Harry starrte den Teller an, der vor ihm auf dem rustikalen Tisch stand und brauchte einen ganzen Augenblick, um sich daran zu erinnern, dass er eigentlich etwas essen sollte. Einen kleinen Bissen Brot zumindest, doch er hatte nicht den geringsten Hunger. Er wollte nach draußen, wo er in Ruhe nachdenken konnte, ohne dass Ron ihm feindselige Blicke zuwarf und Hermine jede seiner Bewegungen beobachtete, als fürchtete sie, er würde sich gleich von der nächsten Klippe stürzen.
Zögernd hob Harry den Kopf und begegnete dabei Hermines Blick, die ihm gegenüber saß. Sie wirkte nachdenklich, wie immer, wenn sie auf ihrer Lippe knabberte.
»Ich hab keinen Hunger«, murmelte Harry eilig und erhob sich.
Er wusste, dass er die Sorgen seiner Freunde damit nicht gerade reduzierte, doch das war ihm im Augenblick egal. Er musste hier raus!
Mit schnellen Schritten hatte er den Speisesaal durchquert, das Gebäude verlassen und stand wieder auf dem überwucherten Rasen des Klostergartens. Er hatte sich selten so ziellos gefühlt. Unentschlossen wandte er sich nach links mit der vagen Absicht, durch die Gemüsebeete zu schlendern, als er beinahe mit jemandem zusammen prallte.
Es war Luna, die ihn aus ihren großen verträumten Augen anstarrte.
»Tut mir Leid«, sagte Harry und wollte ausweichen, doch Luna blieb einfach stehen, als ob sie die ganze Zeit nichts anderes vorgehabt hätte.
»Du solltest etwas dagegen unternehmen«, sagte sie verträumt.
Harry war nicht einmal sicher, ob sie mit ihm sprach.
»Was?«, fragte er irritiert. Es war unmöglich, dass sie gerade seine Gedanken erraten haben konnte.
»Gegen den Schlickschlupf!«, antwortete Luna, als sei das offensichtlich, »Er steckt schon so lange in deinem Kopf... Das ist wirklich bedenklich, weißt du?«
»Ähm, ja. Klar, mach ich«, murmelte Harry und ließ den Blick durch den Garten schweifen, bis er rechts von sich die dunkle Eingangstür zu einem Teil der Schlafsäle entdeckte, die jenen in Hogwarts so sehr ähnelten, »Tut mir leid, ich muss... ich bin müde!«
Harry ließ sie einfach stehen und stürzte durch die hölzerne Tür. Ein schmaler Korridor führte hier um ein paar Ecken zurück zum Speisesaal, doch den ganzen Gang entlang zweigten schmale Kammertüren ab.
Harry folgte einer Abzweigung und wählte die dritte Tür. Als er sie öffnete, hatte er das Gefühl, ein Hippogreif hätte dahinter gelauert, um ihm einen schmerzhaften Tritt in die Magengrube zu verpassen. Der Raum war magisch vergrößert worden, länger als die Schlafsäle in Hogwarts, die kreisrund gewesen waren, doch ebenso mit fünf Himmelbetten ausgestattet. Er wusste nicht, wer auf die Idee gekommen war, doch da Dean, Seamus und Neville ebenfalls untergetaucht waren, hatte man prompt beschlossen, die Jungs wieder zusammen unter zu bringen.
Harry fand, dass sie damit niemandem einen Gefallen getan hatten. Die Erinnerungen an Hogwarts waren zu präsent.
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Hermine wollte Harry nicht schon wieder folgen. Sie hatte das Gefühl, dass es immer schlimmer wurde, je mehr sie ihm auf die Pelle rückte. Na ja, bis vor kurzem gab es gar nichts, was noch Schlimmer hätte werden können, doch sie wusste nicht, ob ihr gefiel, wie er sich jetzt verhielt. Harrys Zustand war bedenklich.
