Kapitel 5: Was dir bestimmt ist, muss gescheh'n

Allen Befürchtungen zum Trotz überlebte Graf von Krolock die Nacht. Der Allmächtige in seiner Güte, erlaubte ihm anscheinend einstweilen unter seinen Lieben zu weilen. Aber noch bevor der Tag alt war, wusste bereits das ganze Schloss, dass es nicht gut um seine Exzellenz stand und er sich vielleicht nicht wieder von seinem Krankenbett erheben würde. Der Leibarzt war von der Gräfin des Schlosses verwiesen worden. Mit einem beladenen Packpferd war er und seinem Wallach von dannen gezogen, sobald die Sonne die Schatten der Nacht vertrieben hatte. Der alte Igor selbst hatte zu erzählen gewusst, der Arzt habe ohne eine geschriebene Empfehlung, und nur mit einer sehr bescheidenen Summe zur Entschädigung gehen müssen. Die Herrin selbst hatte die Pflege ihres Gatten übernommen.

Sie wachte an seinem Krankenbett, wechselte mehrmals täglich seine Verbände und wusch seine Wunden mit Kräuterabsud...

Es schien ihm nicht schlechter zu gehen, und unter den wachsamen Augen der Herrin war das gefürchtete Wundfieber tatsächlich ausgeblieben. Doch am Ende hatte es nur darauf gelauert, sein stilles, aber nicht weniger tödliches Werk zu vollenden. Der Graf war sehr schwach und verbrachte seine Tage halb wachend, in einem lethargischen Zustand; er atmete schwer und kalter Schweiß benetzte seine Haut. Es war kaum möglich, ihn dazu zu ,bewegen einen Bissen zu sich zu nehmen und selbst die Gräfin sah sich nicht im Stande, ihm gut zuzureden. Er beteuerte stets er habe keinen Hunger, akzeptierte lediglich Wasser.

Seit dem gestrigen Morgen war er nun nicht mehr erwacht. Doch seine Brust hob und senkte sich noch immer in raschem Rhythmus angestrengter Atemzüge. Von ihrem Sohn gedrängt, zog sich die Gräfin an diesem Morgen in ihre Gemächer zurück.

"Ihr habt getan, was Ihr konntet, Mutter! Es wird Vater nichts nützen, wenn Ihr selbst erkrankt!", hatte Herbert sie beschworen. …

„Ich bleibe bei ihm!", fuhr sie ihn ungehalten an. „Ich kann mich auch hier ausruhen, mein Platz ist an seiner Seite!" erwiderte sie hitzig.

„Den macht Euch niemand streitig, Mutter. Aber wem möchtet Ihr etwas vormachen? Ihr werdet Euch nicht ausruhen, solange Ihr in seiner Nähe seid. Ihr seid viel zu sehr damit beschäftigt, auf jedes Geräusch, auf jeden Atemzug zu lauschen. Ich verstehe Euch, Mutter. Auch mir ist es unerträglich, ihn so sehen zu müssen, aber Ihr könnt einstweilen nichts weiter für ihn tun. Ich sorge dafür, dass jemand über ihn wacht. Er wird nicht alleine sein. Und wenn sich etwas verändern sollte, werde ich Euch selbst Nachricht geben. Aber Ihr Euch musst dich nun ausruhen!"

Herbert sah ihr fest in die Augen und sie wusste, dass er Recht hatte.

Die Gräfin hatte sich, erschöpft wie sie nun einmal war, überreden lassen, beruhigt von der Aussage ihres Sohnes. Das gefürchtete Fieber schien ihren Gatten dank ihrer Bemühungen zu verschonen und sie glaubte ihn in guten Händen zurückzulassen.

Was der junge Herbert von Krolock nicht bedachte war, dass das Gesinde im Schloss nicht minder abergläubisch und ängstlich war als die Leute draußen in den Dörfern - und Gerüchte darüber, was mit Seiner Exzellenz passiert war, verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. Vielleicht wusste der junge Krolock auch nichts von diesen Geschichten. Vielleicht tat er sie auch genauso als Unfug ab, wie sein Vater. Doch tatsächlich war die Dienerschaft so verängstigt, dass niemand sich Seiner Exzellenz zu nähern wagte - und das schon seit Tagen. Nur auf Geheiß der Herrin betraten die mutigsten unter ihnen notgedrungen das abgedunkelte Krankenzimmer.

