Kapitel 10: Nur mein Gift macht dich gesund...

Wochen waren seit dem Begräbnis der Gräfin ins Land gezogen. Das Leben in Schloss von Krolock hatte längst wieder zu seinem alten Trott zurückgefunden. Aber das leise Tuscheln war mittlerweile fester Bestandteil des Alltags geworden. Trotz seiner Behauptung an einer seltenen Krankheit zu leiden, war der Schlossherr seither nicht noch einmal bei einem Arzt vorstellig geworden. Geschweige denn, war ein neuer Arzt ins Schloss geholt worden. Er war dazu übergegangen an einem unbekannten Ort im Schloss zu schlafen, wie sein Kammerdiener Darius vor kurzem herausgefunden hatte. Das Bett seiner Exzellenz war unberührt und die Tür blieb unverriegelt. Alle Aufgaben, die bei Tage versehen werden mussten, fielen jetzt dem jungen Herrn zu, während dessen Vater sich auch weiterhin um die Mehrheit der Amtsgeschäfte kümmerte, sobald die Dunkelheit hereingebrochen war. Er war seltsam schweigsam und still geworden und noch immer hohlwangig und blass, wenn man ihn zu Gesicht bekam. Sein Lächeln, das er früher so freigiebig verschenkt hatte, war selten geworden. Einzig der junge Herr brachte es zuweilen fertig ein solches vom Grafen zu erringen. Alles in allem mochte durchaus einiges für diese Krankheitsgeschichte sprechen. Und viele Verhaltensweisen mochten erklärbar sein, bei einem Mann, der erst vor einigen Wochen plötzlich vollkommen unerwartet zum Witwer geworden war und noch dazu seit seiner Jugend in seine Gattin schier vernarrt gewesen war. Aber etwas seltsames lag in der Luft. Der alte Pater Anselm war seit der Bestattung der Gräfin nicht mehr gesehen worden. Es hieß, seine Exzellenz weigerte sich, ihn zu empfangen und habe ihm sogar ausdrücklich verboten sein Anwesen noch einmal zu betreten. Und auch der neueste familiäre Eklat im Hause von Krolock wurde heiß diskutiert. Dass ihr Herr jetzt auch noch seinen Schwestern und den ihren verboten hatte, das Schloss jemals wieder zu betreten und sie bei Nacht und Nebel vor die Türe setzen ließ, war ein Thema, das nicht nur im Schloss, sondern auch in den umliegenden Dörfern und in der gesamten Grafschaft für viel Gesprächsstoff sorgte. Aber über eines war sich das gemeine Volk einig, ihr Graf hatte sich verändert.

Das kleine Arbeitszimmer wurde vom Schein eines Feuers und diverser im Raum verteilter Kerzen erhellt. Die meisten konzentrierten sich jedoch auf den Schreibtisch vor den großen Fenstern, die, zu dieser Stunde sehr ungewöhnlich, noch nicht von ihren Vorhängen bedeckt waren. Im flackernden Kerzenlicht brütete Graf von Krolock über einem schweren, alten Folianten. Den größten Teil des klobigen und schweren Buches, in winziger Schrift eng beschrieben, hatte er bereits hinter sich gebracht. Aber seine Miene drückte alles andere als die ruhige Zufriedenheit, als wenn er sich an der Lektüre erfreute. Im Gegenteil, je näher er der letzten Seite kam, desto finsterer und zorniger wurde seine Züge. Schließlich schlug er frustriert den Deckel zu und warf den Folianten angewidert auf einen Stapel auf einer Seite des Schreibtisches, der bereits eine beträchtliche Höhe einnahm. Der Titel war so vielversprechend gewesen, der Inhalt allerdings eher dürftig. Seit Wochen durchforstete er nun schon die Bibliothek. Am Anfang war er voller Hoffnung gewesen, bald auf eine Antwort zu stoßen. Jedes Buch, das er beiseite legte, überzeugte ihn, dass die gewünschte Antwort schon im nächsten auf ihn wartete. Oder im übernächsten. Aber nach wochenlangen Fehlschlägen fühlte er sich schrecklich ernüchtert. Keiner seiner griechischen Philosophen konnte ihm einen Weg aus dieser Misere weisen. Und sein endloses Brüten über dem Haarsträubenden Unsinn, das die Mönche und Gelehrten, ein hochtrabendes Wort für jene unwissenden Narren, über Wesen seiner Art zu wissen glaubten, hatte ihn gleichfalls keinen Schritt näher an die Antworten gebracht, die er suchte. Tatsächlich konnte er nach Wochen vergeblichen Studiums nur einen einzelnen Schluss ziehen: Das was Menschen über Vampire zu wissen glaubten, war meist einfacher Aberglaube und dummes Gerede frommer Kirchenmänner. Abstruse Geschichten über den Schutz durch Knoblauch und die Zweige wilder Rosen auf dem Grab des Untoten, über silberne Kugeln oder Geschwätz über Vampire, die sich in Nebel, Ratten oder Fledermäuse verwandelten und Macht über wilde Tiere und Stürme hatte. Nichts das ihm seine eigenen abergläubischen Bauern nicht ebenfalls erzählen könnten. Gelegentlich tauchten ein paar Fakten auf, die der Wahrheit entsprachen, doch diese seltenen Funde tatsächlichen Wissens beinhalteten nichts, was er nicht schon selbst wusste. Außerdem beschäftigte sich der Autor in den seltenen Fällen, in denen er etwas über Wesen seiner Art fand, meist mehr mit der Frage, wie ein solches wohl am besten fernzuhalten, oder bestenfalls zu vernichten wäre. Auch das Buch, das er gerade zu Ende gelesen hatte, war da keine Ausnahme. Der Titel war ihm so erfolgverheißend vorgekommen, dass er es sich eigens aus einem weit entfernten Kloster hatte kommen lassen.

Leider hatte der armselige Frömmler, der es geschrieben hatte, einen Titel gewählt, der mehr versprach als der dürftige Inhalt bieten konnte. Neben abergläubischen Traditionen jeder Art, enthielt es mehr Moralpredigten als alles andere. Was für eine Verschwendung von Material und Geld. Er erhob sich und warf den Folianten angewidert ins Feuer. Diesen Schund wollte er nicht in seiner Bibliothek haben. Während er voller ärgerlicher Frustration vor das unverhüllte Fenster trat, gestand er sich endlich ein, dass Kastor dieses eine Mal recht behalten hatte. Er war jetzt ein Wesen der Finsternis. Erlösung aus dieser Existenz gab es nicht, zumindest nicht in der Form, in der er selbst sie sich wünschte. Müde schlug er die Hände vors Gesicht. Die Worte, die er nicht hatte glauben wollen, bekamen allmählich einen grauenhaften Sinn. Er hatte krampfhaft an der Hoffnung festgehalten, dass es möglich wäre, sich wie Lazarus von den Toten zu erheben, ein gewöhnlicher Mensch, wenn er nur das richtige Mittel fände. Aber Kastors höhnische Worte klangen ihm schmerzhaft in den Ohren Es gibt kein Mittel gegen den Tod, Victor von Krolock! Und selbst, wenn ein Wunsch in diesem Augenblick sofort wieder einen Menschen aus ihm hätte machen können, was würde es ihm nützen? Die Frau, die er mehr als die Hälfte seiner Jahre an seiner Seite gehabt hatte, seine Gefährtin, seine Vertraute, seine Geliebte, war tot und begraben. Durch seine eigene Schuld. Er würde nie wieder das große Glück kosten, mit ihr zusammen alt zu werden. Und eine leise Stimme in seinem Kopf flüsterte: Wenn du jetzt sofort wieder sterblich wärst, würdest du nicht lange genug leben, um sie wiederzufinden. Du wärest tot und begraben, während du noch auf sie wartetest!' Graf von Krolock schüttelte heftig den Kopf um den Gedanken abzuschütteln. Er wollte das nicht hören, er wollte das nicht hören! Aber die verschlagene Stimme fuhr unbarmherzig fort. Und selbst solltest du leben, um ihre Rückkehr zu erleben, was würde sie vorfinden? Einen gebrechlichen alten Greis mit weißen Haaren. Denn das, was dir von der Kraft deiner Jugend noch geblieben ist, würdest du bis dann auch verlieren! Und was hättest du ihr dann noch zu bieten? So wird sie wenigstens einen Mann in der Blüte seiner Jahre wiederfinden, nicht einen hässlichen, alten Narren! Mit einem raubtierhaften Fauchen fuhr Graf von Krolock herum und begann unruhig in dem kleinen Raum auf und abzugehen, wie ein Raubtier im Käfig. Aber diesmal versuchte er erst gar nicht diese dunklen Gedanken zu vertreiben. So brennend und schneidend er ihre ätzende Wirkung auch empfand. Er hatte es nicht anders verdient. Ein Teil seiner Selbst verabscheute sich dafür, dass er diese Gedanken überhaupt hegte. Doch ein anderer, größerer Teil seiner Selbst, das beschämte ihn zuzugeben, wusste und gestand sich ein, dass es schlicht die Wahrheit war. Er wollte Elisabeth wiederhaben. Und er wollte sie auf jene Weise, wie ein Mann die Frau begehrt, die seine intimste Gefährtin war, seine Bessere Hälfte. Und er wusste so sicher, wie die Nacht auf den Tag folgte, dass dieses Gefühl sich nie ändern würde. Es war, wie das legendäre griechische Feuer, dazu bestimmt nie zu verlöschen.

