Ernie Macmillan öffnete mit klopfendem Herzen die alte Tür zu seiner Wohnung und spähte über die Schulter, bevor er eintrat. Vorsicht war die Mutter der Porzellankiste und in diesen Zeiten konnte man nie vorsichtig genug sein. Vor allem, wenn man dermaßen auf dem Präsentierteller lebte.

Seit einem Jahr nun arbeitete er als Aushilfe in der Magischen Apotheke der Winkelgasse (»Zum Scheidenden Einhorn« – und dem Aussehen nach schied es schon eine ganze Weile vor sich hin) und wohnte direkt gegenüber. Seit man seine Eltern verurteilt hatte und das alte Haus zerstört worden war. In Hogwarts war Ernie stets davon überzeugt gewesen, zu Größerem bestimmt zu sein; er hätte gerne im Ministerium angefangen, doch die gegenwärtigen Umstände erlaubten das nicht. Er konnte froh sein, dass er überhaupt noch am Leben war.

»Hey, ich bin da«, murmelte er, als er die schäbige kleine Wohnung betrat und erkannte seine Mitbewohnerin Hannah, die im Schneidersitz auf dem ausgedienten grauen Sofa saß.

Sie grüßte ihn nicht, nickte nur kurz mit nach vorn gebeugtem Kopf, während sie etwas in ihrer Hand musterte.

Irritiert bog Ernie nach rechts in sein kleines Zimmer ab und warf seine Jacke und die Tasche, die er stets mit zur Arbeit nahm, in das Chaos, das dort ohnehin schon herrschte. Hannahs Zimmer war hübscher, mit Dekoration und allem, doch Ernie hatte dafür keinen Nerv. Frauensache, dachte er und schloss die Tür wieder. Erst dann kehrte er zurück ins Wohnzimmer.

Der Raum war klein, beengt und hatte gerade so den nötigen Platz für ein Sofa und einen nicht dazu passenden Sessel gefunden. Ein kleiner Beistelltisch, der einen Bücherstapel trug, war scheinbar mit Mühe dazwischen gequetscht worden.

»Wie lange bist du schon da?«, fragte Ernie, doch Hannah schüttelte nur den Kopf und antwortete mit einem Schniefen.

Mit Grauen betrachtete er sie näher und stellte erst jetzt fest, dass sie weinte. Die Tränen perlten von ihrer blassen Nasenspitze. Es kam nicht oft vor und wenn, dann hatte Hannah dafür gute Gründe. Angespannt und mit einem dumpfen Gefühl im Magen wartete Ernie auf eine irgendeine Reaktion. Endlich hob Hannah den Kopf und verzog das Gesicht zu einer gequälten Grimasse.

Ernie, gerade dabei, den Mund zu öffnen, brauchte gar nicht weiter zu fragen; er erkannte plötzlich den Gegenstand, den sie in der Hand hielt. Es war augenscheinlich eine Galleone, auf der anstelle einer Seriennummer, wie er wusste, zufällig noch immer das Datum der Schlacht von Hogwarts prangte. 01051998. Der Tag, an dem alles schiefgegangen war.

»Was machst du da nur, Hannah?«, fragte Ernie gequält. Sie hatten die Galleonen seit Ewigkeiten nicht mehr hervorgeholt. Aus gutem Grund, wie er wusste.

»Weiß nicht. Hab sie gefunden, beim Aufräumen und da musste ich an Susan denken. Und an die Anderen«, antwortete sie leise.

Ernie nickte nur. Er hatte verstanden. Die Schlacht war nun beinahe ein Jahr her und so viele waren damals ums Leben gekommen. Susan war tot, Justin war spurlos verschwunden. Von seinen alten Freunden in Hufflepuff waren nur er und Hannah noch übrig geblieben. Ein Grund mehr, zusammen zu halten!

»Und deine Eltern...«, sagte Hannah mit brüchiger Stimme, »Ist jetzt sechs Monate her, oder?«.

