"Sag schon.", flüsterte drohend die dunkle Gestalt die über ihm aufragte.

Normalerweise war er groß und kräftig, ein Mann der mit seiner Statur
einschüchtern konnte, doch im Moment lag er hilflos am Boden. Seine Beine
waren gebrochen, sein Oberkörper aufgeschlitzt, doch in seiner Panik fühlte
er gar nichts.

"Sag endlich was du weißt!", wiederholte die Ghoula.

"G- Ga- Garnichts!", brach es aus ihm hervor.

Ihre Augen wurden zu Schlitzen.
"Zum letzten Mal... warum hast du dich bei uns herumgetrieben? Was wolltest
du beim Cafe Antik? Wer hat dich geschickt?!"

Er schluckte. So wie es aussah war er nun sowieso tot wenn er ihr nicht
antwortete.

"Aogiri...", flüsterte Banjo voller Angst.

"Hätten wir es ihr sagen sollen?", fragte Ken Kaneki seinen Arbeitskollegen
unsicher.

"Nein, das wäre eine Scheißidee gewesen.", antwortete Nishiki ohne zu
zögern, weiter ein Glas polierend. "Sie wäre ausgerastet und losgezogen um
etwas Dummes zu tun... Was sie andererseits nun ja sowieso ist."

Ken sah sehr bedrückt aus: "Ich frage mich eben, ob dieser Junge der uns
verfolgt hat, zu der selben Gruppe gehört, die sie und ihre Freundin
entführt und das Cafe angegriffen hat."

"Das ergibt wenig Sinn.", antwortete Nishiki. "Der Junge wusste dass du in
diesem Freizeitpark warst - würde er mit den beiden anderen Typen
zusammenarbeiten, wären die doch gar nicht erst hier aufgetaucht. Sie wären
mit ihm dort gewesen. Und in diesem Fall wärt ihr drei wohl kaum entkommen."

"Das hatten wir Hide zu verdanken. Zum Glück hat er ihn noch rechtzeitig
bemerkt... das war mit Sicherheit ein Ghoul."

Die Tür ging auf und jemand trat ein.

"Oh, welch seltener Besuch in diesen Tagen...", sagte Nishiki bedeutungs-
voll. "Nett dass du mal vorbei schaust. Der alte Mann macht sich Sorgen um
dich."

Touka reagierte nicht darauf.

"Hallo...", sagte Ken schwach. Auch Koma und Irimi waren da - Hinami
nicht. Und Touka war froh dass es so war. Nishiki sah ihr in die Augen.

"Du siehst aus, wie als hättest du inzwischen etwas herausgefunden."

"Ja, das habe ich. Den Namen der Organisation die es auf uns abgesehen hat
und wo ich sie finden kann. Sie heißen Aogiri. Oder wusstet ihr das schon?"
Sie warf einen Blick in den Raum.

"Also ich jedenfalls nicht. Ich vermeide es mich mit solchen Gruppen abzu-
geben.", antwortete Nishiki. Er war immer noch blass nach dem Vorfall in der
Kirche und das, obwohl es nun schon so lange her war. Der Kampf mit Shu
hatte ihn sehr nahe an den Tod gebracht.

"Nicht genaueres... Aber Aogiri ist eine Organisation die schon seit
einiger Zeit unter Ghoulen bekannt ist. Was sie wohl von uns wollen?",
fragte sich Koma ans Kinn fassend.

"Touka-san, du solltest wirklich besser hier bleiben."

Sie warf Ken einen Blick zu der töten konnte. Eine Antwort waren ihm
seine Worte nicht Wert. Er konnte ihr noch so oft sagen dass sie besser
hier im Cafe Antik bleiben sollte. Es war ihr gleichgültig, nach allem was
sie herausgefunden hatte.

Irimi öffnete den Mund, doch bevor sie etwas sagen konnte, unterbrach sie
Touka kalt: "Keine Sorge. Ich werde mich nicht gefangen nehmen lassen und
sicher stellen dass meine Leiche nicht identifizierbar ist, falls ich
verlieren sollte."

Irimi schluckte überrascht und zog die Augenbrauen hoch.