In diesem Moment öffnete sich nach einem kurzen Klopfen die Tür. Doch der Graf wusste bereits wer es war. „Entschuldige, Vater, ich wollte dir die Auflistung nicht mehr benötigter Kleidungsstücke im Schloss persönlich vorbeibringen, da du mich gebeten hast möglichst wenig Aufwand darum zu machen. Ich wäre schon früher gekommen, aber... aber die Buchführung hat mich aufgehalten", stammelte er hastig. Seinem Sohn noch immer den Rücken zugewandt, spielte ein schmales Lächeln um seine Lippen. Wahrscheinlicher ist es, das du wieder darüber eingeschlafen bist, dachte er bei sich. Aber er behielt diesen Gedanken für sich. Seit der Trauerfeier hatte er sich bemüht, die Distanz zu Herbert zu wahren. Das Erlebnis, das dem neuerlichen familiären Eklat gefolgt war, hatte es nur allzu deutlich gemacht. Er konnte die innere Bestie nicht beherrschen. Es war für Herbert von nun an viel sicherer, möglichst wenig mit seinem Vater zu schaffen zu haben. Deshalb entgegnete der Graf bloß kühl, „Danke Herbert. Lege sie bitte auf meinen Schreibtisch." Eine Reihe leiser Geräusche sagte ihm, dass Herbert seiner Anweisung folgte. Doch dann zögerte er. „Eine Menge dieser Dinge sind von veraltetem Schnitt und..." „Schon gut. Sie werden genügen. Sie sind für eine Gruppe Bedürftiger gedacht. Es ist nicht notwendig, dass sie dem neuesten modischen Feinheiten entsprechen." In der Tat mochten sich die Empfänger über das, was ihnen zugestanden wurde, glücklich schätzen, schoss es Graf von Krolock durch den Kopf. „Mutters Garderobe wurde in der Auflistung nicht berücksichtigt, Vater, ganz wie du gewünscht hast." „Sehr gut. Du hast gute Arbeit geleistet, mein Sohn. Ich bin zufrieden mit dir. Du hast meine Erlaubnis, dich für heute Nacht zurückzuziehen. Es war ein langer Tag für dich und ich bin sicher, du bist erschöpft. Weitere Anweisungen diese... Kleidersammlung betreffend, wirst du morgen auf deinem Schreibtisch vorfinden. Ich verlasse mich darauf, dass du dich ebenso diskret darum kümmerst, wie um diese Auflistung." Als Herbert sich nicht rührte fügte er knapp hinzu, „Das wäre dann alles, du darfst gehen." Noch immer rührte sich Herbert nicht. Der Graf fühlte, dass diese unterkühlte Art des Umgangs, die sein Vater neuerdings zu ihm pflegte, Herbert schmerzte. Ihn selbst bekümmerte es nicht weniger, das Herz blutete ihm bei der Gewissheit, wie kalt und lieblos er den Menschen behandelte, der ihm das Liebste und Teuerste war, das er noch hatte. Keinem Blutsverwandten war er je näher gewesen. Er hatte seinen Sohn geliebt von dem Moment an als er das kleine Wesen in seinem Bündel weicher Decken zum ersten Mal in seinen Armen gehalten hatte. Nein, schon von dem Augenblick an als er zum ersten Mal die Bewegungen des Kindes unter Elisabeths Herzen gefühlt hatte. Ihn jetzt von sich fernzuhalten, tat mindestens genauso weh, wie der Verlust seiner Frau. „Nur zu. Du bist doch sicher müde. Du hast einen langen Tag hinter dir." Es war eine Ermutigung, aber sie war genauso kühl und distanziert wie jedes Wort, das er in dieser Nacht mit Herbert gewechselt hatte. „Ich möchte mit dir reden Vater", sagte Herbert schließlich. Seine Stimme klang seltsam rau und unsicher. „Ich höre?" Graf von Krolock fühlte, dass es ein harter Schlag für den armen Jungen war, dass sein Vater sich ihm nicht einmal zuwandte, um ihn anzusehen, während er mit ihm sprach. Nie zuvor hatte er in gleicher Weise reagiert, wenn sein Sohn ein vertrauliches Gespräch mit ihm suchte. Diese Respons gab des Ausschlag. „Vater, was ist mit dir? Dich beschäftigt doch etwas. Möchtest du es mir nicht anvertrauen? Ich weiß, ich kann dir Mutter nicht ersetzen, aber wir sind immer noch eine Familie Und wenn wir zusammenhalten... Vater?" Der Graf hatte sich abrupt umgedreht und ging entschieden auf die Tür zu. „Ich habe zu tun. Du entschuldigst mich!" Der gleiche kühle Tonfall. Wieder hatte er gesprochen, ohne seinen Sohn wirklich anzusehen.

Erleichterung durchströmte ihn als sich die schwere Eichentür hinter ihm schloss. Erst als er sicher war, dass Herbert seine Schritte nicht mehr hören konnte, begann er zu laufen. Er floh aus seiner Nähe wie niemals zuvor vor etwas anderem. Erst als er die Spitze des Nordturms, dem höchsten Turm des Schlosses, erreicht hatte, hielt er inne. So hoch oben gab es keine Wachen. Es war seit Alters her ein Ort, an dem jemand der die Einsamkeit suchte, sie jederzeit finden konnte. Graf Von Krolock ließ sich auf die kühlen Steinfliesen fallen und vergrub das Gesicht in zitternden Händen. Er hatte getan was notwendig war, um seinen Sohn zu beschützen. Er war aus seiner Nähe geflohen, ehe er ihm zu nahekommen konnte. Bevor der Junge ihn um den Finger wickelte, wie er das in seiner verwöhnten Kindheit nur allzu oft und viel zu leicht geschafft hatte. Jetzt versuchte Victor angestrengt ebenso dessen menschlichen Geist zu ignorieren, der seinem eigenen so nahe war. Viel zu nahe. Aber er konnte ihn immer noch am Rande seines eigenen Bewusstseins spüren, was auch immer er versuchte. Der Graf fühlte sich jede Nacht mehr, als ob ihn diese Scharade zerreißen würde. Nichts in seinem ganzen Leben war ihm je so schwer geworden. Er hatte sich Herbert entzogen, bevor er nachgeben und seinen Sohn zu gefährden konnte. Er konnte das Monster, das nun Teil seines Wesen war, nicht kontrollieren. Weder Vernunft noch Charakterstärke vermochten es im Zaum zu halten, wenn es am dringlichsten von Nöten gewesen wäre. Er durfte und konnte nicht riskieren, dass sein Sohn das gleiche Schicksal erlitt, dem bereits seine Mutter anheimgefallen war. Nach jenen Stunden des Wahnsinns und der Blutgier, die mit dem Tod einiger harmloser Landstreicher geendet hatte, fürchtete er viel zu sehr, dass die Geschichte sich wiederholte. Und Distanz war nun der einzige Schutz, den er Herbert geben konnte. Doch in diesem fehlerlos logischen Plan gab es einen entscheidenden Schwachpunkt: Herberts Sturheit. Nachdem er sich von der ersten Kränkung erholt hatte, die sein Vater ihm versetzte als er sich abwandte und davonging, gewann sein allzu ausgeprägter Eigensinn die Oberhand. Und mit verbissener Beharrlichkeit würde er es immer wieder versuchen. Für Herbert war eine Hürde nur da, um möglichst rasch überwunden zu werden. Außerdem war er von Kindesbeinen an gewohnt mit Aufmerksamkeit und Zuneigung überhäuft zu werden. Und mit fast kindlicher Beharrlichkeit forderte er dies mit dem Recht der Gewohnheit ein. Doch die beiden Menschen, die ihm Quelle von Aufmerksamkeit und Liebe gewesen waren, existierten nicht mehr. Seine Mutter war tot und begraben und sein Vater war mit ihr gestorben.

Aber der Graf wusste nur allzu genau, dass Herbert nicht einfach nachgeben würde. Darauf zu hoffen, ihn durch scheinbare Kälte und Desinteresse fernzuhalten, war pure Narretei gewesen. Ebenso, wie seine Mutter, hatte Herbert es stets geschafft, mit einigen wenigen Worten die sorgsam errichteten falschen Fassaden beiseitezuschieben, wann immer er es darauf anlegte und sein Vater versuchte, sich selbst und seine Gefühlte dahinter zu verbergen. Was hätte Victor von Krolock nicht dafür gegeben, hätte auch er einige nette, freundliche Basen und Vettern vorweisen können, zu denen er seinen Sohn hätte schicken können, in der schieren Gewissheit, dass sich Herbert dort für ein paar Wochen köstlich amüsieren und die Gesellschaft Menschen seines eigenen Alters und Standes genießen würde. Leider war er nicht so vom Glück gesegnet, wie gar manche seiner Freunde, die mit ihm das Studium im Kloster verbracht hatte, und zu denen er bislang noch sporadisch Kontakt hatte.

Leider konnte er Herbert nicht mit dergleichen dienen. Er selbst hatte gerade vor einigen Wochen neuerlich dafür gesorgt, dass diese Verwandten, die Herbert hatte, für den Rest ihres Lebens jemals wieder einen freundlichen Gedanken für ihn übrig haben würden.

Seine harschen Worte ihnen gegenüber, weil sie versucht hatten ihm einzureden, dass Herbert schnellstmöglich verheiratet werden müsste, hatten dafür gesorgt. Nicht, dass es ihm leidtat, sinnierte er, vielmehr bedauerte er die Konsequenz, dass Herbert in keinem der Haushalte seiner Tanten eine Chance hätte, freundlich aufgenommen zu werden, selbst, wenn es möglich wäre, ihn zu einem Aufenthalt dort zu überreden, denn Herbert hatte schon als Kind keinen Hehl daraus gemacht, dass ihn seine Vettern und Basen langweilten und auch später hatte er nicht viel vom Umgang mit ihnen gehalten. Und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Herbert konnte nicht zu Verwandten fahren, aber es gab landauf, landab genügend Adelshäuser, die den jungen von Krolock mit Freuden empfangen würden. Er hatte mehr als nur eine Ballsaison hinter sich, doch in den letzten Jahren hatte er weniger Gelegenheit gehabt, da sein Vater ihn aufgrund seiner Schlampigkeit an die kurze Leine gelegt hatte. Aber ein oder zwei neuerliche Ballbesuche und er würde erneut der strahlende Mittelpunkt jeder Gesellschaft sein. Wenn er dafür sorgte, dass sein Sohn begann, ernsthaft nach einem geeigneten Mädchen zu suchen, war es möglich, ihn über sehr geringe Zeitperioden im Schloss zu haben. Und da der Junge noch immer nicht volljährig war, würde es ein Leichtes sein, dafür zu sorgen, dass er dieses Mädchen nicht so schnell finden würde. Er gratulierte sich schon für diese brillante Idee und ein erleichtertes Lächeln breitete sich über seine angespannten Züge als die Realität ihn schlagartig einholte. Herbert hatte keinerlei Interesse an Frauen. Er hatte es seit Jahren gefürchtet, aber in den Wochen, die er als Untoter verbracht hatte, war diese Furcht zur Gewissheit geworden. Herbert war ausgesucht höflich und überaus charmant zu den jungen Damen, aber sie hatten für ihn nicht die gleiche Bedeutung wie für... andere junge Männer in seinem Alter.

