die
Nachricht Yomos weiter zu lesen.
"Sie ist wach.
Deine Freundin schwebt nicht mehr in Lebensgefahr.
Sie konnte bereits Fragen ihrer Ärzte beantworten.
Mehr weiß ich bisher nicht.
GEH NICHT ZUM KRANKENHAUS!"
"Okay, das ist gut", dachte Touka, während eine kurze Welle der
Erleichterung über sie brandete. "Sie kann sprechen, das ist gut!"
"Touka-san?", sagte Hide vorsichtig. Er hatte gesehen wie Touka gerade von
einen Moment auf den anderen erbleicht war, die Augen aufgerissen hatte und
sich etliche Emotionen in ihrem Gesicht gezeigt hatten: Überraschung, Sorge,
drängende Ungeduld, Hoffnung, Freude, Angst, Schuld und Zweifel.
"Ich..., ich muss...", begann sie zögernd zu sprechen, während ihr Blick
ins Leere abschweifte. Sie durfte nicht zum Krankenhaus. Das war klar, egal
wie sehr sie es sich wünschen mochte. Sie durfte jetzt nicht die Nerven
verlieren. Niemanden in Gefahr bringen.
"Ganz dringend wohin, nicht wahr?", sprach Hide auf einmal mit
entschlossenem Gesicht. Sie sah ihn überrascht an.
"Kaneki hat mir erzählt dass dich zur Zeit etwas sehr beschäftigt und du
etwas Gesellschaft brauchen könntest. Aber jetzt hast du gerade eine sehr
wichtige Nachricht bekommen und möchtest unbedingt wo hin, nicht wahr?"
"N-Nein, es ist nichts..."
"Na dann geh los!", rief Hide entschlossen und lächelte. "Ich muss
nicht wissen worum es geht - Hauptsache dir geht es danach besser
Touka-chan." Touka war vollkommen überrascht.
Sie brachte ein hektisches "Danke!" hervor, zögerte und zeigte ihm das
wunderschönste Lächeln das Hide je gesehen zu haben glaubte. Dann drehte
sie sich um und stürmte davon.
"Sie ist so süß...", flüsterte Hide träumerisch.
Sie tippte so schnell sie konnte die Nummer ein. Heb ab..., heb ab...
"Hallo To-"
"Yoriko ist wach! Ich fahre zurück nach Tokyo! Pass bitte auf Hinami auf,
ja?!", fuhr ihm Touka dazwischen.
"Okay, klar. Ich freu mich für dich und wünsche ihr alles Gute. Bis bald.
"Bis bald, Ken!"
Sie legte auf und begann noch schneller zu laufen. Schemen glücklicher
Menschen flogen an ihr vorbei. Es dauerte nicht lange und sie näherte sich
dem Eingang des Freizeitparks, trat durch ein metallenes Drehkreuz und war
draußen. Touka lief weiter zum Busparkplatz. Zu beiden Seiten neben ihr
begannen die Ausläufer des nahen Waldes Aokigahara, des Waldes der für
unzählige Suizide und viele Schauergeschichten berühmt war. Auf einmal nahm
sie aus den Augenwinkeln ein rotes Leuchten war, blieb stehen und drehte
sich zu den Baumwipfeln. Wer war das?! Die Sonne stand nun tief am
Nachmittag und hohe Eiben warfen ihre Schatten über Touka, deren Haut nach
dem langen, schnellen Lauf in der Sonne zu glühen schien. Der Schweiß
brannte in ihren Augen, doch es gab keinen Zweifel.
Sie hatte ein Ghoul gesehen. Die leuchtenden, roten Augen eines Ghouls, der
sofort nachdem sie ihn entdeckt hatte mit zwei raschen Sprüngen verschwunden
war. Sein Gesicht war nicht vollständig zu sehen gewesen und dennoch...
"Ayato...", flüsterte sie leise.
"AYATO, BIST DU ES?!", rief sie nun noch einmal lauter.
Jedes Mal wenn sie diesen Namen sagte oder hörte, spürte sie einen Stich in
ihrem Herzen. Sie starrte hinaus und hielt den Atem an um vielleicht ein
Geräusch des Ghouls wahrnehmen zu können der gerade eben verschwunden war.
"Warum... warum jetzt?! Warum hier?", dachte sie angespannt.
