Kapitel 11: Niemals mehr allein...
Dunkelheit umfing ihn als Herbert wieder zu sich kam. Der Geruch trockenen, alten Steins und der schwächere, nach der leicht feuchten Ausdünstung unterirdischer Gewölbe, vermischt mit einem Bukett, das ihm seit frühester Kindheit vertraut war. Ein Duft, in dem sich Sandelholz und Lavendel mischten und der keinen Zweifel über denjenigen zuließ, zu dem er gehörte. Er wusste, dass er nicht allein war, noch bevor er sich des Gefühls von langen Haaren und Brokat unter seiner Wange bewusst wurde. All das vermischte sich zu einem einzigen Eindruck: Bekannt, tröstlich und von Kindesbeinen an vertraut Vater! Gütiger Himmel, waren sie immer noch in diesem feuchten alten Keller? Seine Erinnerungen der letzten Nacht waren nicht sehr klar. Er konnte sich nur noch bruchstückhaft an die letzten Ereignisse entsinnen. Der Angriff... der Mann, oder die Kreatur, die in angegriffen hatte. Die letzte klare Erinnerung war die an seinen Vater, wie er diesen Bastard von ihm wegzerrte. Danach, nur noch ein Chaos von nicht zusammenpassenden Eindrücken. Herbert öffnete die Augen und hob den Kopf. Es war dunkel, stockdunkel sogar, und er lag neben seinem Vater ausgestreckt in einem engen Raum. Moment, das war kein Traum! Gütiger Himmel, war das die Innenseite eines Sargs? Sein Vater lag scheinbar entspannt ihm gegenüber, ausgestreckt auf der Seite und sah ihn ruhig und ernst an. Vielleicht ein wenig traurig. Aber nicht so als sei diese ganze makabere Geschichte weiter ungewöhnlich. Der junge Mann lies den Kopf wieder auf die Brust seines Vaters zurück fallen. „Ich träume das hier nur. Wenn ich später aufwache, sitzt Ihr neben mir an meinem Bett und erzählt mir, wie töricht ich gewesen bin. Oder ich wache auf und stelle fest, dass ich das, an das ich mich zu erinnern glaube geträumt habe und du wirst mich ermahnen, dass ich mich ernsthaft um eine geeignete Partie sorgen soll." „Ich fürchte, weder noch, mein Sohn. Du bist wach. Und was du um dich herum gesehen hast, ist kein Traum, sondern die Wirklichkeit." Herbert hob den Kopf und sah seinen Vater fragend an. Statt ihm zu antworten hob sein Vater einen Arm und mit einem Knirschen glitt der schwere Granit des Sarkophagdeckels zurück. Frische Luft strömte herein. Ehe Herbert sich versah, war sein Vater auf den Beinen und zog ihn mit sich. Sie standen in der stockdunklen Gruft des Schlosses. Neben ihnen der offene Sarkophag, der neben dem seiner Mutter stand. Herbert schüttelte den Kopf. „Das wird immer makaberer." Graf von Krolock seufzte und schüttelte traurig den Kopf. „Hast du es noch nicht begriffen? Du bist tot, Herbert. Du bist vergangene Nacht gestorben." „Jetzt weiß ich ganz sicher, dass das ein Traum ist! Wenn ich gestorben bin, wie kommt es dann, das wir uns unterhalten? Das muss der größte Unsinn sein, den ich jemals von Euch gehört habe, Vater!" „Weil ich auch tot bin", erwiderte er tonlos. ,,Ihr meint, wir seien beide tot und das ist das Jenseits?" Herbert sah sich spöttisch um. „Ein seltsamer Anfang, oder nicht? Außerdem, ich kann mich daran erinnern, dass du, als ich dich das letzte Mal gesehen habe, durchaus lebendig und warst." „Du hast geglaubt, dass ich lebendig bin, Herbert. Das ist ein Unterschied. Du hast geglaubt, was du glauben solltest. So, wie der Rest dieser Grafschaft." Sein SOhn taxierte ihn argwöhnisch. „Was... was meint Ihr damit?" Der Sohn des Grafen schluckte. Die Vorstellung, dass er doch nicht träumte, begann sich zu festigen.