Und Graf von Krolock wusste, was Herbert sagen würde, wenn er ihm eröffnete, dass die Zeit, ernsthaft nach einer passenden Partie zu suchen, nun gekommen war. Vergib mir, mein Sohn, dachte er. Ich liebe dich mehr als du jemals wissen wirst. Aber um deiner eigenen Sicherheit willen muss ich das von dir verlangen. Verzeih mir!

Am darauffolgenden Abend empfing Graf von Krolock seinen Sohn in dem gemütlichen Salon, der zu seinen persönlichen Gemächern gehörte. Ein kleines Feuer brannte im Kamin, denn mit dem ausklingenden Sommer, begannen es hinter den dicken Mauern wieder schnell kühl zu werden und generell hielten sie die Kälte weit besser als die Wärme eines sonnigen Tages. Die Diener hatten schon vor Stunden mit den Vorbereitungen begonnen und jetzt war der Raum ein Muster an behaglicher Wärme. Graf von Krolock erwartete seinen Sohn recht unförmlich gekleidet. Ein schlichtes Hemd unter Mantel aus schwarzem Samtbrokat als einzigem Akzent in seiner sonst sehr streng wirkenden Trauerkleidung. Kein Schmuck, außer seinem Ehering, denn auf den Siegelring hatte er zu diesem Anlass bewusst verzichtet. Dann und wann verfing sich ein Lichtstrahl in dem bereits angegrauten Haar und ließ es aufleuchten wie Silber. Kaum, dass Darius das Tablett mit Teekanne und Tassen gebracht und auf dem mit Einlegearbeiten verzierten Tisch abgestellt hatte, entließ ihn der Graf mit einer knappen Geste, die dem alten Darius so vertraut war, dass es keiner weiteren Worte bedurfte.

Der Schlossherr selbst goss den Tee ein und reichte Herbert seine Tasse. Etwas verwirrt nahm der junge Mann sie entgegen. Wochenlang hatte sein Vater ihn auf Distanz gehalten und jetzt ließ er ihn förmlich zu sich bitten. Beides Verhalten, die dem älteren von Krolock normalerweise fremd waren.

Um höflich zu sein, nahm Herbert jedoch die Tasse entgegen und trank vorsichtig ein paar Schlucke des heißen Getränks. Unter langen Wimpern hervor beobachtete er seinen Vater, der offensichtlich dasselbe tat. Was er nicht wusste war, dass Victor von Krolock jedoch nur so tat, als würde er etwas von dem Tee trinken. Er genoss die Hitze, die von der teuren Porzellantasse ausging, den Geruch des Tees, mit seinen geschärften Sinnen viel intensiver und nuancenreicher, als ein Sterblicher ihn je wahrnehmen könnte, doch kein Tropfen davon benetzte seine Kehle. Viel mehr sammelte er sich für diese neuerliche Farce, die er seinem Sohn vorspielen musste. Und er fürchtete die Reaktion, die zwangsläufig eintreten würde. Als er seine Teetasse mit leisem klirren auf die Untertasse zurücksetzte, traf er zum ersten Mal seit Wochen den Blick seines Sohnes. „Ich habe dich, wie du dir sicher schon gedacht haben wirst, nicht zum Vergnügen hierher gebeten", begann der Graf. Seine Stimme war ruhig und bestimmt, sein Gesicht zu einer Maske ernster Ruhe erstarrt. Er versuchte den Strom von Herberts Gedanken zu ignorieren, in denen sich wilde Hoffnung mit allerhand schrecklicher und unangenehmer Befürchtungen mischten. Aber es war als säße man neben einem laut dahin fließenden Strom und versuchte dessen Rauschen, mit dem er über Stromschnellen schäumt, auszublenden „Nach allem was in den letzten Wochen und Monaten geschehen ist, habe ich einen Entschluss gefasst. Das heißt jedoch, dass ich auf etwas bestehen muss, dass dir nicht gefallen wird." Die Augen des jungen Adligen wurden größer, der Strom an Befürchtungen wurde lauter, bis zu dem Punkt, an dem Graf von Krolock am liebsten geschrien hätte, Herbert möge sofort damit aufhören. Stattdessen ignorierte er es so gut er konnte weiter. Er holte, ganz wie er es in Gedanken einstudiert hatte, tief Luft, atmete mit einem Seufzen wieder aus und wartete einige Herzschläge lang ab, ehe er weitersprach. Wohl wissend, dass der Junge nun vollkommen an seinen Lippen hing. Es erinnerte den Grafen an so viele Gelegenheiten, bei denen Herbert mit der gleichen schreckerfüllten Spannung darauf gewartet hatte zu hören, welche Strafe ihn für ein Vergehen erwartete... Er schüttelte den Gedanken hastig ab. „Herbert, ich..." Er wartete einen Augenblick und hielt den Blick seines Sohnes mit seinem eigenen fest. „Ich muss darauf bestehen, dass du heiratest." Da war es war raus und es war Victor wirklich und wahrhaftig so schwer gefallen, wie er tat und wie er es den jungen Mann glauben machen wollte. Herbert sah ihn nur wortlos an. „Das kann nicht Euer Ernst sein, Vater.." Es kam nur leise heraus. „Doch Herbert, es ist mein Ernst. Und in unserer gegenwärtigen Lage muss ich darauf bestehen. Sonst wirst du deinen Titel irgendwann an einen deiner Vettern verlieren." Er sah seinen Sohn ernsthaft an. „Ich werde nicht ewig da sein, Herbert." Es war fast ein Flüstern, auch wenn es eine bewusste und genau einstudierte Lüge war. „Du hast gesehen, wie schnell uns der Tod überraschen kann. Ich habe den Großteil meines Lebens hinter mir. Ich bin krank. Und du... du bist alles was ich habe. Du bist mein einziger Erbe. Ich wünsche weder, dass einer deiner Vettern, noch sonst ein Nachkomme der Brut meiner Schwestern meinen – unseren – Titel trägt, geschweige denn, die Geschicke dieser Grafschaft lenkt. Es ist jetzt an dir, dafür Sorge zu tragen." ,,Ihr sagtet immer, Ihr würdet mich nicht gegen meinen Willen vermählen!" Verzweiflung sprach aus Herberts Augen und seiner Stimme. Und der Graf wusste, er fühlte sich von seinem Vater verraten. Doch er war auf diesen Fall vorbereitet. „Ich sagte nicht, dass ich die Auswahl für dich treffen werde oder beginne, eine Ehe für dich zu arrangieren. Ich sagte, ich müsse darauf bestehen, dass du heiratest. Ich habe nicht gesagt du musst es schon in einigen Tagen oder Wochen tun. Du hast die Freiheit, dich für jedes Mädchen zu entscheiden, das du zu ehelichen wünschst, mit Ausnahme einer deiner Basen! Ich werde dich enterben, wenn du das tust und den nächstbesten Bauernsohn adoptieren und als meinen Erben einsetzen." Das entlockte seinem Sohn ein schmallippiges Lächeln, das jedoch nicht seine Augen erreichte. „Abgesehen davon magst du dich entscheiden, wie du möchtest. Und sollte es ein Schankmädchen oder eine hübsche Näherin sein, es ist mir gleich. Welches Mädchen du dir auch erwählst, du hast meinen Segen. Aber ich erwarte zu sehen, dass du dich ernsthaft bemühen wirst eine passende Partie zu finden."

Seine Exzellenz erhob sich und trat ans Fenster. Er zog die schweren Vorhänge zurück und sah hinaus. Hinter ihm überschlugen sich Herberts Gedanken. Diese Neuigkeit hatte ihn mit Wucht getroffen. Aber er konnte auch so etwas, wie Erleichterung spüren und wusste auch weshalb. „Herbert. Es ist dir doch klar, dass du Kinder haben musst", sagte er kühl. So weh es ihm auch tat, er würde den Jungen härter angreifen müssen, als er es je getan hatte. Er fühlte den Schrecken seines Kindes und unter allem anderen war der ängstliche Gedanke Er weiß es!, allgegenwärtig. „Eigene Nachkommen, Herbert. Nicht irgendwelche Bastarde, die dir deine Frau vielleicht beschaffen könnte..." Herbert kochte vor Zorn ob dieser Schmähung. Doch er sagte nichts. Er zeigte ausnahmsweise die Beherrschung, die Graf von Krolock sich so oft bemüht hatte, ihm nahe zu bringen. Doch der Zorn köchelte weiter. „Du weißt, was sie mit jenen tun, die ertappt werden. Sei vorsichtig, mein Sohn. Eine Frau und Kinder werden dir ein sicheres Mittel sein, verdeckt zu bleiben." Dann ließ er das Thema ebenso schnell und unvermittelt wieder fallen, wie er es angeschnitten hatte. „Es gibt für dich sicher mehr als genug Gelegenheit zur Suche. Gibt nicht dein Freund, Freiherr von Rabenhorsts Sohn Laurean, bald ein großes Fest? Er wird gewiss sehr erfreut sein, dich zu sehen. Auf den Ländereien seines Vaters ist die Jagd sehr gut. Du könntest Bogdan und ein paar unserer Falken mitnehmen, wenn du möchtest. Denke darüber nach. Und jetzt entschuldige mich bitte, ich habe zu tun." Damit wandte er sich auf dem Absatz um und ging in sein Ankleidezimmer. Erst als der schwere Riegel in seine Halterung fiel, atmete der Graf auf. Er begann ohne Hast, seine Reitkleidung überzuziehen. Er schob Herberts Bewusstsein so weit von sich, wie er konnte und kam erst wieder aus dem Raum heraus als er wusste, dass sein Sohn sich in seine eigenen Gemächer zurückgezogen hatte. Im Stall wartete ein Packpferd auf ihn, das bereits seine Last auf dem Rücken trug. Durch verschiedene wenig genutzt Korridore gelangte er in den Schlosshof. Er hatte schon gestern dafür Sorge getragen, dass Hauptmann Albert diese Nacht bei Weib und Kindern verbringen würde. Stattdessen hatte einer seiner Leutnante heute Nacht den Oberbefehl. Ein junger Bursche, kaum älter als Herbert, der nicht im Traum daran denken würde, sich einem direkten Befehl Seiner Exzellenz zu widersetzen.