Nun war es an Ernie, das Gesicht schmerzhaft zu verziehen. Er wollte nicht über seine Eltern sprechen; nicht einmal daran denken!

»Jaah«, antwortete er betreten und durchquerte das Wohnzimmer, um sich auf seinen Lieblingssessel zu setzen.

»Schon fast ein Jahr jetzt«, wiederholte Hannah und drehte die Münze in ihren Händen.

»Wir haben erst März«, korrigierte Ernie dumpf.

»Ich weiß. Wusstest du eigentlich davon? Dass deine Eltern Muggelstämmige versteckt haben?«

Ernie schüttelte den Kopf. Er hatte keine Ahnung von dem gehabt, was in seinem alten Zuhause vor sich gegangen war. Und wenn, dann hätte er es vermutlich für das Richtige gehalten.

Es war besser, das nicht laut auszusprechen. Man wusste nie, ob man nicht doch überwacht wurde und Ernie war nicht scharf darauf, sich erwischen zu lassen. Es war eine Sache, alte Galleonen aufzubewahren, doch eine völlig andere, sich feindlich gegen das Regime zu äußern. Egal wo, selbst hier, in ihrem Zuhause. In ihrer traurigen kleinen Wohngemeinschaft. Schweigend hingen die beiden ihren Gedanken nach, bevor Ernie wieder das Wort ergriff.

»Musst du nochmal zur Arbeit?«

»Ja. Heute Abend«, antwortete Hannah und bemühte sich, ihre Tränen beiseite zu wischen, »Schätze, bis dahin sollte ich wieder vorzeigbar aussehen.«

Ernie betrachtete sie mitleidig und hoffte von ganzem Herzen, dass die Kundschaft heute mager ausfiel. Im Tropfenden Kessel war nicht mehr so viel los wie zu den Zeiten, als sie noch zur Schule gegangen waren. Und wenn, dann schlug dort meist eher unangenehme Kundschaft auf. Keine Männer in Masken, sondern stolze Führungskräfte des Ministeriums, die stets bemüht waren, ein Auge auf ihre Schäfchen zu haben. Und natürlich, Fehltritte anzuzeigen.

Ernie hatte nicht übel Lust, den Tropfenden Kessel in die Luft zu jagen! Dabei sollten sie dankbar sein, Jobs als Aushilfen gefunden zu haben. Weder Ernie, noch Hannah hatten Gelegenheit gehabt, die Schule zu Ende zu machen und waren lediglich durch ihren Blutstatus geschützt und der Tatsache, dass niemand wirklich beweisen konnte, dass sie in der Schlacht auf der falschen Seite gestanden hatten.

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»WILLST DU MICH VERARSCHEN?«, schrie der Leiter der Abteilung für magische Strafverfolgung heftig und donnerte seine Faust auf den Schreibtisch, der über und über mit Fahndungsplakaten übersät war. Ein paar der Zettel rutschten zu Boden, doch er beachtete sie nicht weiter. Zu groß war die Wut, die gerade von ihm Besitz ergriffen hatte.

»Nein! Ich... es... wir waren nicht genug Leute!«

»Sind drei nicht genug, um mit einem dreckigen Schlammblut fertig zu werden? Geh mir aus den Augen, der Dunkle Lord wird sich später mit euch befassen!«

»Bitte, warte! Hör mir zu, Lestrange, der Dunkle Lord muss das nicht erfahren... wir... der war nicht alleine, da waren noch mehr«, erwiderte der Mann entsetzt, der auf einem einfachen Holzstuhl saß und wild gestikulierte, »Wir gerieten in einen Hinterhalt, als wir das Haus stürmten und plötzlich...«

»Du willst mir also sagen«, knurrte Rodolphus Lestrange und fixierte seinen Mitarbeiter, »Dass das eine Verschwörung war, ja? Wir reden hier von dreckigem Abschaum und du tust so, als wär der verdammte Dumbledore persönlich von den Toten auferstanden! VERSCHWINDE!

