Kapitel 4: Zwischen Abgrund und Schein
Den Rest dieser Nacht verbrachte die Gräfin damit, ihren Gatten warm zu halten. Unter einer Unmenge schwerer Decken schmiegte sie sich fest an seinen Körper. Aber sie achtete auch darauf, dass das Feuer nicht erlosch, oder ob sich Anzeichen des einsetzenden Fiebers bemerkbar machten, das der Arzt vorausgesagt hatte. Doch Victor schien Glück zu haben. In den Stunden, in denen sie über ihn wachte, zeigte sich kein Zeichen des Fiebers, das womöglich sein Ende bedeuten würde. Er schien fest zu schlafen und lag bis auf sein Zittern völlig ruhig neben ihr. In den frühen Stunden des Morgens, kurz bevor es zu dämmern begann, schlief auch Elisabeth erschöpft ein.
Was sie jedoch nicht gewusst hatte, war, dass der Graf neben ihr keineswegs geschlafen hatte. Tatsächlich befand er sich in einem Zustand, zwischen Halbschlaf und Erwachen und sann über die Geschehnisse im Wald nach. Es war seltsam genug, in diesem Zustand zwischen Traum und klaren Bewusstsein vermochte er, sich plötzlich an mehr zu erinnern als zuvor bei klaren Verstand.
Er hatte keinen Zweifel mehr daran, dass er wirklich gesehen hatte, was er gesehen zu haben glaubte. Mehr noch...
er erinnerte sich an den heftigen Aufprall auf dem Waldboden, sein Angreifer rittlings über ihm. An eine finstere Präsenz, die drohend über ihm ihm hing, mit nichts in seiner Erfahrung vergleichbar.
Er konnte fühlen, wie das unverrückbare Gewicht, das auf ihm lag, und dem er sich mit aller Kraft zu erwehren suchte, auf ihm lastete und ihn so an Ort und Stelle gefangen hielt. Er erinnerte sich an eine höhnische, kalte, dunkle Stimme, die ihn schadenfroh verlachte, obwohl er nicht genau zuordnen konnte, ob es die Stimme eines Mannes oder einer Frau war. Als hätte es seine verzweifelten Bemühungen, sich zu befreien, nicht gegeben, hatte die Kreatur Graf von Krolock bei dessen seidenen Halstuch gepackt und dieses grob heruntergerissen. Nun warf er es achtlos beiseite, wie einen alten Lumpen. Nie hatte der Graf an solche Kreaturen geglaubt, doch auch er hatte die alten Geschichten gehört und er ahnte mit dem Instinkt der Beute vor ihrem Jäger, was ihm bevor stand und das es vollkommen real war.
Verzweifelt war Victor damit befasst, sich doch noch der harten und eisernen Umklammerung zu entwinden. Während er sich vergeblich abmühte, erklang das hässliche Geräusch von zerreißendem Stoff und er konnte die kühle Nachtluft auf seiner Haut spüren. Sein Angreifer packte ihn nun grob an den Haaren, zerrte seinen Kopf zurück bis es schmerzte – dann gab es nur noch die rasende Pein an seiner Kehle und das Gefühl von kaltem Grauen, blankem Entsetzen, und Hilflosigkeit. Über sich vernahm er nur die heftigen Atemzüge des Vampirs, sein gieriges Schlucken und lustvolles Stöhnen. Was Victor von Krolock fühlte war Ekel und Widerwillen. Und je länger die Kreatur an seiner Kehle hing und sich nährte, empfand er zunehmend ein überwältigendes, erniedrigendes Schamgefühl. Die Hoffnung keimte in seinem Innersten auf, dass es, wenn er schon auf diese entwürdigende Weise sterben musste, wenigstens bald vorbei sein würde. Sein Puls raste und die Furcht war so groß, dass ihm schwindelte. Jeder Augenblick fühlte sich an, wie Stunden. Er hatte noch immer nicht aufgehört sich zu wehren. Mit aller kraft stemmte er sich gegen das Gewicht, das auf ihm lastete. Bald versuchte er es von sich zu stoßen oder einen Schlag zu landen, der fest genug war, ihm den kurzen Moment der Ablenkung zu gewähren, dessen er bedurfte, um sich doch noch befreien zu