Doch nun, da die erschöpfte Gräfin sich zurückgezogen hatte, kontrollierte niemand die Anordnung, dass man sich gut um Seine Exzellenz zu kümmern und ein wachsames Auge auf sein Befinden haben sollte. Es war Befehl erlassen worden, die Herrin nicht zu stören, und der junge Herr brütete über den Amtsgeschäften, die er in Vertretung des Grafen weiter führte. Der junge Adlige setzte voraus, dass seine Befehle ebenso befolgt und ausgeführt wurden, wie die des Herrn Grafen - schon allein um seines Vaters willen - und kümmerte sich deshalb auch nicht weiter darum. Nie hatte ein Diener ihm nicht gehorcht und er sah keinen Grund, warum es dieses Mal anders sein sollte.

Hin und wieder warf auch tatsächlich ein verängstigtes Mädchen, welches das Pech gehabt hatte ausgewählt zu werden, im Vorraum zu wachen, einen Blick in das abgedunkelte Schlafgemach Seiner Exzellenz. Sie war jedoch viel zu verängstigt es zu betreten. Es hieß, ihn habe im Wald einer jener Dämonen angefallen.

Sicher, sie kannte den Grafen und er war, obgleich sie nur von niedrigem Rang war, immer freundlich zu ihr gewesen und natürlich mochte sie Seine Exzellenz, wer tat das nicht? Aber die instinktive, von Kindesbeinen an gefestigte Angst vor den Wesen der Nacht, war stärker. Was, wenn die Gerüchte wahr waren? Wenn Seine Exzellenz wirklich...

Sie wagte einfach nicht, sich dem schlafendem Mann zu nähern und die wenigen Male, da sie sich getraute ein paar Schritte in das Krankenzimmer zu machen, war sie sich sicher, seine schnellen, angestrengten Atemzüge hören zu können. Und selbst wenn sie unaufdringlich in seiner Nähe gesessen und ihn die ganze Zeit beobachtet hätte, es hätte Graf von Krolock dennoch nicht geholfen. Niemand konnte wissen, dass sein Zustand keineswegs eine Verbesserung zu den letzten Tagen und Nächten war, in denen er bald in einem unruhigen Schlummer lag, dann wieder in einem lethargischen Zustand verfiel, sondern das genaue Gegenteil. Der geschwächte Körper hatte kaum genug Kraft übrig, sich selbst warm genug zu halten, sodass sich das Fieber als scheinbare Verbesserung seiner Befindlichkeit maskierte. Seine Haut war kaum erhitzt und so glaubten ihn seine Pfleger auf dem Pfad der Besserung. Dabei stellte es nichts weniger dar, als seinen Eintritt in die letzte Phase eines aussichtslosen Kampfes, den er in den nächsten Stunden unweigerlich verlieren würde.

Niemand war zugegen, während das Leben des Grafen allmählich erlosch, wie eine herunter brennende Kerze. Das Mädchen, das zwischendurch den Kopf zur Tür herein steckte, bemerkte den Unterschied nicht. Die Gestalt lag ebenso ruhig und scheinbar bewegungslos da, wie bei den vorigen Malen, als sie, vom Schlechten Gewissen geplagt, herein geschaut hatte.

Nur wenn sie ihm sehr nahe gewesen wäre, hätte sie bemerkt, wie der ihr Herr aufgehört hatte zu atmen und, dass sein Herz verstummt war.

Und während das Mädchen draußen vor der Tür inständig hoffte, dass die Herrin bald wiederkehren und sie aus dieser Situation erlösen würde, ahnte sie nicht, welcher dunkle Prozess sich nun schleichend in dem Raum hinter ihr vollzog.

Was Graf von Krolock in jener letzten klaren Nacht gefürchtet hatte, trat ein. Sein sterbliches Leben war vorbei. Es hatte noch nicht einmal fünf Jahrzehnte angedauert. Stattdessen lag nun eine Ewigkeit in Dunkelheit vor ihm.

Als seine Exzellenz erwachte war die Sonne bereits untergegangen. Verwirrt blinzelte der Graf zu dem Betthimmel über ihm hinauf und betrachtete das Muster der Stickereien auf dem purpurfarbenen Brokat. Er stutzte. Es war finster im Raum. Das Feuer war erloschen und die schweren Vorhänge zugezogen. Er sollte diese Stickereien gar nicht sehen können. Ruckartig setzte er sich auf und wunderte sich, warum er weder Schmerzen noch Schwindelgefühl dabei empfand. Während er darüber nachsann, kam ihm in den Sinn, dass er sich nicht mehr so schwach fühlte, wie in den vergangenen Tagen. Er begriff das alles nicht. Sollte er so lange geschlafen haben?.