Rodolphus sprang auf und drehte seinem mächtigen hölzernen Schreibtisch den Rücken zu, während er seine rechte Hand öffnete und schloss. Es juckte ihn danach, nach seinem Zauberstab zu greifen, doch er konnte sich beherrschen. Er brauchte diese Leute, so sehr er es auch hasste und konnte deshalb nicht jedem einen Fluch aufhalsen.

Rodolphus hörte, wie die Tür sich vorsichtig schloss und wusste, dass der verdammte Abschaum gegangen war. Er spürte die Stille und das Alleinsein, alles daran erinnerte ihn an Askaban, doch nie hatte er sich so gut gefühlt. Seit beinahe einem Jahr nun hatten und hielten sie die Macht, alles Warten hatte sich gelohnt! Und sie waren auf dem besten Weg, all ihre Ziele umzusetzen.

Es wurden keine Schlammblüter mehr in Hogwarts unterrichtet; genau genommen war es allen ihrer Art generell nicht gestattet, irgendetwas zu tun. Einigen hatten sie sogar erlaubt, in der Muggelwelt zu leben. Das war ihrem Stand angemessen und (auch wenn Rodolphus da anderer Meinung war) besser als der Tod, doch die meisten waren sogar zu dumm, um das zu begreifen. Nun ja, Muggel waren so etwas wie Freiwild, aber bei der Einwohnerzahl war die Wahrscheinlichkeit, einem Todesser zum Opfer zu fallen, recht gering. Noch. Und immer noch beschäftigten sich ihresgleichen, Hexen und Zauberer mit anständigem Blutstatus, damit, diesen Abschaum vor dem Gesetz zu verstecken.

Nichts machte Rodolphus wütender als der Gedanke an diesen Verrat!

Mit schnellen Schritten stampfte er über den polierten Parkettboden und durchquerte sein nobles Büro, das keinerlei persönliche Gegenstände enthielt und nur darauf ausgelegt war, Macht auszustrahlen. Er riss die Tür auf und betrat den Korridor davor.

Rodolphus brannte innerlich vor Zorn. Er wusste nicht einmal, ob er wütender auf seine Greifertruppe sein sollte, weil sie versagt hatten oder ob er stattdessen den Abschaum hassen sollte, der es gewagt hatte, sich erneut zu widersetzen! Es musste dringend eine Lösung dafür her; doch wie kämpfte man gegen eine Rattenplage an, deren Nester man nicht erreichen konnte?

Rodolphus fluchte und konnte dem Drang, seinen Zauberstab zu zücken, irgendjemanden dafür büßen zu lassen, nur mit Mühe widerstehen.

»Rodolphus!«, ertönte eine Stimme hinter ihm und gereizt wirbelte der Todesser herum. Er erblickte Avery und wurde schlagartig ruhiger. Es war immer befriedigend, jene um sich zu haben, die schon früher an seiner Seite gekämpft hatten.

»Avery!«, entgegnete Rodolphus und forderte ihn mit einem Nicken auf, ihm zu folgen.

»Du siehst wütend aus«, bemerkte Avery spitz.

Auf dem Gang der Abteilung für magische Strafverfolgung waren nur wenige Mitarbeiter unterwegs; und alle von ihnen wichen den beiden Todessern mit unterwürfigen Blicken aus. Es wirkte fast, als hätten sie Angst, ganz spontan zur Zielscheibe ausgewählt zu werden und vielleicht war diese Angst sogar begründet.

»Tatsächlich? Ich hab meine Gründe, Avery. Immer noch kein Erfolg!«, bemerkte Rodolphus und warf seiner neuen Gesellschaft einen Seitenblick zu.