Graf von Krolock sattelte Mircea und verließ das Schloss ohne Zwischenfälle und ermüdende Diskussionen. Er wählte das schnellstmögliche Tempo, das für beide Pferde noch sicher war. Auch wenn er die Angelegenheit sobald es ging hinter sich bringen wollte, er war sich nur allzu bewusst, dass beide zwischen den dichten Bäumen weitaus weniger sehen konnten als er selbst. Und für sterbliche Augen war es stockdunkel. Es dauerte noch eine Weile, bis er sein Ziel erreichte, jene Ruine im Wald, wo er seine ersten Nächte als Vampir verbracht hatte. Er hatte es nicht eilig damit. Herbert beschäftigte ihn noch immer. Das Herz war ihm wund und schwer bei dem Gedanken daran, wie sehr er ihn in dieser Nacht verletzt hatte. Aber er hatte ihn auf diese Weise dazu bringen wollen, den jungen Rabenhorst möglichst bald aufzusuchen und sei es nur, um ihm sein Herz ob der Veränderung seines Vaters, auszuschütten. Wenn der Schmerz nachgelassen und der Junge sich erst einmal mit der neuen Situation abgefunden hatte, würde sein Sohn sich schon fügen und seinen Vorschlägen für seine nächste 'Erkundungsgelegenheit' sicherlich annehmen. Er wusste, Herberts Liebe zu ihm und der Wunsch durch Gehorsam die alte Nähe und Vertrautheit wieder herzustellen, würden der wahre Grund sein, aus dem sein Sohn gehorchen würde. Er fühlte eine Woge tiefer Zuneigung für den armen Jungen. Ich liebe dich, Herbert. Und das ist mein größtes Geschenk an dich, sicherzustellen, dass du lebst, und nicht das Schicksal deiner Mutter teilst. Ein normales Leben... Vergib mir für das, was ich gezwungen bin zu tun, um dafür zu sorgen. Glaube mir, ich wünschte ebenso, wie du, alles könnte wie früher sein.. Er schob diese Gedanken und seine Schuldgefühle beiseite als er dem verfallenden Gemäuer näherkam. Alle waren älter als er und sich des Ausmaßes ihrer unnatürlichen Fähigkeiten stärker bewusst, als er es war. Er wollte ihnen nicht offenbaren was in seinem Inneren vorging, wie sein Leben Tag für Tag mehr auseinander brach, während er noch versuchte es zusammenzuhalten. Als er sich der Lichtung näherte stieg er ab und band Mircea an einer verkrüppelten Kiefer fest. Der Hengst war zu nervös, als dass er freiwillig so nahe an jenem Ort geblieben wäre. Und es reichte, wenn er mit dem Packpferd zu kämpfen hatte, bis es ihm zur Ruine folgte. Wie erwartet erwies sich das als schwierig. Tiere schienen instinktiv zu wissen, dass nichts Gutes diesen Ort bewohnte. Vielleicht lag es an der negativen Ausstrahlung der Stätte.

Graf von Krolock erinnerte sich daran, dass ihm dieser Ort als Sterblicher selbst nie angenehm gewesen war. Er hatte ihn gemieden, auf eine instinktive Art, die er nie verstehen konnte. Jetzt beschlich ihn das Gefühl, dass Tiere viel besser wussten, vor was ihr Instinkt sie warnte als ein ahnungsloser Mensch, dem sein hochgelobter Verstand oft nicht die Fähigkeit verlieh, richtig zu beurteilen was an jenen sonderbaren Gefühlen und Vorahnungen wirklich dran war. Er glaubte auch, dass sie wussten, was hier lebte. Victor war davon überzeugt, dass Mircea und das Packpferd, der alte Miron, ein Tier, das er selbst gut kannte, wussten, was er selbst jetzt war. Warum keines bislang in seiner Nähe nervös geworden war, verstand er jedoch selbst nicht. Den Gedanken, dass irgendein Lebewesen ihn für 'ungefährlich' halten sollte, lehnte er kategorisch ab. Er hatte sich selbst bewiesen, dass ihm etwas derartiges auch nur zu denken nicht mehr zustand, nach allem, was er getan hatte, zu was er geworden war. Aber er war bereit diese erstaunliche und bemerkenswerte Tatsache zu akzeptieren und anzunehmen. Mit viel Geduld, jeder Menge guten Zuredens und Streichelns, schaffte er es endlich Miron in die Nähe der Ruine zu bringen. Er band dem braunen Wallach den Führstrick oberhalb des Hufs, damit er nicht weglaufen würde. Der hohe Baum bot keine niedrigen Äste, die der Graf hätte erreichen können, obgleich er groß war. Es würde genügen. Die ganze Zeit über war er sich dessen bewusst, dass eine Anzahl Untoter in der Nähe war und sein Tun beobachtet hatte. Umso besser, so konnten sie sich gleich nützlich machen.

„Ich weiß das ihr da seid, kommt hervor. Ich habe Arbeit für euch!" Er sprach die Worte nur leise, doch der Befehl und die einhergehende kalte Strenge war unüberhörbar. Einige Momente später waren sie da. Gekommen aus dem Schatten und den Innereien des alten Gemäuers selbst. Er streichelte beruhigend den Hals des Pferdes, dem die Neuankömmlinge ganz eindeutig nicht geheuer waren.

„Ladet die Pakete ab und bringt sie hinunter. Sie enthalten eure neue Garderobe. Aber seid vorsichtig in seiner Nähe, ihr seid ihm suspekt." „Hättet ihr nicht ein anderes Pferd nehmen können?", grummelte Borislaw, der ältere Vampir, der den Grafen in jener denkwürdigen Nacht herausgefordert hatte, als er die gesamte Meute seiner Herrschaft unterworfen hatte. „Du glaubst wohl alle Sterblichen sind tumbe Geschöpfe, was?" Der Graf schnaubte verächtlich. „Wie man an euch sieht mag es auf einige zutreffen, aber nicht auf alle. Und wenn ihr euch nicht verraten wollt, tut ihr gut daran, keinen Sterblichen zu unterschätzen. Sie munkeln über uns. Sie argwöhnen unsere Existenz. ja, sie glauben daran, dass wir existieren. Einige der Dinge, die sie über uns zu wissen glauben, entsprechen sogar der Wahrheit. Und damit, einer verdächtigen Leiche, bei Tag und in großer Zahl einen Pflock durchs Herz zu treiben, sie zu köpfen und zu vierteilen sind sie schnell bei der Hand, also seht euch vor! Sich verdächtig zu machen, bringt jeden von uns, der in ihrer Mitte lebt, in Gefahr. Deshalb werdet ihr es in meinem Schloss nicht versuchen, solange ich und die meinen Herren dieser Grafschaft sind!

Sie akzeptieren, dass ich des Nachts ein und aus gehe, wie ich das früher bei Tage tat. Aber das Gesinde ist von Alters her dafür bekannt, dass es seine Herren und ihr Tun beobachtet und schwatzhaft, wie die Waschweiber waren sie auch schon von je her. Wenn ich für euch ein besonderes Tier haben wollte, mache ich mich verdächtig. Denn Miron hier hat mich immer begleitet, wenn ich eines einzelnen Packpferdes bedurfte. Niemand wird in Frage stellen, ob das, was unter dem Gesinde über den Grund für meinen Aufbruch verbreitet wird, der Wahrheit entspricht. Du siehst, all mein Tun ist genau durchdacht. Wahrhaftig, ich kann froh sein, euch nicht unter meinem Dach beherbergen zu müssen. Ihr würdet uns alle binnen einer Woche verraten. Und nun macht euch gefälligst an die Arbeit! Sommernächte sind kurz und ich beabsichtige nicht zu bleiben."

Graf von Krolock finstere Blicke zuwerfend, ging Borislaw und war den anderen behilflich, die Hildikos Beispiel folgend, bereits begonnen hatten. Die ganze Zeit über blieb der Graf vor Miron stehen und hielt ihn soweit ruhig, dass er sich trotz häufigem ruhelosen Stampfens und Tänzelns fügsam abladen ließ. Es konnte alles in allem nicht sehr lange gedauert haben, aber Victor erschien es, wie eine Ewigkeit. Er fühlte sich so sehr von diesen Geschöpfen abgestoßen, dass ihm völlige Isolation im Vergleich dazu lieber gewesen wäre. Doch schließlich wurde das letzte Paket nach unten getragen. „Ihr werdet alles vorfinden, was ihr benötigt, um euch präsentabel herzurichten. Es ist genug für euch alle da. Aber die Details müsst ihr untereinander klären." „Oh, was habt ihr uns mitgebracht, so erzählt doch!", bat eine Frau aufgeregt, die noch recht jung zur Untoten geworden war. Graf von Krolock vermutete ihrer Begeisterung wegen, dass ihr trotz ihres heruntergekommenen Äußeren ein Hang Eitelkeit eigen war. „Vielerlei Kleidungsstücke unterschiedlicher Machart. Nichts davon entspricht der neusten Mode, aber alles ist von guter Qualität. Es wird euch genügen. Aber richtet es nicht so zu, wie das, was ihr gegenwärtig tragt! Wenn ihr mich nun entschuldigen würdet, ich habe noch anderen Verpflichtungen nachzukommen."

