"Ach, nichts weiter von Bedeutung.", sagte Koma.

Touka sah das vollkommen anders. Sein Hemd war blutverschmiert, er saß
auf einem kleinen Hocker und ließ sich von Irimi den Arm behandeln. Mehrere
Möbel im Zimmer waren zu Bruch gegangen, überall lag zerbrochenes Geschirr
und eine Wand war von einer gewaltigen Kraft aufgerissen worden.

Irimi fing ernst, aber gelassen an zu erklären:
"Vor einer Viertelstunde sind hier zwei Ghoule aufgetaucht die nach Liz
suchten und haben einen Kampf angefangen."

"Nach Liz?! Warum dachten sie, sie wäre hier?!"

"Womöglich haben sie gehört dass sie in diesem Bezirk war und
dachten hier im Cafe könnten sie am leichtesten Informationen erlangen, in-
dem sie die Mitarbeiter auspressen., antwortete Irimi. "Sie schienen im
Auftrag von Jemandem zu handeln."

Koma fügte mit einem charmanten Lächeln hinzu: "Offensichtlich Jemandem der
keine Ahnung hatte dass vom Cafe Antik nicht nur Herr Yoshimura und
Yomo, sondern auch ich, der legendäre Teufelsaffe, zu fürchten bin."

"Warum bist du dann verletzt?", fragte Irimi trocken.

"Pah, dieser Kratzer kann doch kaum als Verletzung bezeichnet werden!",
erwiderte Koma. "Ein Flüchtigkeitsfehler am Ende eines langen Arbeitstages.
Und habe ich sie in die Flucht geschlagen, oder nicht?"

"Das hast du. Dabei wollte ich dir schon zur Hilfe kommen...", sagte sie
fast bedauernd einen Glassplitter mit einer Pinzette aus seiner Wunde
ziehend.

"Die Beiden waren nicht schlecht.", gab Koma zu. "Doch keine Herausforderung
für den legendären-"

"Was für Typen waren das überhaupt?!", unterbrach ihn Touka. Sie war
zutiefst beunruhigt. Liz, immer wieder Liz...

Seit ihrem plötzlichen Auftauchen im , bis zu ihrem Tod und sogar
darüber hinaus hatte sie ihnen nur Probleme bereitet und zugleich wusste
niemand warum sie überhaupt hier aufgetaucht war.

"Der Eine war groß und stämmig, weiße Haare und weißer Anzug. Starke Neigung
zur Gewalt.", beschrieb Irimi auf die zerstörte Wand zeigend. "Der Andere
war schlacksig, hatte ein Doppelkinn und war merkwürdig geschminkt."

"Schade dass er mich abgelenkt hat. Ansonsten hätte ich dem Weißhaarigen
den Rest geben können...", sagte Koma bedauernd.

"...oder du hättest den Laden zum Einsturz gebracht. Häuser sind nicht für
Ghoulkämpfe ausgelegt. Wenn ich es recht bedenke, schien der Schlacksige den
Anderen mit seinem Geruchssinn hier her geführt zu haben... Wahrscheinlich
haben sie sich gar nicht richtig darauf vorbereitet was sie hier erwarten
könnte."

Touka konnte nicht glauben wie entspannt die Beiden mit diesem Vorfall um-
gingen. Sie wusste nicht viel über ihre Vergangenheit, doch offensichtlich
hatten sie schon weit schlimmere Kämpfe erlebt als diesen hier.

"Weiß Herr Yoshimura schon über das hier Bescheid?"

Irimi und Koma wechselten bedeutungsvolle Blicke.

"Herr Yoshimura... ist zur Zeit beschäftigt.", antwortete Koma bedeutungs-
voll.

"Und mit was?!", fragte Touka grollend.

"Das kann ich dir nicht verraten."

"SCHEIßE! WARUM IST ER WEG, GERADE DANN WENN WIR ANGEGRIFFEN WERDEN?!"

"Du warst auch Weg, oder nicht? Und ich versichere dir das der
Chef nicht ohne wichtigen Grund unterwegs war."

Touka konnte sich nicht beruhigen. "Das... macht alles irgendwie keinen
Sinn. Wenn der Dürre durch Liz Geruch hier her gefunden hat-"

Alle kamen sofort zum selben Schluss. Irimi sprach es aus.
"Es war nicht ihr Geruch, der ihn hier her geführt hat... es war Kens. Er
riecht ihr äußerst ähnlich. Wir sollten ihn warnen. Er muss sich vor
diesem Paar in acht nehmen."

"Zum Glück war er heute nicht hier", sagte Koma, "Und ich denke die beiden
werden nach dem Kampf heute für eine Weile nicht mehr einsatzbereit sein.
Vorläufig ist er also sicher." Er sah sie mit einem fast mitleidigen Blick
an. Auch Irimi war sehr ernst.

Langsam kam Touka wieder zu Ruhe. "Kein Grund sich Sorgen zu machen..., sie
suchen auch gar nicht nach Ken! Sobald sie erfahren das Liz tot ist, lassen
sie uns in Ruhe..."