Ron bezeichnete das Thema als lächerlich, wann immer Hermine versuchte, darüber zu sprechen; er fand, Harry könnte ein saftiger Tritt in den Allerwertesten am besten helfen. Über so viel Feingefühl konnte sie nur den Kopf schütteln. Wahrscheinlich kam Ron nur nicht damit klar, dass Harry nicht mehr mit Ginny sprach. Wieso, das konnte nicht einmal Hermine so genau sagen, aber Ron war immer gerne bereit, zu beteuern, dass er Harry für alles, was er seiner Schwester angetan hatte, am liebsten umbringen würde.
Mit eben jenem feinfühligen Tölpel im Schlepptau machte sie sich auf den Weg zu einem kleinen Seitengebäude, das über vier Etagen nichts anderes als Bücher und Leseecken beherbergte. Es war Hermines kleines Reich, ihr persönlicher Rückzugsort.
Niemand ging gerne in Bibliotheken, ein Fakt, den sie schon in Hogwarts nie ganz begriffen hatte. Und weil hier niemand mehr etwas nachschlagen musste, hatte sie das Gebäude in der Regel für sich alleine; abgesehen davon hätte es ohnehin nichts gebracht, weil die meisten Bücher aus alten Muggelzeiten stammten, abgesehen von den Exemplaren, die Hermine in ihrer Tasche mitgebracht hatte. Doch sie las jedes Buch gern, liebte das Gefühl und den Geruch der Blätter und hatte stets den Eindruck, einem Geheimnis auf der Spur zu sein, wenn sie hier her kam.
Ron beschwerte sich nicht einmal. Er trottete ihr nur nach, ließ sich in einen Sessel fallen und stierte finster ein Regal an, als ob die Bücher die Schuld an allem trugen und es verdient hätten, augenblicklich in Flammen zu stehen.
Hermine seufzte und setzte sich an einen der Lesetische. Ein paar alte Tagespropheten lagen in einer Ecke, das einzige offensichtliche Zeugnis dafür, dass hier Magier lebten. Manche von ihnen, wie George und Lee, verließen die Insel, um Lebensmittel zu besorgen und manchmal schafften sie es sogar, eine alte Zeitung abzustauben.
Nicht, dass die Nachrichten in diesen Tagen besonders aufbauend gewesen wären. Verräter stellt sich hieß es da und darunter lugte gerade noch die Überschrift hervor, die den Tagespropheten vor etlichen Monaten geziert hatte: Ministerium im Wandel – Rabastan Lestrange löst Pius Thicknesse als neuer Zaubereiminister ab.
Ihr wurde immer noch übel, wenn sie an die Todesser dachte, die plötzlich die größten Führungspositionen besetzten. In dem Artikel hatte es auch geheißen, dass Lestranges Bruder jetzt der Leiter der Abteilung für magische Strafverfolgung war und dass es tatsächlich so etwas wie eine Abteilung für standesgemäße Eheschließungen gab. Das war alles so abartig!
»Willst du nicht lieber mal nach Harry sehen?«, fragte Hermine barsch und schob die Zeitungen angewidert von sich.
Sie hatte nicht grob sein wollen, doch alles machte sie so wütend und Rons Gleichgültigkeit war einfach unerträglich! Er benahm sich manchmal wie ein Junge, der nicht ausreichend beschäftigt wurde.
Hermine, den Blick auf die Maserung des Holztisches gerichtet, zuckte zusammen, als sie hörte, wie die Tür ins Schloss fiel und erst jetzt sah sie auf. Ron war tatsächlich gegangen. Sie blinzelte unweigerlich, als ihre Augen brannten.
Wieso musste auch alles so furchtbar kompliziert sein?
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Mit klopfendem Herzen und plötzlich erwachten Lebensgeistern betrat Harry den verlassenen Schlafsaal und setzte sich neben seinem Bett auf den kalten Boden. Er spürte, wie seine Hände zitterten, als er nach einer hölzernen Truhe griff, die unter seinem Bett verstaut war.
