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Diese Geschichte nähert sich nun langsam dem Ende :)
Ich habe nun schon ganz schön lange daran geschrieben und würde mich
freuen wenn sie euch bis hier hin gefallen hat, habe mir immer Mühe gegeben. :)
Danke für Kommentare, Kritik und Anregungen und nun viel Spaß mit dem folgenden Kapitel :)
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"Nein.", sagte das Mädchen langsam den Kopf schüttelnd. Sie legte das Buch
beiseite und löschte das Licht der Leselampe über ihrem Krankenbett.
"Lass dir Zeit. Dein Körper hat sich noch nicht vollständig erholt. Du bist
müde. Du musst einfach erst einmal wieder gesund werden...",
sprach die Frau, die ihre Mutter war.
Die Mutter an die sie sich nicht erinnern konnte.
Ihre Stimme sollte sie beruhigen und Zuversicht geben, doch sie schaffte
es nicht ein leichtes Zittern zu verbergen unter dem eine unendliche
Traurigkeit hindurchschien.
Yoriko wünschte sie wüsste was sie ihrer Mutter sagen könnte um sie
aufzumuntern, da sie immer nett zu ihr war und sie wirklich sehr zu mögen
schien. Doch im Moment gab es leider fast nichts, was sie wusste.
Zwei Wochen waren vergangen seitdem sie aufgewacht war und noch immer konnte
sie sich nur an wenig aus ihrem früheren Leben erinnern. Einzelne Bilder
und Momente lagen wie Scherben in ihrem Kopf, tauchten mit einem
schmerzhaften Stich in ihrem Bewusstsein auf und verschwanden im Dunkeln.
Nur manchmal erkannte sie inzwischen Personen wieder, wenn wieder ein
Erinnerungsstück aus den Tiefen die sie nicht ermessen konnte für einen
Augenblick ins Licht trat, aber wer diese Personen wirklich waren, warum sie
ihr wichtig gewesen waren und sie ihnen, all das wusste sie nicht. Es war
auch gar nichts, was zu verstehen war. Es waren die Gefühle die ihr fehlten.
Mit ihrem Geist, versuchte sie irgendwie diesen Moment zu erreichen, an dem
alles zerbrochen war. Aber sie wusste nicht einmal, was das letzte war
woran sie sich erinnerte, vor ihrem Unglück, konnte keine zeitliche
Reihenfolge zwischen all diesen Momenten herstellen.
Eines Nachts tauchten verworrene Schemen von ihrem inneren Auge auf. Sie
hatte etwas Schreckliches gesehen, dann geschrien und weggelaufen, bevor sie
mit einem Schlag das Bewusstsein verlor. Sie suchte weiter nach
Erinnerungen, doch ihr Unterbewusstsein schien nicht zu wollen, dass sie
sich daran erinnerte was sie gesehen, was sie durchgemacht hatte.
Wie sie inzwischen von anderen erfahren hatte, war es auf dem Besuch bei
einer Schulkameradin passiert, als die Ghoule auftauchten und sie
entführten.
Die Stimme ihrer Mutter war noch viel trauriger und brüchiger gewesen als
nun, als sie ihr davon berichtet hatte. Auf ihrer Frage, was mit dieser
Schulkameradin geschehen war, hatte ihre Mutter keine Antwort geben können.
Was das bedeutete, das wusste sie. Sie war tot.
Yoriko hatte mit ihren Eltern gesprochen, mit Lehrern und mit ihren Schul-
kameraden, hatte viele alte Bilder gesehen und noch mehr alte Geschichten
gehört. Ihre Klassenkameraden waren überall in der ganzen Schule herumge-
gangen und hatten Fotos von Orten geschossen, auf dass sie sich an
irgendetwas erinnern würde. Aber es half wenig.
Ihre Ärzte hatten ihr gesagt, sie solle sich nicht unter Druck setzen,
müsse Geduld mit sich haben. Doch die Wahrheit war... dass sie sich kein
bisschen unter Druck setzte. Die meiste Zeit über erschien es ihr völlig
egal ob sie sich an etwas erinnern konnte, oder nicht. Nichts schien
irgendeine Bedeutung für sie zu haben. Weder ihr jetziges Leben..., noch
jenes, das nicht mehr das ihre war.