können. Und doch fühlte er seine Kraft mit jedem Augenblick schwinden, in dem er versagte, sich von der Kreatur über ihm zu befreien und diese gierig seine Lebenskraft in sich aufsog. Bald genug kam der Moment, in dem seine Muskeln vor Schwäche zu zittern begannen. Der schlimmste Augenblick war der, als er seine bis zuletzt angespannten Muskeln nachgeben fühlte und schlaff, wie in der Parodie eines Geliebten, unter der Kreatur liegen blieb. Ein Gefühl der Trägheit senkte sich bleischwer über ihn, dem sich allmählich Schwindel und aufsteigende Übelkeit hinzu gesellten. Schließlich spürte er nur noch ein dumpfes Pochen, wo einmal sein rasender Puls gewesen war, und jeder weitere Atemzug fühlte sich schwer und mühselig an… Allmählich wurde er sich bewusst, dass sein Angreifer von ihm abgelassen hatte. Aber er hielt den Grafen noch immer unnachgiebig fest und starrte ihn aus glühenden Augen selbstzufrieden an.
„Der hohe Herr glaubt also nicht an uns. Unsinn sind wir… Ammenmärchen.", schnarrte die kalte Stimme über ihm. „Dummer Aberglaube? Fühlt er sich so an, Aberglaube? Wirst du bald auch deine eigene Existenz verleugnen? Der Finsternis sollst du dienen! Dann wirst du sehen, wie erfunden wir sind!" Er erinnerte sich an ein grausames höhnisches Lachen, an ein ekelhaftes, reißendes Geräusch und an das Gefühl warmer Flüssigkeit die ihm ins Gesicht tropfte, und den bitteren, metallischen Geruch von Blut. Dann presste sich eine große, fleischige Hand in sein Gesicht. Blut rann aus einer Wunde auf seine Lippen. Doch Graf von Krolock wollte sich dieses Schicksal nicht aufdrängen lassen. Er sammelte seine letzten Reserven an Kraft und presste seinen Mund fest zusammen. Doch unerbittlich drückte der Vampir seinem Opfer das blutende Handgelenk auf den Mund. Der Geruch und die feuchte klebrige Konsistenz der Flüssigkeit riefen Ekel und Übelkeit in Victor hervor. Er war nahe daran seinen Mund zu öffnen und zu Würgen und der Vampir was sich dessen nur allzu bewusst. Ein breites triumphierendes Grinsen ließ seine noch mit Blut benetzten Zähne aufblitzen – er wusste bereits, dass sein Opfer endgültig geschlagen war und keine Kräfte mehr hatte, um sich noch länger dem Unausweichlichen zu widersetzen. Das Atmen war Victor von Krolock nun durch die Hand vor seinem Gesicht beinahe unmöglich geworden und so sah er sich außer Stande, länger zu widerstehen – er musste seinen Mund öffnen, wollte er nicht elendig ersticken. Victor kämpfte darum, die warme metallische Flüssigkeit, die ihm nun in den Mund ran, nicht zu schlucken und sie irgendwie auszuspucken, doch es wollte nicht gelingen.
"Trink!", hallte es plötzlich donnernd durch seinen Kopf – in einer Stimme, die nicht seine eigene war und der er sich nicht widersetzen konnte, ganz gleich was sein eigener Wille war. Vor der Präsenz in seinem Kopf war er so machtlos wie eine Marionette, die sich dem Puppenspieler beugen muss.
Er wusste, dass er geschluckt hatte. Viele Male, mit dem Gefühl der Schändung und des Ekels, das stetig größer wurde, und vor seinem geistigen Auge wirbelte ein unüberschaubares Kaleidoskop aus verworrenen Bildern und Szenen, die vor ihm aufblitzten, voller Gewalt und Gier. Nach diesem Punkt gab es nur noch das Gefühl von Schmerz. Seine linke Schläfe brannte wie Feuer und ein dumpfer, pochender Schmerz wütete in seiner rechten Flanke, und das Gefühl feuchter Wärme unter seinem Hemd deutete auf eine Verletzung hin. Kälte und Einsamkeit, während er sich bewusst wurde, dass er jetzt in der Finsternis vollkommen alleine und hilflos war.