Koma kicherte etwas. "Du erinnerst mich so an Yomo, wie er früher war..."
"Aber wäre er jetzt hier würde er dich auf keinen Fall losziehen lassen.
Selbst wenn er dich mit Gewalt aufhalten müsste."

"Dann trifft es sich ja gut, dass er wieder einmal nicht hier ist.",
entgegnete sie. "Und ihr? Werdet ihr mich aufhalten?"

"Nun..." Er zögerte. "Ich nehme an du bist inzwischen alt genug um das für
dich selbst zu entscheiden. Auch wenn es eine Fehlentscheidung ist..."

"Gut." Sie wandte sich um und ging hinaus.

"Warte...", rief Nishiki ihr hinterher und sie blieb stehen.

"Wenn du wieder zurück bist, hast du einiges abzuarbeiten wegen den ganzen
Schichten die ich für dich übernehmen musste." Sie sah ihn irritiert an.
"Na, was meinst du denn was hier alles zu tun war mit putzen und aufräumen?
Und diese Roma ist im Vergleich zu dir völlig unfähig."

Touka lächelte nicht. "Ich kann hier ohnehin nicht mehr arbeiten. Touka ist
tot."

Doch Irimi sagte: "Nicht für uns. Du wirst im Cafe Antik immer willkommen
sein."

Sie sahen sich an.

"Du weißt doch wie es ist, wirklich kein Zuhause zu haben... denk nicht,
dass du dieses Zuhause hier so leicht loswirst. Wir helfen uns hier
im Cafe Antik. Selbst wenn jemand von uns auf Abwegen gerät..."

Touka wandte sich ab.
"Danke...", murmelte sie, die Tür hinaus gehend.

Es war eine dunkle Gasse, die sie entlangschritt, so eine wie sie Ghoule
nutzten um ihre Beute in einen Hinterhalt zu locken. Hier schien es, wie
als wäre man vom Erdboden verschluckt, weit weg von der glitzernden, hellen
Stadt Tokyo. Es war nicht mehr weit, bis zum Stützpunkt von Aogiri.

Nicht mehr weit bis sie auf die Mistschweine treffen würde, die Yoriko fast
ermordert hatten. Wegen denen sie so viel hatte erleiden müssen... Die
das Cafe Antik angegriffen hatten und es nach wie vor bedrohten.

Sie würde nicht dort rein stolpern und einfach so sterben. Nein... das
würde ihr nicht passieren. Sie brauchte nichts weiter zu tun als das
nächste Mitglied von Aogiri zu suchen und es auszupressen bis es alles
gesagt hatte, was es wusste... So lange, bis sie die Schuldigen an all dem
Unheil gefunden und vernichtet hatte.

Hoffentlich hatte dieser schwächliche Muskelprotz sie nicht belogen, dachte
Touka besorgt. Sie hatte ihn am Leben gelassen, weil er gesagt hatte dass
er nur im Auftrag des Phönixbaums gehandelt hatte, ohne wirklich dazu zu
gehören. Vielleicht war das ein schwerer Fehler gewesen... Was wenn er
Aogiri davor gewarnt hatte dass sie auf dem Weg zu ihnen war?

Auf einmal hörte sie hinter sich ein Geräusch. Ohne sich etwas anmerken
zu lassen ging sie ruhig weiter und konzentrierte sich darauf, ob sie
es noch einmal wahrnehmen würde. Ihre Nerven waren aufs äußerste
angespannt. War es ein Wachposten des Phönixbaum? Sie war bereit jederzeit
ihre Kralle frei zu setzen. Doch nach einigen Schritten erkannte sie dass es
keinen Grund gab, sich zu Sorgen. Sie seufzte.

"Bist du das, Kaneki?" Sie blieb stehen.

"Ja..."

Touka wandte sich zu ihm um. Er schwitzte stark. Er war ihr wohl zunächst
hinterhergesprintet und war ihr dann langsamer gefolgt, nachdem er gesehen
hatte dass auch sie ihr Tempo reduziert hatte.

"Bist du hier um mir "Auf Wiedersehen" zu sagen? Oder "Lebe Wohl!"?", fragte
Touka scheinbar gefühllos. Doch ihre Augen straften ihre Stimme lügen.