Damit machte er die Fußfessel des Wallachs los und führte ihn gemessenen Schrittes davon. Das Pferd war nur allzu erleichtert fortzukommen. Doch, um seiner eigenen Sicherheit willen musste es sich gedulden. Der unebenen Boden war dick mit Moos überwuchert, das unter den Hufen nachgab. Umgefallene Grabsteine und Überreste von solchen waren im Umkreis verstreut, begraben unter noch mehr Moos und der wuchernde Efeu selbst, konnte ebenfalls zur Stolperfalle werden. Miron konnte bei dieser Stockfinsternis zu wenig sehen. All das konnte das Verderben des Tieres sein, wenn es allzu schnell davondrängte. Mircea begrüßte seinen Reiter mit einem nervösen Wiehern. Der zertrampelte Boden zeigte nur zu deutlich, dass er die ganze Wartezeit hier ebenso wenig genossen hatte, wie der arme Miron die Nähe der Gruppe Untoter. Der Graf klopfte ihm beruhigend den Hals. Er zog die Steigbügel ganz nach oben, sodass sie beim Gehen nicht gegen die Flanken des Rappen schlugen, ehe er ihn losmachte und beide Tiere langsam weiterführte. Er hatte große Mühe die beiden zu bändigen. Die Tiere hatten es eilig die unheimlichen Gegend hinter sich zu lassen und er wollte, dass keiner der beiden sich, ob des unsicheren Bodens ein Bein brach. Erst als sie wieder auf altvertrauten Pfaden waren, legte sich die Nervosität der beiden wirklich. Er führte sie jedoch fast die gesamte Wegstrecke zurück am Zügel. Erst eine halbe Meile vom Schloss entfernt stieg er wieder in den Sattel. Er wollte keine Aufmerksamkeit erregen, weil er beide Pferde am Zügel führend Heimkehrte.

Es war bereits weit nach Mitternacht, auch wenn das Morgengrauen noch Stunden entfernt war, denn er hatte sich entgegen seinen Behauptungen nicht beeilt zurückzukommen. Insgeheim, weil er hoffte, Herbert würde schon lange zu Bett gegangen sein, wenn er zu Hause eintraf. Er übergab Mircea und Miron der Obhut eines müden Stallburschen, der in den Ställen auf die Rückkehr seines Herren gewartet hatte. Der Graf hatte ein paar freundliche Worte für ihn übrig. „Ich danke dir, Matej, du treue Seele. Ich werde Anweisung geben, dass man dich morgen schlafen lässt. Der Tag soll dir zu deiner freien Verfügung stehen. Meister Eckerhard wird dich gewiss entbehren können." Der Junge blinzelte den Grafen verwundert an, ehe er sich seiner Manieren entsann. „Habt D-dank, Herr Graf", brachte er stotternd hervor. Der arme Junge arbeitete erst ein paar Monate lang im Schloss und hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt mit seinem Lehnsherren direkten Umgang zu haben, wie schlicht und flüchtig es auch sein mochte. Direkt von Graf von Krolock angesprochen zu werden, der soweit über ihm stand, war fast mehr als er verkraften konnte. Der Graf schenkte dem Burschen ein freundliches Lächeln und klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. „Na los, Junge, versorge rasch die Pferde und dann zu Bett mit dir!" Den verdatterten Stallburschen zurücklassend überquerte der Graf den Hof und betrat das Schloss. Nur wenige Fackeln brannten in den Gängen, doch das durch die Fenster hereinfallende Licht genügte vollkommen. Noch nach Wochen hatte diese Fähigkeit im Dunkeln zu sehen, wie bei Tage, nichts von ihrer Faszination verloren. Doch er würde liebend gerne darauf verzichten, wenn er nur wieder ein Sterblicher sein könnte. Geduld!, mahnte er sich selbst. Irgendwann würde er eine Antwort finden, einen Ausweg aus dieser Misere. Geräuschlos betrat er seine Gemächer. Die Kerzen waren fast heruntergebrannt, während er fortgewesen war. Victo dachte kurz darüber nach, ob er klingeln sollte. Seit dem Bekanntwerden seiner 'Krankheit' war eine Handvoll Diener immer in Bereitschaft. Doch heißes Wasser um diese Uhrzeit, in der Menge, die er zum Baden brauchen würde... Ausgeschlossen. Sie würden dazu eine Anzahl anderer wecken müssen, und er war bestrebt, nicht allzu viel Aufsehen zu erregen. Je weniger Gelegenheit er ihnen dort unten zum Tuscheln gab, desto besser. Das Baden konnte bis morgen Abend warten. Das Wasser im Waschkrug auf seinem Toilettentisch würde genügen, den gröbsten Schmutz loszuwerden.

Gerade als Victor seine Kleidung gewechselt, er war mittlerweile recht gut darin, dies auch ohne die Hilfe eines Spiegels zu meistern und sein Ankleidezimmer verlassen hatte, trat jemand aus dem Schatten, in den die wenigen Kerzen den kleinen Salon hüllten. In Gedanken verloren hatte der Graf den Besucher gar nicht eintreten hören. Und da er jede Berührung des sterblichen Geistes, soweit er konnte von sich geschoben hatte, und er begann besser darin zu werden, war er bis zu dem Augenblick, in dem er aus der Tür trat und Herbert auf ihn zukam, völlig ahnungslos gewesen. Nicht ahnend, dass der Junge hereingekommen war und auf ihn wartete. „Herbert!" Es war kaum mehr als ein überraschtes Flüstern, aber er konnte den Klang des Schreckens hören, der in seiner eigenen Stimme lag. Der junge von Krolock sah die plötzlich Schreck geweiteten Augen seines Vaters direkt auf sich gerichtet.Der Graf wusste, was auch immer nun geschehen würde, er konnte Herbert nicht weiterhin eine Scharade vorspielen. Selbst wenn es ihm jetzt gelänge sich rasch zu sammeln und eine ausdruckslose Miene aufzusetzen, der Junge würde es nicht mehr glauben, was auch immer er ihm vorgaukeln würde. Er hatte einen Blick auf die Wahrheit geworfen, in jenem ersten Moment, als er ohne Vorwarnung, unerwartet auf seinen Vater zugetreten war. Herbert war wahrhaftig seiner Mutter Sohn. Einmal vom Gegenteil überzeugt, würde er seinem Vater nicht mehr glauben. Egal, wie überzeugend er auch kühle Reserviertheit vorzugeben vermochte. Doch in diesem Moment hätte er Herbert gar nicht beschwindeln können, selbst wenn er es gewollt hätte. Das Geflecht aus berechneten Lügen und sorgfältig ausgewählter Halbwahrheiten wurde immer dichter, immer enger schloss es sich um ihn. Doch je dichter das Lügengestrüpp wurde, das er um sich aussäte, desto mehr Aufmerksamkeit erforderte es, sich nicht selbst darin zu verfangen. Es aufrecht zu erhalten, ohne sich selbst darin zu verirren und zu straucheln. Und er hatte einen fatalen Fehler begangen, er hatte für eine Weile einfach nicht aufgepasst und war nachlässig gewesen. Er war in dem Netz seiner Lügen gestrauchelt und jetzt würde er dafür womöglich teuer bezahlen. Victor s Herzschlag raste. Die Angst hielt ihn in ihrer kalten, klammen Klaue, ihn, der er sich zu Lebzeiten vor nahezu kaum etwas gefürchtet hatte. „Herbert, was tust du hier? Du solltest gar nicht hier sein, du solltest bereits seit Stunden im Bett sein!" Er glaubte, sich zu erinnern, dass er dies häufig zu ihm gesagt hatte, als er noch klein war und sich spät am Abend aus seinem Bett geschlichen hatte und in den Gemächern seines Vaters aufgetaucht war. Es klang heiser und zittrig, die Angst nur allzu deutlich in seine Züge gezeichnet. „Solange ich zurückdenken kann, war ich in diesen Räumen stets willkommen, Vater. Ihr habt mich nie abgewiesen oder aufgefordert zu gehen. Doch seit Mutters Tod habt Ihr kaum mit mir gesprochen, Ihr seht mich nicht einmal mehr richtig an. Ihr stoßt mich von Euch und nun sprecht Ihr davon, dass ich mich vermählen und Kinder haben soll. Ich muss mir Euch reden, Vater!" Der Graf

schluckte, aber sein Hals blieb schrecklich trocken und schien viel enger zu sein als sonst. Er fühlte sich, wie ein, in die Enge getriebenes Tier. Er zitterte." Herbert, geh, ich bitte dich..."

"Ich werde erst gehen, wenn Ihr mir sagt, warum Ihr Eure Meinung geändert und ich nun gehen und mich vermählen soll! Erst, wenn Ihr mir sagt, warum Ihr mich aus Eurem Leben zu verbannen wünscht! Ich muss aus Eurem Mund hören, warum Ihr mich nicht mehr bei Euch haben wollt!" ,,Du würdest mir niemals glauben."