„Ich verstehe das alles nicht, Vater." Der Graf schloss mit einem tiefen Seufzen für einen Moment die Augen, ehe er antwortete. „Mein Angreifer in jener Nacht im Wald war ein Vampir, Herbert. Ebenso, wie der, der dich letzte Nacht in den Kerkergängen angegriffen hat. Im Gegensatz zu dir, wollte mein... Schöpfer nicht, dass ich gleich sterbe. Er hat zugelassen, dass ich noch ein wenig Kraft zum kämpfen hatte, aber innerhalb der nächsten Tage sterben würde. Wohl wissend, was mein Schicksal sein würde und unfähig es zu verhindern. Du hingegen warst für deinen Angreifer lediglich ein Racheakt…und eine Mahlzeit." „Aber was... wie?" „Es gibt andere als nur dich und mich. Sie hausen in einer verfallenden Ruine im Wald. Ich kann nicht zulassen, dass sie unkontrolliert alles und jeden angreifen, wie sie es wohl für eine sehr lange Zeit taten. Ich bin der Herr dieser Grafschaft. Ich kann nicht dulden, dass sich jemand über mich stellt. Und das stößt nicht bei allen auf Zustimmung. Tatsächlich sind wir beide jünger als die anderen. Aber die Notwendigkeit, auch weiterhin als Graf zu fungieren, erfordert, dass ich sie, wie alle anderen Bewohner, die mir ihre Lehnstreue schulden, unter meine Obhut nehmen muss, zum Wohle aller, wie du verstehen wirst. Doch ich fürchte, mein Anspruch wird... angefochten. Du warst letzte Nacht dem Tod sehr nahe, mein Sohn. Ich hatte nur zwei Möglichkeiten: dich sterben zu lassen, oder dich zu dem zu machen,was ich bin. Vergib mir, dass ich ersteres nicht zulassen konnte. Du bist letzte Nacht gestorben. Du bist kein Mensch mehr, du bist nun einer von…uns.. Du bist tot, aber du lebst."
Herbert betrachtete seinen Vater mit großen Augen, fast wie ein Kind, das versucht, etwas zu begreifen, dass nur bedürftig innerhalb seiner Fähigkeit zu verstehen liegt. „Und …. Mutter?" Graf von Krolock schloss die Augen und presste die Lider einen Moment lang fest zusammen. Elisabeths Gesicht stand ihm schmerzlich deutlich vor Augen, ihr Lächeln... Verloren. Durch seine Schuld. „Es war meine Schuld. Ich hätte sie genauso von mir fern halten müssen wie dich. Ich hätte wissen müssen, dass ..." Er stockte, weil er die schrecklich Wahrheit Herbert gegenüber einfach nicht laut aussprechen konnte. Während der Graf um die nötigen Worte rang, trafen sich für einen Moment lang ihre Blicke. In den Augen seines Sohnes lag Unglauben, eine störrische Weigerung, die grauenvolle Wahrheit zu akzeptieren. Einen Augenblick noch und er würde ihn mit dem Hass ansehen, den er verdiente und von dem Victor dennoch wusste, dass er ihn nicht ertragen konnte. Graf von Krolock zog den Dolch hervor, den er stets bei sich trug und presste die Waffe, die noch in ihre Scheide steckte in Herberts Hand. Er war jetzt vollkommen unbewaffnet, und sein Sohn kannte ihn genug, um diese Geste zu verstehen. Mit gesenktem Kopf sank er vor Herbert auf die Knie. „Wenn du meiner Existenz ein Ende bereiten willst, dann tue es! Ein Holzpflock durch mein Herz genügt, oder du lässt mich gefesselt zurück während die Sonne aufgeht. Das sollte allerdings besser nicht im Schloss geschehen. Du wärst sofort der nächste, wenn sie argwöhnen, dass ich meinen Fluch an dich weitergegeben habe. Falls sie dich nicht sofort als den Sohn des Monsters töten. Aber wenn du mich verbrennen willst, musst du mich früh genug an einem geeigneten Ort meinem Schicksal überlassen, oder du wirst vielleicht nicht rechtzeitig hierher zurück kommen. Es ist dein gutes Recht und ich habe es verdient. Wofür auch immer du dich entscheidest, ich werde mich deinem Urteil unterwerfen." „Seid Ihr denn von Sinnen?", rief Herbert entsetzt. Der Dolch schlug auf dem Steinboden auf. Euch töten? Wie könnte Ihr so etwas auch nur denken?", ereiferte sich Herbert hitzig. „Du kannst mir nicht verzeihen, was ich getan habe!" Graf von Krolock sah Herbert direkt an. „Ich kann es selbst nicht! Wie solltest du dazu im Stande sein?" „Das müsst Ihr schon mir überlassen!