»Was ist mit diesem Phönix-Abschaum?«

»Noch immer verschwunden. Seit beinahe einem Jahr - spurlos!«, fauchte Rodolphus und das letzte Wort schrie er beinahe.

Das war noch so ein Thema, auf das er nicht gut zu sprechen war. Es wäre wirklich gut gewesen, nach der Schlacht von Hogwarts ein Exempel zu statuieren, indem man einem von Potters ehemaligen Freunden eine mehr als angemessene Bestrafung zukommen ließ, doch dieses Pack war wie vom Erdboden verschluckt. Zusammen mit Potters verdammter Leiche, die sie eigentlich der Öffentlichkeit hatten präsentieren wollen. Doch zum Glück war zumindest das nicht mehr nötig geworden; zu viele Augenzeugen hatten seinen toten Körper erblickt und selbst die hoffnungsfrohen unter ihnen wussten, dass es nicht mehr den geringsten Funken davon gab. Ihr Traum, die Welt mit Mist zu überhäufen und ihre wertvollen magischen Institutionen mit Schlammblütern zu verseuchen, war ein für allemal ausgeträumt.

»Denkst du noch immer an dein Exempel?«, fragte Avery scharfsinnig und schnalzte mit der Zunge, »Ich gebe zu, es wäre eine feine Sache. Vielversprechend«

»Du meinst, auch wenn wir nur ein unbedeutendes Stück Dreck nehmen?«, erkundigte sich Rodolphus, obwohl ihn seine Meinung eigentlich nicht interessierte.

Er hatte sich eine Idee in den Kopf gesetzt, die nicht grausam, sondern gerecht war! Vielleicht brauchten die Verräter nur einen Schubs in die richtige Richtung. Wenn man einen Funken ausgetreten hatte, konnte es nicht schaden, noch einen Eimer Wasser darüber zu kippen – nur für alle Fälle!

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Die Dunkelheit senkte sich langsam über das alte Gemäuer ihres Verstecks, doch Tag und Nacht unterschieden sich kaum. Bei klarem Wetter konnte man das nahe Festland sehen, doch im Augenblick bestand ihre Welt aus einer Insel, die von Wolken umgeben war. Der Himmel war seit Wochen bedeckt und nicht ein einziger Sonnenstrahl hatte die Kraft gefunden, den Boden zu erreichen.

Harrys Laune hatte einen neuen Tiefpunkt erreicht. Lange würde er es hier bei all den Leuten, die seinetwegen geliebte Menschen verloren hatten, nicht mehr aushalten. Manchmal glaubte er, dass sie ihm vorwurfsvolle Blicke zuwarfen, weil er es war, der sie in diese Lage gebracht hatte. Wäre er damals nicht in Hogwarts aufgetaucht und hätte alle zum Kampf aufgerufen... - Harry schluckte schwer und atmete die kalte Luft aus, die kleine Wölkchen vor seinem Mund bildete.

Er konnte Ginny jedenfalls nicht vorwerfen, dass sie ihm Freds Tod scheinbar nie richtig verziehen hatte.

Langsam stieß er sich von der kalten Mauer ab, an die er sich gelehnt hatte und spürte, dass er zitterte. Der Frühling ließ noch immer auf sich warten, doch das störte Harry nicht. Leiden war okay, das hatte er sich redlich verdient. Mit den allgegenwärtigen Schuldgefühlen im Gepäck überquerte er den Rasen des alten Klosters, das nun seit beinahe einem Jahr als Versteck für den Widerstand diente.

Der Orden des Phönix war am Ende. Die letzten Überreste davon lebten bedeckt. Ironischerweise war dieses Versteck für Harry, Ron und Hermine eher eine Art Gefängnis geworden; man bewachte sie ständig und sorgte dafür, sie nicht auf dumme Gedanken kommen zu lassen. Nicht, dass Harry die Motivation dafür gefunden hätte, noch einmal irgendjemanden in Gefahr zu bringen; dennoch keimte in letzter Zeit häufig der Verdacht in ihm auf, dass er so oder so keine große Hilfe war. Er wollte etwas tun – irgendetwas!