Die Bäume standen still und finster da, keine Bewegung war mehr in ihnen
auszumachen. Sollte sie nach ihm suchen?
"Ich muss weiter. Das war ein anderer Ghoul, habe mir das bestimmt nur
eingebildet.", dachte Touka und stürmte weiter.
Touka wusste genau dass sie ihre Freundin nicht im Krankenhaus besuchen
konnte. Sie wusste genau dass es wahrscheinlich keinen Weg gab, mit dem sie
etwas an Yorikos Situation hätte ändern können. Und sie wusste auch, dass
sie wahrscheinlich gar nichts zusätzlich zu dem in Erfahrung würde bringen
können, zu dem was Yomo ihr schon mitgeteilt hatte. Dennoch musste sie
in diesem Moment ihrer Freundin einfach so nah sein wie möglich. Sie musste
los nach Tokyo, ins Cafe Antik. Sie musste Yomo treffen, oder Herrn
Yoshimura. Und dann würde sie weiter sehen...
Kaltes, blaues Licht viel in ihr Gesicht. Ein leises Piepsen eines
elektrischen Gerätes hatte sie aufgeweckt. Nun ging es wieder unter im noch
leiseren Summen und Sirren der anderen Geräte.
"Bin ich... bin ich..., gefallen?"
Das Mädchen atmete ein und aus, ein und aus, unendlich langsam.
Ihre Glieder fühlten sich schwer wie Blei an. Ihre Beine, ihre Arme, ihr
Kopf, nichts davon konnte sie von ihrem weichen Lager erheben. Sie schienen
fast daran festzukleben. Auch ihr Geist war ganz schwer.
Mühselig versuchte sie sich aus den verschwommenen Erinnerungen ihrer kurzen
Momente des Erwachens zurechtzufinden.
Sie war in einem Krankenhaus. Das war ein Ort, an dem Leute die sich eine
Krankheit zugezogen hatten, oder einen Unfall hatten, wieder gesund werden
konnten. So viel wusste sie. Und sie hatte offenbar... einen Unfall gehabt.
Was war passiert? Dieser Mann mit der weißen Kleidung... ihr Arzt, hatte es
ihr noch nicht richtig erklärt... oder erinnerte sie sich einfach nicht mehr
daran? Ihr Kopf begann zu schmerzen und ihr wurde schwindelig.
"Was ist mit mir passiert?", dachte das Mädchen traurig.
"Was ist nur mit mir passiert?"
Dieses Mal saß sie fast allein im Bus. Ken, Hide und Hinami, hatte sie
zurückgelassen. Touka hatte Glück gehabt gleich den ersten Bus zurück nach
Tokyo zu erwischen. Geistesabwesend hatte sie dem Fahrkartenkontrolleur ihre
Fahrkarte und ihren gefälschten Ausweis mit der neuen Identität gezeigt, zu
aufgeregt um sich deshalb Sorgen zu machen.
Touka fühlte sich zerrissen zwischen Hoffnung und Angst. Hoffnung das Yoriko
wieder gesund und glücklich werden würde... und Angst zu erfahren dass sie
vielleicht nun ihr ganzes Leben lang Leiden musste. Die Worte, die sie von
ihren Schulkameraden über Yorikos Zustand gehört hatte, klangen ihr immer
noch in den Ohren. Andererseits war sie nun aufgewacht, hieß dass nun nicht
vielleicht auch...?! Sie schüttelte den Kopf.
"Ich kann nichts ändern... Egal was nun ist... ich kann es nur
herausfinden."
Die Fahrt zog sich und zog sich und zog sich. Es war ganz anders als auf der
Hinfahrt. Touka versuchte sich mit den Gedanken daran abzulenken. Über was
für blödes Zeug sie sich da noch aufgeregt hatte... das Ken Hinami Grusel-
geschichten erzählt hatte... über diesen Wald.
Es war kein bisschen überraschend dass sich dort Ghoule herumtrieben
mussten, wenn es so viele Leichen dort zu finden gab. Warum nur hatte sie
sich gerade eingebildet Ayato dort zu sehen? Ayato... ihren kleinen Bruder
der fort gegangen war...
In ihrem Leben schien es immer so zu sein, dass diejenigen, die sie am
meisten liebte, ihr gewollt oder nicht, auch die meisten Sorgen und
Schmerzen bereiteten. "Hätte ich damals nur das Richtige gesagt...", dachte
Touka. "Aber... mir fehlen immer die Worte das Richtige zu sagen. Immer."