Oh, was für ein Narr er doch gewesen war! Wieso hatte er den Bauern nicht einfach geglaubt? Aber er war zu verblendet gewesen, um zu erkennen. Er hatte es als dummen Aberglauben abgetan, hatte sich selbst klüger gehalten.
Sagte man nicht, Hochmut kommt vor dem Fall? War dies die Strafe für seinen Unglauben, dass er nun zu eben einem solchen Wesen werden sollte, über das die Bauern und Holzfäller hinter vorgehaltener Hand tuschelten?
Wie er es auch drehte und wendete, er kam immer zu dem gleichen Schluss: Das Wesen, das ihn im Wald angefallen hatte, musste eine jener Kreaturen sein, die die Leute Nosferatu nannten. Ein...Vampir.
Er schauderte und das nicht nur, weil er erbärmlich fror. Niemals in seinem ganzen Leben hatte er es für möglich gehalten, das solche Wesen existierten. Alle düsteren Legenden, die er selbst über diese Geschöpfe kannte, besagten, dass jeder, der von einem solchen Schattenwesen infiziert wurde, sich nach dem Tod ebenfalls als solches aus dem Grab erhob. Er selbst musste sich wohl oder übel als infiziert betrachten. Die Worte jenes Wesens waren nicht missverständlich gewesen.
Und so kreisten seine Gedanken während er zwischen Schlaf und wachem Verstand bewegte immer um die gleiche Frage: Wie konnte er es verhindern? Wie konnte er abwenden, dass sich dieser Fluch erfüllte? Er fühlte, dass er nicht mehr viel Zeit hatte. Mochten Elisabeth und Herbert es noch so sehr dementieren, er spürte, dass der Tod bereits seine kalte, knochige Hand nach ihm ausstreckte. Die Frage war, was sollte er tun, damit er, wenn der Todesengel kam, um ihn zu holen, nicht wiederkehren würde? Auf ewig an diesen Körper gefesselt, während alle, die er liebte, starben, und den und ihn hier alleine zurück lassen würden?
Irgendwann fühlte er, das Elisabeth neben ihm eingeschlafen war. Er öffnete langsam die Augen ins Hier und Jetzt und blickte auf die schmale Gestalt, die sich eng an ihn geschmiegt hatte. Vielleicht was das seine Antwort... Sie würde ihm helfen. Sie würde ihm die Kraft geben, den Schatten zu überwinden, wie sie schon so vieles gemeinsam überwunden hatten. Und wer wusste, ob sie gemeinsam nicht stark genug waren, die ausgestreckte Hand des Schnitters fort zu schlagen.
Author's Note:
Das hier halte ich für mein schwächstes Kapitel überhaupt. Wenn ich diese Geschichte heute noch einmal posten würde, käme das hier mit Sicherheit vor das nachfolgende Kapitel! Aber vielleicht ist es auch gut das es seinen eigenen Platz hat…
Ich habe die bruchstückhaften Erinnerungen des Grafen nachgebessert. In meiner alten Fassung kommt es rüber, als ob er nur ein paar Tropfen abbekommen hat, und das ausreicht. War mir dann doch zu wenig. Und bei dem was ich mit dem armen Kerl vorhabe, war es mir wichtig darzustellen, dass er hier „zwangsgefüttert" wird (soll heißen zum trinken gezwungen, und als Sterblicher hat er hier, egal wie sehr er sich zu wehren versucht, nun einmal keine Chance) – ganz gleich was er will oder nicht will. Er soll sich hier als Opfer fühlen. Ich denke wir sind trotzdem deutlich unter FSK 16 Niveau geblieben. Aber wir werden dieses traumatischen Erlebnis für später brauchen.