»Alter, wir haben dich überall gesucht!«, ertönte plötzlich Rons Stimme und Harry fuhr herum.

»Jaah, ich bin hier«, antwortete er nur und vergrub seine kalten Hände tiefer in den Jackentaschen.

»Schon klar«, erwiderte Ron und machte Anstalten, Harry durch die nächstbeste Tür zu ziehen, die zu den Schlafsälen führte.

Es waren Schlafräume der Mönche und Novizen gewesen, als das hier noch ein richtiges Kloster gewesen war, doch der Orden hatte sie schnell mit magischen Mitteln ausgedehnt, sodass sie nun eher den alten Schlafsälen in Hogwarts glichen. Der Anblick versetzte Harry jedes Mal einen Stich in die Magengrube. Auch die Mahlzeiten nahmen sie in etwas ein, das mit viel Fantasie einer kleinen Ausgabe der Großen Halle ähnelte, obwohl man das hier nun schlicht als Speisesaal bezeichnete.

Hermine hatte bei ihrem ersten Rundgang durch die Ansammlung von großen und kleinen Gebäuden mit allerlei Fachbegriffen um sich geworfen, doch Harry konnte sich nur noch daran erinnern, dass sie alle irgendwie auf -torium geendet hatten.

Andere Gebäude wie die Klosterkirche blieben hingegen unbenutzt.

Bevor Ron die schwere hölzerne Tür öffnen konnte, trat Hermine dazwischen und funkelte Harry an.

»Was hast du hier draußen gemacht?«, fragte sie scharfsinnig und runzelte die Stirn.

»Gar nichts«, antwortete Harry eine Spur zu schnell.

Er wusste, dass sie ihm nicht glaubten. Er kaufte es sich ja selbst nicht ab. Harry drehte hier unablässig seine Runden, in Gedanken immer wieder bei Voldemort. Seine Laune änderte sich von Stunde zu Stunde. Erst war er fest entschlossen, das Kloster und seine sicheren Schutzzauber zu verlassen und die Schlange zu suchen; dann wiederum wurde ihm bewusst, dass niemand außer ihnen dieses Geheimnis kannte und ein Angriff auch Erfolg bringen musste. Und nach allem, was passiert war, wäre es ein Ding der Unmöglichkeit, überhaupt in Voldemorts Nähe zu gelangen. Doch auf gar keinen Fall wollte er Ron und Hermine noch einmal so gefährden, wie er das vor etlichen Monaten getan hatte.

Als wäre das nicht genug, standen sie ständig unter Beobachtung. Andere verließen die Insel, um Nahrungsmittel zu beschaffen, doch niemand schien der Meinung zu sein, Harry, Ron und Hermine hätten womöglich auch das Bedürfnis, zu helfen. Überstürzte Aktionen waren dumm und führten zu nichts – außer zu noch mehr Toten. Und dann dachte er ständig daran, dass er niemanden mehr in Gefahr bringen wollte; der Witz des Ganzen war jedoch, dass dort draußen Menschen starben, während er darüber nachdachte, wie er das nun alles unter einen Hut bringen wollte!

Und zu allem Überfluss nagten die Schuldgefühle an ihm. Die Schlacht hatte er zu Verantworten und anstatt danach sofort zu handeln, hatte er sich die Schuld daran gegeben und nichts getan. Garnichts.

Harry wusste nicht einmal, wie lange er, nachdem er sich körperlich erholt hatte, nur da gesessen und versucht hatte, sich mit seiner neuen Situation abzufinden. Sich an Georges Blicke zu gewöhnen, der nun alleine war und an Ted Lupin zu denken, dessen Eltern tot waren und von dem er nicht einmal wusste, ob die Todesser ihn hatten leben lassen.