Irritiert strich er mit der rechten Hand über seine Stirn und erschrak, bei dem was er fühlte... und auch bei dem, was er nicht fühlte. Nicht nur, dass seine Haut eine unnatürliche, fast seidene Glätte aufwies, auch der Schorf an seiner Schläfe war vollständig verheilt. Als er mit den Fingern seine Schläfe entlang tastete, stach er sich mit den Fingernägeln beinahe ins Auge. Er fluchte leise. Wie lange hatte er geschlafen, dass...

Dieser Gedanke blieb unvollendet, denn alle Überlegungen schienen sich mit einem Mal aus seinem Kopf zu verflüchtigen, als er seine Hände betrachtete. Seine Nägel standen weit über die Fingerkuppen hinaus. Sie waren gut zwei Fingerbreit länger als zuvor und hatten mehr von den Klauen eines Raubtieren als von den Nägeln eines Menschen. Ihn beschlich ein grausiger Verdacht. Hastig entledigte er sich der Verbände, die fest um seinen Bauch geschlungen waren. Wo einige tiefe Fleischwunden, oder zumindest großflächige Narben sein müssten, war nichts als glatte, makellos weiße Haut. Er wusste es nicht - aber auch die punktförmigen Male an seiner Kehle waren verschwunden.

Um seinen Verdacht zu bestätigen legte er die Finger an jene Stelle seines Halses, unter der man für gewöhnlich das Pulsieren der Schlagader fühlen konnte und spürte… nichts. Auch als er die Hand auf die Stelle seiner Brust legte, unter der sein Herz schlagen sollte, war keine Regung zu spüren. Der Graf schluckte schwer. Er ließ seine Zunge über seine Zähne gleiten... Die Eckzähne waren unnatürlich lang, mindestens doppelt so lang, wie sie sein sollten, und nadelspitz.

Eisige Kälte ergriff ihn, ein Gefühl, das in jeden Winkel seines Körpers zu sickern schien. Vielleicht war es aber auch schon die ganze Zeit da gewesen, und er war von all den neuen Eindrücken so abgelenkt gewesen, dass er es erst jetzt spürte.

Gütiger Gott, das konnte... das durfte nicht wahr sein! Er hoffte jeden Moment aus einem Traum zu erwachen und herauszufinden, dass er nur im Fieber phantasiert hatte...

Doch auch Minuten später blieb seine Wirklichkeit die Selbe. Und allmählich begriff er, dass es aus diesem Alptraum niemals ein Erwachen geben würde... Doch wagte er es nicht, sich dies einzugestehen. Was sollten die seinen davon denken, wenn sie herausfanden was aus ihm geworden war? Nein, es musste einen Ausweg geben. Es musste einfach. Er würde die erwachende Bestie in seinem Inneren zurückzwingen und den Sieg davon tragen!

Und während er, wie ein gebrochener Mann auf dem zerwühlten Bett saß, redete er sich dies so lange ein, wieder und wieder, bis er selbst daran glaubte.

Als die Gräfin an diesem Abend die Gemächer ihres Gatten betrat, war sie erstaunt ihn in seinem kleinen, behaglich eingerichteten Salon in einem Sessel sitzend vorzufinden, ein aufgeschlagenes Buch in den Händen. Er schenkte ihr ein warmes Lächeln als sie eintrat. Er hatte offensichtlich gebadet, das lange grau durchsetzte Haar fiel ihm noch feucht über die Schultern des dunklen Brokatmantels. „Victor, was tust du hier? Du solltest im Bett sein!" beunruhigt kam sie näher, offensichtlich, um ihn wieder ins Bett zurück zu scheuchen, hielt aber vor seinem Sessel erstaunt inne.

Ein schelmisches Lächeln umspielte seine Lippen als er antwortete. „Ich lese, wie du siehst."

„Du solltest doch noch gar nicht aufstehen!", erwiderte sie mit Nachdruck.

„Ach was, es geht mir wieder gut. Das habe ich im Übrigen deiner Fürsorge zu verdanken." Er schenkte ihr erneut ein schmales Lächeln. Doch sie schluckte seinen Köder nicht.

„Was ist mit deinen Verletzungen?"

„Ich sagte es bereits, es geht mir gut, Liebes. Wie sollte es das auch nicht? Habe ich nicht die beste Pflegerin an meiner Seite?" Diesmal konnte sie nicht widerstehen. Sie nahm seine ausgestreckte Hand und ließ sich von ihm auf die Lehne des Sessels ziehen.