"Geh sofort wieder zurück ins Antik! Bist du verrückt mir hier her zu
folgen? Der Phönixbaum sucht immer noch nach Liz. Wenn sie herausfinden
dass sie stattdessen die ganze Zeit über dich verfolgt haben, werden sie
dich töten."

"Ich weiß, es ist leichtsinnig, aber..."
Nach einem Moment fand er die Worte, die er gesucht hatte:

"...du weißt genau dass das ein Fehler ist... Und dennoch willst du Rache
nehmen, auch wenn du genau weißt dass Yoriko sich das nicht wünschen würde.
Weil du einfach nicht ertragen kannst, was geschehen ist. Weil du glaubst,
dass ihr nie wieder Freunde sein werdet. Das sie nie wieder glücklich sein
wird."

Sein Blick war ungewöhnlich entschlossen.

"Deshalb glaubst du, du hättest selbst kein Glück verdient... außer das,
Rache genommen zu haben. Und es ist dir egal, dass du dadurch kein neues
Leben finden wirst."

Sie seufzte erneut.
"Nachdem du das alles so genau weißt, weißt du sicher auch, dass Nichts,
was du mir sagen kannst, mich von dem abbringen kann, was ich vorhabe..."

Kaneki sah sie bittend an. "Nachdem du zurück im Cafe Antik warst...,
hattest du aufgehört leben zu wollen. Dir schien es, wie als könntest du
dich nie wieder davon erholen, was geschehen war."

Sie wurde ärgerlich. Genau so war es doch auch... sie würde nie wieder die
Selbe sein. Genau wie Yoriko...

"Und dennoch... hast du wieder ein wenig Lebensmut gefunden. Du wolltest
nicht aufgeben. Du hast gearbeitet, trainiert, warst immer sehr freundlich
zu Hinami."

Touka fühlte einen Stich in ihrem Herz. Sie hatte sich nicht einmal von
Hinami verabschiedet... Sie hätte es selbst nun nicht über sich gebracht...

"Du bist sogar mit uns losgezogen, um deinen Geburtstag zu feiern."

"Das hab ich doch nur für Hinami getan...", log sie.

Ken lächelte wissend. "Das stimmt nicht. Es hat dir gefallen. Trotz allem
hat es dir gefallen einfach mit uns herumzuziehen und gemeinsam etwas zu
unternehmen, was Freunde eben so tun um Spaß zu haben."

Sie sah weg.
"Das war falsch...Der Besuch im Krankenhaus hat mir die Augen geöffnet...
Ich kann einfach nicht nochmal anfangen. Es geht nicht ohne... sie"

"Das denkst du doch nur im Moment. Wenn du dir nur etwas Zeit lassen
würdest..., würdest du es vielleicht bald anders sehen. Wie könnten dich
wieder unterstützen, Touka..."

Wie er ihren Namen sagte... Warum konnte dieser Idiot nicht aufhören zu
reden. Sie verstand nicht warum, aber jedes seiner Worte tat ihr im Inneren
so weh...

"Lass mich in Ruhe! Ich hab mich entschieden!" Sie versuchte ihren Weg
fortzusetzen, doch er hielt sie am Arm fest.

"Ich lasse dich nicht gehen!" Ungläubig starrte sie ihn an.
"Ich werde verhindern dass du zu Aogiri gehst! Ich mein es ernst!"

"Was?! Denkst du du kannst das für mich entscheiden?! Du- Du, bist nicht
mein Vater! Nicht mein Bruder! Nicht mein Erzieher! DAS HAT ALLES NICHTS MIT
DIR ZU TUN! GAR NICHTS!", schrie sie ihn an.

"Ich bin dein Freund! Und das weißt du auch!"

Sie stieß ihn zurück. Touka verlor endgültig die Geduld mit Kaneki.
"DU DÄMLICHER IDIOT! WARUM MUSST DU MIR ANDAUERND NACHSTELLEN? WAS WILLST DU
EIGENTLICH VON MIR?!" Ihre Augen wurden blutrot. Sie packte ihn am Kragen
und drängte ihn zurück.