In dieser Truhe verwahrte er seine wenigen Habseligkeiten, die ihm noch geblieben waren. Den Rucksack, den er auf der Flucht vor dem Ministerium stets bei sich gehabt hatte, die Karte des Rumtreibers, seinen Tarnumhang und ein bisschen Kleidung. Die wirklich wichtigen (und zumeist nutzlosen) Dinge trug er stets in dem Beutel von Eselsfell bei sich, den ihm Hagrid einst geschenkt hatte; das zerbrochene Medaillon, die Spiegelscherbe, die beiden Holzstücke, die einmal sein alter Zauberstab gewesen waren.
Harry hob den Deckel der Truhe leicht an und griff hinein, bis er den fließenden Stoff des Tarnumhangs zwischen seinen Fingern spürte. Er zog ihn umständlich hervor und schloss die Truhe vorsichtig wieder, bevor er sich aufrappelte.
Harry fühlte sich seltsam siegessicher und benommen. Es kam nicht oft vor, dass sie ihn lange genug allein ließen und wenn er doch einmal die Gelegenheit dazu hatte, würde er sie eben auch nutzen müssen.
Harry betastete den Tarnumhang und zögerte für einen kurzen Augenblick. Wohin sollte er gehen, wo sollte er anfangen? Er wusste, dass es blanker Selbstmord war, zu verschwinden; es wäre das Beste, wenn er diesen Ausflug, so sinnlos er auch sein mochte, dazu nutzte, etwas zu bewirken.
Konnte er die Schlange erreichen? Harry wusste es nicht, wusste nicht einmal, wo sich Nagini genau aufhielt. Es war eine Erleichterung gewesen, nicht mehr aus Voldemorts Augen heraus miterleben zu müssen, wie er andere Menschen tötete, doch sein Informationsstand war mittlerweile einfach nur erbärmlich. Wenn er doch nur sehen könnte, was Voldemort tat, wo er gerade war.
Harry strich sich gedankenverloren über die Narbe und glaubte zu spüren, wie sie leicht pochte. Er wusste, dass er sich das nur einbildete. Die Narbe schmerzte nicht mehr seit seinem jüngsten Zusammenstoß mit Voldemorts Todesfluch.
So plötzlich, wie er gezögert hatte, fasste er einen Entschluss und griff auch nach dem Rucksack. Wenn er Nagini nicht finden konnte, würde er sich eben daran machen, Informationen zu sammeln. Das war immerhin ein Anfang!
Gerade, als Harry sich umdrehen wollte, ertönte die Stimme seines besten Freundes hinter ihm, der seinen Namen sagte.
Harry hatte das Gefühl, dass sein Herz einen Augenblick lang ausgesetzt haben musste. Er fühlte sich halb ertappt und halb wütend. Am liebsten hätte er Ron irgendetwas an den Kopf geworfen - wieso musste er gerade jetzt hier sein? Er hatte angenommen, sie seien alle noch beim Essen oder sonst wo; was hatte er bitte in seinem bescheuerten Schlafsaal verloren?
Harry griff nach seinem Zauberstab und murmelte »Lumos«, um im dunklen Raum etwas sehen zu können. Ron lehnte lässig im Türrahmen und wirkte nicht sonderlich begeistert.
»Wo willst du hin?«, fragte er mit zusammengezogenen Augenbrauen.
»Nirgends«, antwortete Harry dumpf.
Er war schon immer ein miserabler Lügner gewesen, doch etwas Besseres wollte ihm im Augenblick nicht einfallen. Als er bemerkte, dass Ron auf seinen Rucksack deutete, ließ er diesen wieder langsam sinken; als würde das die Sache irgendwie besser machen.
Doch Harry war fest entschlossen, weder Ron noch Hermine mitzunehmen. Er wusste, was ihn erwartete und er würde nicht zulassen, dass noch irgendjemand sein Leben für ihn ließ.
Ron hatte Harry immer unterstützt, bei allem und schließlich wie alle anderen das bittere Los gezogen. Doch wenn er sich davon abhalten ließ, würde er hier niemals wegkommen.