Einen Moment konnte er sich der Illusion hingeben, dass alles wieder so werden würde wie früher. Wäre da nicht dieses Brennen in seinen Adern, dass seit seit seinem Erwachen stetig schlimmer wurde. Wenn er nicht diesen Duft in der Nase gehabt hätte, seit sie den Raum betreten hatte… hätte er nicht ihrem Herzschlag lauschen können, wie dem gleichmäßigen Schlagen einer Trommel.

Aber sie durfte nichts von all dem Wissen. Niemand durfte es. Wenn er sich erst von diesem Fluch befreit hatte, würde niemand je etwas darüber erfahren müssen.

Um sie nicht zu beunruhigen, versuchte er sich, wie immer, zu benehmen und streichelte sanft ihr helles Haar, ihre Wange...

„Deine Hände sind immer noch eiskalt, Victor", bemerkte sie leise und erschauerte leicht.

Innerlich erstarrte er. Doch er überspielte seinen Schreck. „Nun, wir dürfen nicht zu viel auf einmal erwarten, nehme ich an", erwiderte er mit einem aufgesetzten Seufzen „Aber ich bin einstweilen wieder hergestellt. Alles andere wird sich finden. Glaubst du nicht auch?"

Es schmerzte ihn, sie belügen zu müssen, aber er konnte ihr unmöglich die Wahrheit sagen. Sie würde die Flucht ergreifen! Nein, besser sie erfuhr nichts von diesem Fluch. Selbst nicht, wenn er gebrochen war.

„Wenn du schon wieder aufstehen kannst, warum bist du nicht zum Abendessen herunter gekommen? Bist du gar nicht hungrig?" Sie warf ihm einen fragenden Blick zu. Es klang beinahe wie ein Vorwurf.

Er schenkte ihr ein weiteres, fast trauriges Lächeln. „Nein, mein Herz. Ich bin nicht hungrig."

Oh, was für ein Märchen er ihr da auftischte. Sie hatte ja keine Ahnung, doch er kam schier um vor Hunger. Und er erinnerte sich mit Entsetzen daran, dass er nichts von den Speisen, die ihm von einem verängstigten Mädchen gebracht worden waren, angerührt hatte. Allein der Geruch war für ihn kaum zu ertragen. Es hatte ihn regelrecht angewidert, abgestoßen. Der Gedanke war ihm unvorstellbar gewesen, dass er auch nur einen Bissen herunterbringen könnte. Und so hatte das verdutzte Mädchen das unberührte Tablett wenig später wieder fortgebracht. Sicher war dies in diesem Augenblick ein Thema unten in der Küche. Was hätte er tun sollen, wenn Elisabeth und Herbert es gesehen hätten? Herbert, das erinnerte ihn an etwas.

„Wo steckt unser Sohn?"

„Er sitzt in seiner Schreibstube, soviel ich weiß. Er wollte sich noch einige Papiere ansehen. Wieso fragst du?"

„Ich sollte ihn wohl davon erlösen und sehen, ob er seine Sache gut gemacht hat, oder ob ich ihn mal einmal mehr zur Ordnung rufen muss."

„Das hat doch sicher noch bis morgen Zeit. Ein weiterer Abend wird ihm gewiss nicht schaden, Liebster." Sie lächelte spitzbübisch und ließ ihre Hände über seine Brust gleiten. Sie waren allein, und nach der Sorge der letzten Tage, sehnte sie sich danach, wieder in seinen Armen zu liegen. Doch er entzog sich ihr unvermittelt und stand auf.

Bei allen Heiligen, sie hatte keine Ahnung was sie da tat. Ihre Nähe ließ ihn ihren Duft nur umso stärker wahrnehmen… das gleichmäßige, kräftige Schlagen ihres Herzens. Der Hunger wurde mit jeder Minute unerträglicher. Doch am schlimmsten war ihre verletzte Miene. Einen Moment zögerte er, unsicher ob er sich lieber von ihr fernhalten, oder ihrem Wunsch nachkommen sollte. Doch das Bedürfnis ihr nahe zu sein war stärker und er ersann eine Möglichkeit, die für sie beide einstweilen erträglicher sein mochte.

„Ich halte es nicht länger zwischen diesen Mauern aus. Begleitest du mich hinaus? Nur für ein paar Minuten?" Er hielt ihr seine Hand entgegen und sie reichte ihm ohne zu zögern die ihre.