Er wollte nicht alleine sein, doch Gesellschaft ertrug er schon gar nicht!

Bevor Harry weiter darüber nachdenken konnte, stellte er fest, dass sie auf dem Weg zum Speisesaal waren und erinnerte sich daran, dass es bereits dunkel wurde. Ein Knurren, das von Rons Magen zu stammen schien, bestätigte Harrys Verdacht, doch er gab sich keine Mühe, der Unterhaltung neben sich zu folgen.

Erst, als Rons Stimme lauter wurde, drehte er verwirrt den Kopf und betrachtete seine Freunde. Hermine war blass, wie Harry auffiel, dicke Augenränder zierten ihr Gesicht und Ron sah auch nicht besser aus. Doch jetzt war das Gesicht seines besten Freundes obendrein missgelaunt.

»Schon wieder? Im Ernst, noch einmal Brot zum Abendessen und ich boykottier diesen Laden!«, fauchte er genervt und erinnerte Harry sehr an den Ron, der damals wütend aus dem Zelt gestürmt war.

»Kingsley hat Käse geholt, in einem Muggeldorf«, antwortete Hermine besorgt.

»Super! Und dann kriegst du ein Stück, so groß wie ein verdammter Knut, oder was? Ich weiß nicht, ob du's gemerkt hast, Hermine, aber uns geht hier langsam das Essen aus.«

»Sie können es mehr werden lassen, wie du wissen solltest«, erwiderte Hermine und wirkte nun eine Spur trotziger.

Harry ging stumm neben seinen besten Freunden her. So ging das nun schon seit beinahe einem Jahr. Kleinigkeiten brachten jeden von ihnen auf die Palme und Dinge, die normalerweise nicht einmal eine Erwähnung wert gewesen wären, wurden diskutiert und endeten im Streit. Harry wunderte sich nicht mehr darüber. Er hatte sich schon in ihrer Schulzeit an solche Situationen gewöhnt; nur hatten die bisher nie so lange gedauert. Und ihm war es noch nie so egal gewesen.

»Ach was?«, erwiderte Ron wütend, »Ich dachte, Galgalopps Gesetz-«

»Gamps Gesetz der elementaren Transfiguration«, korrigierte Hermine hochnäsig und fuchtelte mit dem Finger vor Rons Nase.

Harry hätte sich nicht gewundert, wenn Ron mit den Zähnen danach geschnappt hätte.

»Und es sagt nur, dass du kein Essen aus nichts machen kannst. Aber du kannst es mehr werden lassen!«

»Könnt ihr zwei bitte mal die Klappe halten?«, mischte Harry sich schließlich doch ein und funkelte beide an, die verdutzt dreinschauten, weil wohl niemand mit seiner geistigen Anwesenheit gerechnet hätte.

Den Rest des Weges legten sie schweigend zurück.

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Hermine musterte Harrys Hinterkopf. Sie hatte ihn nicht verdutzt angesehen, weil er sich in ihren Streit mit Ron (der sie noch beinahe um den Verstand brachte) eingemischt hatte. Das hatte er schon früher getan, wenn es ihm zu bunt wurde. Nein, sie war verdutzt, weil sie sich nicht erinnern konnte, wann er das letzte Mal gesprochen hatte, ohne zuvor etwas gefragt worden zu sein.

Die schwarzen Haare, die in alle Richtungen standen, flogen im Wind hin und her; mehr konnte sie von Harry nicht sehen, denn er ging voraus. Hermine fragte sich, ob das so eine Art Erwachen war. Vielleicht wurde es besser. Irgendetwas.