"S- SELBER IDIOT! WARUM SETZT DU SCHON WIEDER DEIN LEBEN AUFS SPIEL?"
Er riss sich los. "Es ist mir egal was die Anderen sagen...
Ich lasse nicht zu, dass du stirbst Touka."

"STERBEN?! ICH?! WOHL EHER DU!" Sie verpasste ihm einen Tritt der ihn gegen
die nächste Mauer warf und Blut spuken ließ. Zitternd glitt er langsam zu
Boden. Sein Kopf war mit einem entsetzlich lauten Geräusch aufgeschlagen.
Toukas Augen waren weit aufgerissen. Sie atmete rasch ein und aus.
Er hatte sich umgedreht und bemühte sich wieder auf die Beine zu kommen...
Zum Glück war ihm nichts ernsthaftes passiert...
"Bleib bloß unten, verstanden?!", rief sie mit unsicherer Stimme.
Sie warf ihm einen letzten Seitenblick zu und ging dann weiter.
Ob sie ihn wirklich hier zurück lassen konnte...?
Doch eine Sekunde später hörte sie rasche Schritte hinter sich und wurde in
dem Moment, als sie sich umgedreht hatte umgerissen. Sie rollten einige
Meter übereinander hinweg bis zu einer Pfütze, er schräg auf ihr
draufliegend.

"RUNTER!" Sie verpasste ihm einen Schlag in die Seite.
"Du willst es offenbar nicht anders!" Sie sprang auf und ihre Krallen kamen
blendend hell zum Vorschein.

Zu ihrer Überraschung sprang auch er sofort auf und konnte ebenfalls
seine Krallen freisetzen.

"Ja. Genau das ist es, was ich tun muss."

Sie sahen sich in die Augen. Ihre Herzen pochten.

"Was für eine erbärmliche Vorstellung.", ertönte auf einmal eine Stimme weit
über ihnen.

Beide sahen auf. Eine kleine, in schwarze Kleidung gehüllte Gestalt hob sich
vom blauen Himmel ab und blickte von einem der Hochhäuser auf sie hinunter.

Touka wusste sofort wer es war.

Die Gestalt sprang auf einmal wuchtig hinab und schlug mit einer Wucht vor
ihnen auf, bei der bei einem menschlichen Körper wenig heil geblieben wäre.
Doch er erhob sich, wie als wäre das gerade eben gar nichts gewesen.

"Hallo... dumme Schwester."

"Nein, habe ich nicht."

Sie wollte ihrer Mutter nicht in die Augen sehen.

"Aber sicher erinnerst du dich dann wieder besser an früher...", begann sie
mit aufmunternder Stimme.

"Bestimmt. Aber jetzt gerade, habe ich endlich einmal keine Schmerzen mehr.
Ich muss das nutzen und schlafen. Ich bin müde."

"Natürlich... Ich lasse es dir hier auf dem Tisch liegen.", sprach ihre
Mutter niedergeschlagen.

Sie beugte sich über sie und gab ihr sanft einen Kuss auf die Stirn. Dann
wandte sich sich ab und ging hinaus.

Yoriko starrte immer noch auf die selbe Stelle im Raum, auf der sie während
ihres gesamten Gespräches gestarrt hatte. Sie hatte nicht so abweisend zu
ihrer Mutter sein wollen... und zugleich konnte sie einfach nicht anders
sein. Sie hatte keine Kraft dafür.

Ihr Blick fiel auf das Buch, das ihre Mutter für sie zurückgelassen hatte.
Sein Einband war schneeweiß. Sie hatte schon ein blaues, gelbes,
grünes, türkises, pinkes und orangenes Tagebuch gelesen. Für sie
waren sie inzwischen alle gleich.

Dennoch nahm sie sich zusammen, streckte ihren Arm aus und nahm sich das
schneeweiße Tagebuch. Als sie es aufschlug, fiel ihr sofort auf dass die
Überschrift des ersten Eintrages viel schöner geschrieben war als der
restliche Text. Es sah aus, wie als wäre sie nachträglich hinzugefügt
worden.

Sie lautete:

"Wie ich meine beste Freundin Touka traf."