Während sie Hand in Hand durch die vertrauten Flure gingen, versicherte sich der Graf erneut, dass alles wieder gut und er selbst letzten Endes gewinnen würde. Alles würde wieder so werden, wie früher, wie es immer gewesen war.

Er ahnte nicht, dass das Schicksal sich bereits daran machte, ihm eine Lektion zu erteilen, die ihm das Gegenteil beweisen würde.

Gemeinsam wanderten sie wenig später Seite an Seite durch den elegant angelegten Schlossgarten. Im Gegensatz zu vielen bescheidenen Anwesen, war Schloss von Krolock nicht nur eine Trutzburg. Das Land, das man den rauen Bergen abgetrotzt hatte, diente nicht rein wirtschaftlichen Zwecken. Ein großzügiges Areal war als Gartenanlage angelegt worden. Die Lage des Schlosses hatte es notwendig gemacht, die Anlagen in Terrassen um den Berg herum zu arrangieren. Es konnte nicht mit weitläufigen, Herrschaftlichen Parks verglichen werden, die im Westen immer beliebter wurden. Dennoch hatte man sich um einen ähnlichen Gesamteindruck bemüht. So fehlte es weder an von Buchsbaum gesäumte Wegen und Pfaden, die zum flanieren einluden, noch baumbestandene Wiesenflächen. Hier und da waren die Gärten mit imposanten Statuen ausstaffiert – und auch an einen bescheidenen, aber deshalb nicht weniger ansehnlichen, Rosengarten hatte man gedacht. Eine eher wilde, herbe Schönheit, die darauf ausgelegt worden war, mit dem hiesigen Klima zu trotzen und das Beste aus den herrschenden Bedingungen zu machen.

Das übrige Gelände um das Schloss bestand dagegen aus den üblichen Küchen- und Kräutergärten, sowie schlichten Weideflächen. Alles geschickt arrangiert, um allen Bedürfnissen der Schlossbewohner gerecht zu werden.

Die Sommernacht war ruhig, der Himmel klar und die Felder des Landes hatten schon eine goldene Färbung angenommen. Wären da nicht seine unnatürlich geschärften Sinnen gewesen, hätte er fast glauben können, es sei nur eine Nacht, wie so viele zuvor, die sie gemeinsam hier verbracht hatten.

Hier draußen war es leichter, ihren Geruch zu übergehen und all die anderen Geräusche der Nacht übertönten ein wenig das Schlagen ihres Herzens und er hatte es gewagt, den Arm um ihre Schultern zu legen und sie an sich zu ziehen. Es gab keinen Grund, aus dem sie beide wegen seines Zustands leiden sollten.

Aber die Gräfin ließ sich davon nicht täuschen. Sie kannte ihn zu gut und zu lange, als dass ihr seine Unruhe verborgen geblieben wäre.

Sein Arm mochte um ihre Schultern liegen, doch sein Herz war nicht dabei. Seine Gedanken waren bei etwas anderem. Ja, er vermochte es seine wahren Gefühle zu verbergen. Er mochte aller Welt die kalte Schulter zeigen, jeder mochte an diese kühle Fassade glauben, wann immer er sie aufsetzte, ohne den Sturm in seinem Inneren auch nur zu erahnen. Aber wie ihr Sohn, hatte er ihr niemals etwas vormachen können. Er war zu still, zu verschlossen und zu sehr in Gedanken versunken. Irgendetwas bedrückte ihn offenbar. Und sie hatte nicht vor ihn mit, was immer es auch sein mochte, allein zu lassen.

Sie löste sich von ihm, trat auf die offene Rasenfläche zu ihrer Seite und ließ sich schließlich einfach ins Gras sinken, ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden, das ihr Kleid Grasflecken davon tragen würde. Die Reaktion die sie erwartet hatte trat ein. Er sah irritiert zu ihr hinab, ein fragender Blick in den hellen Augen.

„Wäre es nicht an der Zeit, dass du mir verrätst, was dich bedrückt?"

Er hatte diese Frage insgeheim gefürchtet. Es war so schrecklich schwer, etwas lange vor ihr zu verbergen.

„Es ist..."

„Nein, sag jetzt nicht 'Es ist nichts!' Nicht zu mir, Victor! Du kannst aller Welt etwas vorgaukeln, aber nicht mir. Du solltest das eigentlich wissen!" zischte sie ungehalten.