»Du wirst nicht versuchen, mir zu folgen«, sagte Harry seltsam distanziert und stellte fest, dass er nicht nach sich selbst klang.
Die Hand, in der er den erleuchteten Zauberstab hielt, zitterte leicht. Realistisch gesehen würde er nicht lange überleben, doch was machte das schon? Er hatte sich mit seinem Tod schon vor einem Jahr abgefunden, als er sich aus freien Stücken auf den Weg in den Verbotenen Wald gemacht hatte. Irgendwie, dummerweise, war es nur anders gekommen.
Der Gedanke, dass er dort draußen ein hübsches Durcheinander stiften würde, war sogar irgendwie befriedigend.
Harry warf Ron noch einen Blick zu und bückte sich dann wieder nach seinem Rucksack. Er wusste nicht, ob es ihm lieber war, wenn Ron tatsächlich auf ihn hörte oder ob er von ihm aufgehalten werden wollte. Wahrscheinlich ein bisschen von beidem.
Ron blinzelte im hellen Licht seines Zauberstabs und erst jetzt bemerkte Harry, dass er ihn noch immer direkt in seine Richtung hielt. Er beeilte sich, seinen Arm sinken zu lassen.
»Ach, das glaubst du, ja?«, schnaubte Ron nur und tat einen Schritt in den Raum, um die Tür hinter sich zu schließen, »Du glaubst, du kannst jetzt einfach so abhauen?«
»Jaah, das glaube ich«, antwortete Harry abweisend.
Mit zusammengezogenen Augenbrauen beobachtete er Ron, der sich längst an der Tür aufgebaut hatte und offenbar nicht plante, Harry ohne weiteres durch zu lassen. Es war schmerzhaft, ihn so wütend zu sehen. Er wollte Ron schon genervt auffordern, endlich beiseite zu gehen, als der ihn unterbrach.
»Wie lange willst du da draußen überleben?«, fragte Ron mit zusammengebissenen Zähnen, »Eine Stunde und dann ists schneller vorbei, als du ›Expelliarmus‹ sagen kannst!«
»Das ist mir völlig egal!«, erwiderte Harry gereizt, »Es ändert sich auch nichts, wenn ich hier sitzen bleibe, oder? Es ist egal, ich – da draußen sterben Leute!«
Ron schüttelte nur den Kopf. Vermutlich hatte er sogar Recht, wütend auf Harry zu sein. Wegen allem. Fred war wegen ihm gestorben und jetzt behandelte Harry sein eigenes Leben wie ein Paar von Onkel Vernons alten Socken.
Harry beäugte misstrauisch, wie Ron seinen eigenen Zauberstab zückte und damit ganz klar machte, dass er an ihm nicht vorbei kommen würde. Zumindest nicht einfach so.
»Lass das!«, fauchte Harry, als Ron den Zauberstab fest umklammerte und ihn aufgewühlt musterte.
Er hatte fast den Eindruck, dass sein bester Freund gerade ein Ventil gefunden hatte, seine eigene angestaute Wut in einem Streit eskalieren zu lassen; und Harry hatte wenig Interesse daran, das zu verhindern.
Zu lange hatten sie ihren Frust unterdrückt. Und im Augenblick war ihm alles egal. Es war ihm egal, wenn Ron ihn verletzte und es war ihm egal, ob er enttäuscht über Harrys Verhalten war oder was die anderen darüber dachten. Er wollte einfach nur hier weg.
»Was denkst du dir eigentlich – wie weit wärst du gekommen, wenn du ohne uns losgezogen wärst? Wie lange hättest du überlebt? Ohne Hilfe? Klingelt da vielleicht was?«, rief Ron und Harry warf ihm einen wütenden Blick zu, was Ron jedoch nicht zum Schweigen brachte, »Du bist so verdammt egoistisch! Ist dir mal in den Sinn gekommen, dass es hier nicht nur um dich geht?«
Harry wich einen Schritt zurück, als Rons Stimme lauter wurde; nicht, weil er Angst vor der Moralpredigt seines besten Freundes hatte, sondern vielmehr, weil dessen Zauberstab gerade ein paar Funken gesprüht hatte. Nur ein paar Worte drangen wirklich zu Harry vor. Egoistisch. Es geht nur um dich. Ihm wurde langsam klar, worauf Ron da anspielte und an einem anderen Tag wäre er über dessen Worte vielleicht enttäuscht gewesen, doch heute machte ihn das, was Ron da sagte, nur noch wütender.