Nun war es an der Zeit die Frage zu stellen, wegen der sie hergekommen war.

"Könnt ihr mir sagen... wie es meiner Freundin geht?"

Das Mädchen krümmte sich im stummen Schmerz zusammen. Sie war an alle
möglichen Schläuche angeschlossen, die sie mit Wasser, Nährstoffen,
Sauerstoff und sicher auch Schmerzmitteln versorgten - doch letztere
reichten im Moment nicht aus. Ein brennender Schmerz an ihrem Rücken der
unerträglich an ihrer Stirn widerzuhallen schien, zermarterte sie.

"WANN SCHLAFE ICH ENDLICH WIEDER EIN!", schrie sie in Gedanken.

Das Mädchen versuchte mit aller Kraft ihren Arm zu heben und auf den Knopf
an ihrem Bett zu drücken damit jemand kommen würde - aber es war
aussichtslos. Ihre Muskeln gehorchten ihr nicht. Ihre Wangen brannten von
den vielen Tränen die sie über sie vergossen hatte.

"Niemand kümmert sich um mein Leid..."

Nein, das war nicht wahr... es war nur das... ihr nichts helfen konnte.

Die Ärzte taten ihre Arbeit. Genauso das Pflegepersonal. Und genüber auf
einem weißen Tisch, stand eine einsame, zierliche, violette Blume. Ein paar
Schüler hatten sie vor ein paar Tagen hier abgegeben, hatte sie gehört. Und
da waren noch diese Frau und dieser Mann... die sie nicht kannte. Sie
erkannte sie alle nicht. Nicht ihre Mitschüler, nicht ihre Eltern.

Nicht einmal sich selbst. Wer war sie... Yoriko?
Im Moment kannte sie nur Schmerzen.

Die Nachrichten, hatten sie in die Knie gezwungen. Sie hatte nie wieder
weinen wollen, doch nun weinte Touka. Es war genauso gekommen wie sie
immer gefürchtet hatte. Yoriko würde sich nie wieder erholen.

"Warte doch, Touka-chan...", sagte Koma sanft. "Es ist doch gar nicht
gesagt, dass es immer so bleiben muss mit deiner Menschenfreundin."

Er war nicht gut in solchen Dingen. Sie glaubte ihm nicht einmal dass er
selber daran glaube, dass seine Worte wahr sind.

"Warum... Warum musste das passieren? Warum... konnte ich nichts tun
verdammt!" Ihre Faust knallte runter auf den Boden.

Und dann wurde es ihr mit einem mal klar.

"Ich... hätte etwas tun können. Ich hätte Yoriko rächen müssen! Mein Leben
als Mensch ist doch sowieso schon zerstört! Warum habe ich mich zurück
gehalten?!"

"Touka...", versuchte Irimi sie sanft zu unterbrechen.

"Diese Typen die den Laden angegriffen haben! Die haben etwas mit denen zu
tun die uns entführt haben! Die Yoriko das angetan haben! Diese
MISTKERLE! Ich REIßE SIE IN STÜCKE!"

Sie sprach auf und stürzte bevor die Beiden sie aufhalten konnten nach oben,
in Yoshimuras Arbeitszimmer. Yoshimura verheimlichte die ganze Zeit Dinge
ihnen gegenüber! Sicher wusste er etwas über diese Angreifer!

Touka riss mit so viel Schwung die abgesperrte Tür auf, dass der Riegel
davonflog. Sie war zu wütend um sich deshalb nun schlecht zu fühlen. Ihre
blutrot gewordenen Augen wanderten durch den Raum.

Auf dem Schreibtisch lag ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Irritiert
erkannte sie, dass es voller getrockneter Blutflecken war.

Sie nahm es in die Hand und las einen handgeschriebenen Brief:

"Sehr geehrter Herr Yoshimura.

Wir beglückwünschen sie für die gelungene Reaktion auf diesen Angriff.
Sie sind sich sicher bewusst dass dieser nur als Warnung zu verstehen war
und dass wir das nächste Mal womöglich gezwungen sind selbst in Aktion zu
treten, sollten sie sich weiterhin unseren Forderungen verschließen.

Denken sie daran, was Sie wirklich beschützen möchten.

Genau so, wie sie das Cafe Antik nicht ewig werden schützen können, können
sie auch es nicht ewig vor uns verbergen. Entscheiden sie also weise was sie
beschützen möchten, in der kurzen Zeit die ihnen noch verbleibt.

Die Organisation."

Für eine Weile starrte Touka völlig regungslos auf das Stück Papier. Ihre
beiden Arbeitskollegen waren ihr gefolgt. Koma griff sich an die Stirn als
er sah was geschehen war.

"WAS?!"
Was zur Hölle hatte das zu bedeuten?! Welche Organisation?! Was wollte sie
von ihnen? Was war "es?! Etliche Fragen tauchten in Toukas Geist auf. Dieses
Blut... es roch nach Yoriko.

"Was hat das zu bedeuten?", fragte sie in Richtung ihrer beiden langjährigen
Kollegen, über die sie dennoch so wenig wusste.