Sie kannte diese Yoriko nicht, von der alle sprachen... Sie war nicht
Yoriko und wusste nicht was sie mit diesen Bildern anfangen sollte, die
sie ihr hinterlassen hatte.
Die Menschen um sie herum gaben sich sehr viel Mühe um sie. Doch sie empfand
keine Zuneigung, keine Dankbarkeit, keine Freude. Was war sie nur für ein
Mensch?
Wenn sie in den Spiegel sah, sah sie ein dürres, blasses Mädchen mit hohlen
Wangen und leeren Augen. Nur kurze Zeit konnte sie ohne die vielen Schläuche
die an sie angeschlossen waren stehen. Äußerlich waren ihre Verletzungen
viel besser geheilt, als erwartet. Doch innerlich...
Ihre Mutter war inzwischen fortgegangen ohne dass sie ihren Abschied bemerkt
hatte. Ihr Blick viel zurück auf den zugeschlagenen Buchrücken:
"Yorikos Kosakas Tagebuch. Bitte nicht lesen!", stand darauf in großer
Schrift und darunter ihre Adresse, falls sie es je irgendwo verloren hätte.
Es war ein älteres Tagebuch, eines von mehreren dass sie inzwischen
gelesen hatte.
Yoriko... war anscheinend oft unglücklich gewesen. Oft klagte
sie ihr Leid über die Hänseleien ihrer Klassenkameraden ihrem Tagebuch, so
wie als wäre es eine beste Freundin. Sie klagte immer allein zu sein,
dass es niemand gäbe der sie richtig verstand, obwohl ihre Mutter doch immer
für sie dar war.
Yoriko hatte offenbar keinerlei Selbstvertrauen. Sie glaubte nicht daran,
dass je etwas aus ihr werden könnte, hielt sich weder für hübsch,
intelligent oder talentiert. Das einzige was sie glaubte recht gut zu
können, war zu kochen und zu backen und auch daran glaubte sie nicht aus
vollem Herzen.
Das Mädchen, das aus furchtbaren Schmerzen ohne jede Erinnerung aufgewacht
war, konnte diese Klagen nicht verstehen. Sie erschienen ihr sinnlos. An
einem Tag war sie froh, dann wieder zwei Tage traurig, dann wieder froh.
Es gab keinen Sinn in diesem auf und ab. War es nicht schön überhaupt so
etwas wie Freude empfinden zu können?
Die einzige Freude, die sie in dieser Zeit kannte, war die für ein paar
Stunden keine Schmerzen zu haben. Warum also auch noch so oft unglücklich
darüber sein, über bedeutungslose Dinge? Und was meinte diese Yoriko
überhaupt mit dieser Freundin, die in ihrem Leben fehlte?
Sie beobachtete wie sich das letzte, warme Licht der Tages und das kalte
Licht der altmodischen Deckenlampe in der Flüssigkeit im Inneren des
Infusionsbehälters brachen, aus dem sie versorgt wurde. Draußen auf dem
Gang liefen Menschen hin und her. Hoffentlich kam niemand herein... die
Untersuchungen taten ihr immer sehr weh. Selbst wenn es nur darum ging für
ein paar Minuten einfache Fragen zu beantworten.
Auf einmal öffnete sich die Tür leicht. Yoriko schloss sofort die Augen in
der Hoffnung dass das drohende Unheil dann an ihr vorüberziehen würde. Es
war zu hören wie die Tür nach einigen Sekunden ganz aufschwang. Dann folgten
ganz leichte, leise Schritte. Also kein Arzt. Etwas wie Erleichterung
durchströmte sie für einen Moment.
Sie hörte ein leichtes, metallisches "Klang",und das Geräusch, wie Wasser in
einen Behälter eingefüllt wird. Jemand goß die Blumen, die für sie abgegeben
worden waren. Normalerweise erledigten das die Krankenschwestern oder ihre
Mutter, doch ihre Schritte erkannte sie inzwischen und die Schwestern hätten
sich nicht so viel Zeit beim Eintreten genommen. Wer war das?