»Ich hab nie gesagt, dass... Ich meine... Weil es so egoistisch war, in diesen bescheuerten Wald zu gehen, ja? Und ich hab natürlich nur an mich gedacht, als ich zu den anderen gesagt hab, dass wir kämpfen werden, oder? Klar, wär ja sicher ordentlich was für mich raus gesprungen, wenn wir nur gewonnen hätten! Wenn dich das immer noch so belastet, dann geh doch raus und sag, dass du gern genauso behandelt werden willst, weil du dich übergangen fühlst!«, fauchte Harry als Antwort.
»Denkst du ernsthaft, Tonks und Lupin und Fred...«, Rons Stimme zitterte und er brach ab, als er den Namen seines verstorbenen Bruders aussprach.
Harry hingegen hatte für einen kurzen Moment das Gefühl, gegen eine harte Wand gelaufen zu sein.
Fassungslos starrte er Ron an. Als ob Harry nicht schon die ganze Zeit an sie dachte und an Hagrid und all die anderen, die wegen ihm gestorben waren und denen nicht rechtzeitig die Flucht gelungen war. Doch was sollte es die jucken? Es waren seine Eltern, Sirius und Remus gewesen, die ihn bei seinem Vorhaben, sich im Wald Voldemort zu stellen, unterstützt hatten.
Ohne sie hätte er vielleicht gar nicht die Kraft gehabt, in den Wald zu gehen – oder hatten sie von Anfang an gewusst, was passieren würde? Dass Harry gar nicht wirklich zu seinem eigenen Tod aufbrach, sondern nur den Horkrux in sich vernichtete?
Plötzlich fühlte er sich noch elender als vorher, weil er hier stand und Ron quälte, der es nun wirklich gar nicht verdient hatte.
Ohne jede Vorwarnung ergriff Ron Harrys Rucksack und schleuderte diesen mit voller Wucht durchs Zimmer. Als er gegen die Wand prallte, verteilten sich ein paar von Harrys Habseligkeiten auf dem Boden.
»Und ich werde dich NICHT einfach so durchlassen! Nicht nach allem, was wir durchgemacht haben!«, brüllte Ron, »Du kannst dir deine verdammten Rechte nicht selbst aussuchen!«
Harry starrte ihn an und das schlechte Gewissen, das ihn eben noch geplagt hatte, verflüchtigte sich dabei ziemlich schnell.
Hier war sie also, die Möglichkeit, sich endlich den Frust von der Seele zu schreien. Großartig!
»Ach, das heißt, ich hab keine Rechte und bin hier der Gefangene oder was?«, schnaubte Harry laut und gab sich alle Mühe, jedes Wort so verächtlich wie möglich auszusprechen.
Er hasste diese Insel und die Tatsache, dass keiner hier auch nur einen Finger rührte, um eine Änderung herbeizuführen!
»Interessant, dass ausgerechnet du mir vorwerfen willst, dass sich alles um mich dreht, Ron!«, fügte der Schwarzhaarige gereizt hinzu, »Heute wieder nicht genug Aufmerksamkeit gekriegt oder was?«
Das war gemein, ungerecht und undankbar – doch es war Harry schlichtweg egal. Im Augenblick war ihm so ziemlich alles egal. Er wusste, dass er zu weit gegangen war, als er Rons Gesichtsausdruck sah und seinen Zauberstab, der erneut ein paar Funken spuckte.
Wenn sein bester Freund einen Streit wollte, würde Harry ihm dabei gerne behilflich sein. Wenn er ihm damit einen Gefallen tun konnte, bitteschön!