Es kam keine Antwort.
"Was hat das zu bedeuten?!", fragte sie erneut, diesmal lauter.

"Touka-san..., Herr Yoshimura ist heute wegen diesem Brief dem Laden fernge-
blieben. Er ist gerade zusammen mit Yomo dabei etwas zu unternehmen.",
begann Irimi zu erklären.

"UND WAS?! BEOBACHTEN UND NICHTS TUN?!", schrie Touka voller Wut und Trauer.
Es war soweit. Nach dem Kampf gegen diesen Fahnder hatte sie aufgehört an
Rache an denen zu denken, die ihr Leben zur Hölle machten. Sie hatte sich
immer wieder daran erinnert, dass selbst dieser Fahnder, der ihr zu
Lebzeiten wie das Böse in Menschengestalt erschienen war, eine Familie
gehabt hatte. Die Worte Hinamis, die keine Rache gewollt hatte, obwohl er
ihr ohne jede Rechtfertigung alles genommen hatte, waren ihr immer wieder
durch den Kopf gegangen. Doch sie war anders als Hinami.

Selbst wenn es sie nicht glücklich machte, musste sie Rache nehmen.
"Ich habe genug vom Nichts tun..."

Touka wollte hinausgehen, doch Koma traten ihr in den Weg.

Er sprach sie mit absolut ruhiger Stimme an. Es war keine Spur seines
sonst so oft getragenen Lächelns mehr zu erkennen. "Ja, ich verstehe. Aber
das ist auch der Grund warum er dir nichts gesagt hat. Weil du etwas tun
wollen würdest."

"UND IST ETWAS FALSCH DARAN?!", brüllte sie ihn an.

"Ja.", antwortete er fest. "Und nein... Ich verstehe dass du wütend bist und
dich rächen möchtest. Doch du hast keinen Plan. Wenn du hier einfach raus-
stürmst und versuchst diese Organisation herauszufordern, stirbst du."

"NA UND?! ICH STERBE LIEBER ALS DAS ICH MICH HIER WEITER VERKRIECHE UND
NICHTS TUE!"

"Ob du stirbst oder nicht, ist nicht nur deine Sache.", erwiderte Irimi,
nah an sie herantretend. "Du bist immer noch ein Mitglied des Cafe Antik.
Es ist uns nicht egal wenn du stirbst, verstehst du?" Touka blinzelte kurz,
aber so wollte sie sich nicht aufhalten lassen. "Hast du überhaupt daran
gedacht dass du das Cafe in Gefahr bringen könntest, wenn du erneut unüber-
legt handelst?"

Touka hatte die Betonung auf "erneut" genau gehört. Und es stimmte leider...
Sie war in der Vergangenheit Risiken eingegangen war, die sie alle in
Gefahr hätten bringen können.

"Wem bringt es etwas wenn du hier rausgehst und stirbst? Denkst du wirklich
du wärst stark genug allein etwas auszurichten?"

Touka suchte nach Worten. Sie hasste es, es zuzugeben. Irimis Worte waren
hart. Aber es war die Wahrheit.

"Sagt... sagt mir zumindest was hier vor sich geht!"

"Wir wissen es auch nicht genau.", sagte Koma. "Stelle diese Fragen an den
Chef, wenn er wieder da ist."

("Wie als würde er mir dann einfach so die Wahrheit erzählen...", dachte
Touka verärgert. "Und sie werden mich nicht gehen lassen... Es stimmt. So
kann ich nichts erreichen! Nicht solange ich nichts weiß über meine
Feinde...")

"Touka-san.", holte Irimi sie aus ihren Gedanken. Ihre Stimme war viel
weicher als gerade eben noch. "Möchtest du deine Freundin besuchen?"

"Wie? Meine Freundin..., Yoriko besuchen?"
Damit hatte sie überhaupt nicht gerechnet. Der Vorschlag kam wie aus dem
Nichts.

"Willst du nicht sehen, wie es ihr geht?", fragte Irimi weiter.

Ja, aber... es war viel zu riskant. Von sich aus hätte sie niemals diesen
Vorschlag gemacht... "Aber zu einem tödlichen Rachefeldzug wollte ich
gerade aufbrechen...", unterbrach sie ihre eigenen Gedanken. Für einen
Moment hatte sie nur an Blut denken können...

Doch Yoriko noch einmal zu sehen... wie oft hatte sie sich das von ganzem
Herzen gewünscht.

Koma warf Irimi einen Blick zu: "Meinst du das ernst?"
"Wir kriegen das hin, oder nicht?", fragte sie zurück.
"Aber selbstverständlich", antwortete Koma mit einem Lächeln.

Es lag nur an ihr... Hatte sie zu viel Angst sie wieder zu sehen... Zu sehen
was nun die Konsequenzen ihrer Freundschaft für Yoriko waren, die nie
wusste in was für eine Gefahr sie sich begeben hatte an dem Tag an dem...

Nein. Yoriko hatte es verdient, dass sie sich nicht einfach von ihr
abwandte um ihrer Rache zu folgen... Erst... erst musste sie sie sehen.

"Ja...", antwortete Touka leise.