Oh, wie gut er das wusste. Besser als sie ahnte. Aber in diesem Moment wünschte er, sie könnte nicht so trefflich in seinem Herzen lesen. Hätten sie eine Ehe geführt, wie sie für die der meisten anderen Paare in den großen Fürstenhäusern üblich war, wäre es gerade viel einfacher. Sie würde es kaum bemerkt haben, wenn er sich vor ihr zurückzog. Aber zwischen ihnen war es nie gewöhnlich gewesen – und er war ihr eine Antwort schuldig.

Zögernd setzte er sich zu ihr ins Gras. Wie sehr erinnerte ihn das an die Zeit, bevor er sie geheiratet hatte. Wie oft hatten sie nachts gemeinsam im hohen Gras gelegen, und zu den Sternen hinaufgeblickt, Pläne geschmiedet oder bis tief in die Nacht geredet.

Er war nicht mehr so jung, wie damals, und doch ließ er sich nun seufzend zurücksinken und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Für einen Moment starrte er versonnen in das tiefe Nachtblau des Himmels, ohne das Firmament bewusst zu betrachten. Was konnte er ihr beichten? Wieder diese quälende Frage, auf die er nun plötzlich eine Antwort haben musste. Die Wahrheit erschien ihm nach wie vor unmöglich. Wer sollte und konnte das glauben?

„Ich fürchte... ich habe mich... mit irgendetwas angesteckt. Du weißt, da draußen im Wald." Es war nicht die reine Wahrheit, aber zumindest doch die halbe. So viel er eben wagen vermochte, ihr zu sagen. Eine Lüge durch auslassen wichtiger Fakten und das Verharmlosen von anderen. Und doch alles, was er ihr bieten konnte. Nach all der Zeit, in der es keine Geheimnisse zwischen ihnen gegeben hatte, schmerzte ihn dieser Betrug. Sie verdiente so viel mehr.

Sie streckte sich dicht neben ihm ebenfalls im Gras aus. Er konnte ihre Körperwärme durch die Schichten seiner Kleidung fühlen. Hatte sie sich jemals zuvor so wundervoll warm angefühlt?

„Bist du dir sicher? Ich dachte du sagtest, es ginge dir wieder gut." Ihre Stimme klang besorgt.

„Ich bin mir sicher, Elisabeth. Was immer ich jetzt in mir trage, es wird mich nicht umbringen. Das fühle ich. Aber es ..." er seufzte tief. „Es beunruhigt mich. Ich bin nicht sicher, ob es... heilbar ist oder, ob es mich für den Rest meines Lebens begleiten wird." Es auszusprechen, selbst als eine Halbwahrheit, hatte etwas ungemein Erleichterndes. Auch, wenn es kaum die Gewissensbisse über die Lügen aufwog.

Er fühlte ihre Hand auf seiner Schulter und schloss für einen Moment die Augen, als er spürte, wie sie sanft darübe und den Arm hinunter strich, um ihm Trost zu spenden. Es tat so gut ihr so nahe zu sein. Und war doch gleichzeitig so gefährlich.

„Victor..." Ihre Stimme war so sanft, so zärtlich. So hatte sie oft mit Herbert gesprochen, wenn ihn etwas bedrückte, als er noch ein Kind war. „Du weißt, dass man mit vielen Krankheiten leben kann. Sie sind da... sie machen das Leben schwieriger. Aber sie töten nicht. Wir werden lernen, damit zurechtzukommen, Liebster."

Bei Gott, sie hatte keine Ahnung was sie da sagte. Doch gleichzeitig wollte er nichts so sehr als ihren Worten Glauben zu schenken. Mit ihr an seiner Seite schien ein Sieg gegen die Dunkelheit noch möglich.

„Vielleicht hast du Recht." Sie legte den Kopf vertrauensvoll an seine Brust und ein Schreck durchfuhr ihn. Bei allen Heiligen! Wenn sie doch nur nicht bemerkte, dass sie sein Herz nicht mehr schlagen hörte. Doch seine Sorge schien unbegründet. Elisabeth schmiegte sich eng an seinen Körper und schlang ihre Arme um ihn. Der Graf schloss mit einem kaum hörbaren Seufzen die Augen und die Anspannung des Schrecks ließ nach. Dieser süße Moment bedeutete ihm mehr als er jemals sagen konnte. Ihre Liebe und Wärme zu fühlen, die so bereitwillig dargeboten wurden.