Aber ich werd Euch nicht damit bestrafen, in dem ich dafür sorge, dass Ihr Euch den Konsequenzen Eures Handels entzieht! Ihr sagt ihr habt Euren Fluch an mich weitergegeben. Dann bringt mir jetzt bei wie man damit umgeht! Wenn das jetzt mein neues Leben sein soll, dann bringt mir bei wie man etwas angenehmes daraus macht! Ihr wollt meine Vergebung? Dann dürft ihr mich nicht alleine diesem Zustand überlassen! Ihr seid alles was mir geblieben ist." „Meine Strafe wird es also sein weiter zu existieren und diese Schuld zu ertragen." Graf von Krolock nickte knapp und seufzte tief. "Du bist ein strenger Richter, Herbert. Aber ich akzeptiere ein Urteilt. Du hast mein Wort. Ich werde dir beibringen, was ich weiß und du wirst nicht alleine sein. Aber ich kann nicht verstehen, wie du nach allem was du jetzt weißt, auch nur meinen Anblick erträgst. Ganz gleich was du sagst, ich habe deine Vergebung nicht verdient, es ist falsch sie mir auch nur in Aussicht zu stellen." „Genug, Vater! Wenn du es nicht kannst, dann sollte es wenigstens einer von uns beiden tun." Der Graf warf ihm einen argwöhnischen Blick zu. Für einen weiteren Moment sahen sich die beiden wortlos an. ,,Ich habe buchstäblich dein Blut getrunken, ich weiß das schlimmste von dir, was man über eine andere Person wissen kann. Denkst du nicht, es sei an der Zeit, zum Du überzugehen? Victor sah ungläubig zu Herbert auf. "Ich bin derjenige der eine vertrauliche Anrede nicht mehr verdient, Herbert! Niemand kann mir Nachsicht gewähren für das, was ich getan habe." „Nun, jemand sagte mir einmal, ich sein wahrhaftig der Sohn meiner Mutter. Aber ich bin auch deiner. Würde ich anders handeln, wer bliebe mir noch? Wir werden uns beide daran gewöhnen müssen. Aber ich erwarte von dir, dass du aufhörst mich wie eine meine Muhmen zu behandeln. Dieses Verhalten ist mir unerträglich! " Graf von Krolock betrachtete Herbert mit einem durchdringenden Blick. Er meinte es ernst. Jedes Wort. Vielleicht waren die verzweifelten Gebete der letzten Nacht erhört worden. Auch wenn er es noch so wenig verdient hatte. „Gesegnet seist du, Herbert." Es war kaum mehr als ein Flüstern. Dann streckte er die Arme nach ihm aus. „Komm zu mir." Der junge adlige ließ sich das nicht zweimal sagen. Mit wenigen Schritten stand er neben seinem Vater. Doch bevor er sich zu ihm knien oder ihn auf die Füße ziehen konnte, lehnte Victor die Stirn gegen seine Brust.
Verwirrt und unsicher darüber was er tun sollte, legte ihm Herbert einen Arm um die Schultern und strich mit der anderen unbeholfen über den Kopf seines Vaters. Der Mann, den er zu kennen glaubte, verlor nicht derart die Fassung, er ließ sich nicht so einfach gehen. Doch was immer die Zukunft bringen würde und was auch immer nun aus ihnen beiden geworden war, es vereinte sie nun umso mehr. Er wird sich wieder fangen... Er wird wieder auf die Beine kommen. Kaum hatte er das gedacht, erhob sich der Graf unvermittelt. Herbert sah ihn leicht von der Seite an, bereit ihn für dieses höchst ungewöhnliche Schauspiel aufzuziehen. Doch die spöttisch scherzhaften Worte erstarben, noch bevor sie seine Lippen erreichten. In den ruhelosen Augen seines Vaters stand kalter Zorn und sein Gesicht war angespannt und grimmig. Er hätte den Leibhaftigen zu Tode erschrecken können, so wie er Herbert jetzt ansah. „Vater, was..." „Es gibt eine Rechnung zu begleichen", antwortete Graf von Krolock, seine Stimme kalt und hart. „Und genau das gedenke ich zu tun! Sie werden für ihren Ungehorsam und diesen Frevel bezahlen, das schwöre ich!" Herbert runzelte verwirrt die Stirn. Er begriff nur unvollständig. Die wenigen, knapp zusammengefassten Tatsachen, die ihm genannt worden waren, verbanden