Besorgt kaute sie auf ihrer Lippe und kniff die Augen zusammen. Ron stapfte nur neben ihr her, doch kein einziges Mal spürte sie seinen Blick, weshalb sie auch weiter Harry fixierte. Er hatte immer geantwortet, wenn er angesprochen worden war. Das hatte er teilnahmslos getan. Wenn ihn jemand gefragt hatte, wie es ihm ging, hatte er ›gut‹ gesagt und dabei glatt gelogen. Doch ansonsten hatte er nur daneben gesessen, mehr oder weniger die Unterhaltungen um ihn herum verfolgt und war seinen Gedanken nachgehangen.

Hermine drehte den Kopf und betrachtete wehmütig den Rotschopf neben ihr. Ob Ron überhaupt etwas davon bemerkt hatte?

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Ron ergriff die Tür, die Harry aufgehalten hatte und folgte seinem besten Freund. Er war wütend. Auf Hermine, weil sie so tat, als sei alles in bester Ordnung und dabei ihn, Ron, nach wie vor behandelte, als sei er völlig verblödet! Und auf Harry, weil er sich immer noch die Schuld an allem gab und es dabei nur noch schlimmer machte!

Ron wollte auch nach draußen und etwas unternehmen, doch sie brauchten einen Plan, sie mussten das überlegt tun; egal wie sehr Ron Pläne hasste, in der Hinsicht musste er Hermine (auch wenn er es nie aussprechen würde) Recht geben. Und Harry tat einfach so, als könne allen egal sein, ob er lebte oder starb; als müsse er sich nochmal vor die Füße von Voldemort werfen, weil es damit irgendwie besser werden würde.

Doch am Allermeisten hatte Ron Angst. Noch so ein Gedanke, den er niemals laut aussprechen würde, doch er hatte Harry beobachtet. Die Teilnahmslosigkeit war irgendwie... von ihm gewichen. Wenn man das so sagen wollte. Er war wieder da. Und Ron fürchtete sich davor, eines Tages aufzuwachen und eines der Betten leer vorzufinden, nur weil Harry mal eben (wieder) beschlossen hatte, dass es besser war, seine besten Freunde nicht in Gefahr zu bringen und alles auf eigene Faust zu erledigen.

Als ob das je etwas genützt hätte.

Kingsley saß am Ende des großen Tisches, der in den nur mit Fackeln erleuchteten Speisesaal gequetscht worden war und nickte ihnen über seinen Teller hinweg zu. Ron erwiderte das Nicken, während Hermine ihn begrüßte und Harry nichts tat. Manchmal hatte er das Gefühl, seinem besten Freund einen möglichst harten Gegenstand über den Kopf schlagen zu müssen. Vielleicht begriff er dann, was Sache war.

Möglichst würdevoll, weil Hermine ihm von Zeit zu Zeit merkwürdige Blicke zuwarf, setzte Ron sich an den Tisch und belud seinen Teller mit Brot und Käse (der entgegen aller Erwartungen nicht die Größe eines Knut hatte). Sein Magen knurrte entsetzlich.

»Ihr seid spät dran heute, oder?«, fragte Kingsley mit seiner tiefen Stimme und runzelte die Stirn, weil alle anderen das Abendessen bereits beendet hatten.

Ron ließ sich nicht täuschen. Kingsley, McGonagall und Aberforth wussten ganz genau, wo sich jeder Einzelne von ihnen befand. So groß konnten die Sorgen, die Kingsley sich womöglich um sie gemacht hatte, gar nicht gewesen sein.

»Wir hatten noch keinen Hunger«, erwiderte Hermine freundlich, während Rons knurrender Magen protestierte.

Doch Kingsley nickte nur, erhob sich mit einem Abschiedswort und verließ den Raum. Sie waren wieder allein und Ron wusste nicht, ob er das gut oder schlecht fand. Wenn sie unter sich waren, hatte er ständig das Gefühl, sie waren nur eine Federspitze davon entfernt, sich gegenseitig an die Gurgel zu springen.

Anstatt seinen Freunden widmete er sich lieber seinem Abendessen und bemerkte dabei nicht einmal, dass Harry keinen Bissen zu sich nahm.