Während er wie in den Anfangszeiten ihrer Ehe einfach nur im Gras lag und ihre Nähe genoss, beachtete er es nicht weiter, das ihre Hände über seine Brust wanderten. Zu vertraut waren ihm ihre Finger, zu selbstverständlich diese Geste und viel zu vertraut. Erst als sie sein Hemd aus seiner Hose zog, wurde er argwöhnisch.

Er sah fragend zu ihr auf und sie schenkte ihm ein spitzbübisches Grinsen. Er ahnte was sie im Sinn hatte.

'Ich sollte das nicht zulassen, dachte er noch. Was soll nur aus uns werden, wenn sie bemerkt, dass etwas nicht stimmt? Dass ich sie belogen habe?'

Doch dann glitten ihre Hände unter das Leinen seines Hemdes und mit dem Gefühl ihrer warmen Hände auf seiner Haut waren diese Gedanken bereits wieder vergessen. War es Einbildung, oder fühlte er ihre Berührung wirklich intensiver als zuvor? Wieder nagte das Gefühl, dass er dies lieber nicht zulassen sollte an ihm. Aber er konnte sich nicht dazu durchringen, darauf zu hören. Er genoss das Gefühl ihrer Hände, die zärtlich über seinen Oberkörper glitten viel zu sehr, als dass er den Wunsch verspürt hätte, sich ihr zu entziehen. Stattdessen schloss er mit einem kaum hörbaren Seufzen die Augen, gab sich ihr einfach hin und ließ es geschehen. In diesem Moment gab es weder ihren Duft, noch das laute schlagen ihres Herzens in seinen Ohren.

Schließlich zog er sie mit einem leisen Stöhnen über sich und berührte ihre Lippen mit den seinen.

Erneut warnte ihn die innere Stimme, dass er es nicht tun sollte und erneut schob er sie an den Rand seines Bewusstseins.

Sie erwiderte begierig seinen Kuss. Es mochten nur wenige Tage gewesen sein und doch war ihre Sehnsucht nach einander stärker als jemals zuvor.

Ihre Zunge strich begierig über seine Lippen... ihre Lippen auf seinen wurden drängender und er antwortete ihrem Kuss mit der gleichen drängenden Leidenschaft, während er fühlte, dass sie mit geschickten Fingern sein Hemd aufschnürte.

Seine Lippen wanderten ihrem Kiefer entlang zu ihrem Hals. Auch sie atmete nun schwer und legte unter seinen Liebkosungen ihren Kopf zurück und bot ihm ihre bloßen Kehle dar. Während er ihren schlanken Hals küsste, wie tausende Male zuvor, wurde er von der pulsierenden Schlagader angezogen, auf merkwürdige Art von dem lebendigen Pochen dicht unter der blassen Haut fasziniert, wie nie zuvor.

Plötzlich war er sich wieder dieses Duftes bewusst – ihrem Duft, süßer als jemals zuvor. Das Verlangen die Reißzähne in diesen bereitwillig dargebotenen Hals zu versenken war fast übermächtig. Er fühlte ein beinahe schmerzhaftes Ziehen in seinem Kiefer über den langen Eckzähnen und seine Adern brannten stärker als zuvor an diesem Abend. Erneut überkam ihn ein Gefühl des Hungers, das nichts mit dem Bedürfnis eines sterblichen nach Nahrung gemeinsam hatte. Nein! Sein Verstand rang noch immer um Kontrolle über das erwachte Biest in seinem Inneren 'Nein! Ich darf darf es nicht tun! Wenn ich widerstehen kann, wird noch alles gut werden!' Doch sein Wille begann zu bröckeln, während seine offenen Lippen und seine Zunge so scheinbar zärtlich über die warme Haut glitten. Wie von selbst und ohne sein bewusstes Zutun fand er die richtige Stelle während er sie instinktiv fester in seine Arme schloss. Ihr leises Seufzen, als sich seine Lippen fest gegen ihre Schlagader presste, war ihrer beider Untergang. Bevor er noch weiter dagegen ankämpfen konnten, gruben sich die scharfen Zähne in ihr Fleisch. Sie keuchte bei dem scharfen Schmerz aber schon im nächsten Moment entrang sich ihr ein Stöhnen, das mehr Verlangen als Schmerz auszudrücken schien, als er den ersten tiefen Zug nahm.