Rons Hand zitterte vor Wut und Harry realisierte nicht einmal richtig, dass er den Zauberstab, den er schon die ganze Zeit fest umklammert hielt, nun vor sich hob und damit auf Ron deutete.
»Lass mich durch!«, knurrte Harry, ohne über das nachzudenken, was er tat.
»Nicht, wenn du dich WIE EIN IDIOT VERHÄLTST!«, brüllte Ron zur Antwort.
Im Nachhinein hätte Harry nicht mehr sagen können, ob Ron ihn tatsächlich angreifen wollte oder sein Zauberstab nur einen weiteren Funkenregen ergoss.
Er handelte, bevor ihm überhaupt klar war, was er vorhatte und rief: »Expelliarmus!«
Ron war trotz allem nicht darauf vorbereitet. Der Entwaffnungszauber riss ihn von den Füßen und Harry hatte das Gefühl, jemand habe ihm im selben Moment ein Brett ins Gesicht geschlagen.
Unrealistisch langsam sah er, wie Ron gegen die geschlossene Tür fiel und auf seine Hand stürzte, doch er konnte nichts mehr dagegen unternehmen.
Der Zauber ließ sich nicht rückgängig machen und Harry fühlte sich wie gelähmt, unfähig, auch nur einen Finger zu rühren.
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Hermine knabberte nervös auf ihrer Lippe und konnte sich nicht einmal mehr mit Büchern ablenken. Sie hatte Ron zu Harry geschickt, doch was sie gesagt hatte, war nicht besonders nett gewesen.
Es war vermutlich das Beste, nach den Jungs zu sehen und sich vielleicht sogar bei Ron zu entschuldigen – wenn er sich nicht gerade wie ein Trottel verhielt. Was er eigentlich immer tat. Jedenfalls in letzter Zeit.
Zerstreut schob Hermine die Bücher von sich, die sie eben noch auf dem Tisch gehortet hatte und erhob sich. Das alles war so sinnlos, dass allein der Gedanke daran, das Lesen brächte sie irgendwie weiter, schon deprimierend war. Sie schlüpfte in ihre Jacke und wollte gerade das Gebäude verlassen, als sie Stimmen hörte und schließlich sah, dass sich einige Jungs, die aufeinander einredeten, im Eingang der Bücherei getroffen hatten. Sie standen eng beisammen und Hermine konnte erst erkennen, um wen es sich handelte, als sie näher kam.
»Natürlich kannst du das!«, sagte Lee Jordan energisch und klopfte dem armen Neville siegessicher auf die Schulter.
Er sah aus, als hätten die beiden ihm vorgeschlagen, mal eben einen Drachen zu bekämpfen.
»Woher wollt ihr...?«, fing Neville gerade an, wurde aber sofort wieder unterbrochen.
»Wir haben unsere Quellen, weißt du?«, sprach George dazwischen und tauschte einen schnellen Blick mit Lee, ehe er ganz dicht an Neville trat und ihm etwas zusteckte, »Also wollen wir dir helfen, wenn du die Klappe hältst.«
Neville wirkte noch immer zweifelnd, doch er machte nicht den Eindruck, als würde er noch einmal widersprechen wollen.
»Hinfort mit dir!«, sagte Lee großspurig und als Neville sich trollte, fügte er grinsend hinzu: »Schnapp sie dir, Tiger!«
»Was tut ihr hier?«, fragte Hermine misstrauisch und warf einen Seitenblick auf Neville, der sich gerade vom Acker machte.
»Was tust du hier?«, fragte Lee, indem er sie ziemlich treffend nachahmte.
»Das ist die Bücherei!«, erwiderte Hermine hochnäsig und deutete überflüssigerweise auf die Tür, hinter der sie alle standen, »Und das ist der Ausgang. Ich war lesen und jetzt wollte ich raus... Also, was heckt ihr aus?«
»Du sollst deine Nase nicht in anderer Leute Angelegenheiten stecken«, erwiderte George finster, »Das haben wir dir schon mal gesagt!«
Er winkte Lee zu und die beiden folgten Neville auf den Fersen. Hermine starrte ihnen kopfschüttelnd nach.