Die Worte waren ausgesprochen, ohne dass er es beabsichtigt hatte, ohne dass sein Verstand und jene verschlagene Stimme zustimmten. Seine Stimme war ein kaum hörbares Flüstern, von dem er betete, dass sein Sohn es nicht gehört haben mochte. Seine Brust hob und senkte sich heftig und rasch. Doch etwas in ihm hatte nachgegeben. Wann immer er sie früher benötigte, immer hatte er irgendwo die nötige Kraft gefunden, dass zu tun, was er tun musste. Jetzt war einfach nichts mehr übrig, aufgezehrt in den vergangenen Wochen. Aber allzu schnell wurde ihm bewusst, dass seine Hoffnung vergebens war. Herbert hatte ihn gehört und sein Gesicht zeigte nur allzu deutlich, dass er in den Zügen seines Vaters las, dass es ihn quälte, dass es etwas Schlimmes sein musste. Ganz gleich, was es letztlich war, von dem der Graf fürchtete, er würde es nicht glauben. Doch in Herbert Augen lag ein Ausdruck, den sein Vater noch nie zuvor an ihm bemerkt hatte. Für gewöhnlich sah er Elisabeth deutlich in ihm, wann immer Herbert ihn ansah, ganz gleich, wie sehr er und Herbert einander auch ähnelten. Doch nicht dieses Mal. Er sah in die grünen Augen seines Sohnes und es war als sähe er sich selbst in seiner Jugend. Oh, Herr im Himmel, sie hatte recht! So oft hat sie mir erzählt, Herbert sei mir so ähnlich - und immer habe ich es abgetan. Ich sah immer nur seine Mutter in ihm. doch bei allen Heiligen, sie hatte recht. ,,Möchtet Ihr es nicht wenigstens versuchen? Vertraut Ihr mir so wenig?" Wie gut er diese Worte kannte, hatte nicht er selbst genau das so oft zu Herbert gesagt? Ein letzter Kampf spielte sich in seinem Inneren ab. Sein Verstand bäumte sich ein letztes Mal auf. Sag ihm, die Krankheit ist ansteckend! Sag ihm, sie kann tödlich sein! Verdammt, sag' ihm was immer du musst damit er geht!' Aber es war ein verlorener Kampf. Er vertraute Herbert. Mit einem Mal dachte er nur noch an die Erleichterung, die es bedeuten würde, ihm alles zu gestehen. Es war gleich... und wenn Herbert ihn töten sollte, es wäre nicht schlimm, durch Herberts Hand zu sterben. Vielleicht war es richtig und besser so.

Der Graf fühlte, wie ihm Tränen in die Augen traten und begannen seine Sicht hinter einem rötlichen Schleier zu verwischen. Es war jetzt einerlei. ,,Oh, mein Sohn..." Ohne Vorwarnung fiel er ihm in die Arme und vergrub das Gesicht an seiner Schulter. Seine Hände klammerten sich krampfartig an den Rücken von Herberts Hemd und er fürchtete, dieser würde die scharfen Nägel fühlen, die jede Nacht aufs neue nachgewachsen waren, ganz gleich, wie kurz er sie auch abgeschnitten hatte, bis er dieses vergebliche Unterfangen aufgegeben hatte. Tränen sickerten in den dunklen Stoff, doch kein Wort kam über seine Lippen. Für eine Weile war es pure Erleichterung Herberts Arme um seine Schultern zu fühlen. Den festen Druck der Arme zu spüren, die ihn umschlangen und sein Gesicht an der Schulter seines einzigen Kindes zu bergen. Sein Sohn sagte nichts, doch er fühlte, dass Herbert in diesem Augenblick keine Erklärung von ihm erwartete. Geduldig war er der Fels in der Brandung und war sich dabei sicher, früher oder später alles zu hören, was er wissen wollte. Furcht und Zittern ließen langsam nach und Victor begann sich allmählich zu fragen, wie es weitergehen sollte, sobald er sich aus dieser Umarmung lösen musste. Aber er schob diesen Gedanken rasch beiseite. Darüber wollte er nicht nachdenken, nicht jetzt. Wer konnte sagen, ob es nicht das letzte Mal sein würde, dass Herbert ihm genug vertraute, ihn so nahe an sich heranzulassen. Nur noch einige Minuten länger, versprach er dem warnenden Gefühl, das sich in ihm regte. Nur noch eine kleine Weile. Er wandte sich leicht ab und vergrub das Gesicht in Herberts Halsbeuge, genoss das Gefühl von Wärme, die von ihm ausging und ein wenig die Kälte vertrieb, die ihn dieser Tage plagte. Aber es dauerte nicht lange und er wurde sich des ruhigen, kräftigen Herzschlages schmerzhaft bewusst, dem er schon längere Zeit unbewusst gelauscht hatte. Und dem Geruch der unter dem leichten rosigen Duft seiner Haut lauerte. Das vertraute Brennen in seinen Adern verschlimmerte sich. Es erinnerte ihn nur allzu sehr an das, was vor wenigen Wochen mit Elisabeth geschehen war. Voller Schrecken wurde der Graf sich bewusst, dass er gerade Gefahr lief den gleichen Fehler zu wiederholen. Nein!

„Lass mich allein, mein Sohn", brachte er schwer atmend hervor. Der Geruch nach frischem Blut war schier unerträglich, wie ein Zimmer nach dem zerbrechen einer Parfumflasche. „Vater.." „Herbert, bitte!" Der Graf wandte sich gequält ab. „Ich kann Euch doch nicht allein lassen, wenn Ihr-"

Graf von Krolock fuhr mit einem Fauchen auf. „Verflucht seist du, Herbert! Kannst du auch nur einmal in deinem Leben gehorchen? Nur ein einziges Mal!" Bevor Herbert ihn aufhalten oder noch ein weiteres Wort hervorbringen konnte, schlug die schwere Eichentür hinter ihm zu, obgleich er geschworen hätte, dass sein Vater sich kaum bewegt hatte. Und dieses animalische Fauchen. Irgendwas ging hier vor. Herbert wusste nicht was es war, aber sein Vater litt unter etwas. Und es konnte nicht der Tod der Gräfin sein. Da war noch etwas anderes. Und er würde nicht ruhen, ehe er herausgefunden hatte, was es war.

Entschlossen streifte der junge von Krolock wenig später durch das Schloss. Wenn er seinen Vater kannte, würde er sich in irgendeinen abgelegenen Winkel des Gebäudes zurückziehen, wie eine Schnecke in ihr Haus. Wenn er nur lange genug suchte, würde er ihn finden. Da er in dem bereits mehrere Jahrhunderte alten Schloss geboren und aufgewachsen war, glaubte er hinreichend alle infragekommenden Schlupfwinkel zu kennen. Doch mehr als eine Stunde später war der Enthusiasmus seinen Vater bald zu finden beträchtlich in sich zusammengesunken. Er war zu den höchsten Türmen und Giebeln hinaufgestiegen und hatte die entlegensten Teile des Schlosses abgesucht. Doch keine Spur des Grafen. Schließlich suchte er die offensichtlichsten Lieblingsräume seines Vaters ab. Die Bibliothek, den großen Salon, das Kaminzimmer. Doch vergeblich. Verdrossen und mit hängenden Schultern lief er ohne große Hoffnung durch die Ahnengalerie und spähte ohne Aussicht auf Erfolg in die dunkelsten Winkel. Er begann sich einzugestehen, dass sein Vater, der mehr als doppelt so alt war wie er selbst, das alte Gemäuer in der Tat viel besser kannte als er. Vermutlich kannte er sämtliche staubigen Baupläne des Schlosses. Er wusste nicht, wo er noch nach ihm suchen sollte. Und nach dem, was sein Vater ihm in dieser Nacht alles erzählt hatte, konnte Herbert sicher sein, seinem Vater nicht so schnell wieder zu begegnen. Wahrscheinlicher war, dass der alte Fuchs sich verborgen halten würde, bis Herbert in der Tat zu seinem Freund, dem jungen von Rabenhorst abreiste, um Laurean sein Herz auszuschütten. Missmutig betrachtete er die langen Reihen alter Gemälde, an denen er entlang schritt. Natürlich wurde von ihm erwartet dafür zu sorgen, dass die Reihen von Portraits in ihren schweren güldenen Rahmen sich verlängerten. Als wäre er ein preisgekrönter Zuchthengst. Finster starrte er das Bildnis eines seiner Urahnen an. Er war ihm schon als Kind unheimlich gewesen. Und nicht nur, weil sein Vater ihm einmal erzählt hatte, das Aromir von Krolock dazu geneigt hatte, seine eigenen Söhne und Töchter zuweilen sogar in den Kerker zu werfen, wenn sie seinen grausamen Launen nicht gehorchten. Ein Geistesblitz durchzuckte ihn. Der Kerker und die übrigen Keller Gewölbe! Natürlich. Er hatte sie als Kind zutiefst gefürchtete und selbst als Erwachsener hatte er eine Abneigung gegen diesen Teil des Schlosses behalten. Genug, dass er dort unter normalen Umständen freiwillig keinen Fuß hinuntergesetzt hätte. Gäbe es einen passenderen Ort, sich zu vor ihm zu verstecken als einen Bereich zu wählen, den Herbert stets mied? Natürlich nicht. Aber wenn sein Vater glaubte, dass er sich, wie ein verängstigtes Kind, nicht hinunter wagen würde, hatte er sich verrechnet. Mit neuem Eifer eilte Herbert in die Richtung zurück, aus der er vorhin gekommen war und strebte dem nächsten Weg zu, der ihn schnellstmöglich in die Schlosskeller führen würde. Kaum einige Minuten später, streifte er bereits durch die dunklen Gänge. Er führte eine Fackel mit sich, die er aus einem Halter gleich neben der steinernen Wendeltreppe genommen hatte. Denn nicht überall waren Fackeln angebracht – und außerdem brannten sie nur in den Bereichen, die häufig betreten wurden. Doch in den oberen Kellergewölben fand er seinen Vater nicht. Dies hier war das Reich der Diener. Häufig eilten sie hier hindurch, um Wein und andere Vorräte heraufzuholen, um Lebensmittel einzulagern oder die Vorräte zu überprüfen und so manches andere, das in ihre Aufgabenbereiche fiel. Hier würde sich niemand verstecken, der die Einsamkeit. Es waren die Bereiche, die noch tiefer lagen, bei denen er sein Glück versuchen musste. Der Zutritt zu den tieferen Ebenen war den Dienern untersagt und sie hätten sich freiwillig auch nicht dorthin begeben.