Nichts konnte jemals diesem Gefühl gleichkommen. Ihr Blut schien nichts von dem bitteren, metallischen Geschmack inne zu haben, den er in Erinnerung hatte. Es war heiß und süßer als jeder Honig. Das Brennen in seinen Adern ließ mit jedem Schluck nach, ihr warmes Herzblut stillte seinen Durst, wie das Wasser einer kühlen Quelle. Ihre Wärme strömte durch seine Adern, süßer als das Leben selbst. Mehr noch, vor seinem Geist schien ihr ganzes Leben vorbeizuziehen. Angefangen von ihrer frühesten Kindheit bis zum Hier und Jetzt. Die Übergänge waren so schnell und klar umrissen, wie die wechselnden Bilder eines sich drehenden Kaleidoskops. Aber es waren nicht nur Erinnerungsbilder und Fragmente, die an ihm vorbeizogen, sondern auch Gefühle, Gedanken, all die Geheimnisse, über sich selbst die jeder Mensch für sich behält. Sich so in ihr zu verlieren war … berauschend. Die Erfahrung war zu intensiv und er selbst viel zu unerfahren, als dass er es hätte kontrollieren können. Und dann gab es keinen klaren Gedanken mehr, nur noch den unfehlbaren Instinkt, der mit aller Beharrlichkeit das suchte, nachdem er verlangte. Den ungestümen, gierigen Drang nach mehr. Mehr des Lebenselixiers, dessen er in seiner neuen Existenz bedurfte, und mehr von dieser überwältigenden Intimität und Nähe.

Ihr Herzschlag, am Anfang noch kräftig und laut, wie das Schlagen einer Kriegstrommel, wurde immer schwächer. Dieser schwache, schwerfällige Rhythmus ihres Herzens war es schließlich, der den Grafen wieder zur Besinnung brachte. In wilder Furcht löste er sich von ihr und starrte einen Moment lang auf die blutigen Male an ihrem Hals. Sie lag kraftlos in seinen Armen, ihr Atem unregelmäßig und flach.

„Elisabeth!" Seine dunkle Stimme klang plötzlich sehr durchdringend und er schüttelte sie, wie um sie wieder zur Besinnung zu bringen. „Elisabeth, sieh mich an!" Ihre Augen öffneten sich langsam und sahen trübe zu ihm auf, doch sie lächelte schwach. „Victor..." Ihre Stimme war ein kaum wahrnehmbares Flüstern. „Mein Liebster..." Ihre Lieder sanken langsam wieder zu.

„Nein, Elisabeth! Bleib bei mir!" Er presste sie angsterfüllt an seine Brust und vergrub sein Gesicht in ihrem langen Haar. „Ich liebe... dich." Ihre Worte waren noch leiser als zuvor, dann erschlaffte sie in seinen Arm.

„Elisabeth!" Er hob sie vorsichtig von sich und sah zu ihr hinunter. Sie lag bleich und leblos in seinen Armen. Kein noch so feiner Atemzug hob ihre Brust und kein Pochen grüßte seine tastenden Finger, als er an ihrem Hals nach einem Anzeichen des Lebens suchte. Vergeblich. Die Frau, die er mehr liebte als alles auf der Welt, lag tot in seinen Armen.

Author's Note:

Und um meinen Lesern hier unnötige Irritation zu ersparen hier ein kleiner (?) Hinweis.

Ich halte mich im Punkto Verbreitung bei Vampiren nicht an das Musical. Die Geschichte, das jeder der nur gebissen wird auch zum Vampir wird, fand ich schon immer blöde. Im Musical ist es anders nur sehr schwer darzustellen, das verstehe ich. Aber auch im Film wird Sarah nicht sofort zum Vampir. Graf Krolock beißt sie schon im Badezimmer. Vampir wird sie erst später. Wer weis, was da zwischen den Szenen gelaufen ist...

Ich werde mich also an die Methode halten, die sowohl Bram Stoker und Anne Rice benutzt haben: Den Blutaustausch. Und für zukünftige Verwendung: Ich halte mich an die Sache mit Kreuzen und Weihwasser. Ich behalte auch das verlorene Spiegelbild bei. Ich empfinde es zwar als etwas unsinnig, da jeder feste Körper auf dieser Welt ein Spiegelbild vorzuweisen hat, und der Körper eines Vampirs sicher zu den 'festen Körpern' gehört, aber da sowohl Musical und Film sich dabei einig sind, werde ich dem fehlenden Spiegelbild treu bleiben. Ebenso der guten alten "Pflock durchs Herz" - Geschichte. Aber den Kram über die wilden Rosen und die Silberkugeln, etc. vergessen wir hier ganz schnell! Das fand ich seit jeher an den Haaren herbeigezogen...

Nachbearbeitet im Juli 2022.