Yoriko öffnete gerade noch rechtzeitig die Augen um ein Mädchen mit dunklen,
glatten Haaren nun mit eiligeren Schritten den Raum verlassen zu sehen - bis
sie auf einmal im Türrahmen stehen blieb. Ihrer Kleidung nach zu urteilen,
schien es eine Krankenschwester zu sein, aber sie war sich ziemlich sicher
sie noch nie gesehen zu haben. Sie konnte ihr Gesicht nicht richtig
erkennen, es lag im Schatten da sie wie nachdenkend den Kopf gesenkt hatte.
So blieb sie eine ganze Weile. Dann gab sie sich einen Ruck und wollte
aufbrechen, doch Yoriko hob ihre Stimme und rief bittend:
"Warte!"
Das Mädchen blieb stocksteif stehen. Obwohl sie fast ganz mit dem Rücken zu
ihr stand, sah Yoriko dass sich ihre Brust hebte und senkte.
"Wer bist du?", fragte Yoriko verwundert.
Das Mädchen drehte sich um. Sie war hübsch. Große, klare Augen und
harmonische Gesichtszüge, die Haare glatt wie Seide, die Haut so rein wie
Porzellan.
"Warum versteckt sie nur ihr halbes Gesicht?", fragte sich Yoriko.
Sie sahen sich an.
"Ich bin... Touka."
Die Worte lagen im Raum.
"Kannten wir uns einmal?", fragte Yoriko traurig zurück.
"Nein. Ich bin nur eine Krankenschwester hier.", antwortete Touka nur einen
kleinen Hauch der ungeheuren Resignation die sie fühlte, in ihrer Stimme
zulassend. "Wie geht es dir?"
Yoriko wandte den Blick ab. "Gut.", sagte sie tonlos.
"Das stimmt nicht.", sprach Touka leise. Yoriko hörte es dennoch. Für eine
Weile war Schweigen, dann fragte Yoriko: "Was soll das?" Sie ließ den
Blick abgewandt.
"Es ist nichts...", antwortete Touka verletzt. "Ich möchte nur wissen...,
wie es dir wirklich geht." Ihre Stimme war unsicher.
Wieder dieses lange, unangenehme Schweigen.
"Mir geht es gut.", wiederholte Yoriko die Decke anstarrend. Eine Atempause.
"So gut wie es einem Menschen noch gehen kann, nach einem Ghoulangriff."
Ein Schatten von Zorn überlagerte ihr ansonsten ausdrucksloses Gesicht.
"Ich wünschte ich könnte alle umbringen... alle Ghoule die es gibt. Aber ich
kann das nicht. Ich hätte sterben sollen."
In Toukas Antlitz trat bei diesen Worten tiefstes Entsetzen.
Sie wandte sich ab.
"Es tut mir leid.", flüsterte sie und verlies den Raum.
Ohne auf Rechts oder Links zu achten, eilte sie durch die Gänge des
Krankenhauses. Tränen der Trauer und der Wut traten in ihre Augen, doch
ihre Schritte trugen sie fort bevor jemand Zeit hatte sich nach ihr
umzudrehen. Sie konnte sich gerade noch so weit beherrschen nicht
anzufangen loszulaufen, um nicht aufzufallen und ihre Tarnung zu riskieren.
Auch wenn sie sie nie wieder brauchen würde.
Schwungvoll öffnete sie die letzte Tür ins Freie. Die Sonne schien dunkelrot
über den Parkplatz vor dem Krankenhaus. Es war schön gelegen, nahe ein
paar flachen Bergen und einem dichten Wald der an diesen düsteren
Aokigahara-Wald erinnerte, in dessen Ausläufern sie vor kurzem erst glaubte
ihren Bruder gesehen zu haben.
Als das Dunkel der Baumwipfel sie verschluckt hatte, leuchteten ihre Augen
rot auf und sie begann zu rennen, schneller als es ein Mensch je gekonnt
hätte. Sie flog durch das Dunkel. Touka wusste noch nicht wo sie anfangen
sollte zu suchen, doch sie würde sie finden und töten.
Die Ghoule die Yoriko das angetan hatten.