Beherzt stieg Herbert eine weitere, sehr schmale Treppe hinunter. Die Gewölbe, die er nun betrat, waren nicht so luftig und gepflegt, wie der Bereich über ihnen. Sie waren tief hineingeschlagen in den Fels der Karpaten. Und eine an Feuchtigkeit mahnenden Kälte hing hier in der Luft. Natürlich würde niemand einen angenehmen Teil des Kellers als Verlies nutzen, sinnierte Herbert, während er vorsichtig die schmalen Gänge durchstreifte. Gütiger Herr, er war das letzte Mal hier gewesen als er noch ein Kind gewesen war. Sein Vater hatte ihn begleitet. Ein Streifzug zu zweit, um seinem Sohn die Angst vor diesem Teil des Schlosses zu nehmen. Leider hatte dieser gemeinsame Erkundungsgang nicht die erhoffte Wirkung gehabt und es war ihr Letzter geblieben. Wie lange er durch immer enger werdende Gänge streifte, wusste Herbert nicht, aber er wandelte nun auf Pfaden, die ihm fast unbekannt waren. Er war über den Bereich hinaus, der als Kerker eingerichtet war, aber noch immer zog sich das Labyrinth aus Gängen und Sackgassen weiter. Noch immer hatte er keine Spur seines Vaters gefunden. Allmählich kamen ihm Zweifel. Sein Vater hatte bisweilen eine exzentrische Ader, doch Herbert bezweifelte, dass er sich, wenn er die Abgeschiedenheit suchte, sich gerade dieses feuchtkalte Loch aussuchen würde. Misstrauisch beäugte er den schmalen Korridor, der vor ihm lag. Ein unangenehmes Gefühl bemächtigte sich seiner. Gefahr! Wisperte dein Instinkt und etwas in ihm wollte schnellstmöglich umdrehen und hastig davonlaufen. Aber sein Verstand tat das ab. Unsinn! sagte er sich entschieden. Hier ist nichts was du fürchten musst. Nur lange, enge und kalte Gänge, die wer weiß wohin führen. Siehst du? Alles nur lächerliche Hirngespinste! Nichts als Überbleibsel kindlicher Ängste. Gemessen wandte der junge von Krolock sich um und schritt ohne Hast zurück in die Richtung, aus der er gekommen war. Er würde seinem Vater einen Brief da lassen. Sicher würde er so höflich sein, ihm eine Unterredung nicht zu verweigern, wenn er ihn höflich darum bat. Bis dahin wird er Zeit gehabt haben sich zu beruhigen, dachte Herbert, der das Versteckspiel, das er hier spielte, herzlich leid war. Plötzlich flog etwas dicht an seinem Kopf vorbei. Herbert schrie kurz auf und ließ seine Fackel fallen. Zischend erlosch die Flamme in einer Pfütze. Absolute Schwärze umgab ihn. Der junge Mann fluchte leise. So würde es ihn Stunden kosten, aus diesem kalten Loch herauszufinden. Er war sich noch in etwa des Weges bewusst, denn er gekommen war, aber im Dunklen? Es blieb ihm wohl kaum was anderes übrig. Hier unten würde ihn kaum jemand hören, wenn er nach einem Diener rief, abgesehen davon würde es ihn gleichfalls der Lächerlichkeit preisgeben und er errötete bei dem Gedanken. Unsicher tastete er sich an der Wand entlang, die nun sein einziger Anhaltspunkt war. Er hatte erst wenige Meter hinter sich gebracht als sich jemand hinterrücks auf ihn stürzte und ihn mit sich zu Boden riss. Panik schlug ihn ihm hoch als er hart auf den feuchten, unebenen Boden aufschlug, sein Angreifer über. Er wehrte sich verbissen, obwohl der Mann viel stärker war als er selbst und versuchte seine Gedanken ruhig zu halten. „Verdammt, Mann, lass mich gefälligst los! Du schuldest mir deinen Gehorsam! Weißt du denn nicht, mit wem du es zu tun hast? Ich bin Herbert von Krolock, Sohn seiner Exzellenz Graf von Krolock höchst selbst!" Sein Angreifer hielt einen Moment lang inne, doch Herbert konnte sich dennoch nicht befreien, wie sehr er sich auch mühte. Sein Angreifer gab ein hämisches, freudloses Bellen von sich, dass ihm als Lachen diente. „Sein Sohn bist du? Nun, kleiner Laffe, es würde mich nicht kümmern, wenn du der Metropolit von Moskau selbst wärst!" Erneut ertönte dieses hämische, bösartige Lachen. „Sein Sohn, wie? In der Tat, dein Gesicht ist seinem sehr ähnlich." Ein raubtierhaftes Fauchen ertönte über ihm und Herberts Herz krampfte sich zu einem Eisblock zusammen, während es in seiner Brust raste, als ob es gleich zerspringen würde. „Das ist ein doppeltes Unglück für dich, Bürschchen. Ich verabscheue 'Seine Exzellenz'!" Er spie die letzten Worte hasserfüllt und mit abgrundtiefer Verachtung aus. „Sein Sohn bist du? Nun, ausgezeichnet. Das soll ihm eine Lehre sein!" Herberts Kopf wurde grob nach hinter gerissen und er stieß einen markerschütternden Schrei aus, als sich etwas mit rasendem Schmerz in seine Kehle bohrte. Er wehrte sich erneut verzweifelt und mit aller Kraft, doch ohne den geringsten Erfolg. Je mehr er kämpfte, desto fester und schmerzhafter wurde der Griff des Mannes, der ihn festhielt. Verzweifelt dachte Herbert an all die Ermahnungen seines Vaters darüber, dass Herbert nur ein mittelmäßiger Ringer war, der es nur unzulänglich beherrschte, sich aus den diversen Griffen zu befreien. Hätte er nur auf ihn gehört. Er schwor sich selbst, in Zukunft mehr auf die Ratschläge seines Vaters zu hören als ihm im selben Moment mit erschreckender Klarheit bewusst wurde, das er diesen wahrscheinlich nie wieder sehen würde. Vater!

Ein tiefes Gefühl von Panik und schrecklicher Gefahr ergriff Victor in dem winzigen Erkerraum, der versteckt im dritten Stock lag und von dem die wenigsten Bewohner des Schlosses, sein Sohn eingeschlossen, etwas wussten. Die Woge aus Empfindungen war so stark, dass er einen Moment lang unsicher auf den Beinen schwankte und mit ihr kam ein Eindruck von Dunkelheit und feuchter Kälte, die ihn einen Moment lang die Orientierung verlieren ließen. Vater! Ein verzweifelter Schrei jenes menschlichen Geistes, der ihm am nächsten stand, hallte in seinem Inneren wider. „Herbert!" Getrieben vom zielsicheren Instinkten des Raubtiers und eines Vaters lief er durch die Gänge des fühlte nie gekannte Angst als er der Stimme von Herberts schwächer werdendem Bewusstsein lauschte. Mehrere Abkürzungen brachten ihn schneller zu einer abseits gelegenen Treppe, die in Richtung der Kellergewölbe führte, doch ihm schien die Zeit, die er brauchte, unerträglich langsam zu verstreichen. Eine weitere Schmale Stiege, lange kalte Korridore jenseits der Verliese entlang. Dann glaubte er zu fühlen, wie ihm das kalte Blut in seinen Adern gefror, denn seinen Augen bot sich ein schreckliches Bild. Sein Sohn lag bewegungslos am Boden, über ihm eine Gestalt in schwarzer, altmodischer Kleidung die er selbst von Hinten als die von Borislaw erkannte.

Unermesslicher Zorn stieg in ihm auf und er zerrte den alten Vampir mit ungeahnter Kraft von seinem Sohn herunter und warf ihn gegen eine Wand. „Du!", rief er, und seine Augen waren wie zwei glühende Splitter. „Du wagst es, meinem Befehl zu missachten. Ich sagte, ihr habt keinen Bewohner meines Schlosses anzurühren! Das gilt auch und ganz besonders für meinen Sohn!" Ein Blutrinnsal ran Borislaw vom Mundwinkel herab und Victors scharfe Sinne erkannten, dass es das Blut seines Sohnes war, das durch die Adern des alten Monsters strömte. Rasender Zorn, unerträglicher Schmerz und Trauer erfüllten ihn und der Graf fühlte, wie gegen seinen Willen Tränen in seine Augen traten. Borislaw schenkte ihm ein blutiges und selbstgefälliges Grinsen. „Eure Befehle sind mir gleichgültig! Ich bin es leid, mich dem Willen eines Grünschnabels zu beugen! Ihr mögt in dem sterblichen Leben von edlem Geblüt gewesen sein, aber jetzt seid Ihr nur eine Kreatur der Nacht, wie wir alle und es stünde dir an, deinen Älteren Respekt zu zollen! Du magst mich vernichten, wie du es mit Kastor getan hast, aber ich habe das Vergnügen, deinen Welpen getötet zu haben. Und diesen Triumph wirst du mir nicht nehmen und wenn du mich hier in tausend Fetzen reißt. Ich trete Luzifer ohne Reue entgegen!" Der Vampir lachte hämisch auf. Für den Grafen war dies der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Mit einer Skrupellosigkeit die ihm als Sterblicher fremd gewesen wäre, packte er den Kopf des älteres Vampirs mit beiden Händen und brach ihm mit einer ruckartigen Bewegung das Genick eher er Borislaw mit ungeheurer Kraft zu Boden schleuderte, wo er durch seine Verletzung gelähmt reglos liegen blieb. In einer fließenden Bewegung hob er die am Boden liegende Fackel auf. Seine schlanken Finger zerbrachen mühelos das alte Holz, das fast so dick war, wie sein eigenes Handgelenk. Eine weitere rasche Bewegung wischte Borislaw das hämische Grinsen vom Gesicht als der improvisierte Pflock sein Herz traf. Das Leben erlosch in den kalten, grausamen Augen. „Ich bereue das hier auch nicht!", knurrte der Graf. Angewidert versetzte er dem toten Vampir einen Tritt, der ihn mehrere Meter weit fort beförderte. Doch dann fiel aller Zorn von ihm ab. Im selben Maße, in dem der Zorn ihn verließ, hielt schiere Panik ihn erneut in ihrem Griff. Er stürzte neben Herbert auf die Knie. Mit zitternden Fingern tastete er nach dem schwachen Flattern seines Pulsschlages, da das Rauschen in seinen Ohren das schwache Schlagen übertönte. Und mit der unbarmherzigen Gewissheit des Raubtiers wusste er, dass Herbert sterben würde. Kein Arzt dieser Welt konnte ihm jetzt noch helfen. Eine Woge von Schmerz überrollte ihn. Es kam ihm vor als wäre es erst gestern gewesen, als sein Sohn ein kleiner Bursche gewesen war, der es liebte, auf den Schultern getragen zu werden. Und nun waren die Schläge dieses jungen Herzens gezählt. Es konnte nicht sein, es durfte nicht sein! Er durfte den einzigen Menschen auf der Welt, der ihm noch geblieben war, nicht auch noch verlieren.