Das alles war nicht zu fassen. Erst verhielt sich Harry merkwürdig, dann führten George, Lee und Neville sich auf, als wollten sie mit verbotenen Substanzen dealen und Ron – Ron war zu gar nichts nütze!
Missmutig stapfte Hermine über den Rasen und in Richtung der Schlafsäle. Sie hatte schon halb beschlossen, Harry und Ron von der Unterhaltung zu erzählen, die sie gerade gehört hatte, bis ihr wieder einfiel, dass die beiden ja nicht mehr so richtig mit ihr sprechen wollten.
Nicht, dass sie sich gestritten hätten; es war vielmehr so, dass Harry sowieso mit niemandem sprach und Ron aus irgendeinem Grund schmollte. Hermine hätte ihn zu gerne angesprochen, auf alles und auf das, was auch immer sie nun waren, doch ihr Stolz wollte es nicht zulassen, den ersten Schritt zu machen und außerdem war sie es doch gewesen, die ihn geküsst hatte, damals, im Raum der Wünsche. Da konnte sie doch erwarten, dass Ron nun an der Reihe war, zu zeigen, was er davon hielt, oder?
Während sie an den Türen zu den Kammern, die nun zu Schlafsälen geworden waren, vorüber ging, schüttelte sie noch einmal den Kopf, um auch diese Gedanken zu vertreiben. Es war völliger Schwachsinn, sich in ihrer Situation über so etwas den Kopf zu zerbrechen. Sie hatten nun wirklich andere Prob -
Hermine blieb schlagartig stehen und drehte verdutzt den Kopf. Aus dem Schlafraum der Jungs kamen laute Stimmen und sie musste nicht erst lauschen, um zu wissen, wem sie gehörten.
»Nicht, wenn du dich WIE EIN IDIOT VERHÄLTST!«, brüllte Ron gerade und Hermine schnappte erschrocken nach Luft.
Wie oft hatte sie ihm schon gesagt, er solle Harry in Ruhe lassen? Doch kurz darauf geschah etwas, das ihr endgültig das Herz in die Hose rutschen ließ.
»Expelliarmus!«, erwiderte Harry, gedämpft durch die dicke Holztür und dennoch gut verständlich.
Ein Knall war alles, was darauf folgte, doch mehr brauchte Hermine auch gar nicht zu hören. Den Tränen nahe riss sie die Tür auf und hätte beinahe Ron überrannt, als sie den Schlafsaal der Jungs stürmte.
»WAS, BEI MERLINS BART, GLAUBT IHR EIGENTLICH, WAS IHR HIER TUT?«, schrie Hermine hysterisch und gab sich Mühe, die Situation zu erfassen.
Ron versuchte gerade, sich vom Boden aufzurappeln, während er seine linke Hand mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt und Harry stand mitten im Raum, völlig regungslos. Er starrte Ron nur an und öffnete ein paar Mal den Mund, als ob er etwas sagen wollte, schloss ihn dann aber rasch wieder.
Hermine fand, dass Harry dabei wie ein Goldfisch wirkte, der nach Luft schnappte.
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Nun hatte Harry wirklich das Gefühl, in Panik auszubrechen. Er wusste, dass er sich entschuldigen musste, doch erst einmal wandte Harry sich ab, so schnell er konnte und eilte durch den Raum, um seine Sachen vom Boden aufzulesen. Wenigstens konnte Hermine so nicht sofort erkennen, wie sehr ihm die Scham ins Gesicht geschrieben stand.
Mit zitternden Händen und rasend schnell schlagendem Herzen beförderte er seine Habseligkeiten zurück in den Rucksack, den er kurz darauf schwungvoll aufs Bett beförderte. Der Zauberstab, der sich noch immer fest umklammert in seiner Hand befunden hatte, landete gleich daneben.