Wahrscheinlich hatte sie aus diesem Grund geglaubt Ayato gesehen zu haben...
weil sie ihm gegenüber, genau wie Yoriko gegenüber verpasst hatte das
Richtige zu sagen und das Richtige zu tun... Sie wusste einfach bis heute
nicht wie es überhaupt möglich wahr "richtig" zu Leben, ohne dass eines
Tages alles in einer riesigen Katastrophe zusammenbrach. Unbewusst hatte
sie immer gewusst dass sie eines Tages von diesem dünnen Seil herunter-
stürzen würde... Das war das Schicksal eines Ghouls.
Und dennoch... wenn sie die Möglichkeit gehabt hätte, all ihre Erinnerungen
an Yoriko, an Ayato, an Herrn Yoshimura, an Hinami, an Ken, an Yomo, an alle
vom Cafe Antik auszulöschen, um ohne diese Schmerzen und diese unendliche
Reue Leben zu können die ihre Existenz mit sich brachte... sie hätte es
nicht getan. Denn das war eben, was ihr Leben erst ausmachte.
Sie schnaubte. Es war ihr gerade erst aufgefallen, dass sie diesen
Schwächling Ken in ihren Gedanken mit eingeschlossen hatte. Bedeutete er ihr
denn vielleicht genau so viel wie all die Anderen? "Nein, sicher nicht.",
sagte sie sich bestimmt und zog für einen Moment ein verärgertes Gesicht.
Und dennoch... sie musste sich eingestehen dass sie sich Sorgen um ihn
gemacht hatte. Er war so verletzlich. Es war schmerzhaft ihn so in einer
grausamen Welt zu sehen, in der die Verletzlichen jeden Moment Opfer von
irgendeinem Monster werden konnten, egal ob Ghoul oder Mensch. Man musste
jeden Moment wachsam und stark sein, bereit sich zu verteidigen,
zurückzuschlagen. Man musste hart sein, sich und der Welt gegenüber.
Alles andere war naiv und schwächlich.
Und dennoch... mochte sie Hinami und mochte sie Yoriko. Und genau so mochte
sie auch Ken, obwohl sie alle so unglaublich verletzlich waren...
"Von nun an... werde ich Ken wie einen Freund behandeln.", nahm sie
sich vor. "Ich werde ihm sagen, dass er ein guter Freund für mich ist."
Warum hatte es nur so lange gedauert bis zu diesem Entschluss zu
kommen? Sie verstand sich selbst nicht.
"Jetzt muss ich als Erstes nach Yoriko sehen."
Die Fahrt nach Tokyo schien ewig zu dauern. Immer mehr Menschen stiegen von
Ausflügen ins Umland zurückkehrend hinzu, doch Touka war nicht mehr nach
Ablenkung zumute. Weder Yomo, noch Herr Yoshimura waren zu erreichen.
Wahrscheinlich handelte es sich wieder einmal um einen dieser mysteriösen
Ausflüge die die Beiden gelegentlich unternahmen.
Was Touka wirklich beunruhigte, war dass auch Koma und Irimi vom
Cafe Antik nicht auf Nachrichten reagierten, genau so Nishiki.
Es war eigentlich fest vereinbart dass zu jeder Zeit für Notfälle jemand
beim Antik erreichbar sein musste und die Mitarbeiter hielten sich eisern an
diese Regel - besonders seit den jüngsten Vorkommnissen. Was ging da vor
sich?!
Endlich kam der Bus in Tokyo an. Danach war es nur noch eine kurze Fahrt mit
der U-Bahn bis zu einer Station die nur ein paar Straßen vom Cafe Antik
entfernt war. Als Touka es endlich zum Cafe zurückgeschafft hatte, sah sie
ein Liebespaar enttäuscht vor dem Eingang stehen.
"Die haben schon wieder geschlossen!"
"So ein Pech! Warum denn gerade heute?"
"Als ich am Morgen hier vorbei gegangen bin, hatten sie noch offen."
Touka rannte so schnell sie konnte zum Hintereingang. Sie trat ein und
entdeckte Bluttropfen am Boden. Dann stürmte sie nach oben.
"WAS IST HIER LOS?!"