Ohne nachzudenken, was er tat und woher er wusste was zu tun war, riss er sich die Haut mit den Nägeln auf. Dann glitt seine Hand in Herberts Nacken und zogen ihn an die blutende Wunde. Er presste die Lippen des jungen Mannes fest dagegen. „Trink, Herbert!" Alles, was Graf von Krolock wahrnahm, war ein leises Stöhnen. „Du musst trinken, schnell! Vertrau mir!" Es dauerte einen Moment, aber die Lippen des Jungen öffneten sich und kurz darauf fühlte er, wie Herberts Kehlkopf sich bewegte. Er schluckte. „Gut so, weiter!" Doch nach dem ersten Schluck war es nicht mehr nötig, ihn zu ermutigen. Herbert suchte instinktiv selbst, was er zum Überleben brauchte. Er schlang seine Arme und die Schultern seines Vaters und trank in gierigen Zügen. Schmerz raste durch Victors Adern und jede einzelne schien lichterloh in Flammen zu stehen. Er wollte schreien, doch er biss die Zähne zusammen. Das Gefühl von Hilflosigkeit und Schwindel, das er auch in jener schrecklichen Nacht im Wald empfunden hatte, war wieder da. Er konnte die aufsteigende Angst nur mit Mühe niederringen, indem er sich bewusst machte, dass es nur sein Sohn war, der sich wie ein Ertrinkenden an seine Schultern klammerte. Dass er selbst sich jederzeit von ihm losmachen konnte, wenn er es wollte. Nicht viel anders als zu mancher Gelegenheit, als ein viel kleinerer Herbert sich nach einem Alptraum an ihn geklammert hatte. Der Graf entspannte sich ein wenig und konzentrierte sich stattdessen auf den Schmerz als Verbündeten gegen seine eigene Angst. Doch zu dem schmerzhaften, Brennen und der Eiseskälte, die sich in ihm ausbreitete, gesellte sich noch ein anderes Gefühl. Eine sinnliches, fast erotisches Lustgefühl, nicht unähnlich dessen, das man nur mit einer Ehefrau oder Geliebten teilte. So intensiv, dass er sich von dieser Empfindung abgestoßen fühlte, und ihr entfliehen wollte und Herbert von sich zu stoßen. Doch der Impuls verflüchtigte sich rasch. Was immer er selbst empfinden mochte - es spielte nun keine Rolle. Es würde seinem Sohn eine Art von Leben ermöglichen. Es war die einzige Alternative dazu, ihn zu seinem Schöpfer heimkehren zu lassen und ihn für immer zu verlieren, und somit der Preis, den er selbst dafür zahlen musste. Daran, dass er einen Fluch weitergab, dem er selbst gerne entflohen wäre, bedachte er in diesem Moment nicht, auch nicht daran, wie er selbst sich danach fühlen mochte, wenn es vollbracht war. In diesem Moment war er nur ein verzweifelter Vater, der sich krampfhaft an die einzige Möglichkeit klammerte, seinen Sohn nicht auch noch zu verlieren. Sein einziger, sich ständig wiederholender Gedanke war, Herbert muss leben! So erduldete er diesen Moment voller schmachvoller und abstoßender Empfindungen. Graf von Krolock ließ Herbert gewähren, bis er selbst begann, sich schwach und zittrig zu fühlen. „Genug jetzt, mein Sohn!" Energisch schob Victor Herbert auf Armeslänge von sich. Er schwankte in seinem Griff wie, ein Betrunkener und als Herberts Augen auf die seines Vaters trafen, waren sie noch immer verschleiert. Er stand auf Messers Schneide, an der Grenze zwischen Leben und Tod. Graf von Krolock hoffte mit aller Kraft, die in ihm war, dass er ihm gegeben hatte, was ihn retten würde. Das es genug gewesen war. Auch wenn ein nagender Gedanke höhnisch bemerkte, Du hast viel weniger getrunken als Herbert und es hat dennoch gereicht, um dich zu dem zu machen, was du jetzt bist! Er konnte die unausgesprochenen Fragen in den Augen des jungen Mannes nur allzu deutlich erkennen, und seine verschwommenen und verwirrte Gefühle und die sich schier überschlagenden Gedanken machten diese zu einem lauten, unübersichtlichen Wirrwarr, die mit voller Wucht auf Victor einprasselten. Unmöglich auf alles gleichzeitig zu reagieren. „Es wird alles wieder gut, mein Sohn. Du wirst wieder auf die Beine kommen." Die Lüge kam ihm sanft und liebevoll über die Lippen. Nichts würde wieder gut werden. Doch gab es etwas anderes was er hätte sagen können? Aber es genügte um Herbert zu beruhigen. Jetzt galt es, den Jungen ungesehen zur Gruft zu bringen und sich zu überlegen, wie der Zustand des Jungen Herren dem Gesinde zu erklären war, in der Zeit, die ihm bis zum Sonnenaufgang noch blieb. Ohne Mühe hob er Herbert hoch als läge wieder der kleiner Junge von früher in seinen Armen. „Ich bringe dich nach oben. Habe keine Angst." Ein leises Seufzen kam über Herberts Lippen und sein Kopf sank vertrauensvoll gegen den Arm seines Vaters. Bevor sie noch die Kellergewölbe verlassen hatten, waren die Augen des jungen Mannes zugefallen und das schwache Flattern seines Herzens war verstummt. Eine schreckliche, ohrenbetäubende Stille breitete sich zwischen ihnen aus. Dort, wo immer der stetige, gleichmäßige Trommelschlag des Herzens gewesen war, herrschte nun nur noch Stille. Der Strom von Gedanken und Gefühlen, für den Grafen so offen zugänglich, wie ein aufgeschlagenes Buch und manchmal so vermeintlich störend in ihrer lautstarken Fülle, war versiegt. Nur stumme Leere war zurückgeblieben. Eine neuerliche Woge des Schmerzes überflutete den Grafen. Sein einziges Kind war gerade in seinen Armen gestorben.

Blutige Tränen traten ihm in die Augen und verwischten die Welt um ihn her hinter einem Schleier aus hellem rot. Doch er lief mechanisch weiter, mehr Mitreisender in seinem eigenen Körper. Eine Taubheit hatte sich auf ihn herabgesenkt. Nie, in all der Zeit, die folgen sollte, war er der Entdeckung näher, nie die Gefahr der eigenen Vernichtung gegenwärtiger als in jenen Momenten gedankenloser Taubheit, in der nichts zu existieren schien als seine Trauer und sein grenzenloser Schmerz. Der Graf sollte sich später nicht einmal daran erinnern, wie er, seinen Sohn noch immer in den Armen und an sich gepresst, wie einen Talisman, in die Gruft gekommen war, die auf der anderen Seite des Schlossareals lag. Der Morgen war noch Stunden entfernt, doch ohne nachzudenken schob er die schwere Steinplatte über dem Sarkophag zurück, in dem er für gewöhnlich schlief und bettete seinen Sohn vorsichtig hinein, ehe er sich selbst neben ihm ausstreckte und die Steinplatte mühelos zurückgleiten ließ. Mehr, wie ein verängstigtes Kind, das ein geliebtes Spielzeug in die Arme schließt, legte er Herbert in seine Arme. Er klammerte sich, wie ein Ertrinkender an die reglose Gestalt des jungen Mannes. Eine letzte, geschmacklose Parodie auf all jene Gelegenheiten, bei denen Herbert sich als Kind aus seinem Bett gestohlen hatte, um zu seinem Vater zu schleichen. Nun war er es selbst, der sich verzweifelt an den Jungen klammerte, ihn im stillen anflehte, Du darfst mich nicht verlassen! Ich kann alles ertragen, solange du mich nicht alleine lässt! Zitternd lag er in der Finsternis seines Sarges wach, ehe die aufgehende Sonne Erbarmen mit ihm hatte und im tiefen Todesschlaf seine Qualen auslöschte, allein mit der Ungewissheit, ob Herbert in der kommenden Nacht wieder aufwachen würde. Vollkommen der Angst, dem Schmerz und der tiefen Trauer ausgeliefert, die ihn in ihren Klauen hielten, tat er etwas, dass er seit Wochen, vielleicht Monaten nicht mehr getan hatte. Er betete. Auch, wenn er selbst niemals hätte klar sagen können, ob um Vergebung für sein Versagen, seinen Sohn nicht genügend beschützt zu haben, für Herbert, oder darum, dass der Allmächtige ihm nicht auch noch sein einziges Kind nehmen sollte.

Author's Note:

Nachbearbeitet Juli 2022

Mir war es wichtig hier auf sein Trauma einzugehen. Wir dürfen nicht vergessen, er ist ein erst wenige Wochen alter Vampir und seiner sterblichen Existenz noch sehr nahe.