Schließlich blieb ihm keine andere Wahl, als sich seinen Freunden wieder zuzudrehen.
Hermine war gerade damit beschäftigt, Rons Hand zu mustern. Harry wurde vor lauter Schamgefühl übel, als er Ron ansah, der an der Wand lehnte.
»Das ist alles meine Schuld! Ich hab Ron angegriffen!«, antwortete er schwach und hatte das Gefühl, dass alle Farbe längst aus seinem Gesicht gewichen war, »Ich, ähm – es hat geknackt!«
»Es hat... was?«, rief Hermine erschrocken und Harry nickte langsam, während der sich darauf konzentrierte, nicht in Panik auszubrechen (oder alternativ in Ohnmacht zu fallen). Das Entsetzen musste ihm auf dem Gesicht stehen, zumindest vermutete Harry das, als Hermine sich sofort abwandte, um Rons Zustand genauer zu inspizieren.
»Ron, reiß dich zusammen!«, fauchte sie mit zittriger Stimme und tastete nach ihrem eigenen Zauberstab. Harry konnte sehen, dass Hermines Augen feucht geworden waren, doch das hielt sie nicht davon ab, einen strengen Blick aufzusetzen: »Halt den Arm gerade – Episkey!«
»Ron...«, begann Harry leise, weil er das Gefühl hatte, in seinem Hals stecke ein ziemlich großer Gegenstand, der ihn am Sprechen (und am normalen Atmen) hinderte. Doch weil er nicht wusste, ob sie ihn überhaupt gehört hatten, wiederholte er etwas lauter: »Ron?«
Der Rotschopf hob den Kopf und erwiderte Harrys Blick. Von der Wut, die sie beide vorhin noch empfunden hatten, war nichts mehr zu spüren; sie schien sich mit einem Schlag entladen zu haben.
Hermine betastete die Hand und erhob sich dann halbwegs zufrieden.
»Es tut mir Leid«, hauchte Harry aufrichtig, während Rons Gesichtsausdruck undefinierbar blieb. Doch er nickte knapp, was wohl auch eine Art Zustimmung war.
Hermine beobachtete die Situation verständnislos und blinzelte noch immer schneller als gewöhnlich.
»Na schön!«, kam schließlich ein Stöhnen von ihr, nachdem Ron nicht weiter reagiert hatte, »Ich muss mit euch beiden ein Hühnchen rupfen!«
Spätestens jetzt reagierte der Rotschopf, indem er Hermine einen empörten Blick zuwarf.
»Du brauchst gar nicht so zu gucken! Scheinbar wollt ihr ja nicht miteinander reden, oder?«
Hermine ignorierte Ron und wandte sich zuerst Harry zu.
»Du solltest dringend aufhören, dir selbst die Schuld an allem zu geben, Harry! Und wenn du das nicht kannst, dann hör wenigstens auf, so zu tun, als hättest nur du alleine Probleme! Falls du es noch nicht gemerkt hast, wir stecken da alle drin!«, fauchte sie energisch und drehte sich schließlich zu Ron um, »Und du! Ich hab dir gesagt, du sollst Harry in Ruhe lassen! Und ihn NICHT provozieren! Oder was war daran irgendwie unverständlich?«, schloss sie bissig und funkelte beide wütend an, »Ich hoffe, ihr fühlt euch jetzt besser – wird Zeit, dass wir mal wieder ein normales Gespräch führen, in dem sich keiner aufführt, als ob wir ihn gleich mit fünf Horkruxen gleichzeitig behängt hätten!«
Hermines Stimme war gegen Ende höher geworden und Harry fühlte sich schrecklich. Vielleicht wurde dieser Tag zu einer Art Wendepunkt, doch im Augenblick hatte er eher das Gefühl, von allem, was er hätte falsch machen können, auch noch das letzte bisschen falsch gemacht zu haben.
Keiner von ihnen wagte es, Hermine zu widersprechen. Vielleicht nicht zuletzt, weil jedem klar war, dass sie vollkommen recht hatte.