sich nur sehr langsam zu einem sinnvollen Gesamtbild. Außerdem fühlte er sich schwach und hungrig, was ihn zusätzlich etwas benommen machte. Für einen Moment entspannte sich die Gesichtszüge des Grafen als er seinen Sohn anblickte. „Dein sterbliches Leben haben sie dir genommen, mein Sohn. Und dafür werde ich sie zur Rechenschaft ziehen. Was für ein Vater wäre ich dir, wenn ich das ungesühnt auf sich beruhen lassen würde? Du bist völlig verwirrt, armer Junge, ich weiß. Aber deine Fragen müssen warten. Noch. Ich kann das hier nicht auf sich beruhen lassen. Und ich werde keine Ruhe finden, ehe getan ist, was getan werden muss. Du würdest in mir keinen zumutbaren Gesprächspartner finden, ehe dies getan ist. Du hast Fragen, du hast Hunger, ich weiß. Glaube mir, ich verstehe, was ich von dir verlange, aber kannst du geduldig sein, bis ich wieder zurück bin?" Herbert nickte. Ein simples Ja, Vater, wäre ihm im höchsten Maße unpassend erschienen. Sein Lohn war das viel zu selten gewordene Lächeln seines Vaters, so offen und voller Wärme, wie er es von Kindesbeinen an kannte. Die langen Eckzähne taten dem keinen Abbruch. Er war stolz auf ihn, er konnte es fühlen. Eine lange, magere Hand drückte einen Moment lang Herberts Schulter. „Warte hier auf mich. Verlasse dieses Gewölbe unter gar keinen Umständen! Und tue nichts, was das Gesinde auf dich aufmerksam machen könnte. In deinem jetzigen Zustand darfst du ihnen nicht nahekommen. Um deiner und ihrer Sicherheit willen, gleichermaßen. Versprichst du mir dich daran zu halten?" „Ich verspreche es, Vater." Mit einem leichten Nicken wandte der Graf sich um, und an der Art und Weise, wie er davonschritt, wusste Herbert nur allzu gut, dass jemand in dieser Nacht seinem schlimmsten Alptraum begegnen würde.
„Hauptmann, Hauptmann!" Ohne zu klopfen kam der junge Bursche, der erst seit einigen Wochen zur Wachmannschaft des Schlosses gehörte, in das Wohnzimmer Hauptmann Alberts gestürmt. Milde lächelnd wandte sich der alte Soldat ihm zu und achtete nicht auf seine Frau, die dem Burschen über ihrer Näharbeit beim Feuer hinweg vielsagende Blicke zuwarf. „Ja, Wladislaw, was gibt es?", fragte er milde zu dem kaum 15 Sommer alten Burschen. Er war gekleidet in die Uniform der Schlosswache, es musste ihn wohl jemand hergeschickt haben und es war nicht wieder eine übereifrige Idee, die ihn hierher brachte. Auch, wenn es nicht das erste Mal gewesen wäre, dass der junge Wladislaw die Zeit und die Tatsache, dass der Hauptmann gerade nicht im Dienst war, vergessen hätte. In diesem Schloss war eigentlich nur Graf von Krolock jederzeit ansprechbar, wenn es dringend war, ohne dass der Herr deshalb ungehalten geworden oder sich gestört gefühlt hätte. Bis vor einigen Wochen jedenfalls. Seither hatte er Anweisung gegeben, sich bei Tage an den jungen Herren zu wenden, wenn es Angelegenheiten gab, die der Aufmerksamkeit des Grafen bedurften. „Leutnant Jaromir hat mich angewiesen sofort zu berichten, dass der Graf befohlen hat, sein Pferd sattelnzulassen. Aber es ist nicht Anweisung gegeben worden, eine Eskorte für ihn bereitzuhalten! Hauptmann, er möchte das Schloss allein verlassen! Und Ihr hattet Anweisung gegeben, Euch zu benachrichtigen, sollte er das tun!" Fluchend kam Albert auf die Beine. „Teufel auch! Bestelle deinem Leutnant, ich werde mich darum kümmern. Gut gemacht, Wladislaw! Jaro hätte keinen zuverlässigeren Boten schicken können. Bestelle ihm mein Kompliment für seine Loyalität. Und nun beeile dich! Erstatte deinem Leutnant Bericht und dann fort auf deinen Posten mit dir!" „Jawohl, Herr Hauptmann!" Und ohne einen weiteren Gruß oder eine Entschuldigung für die Störung, hastete er hinaus und schloss die Tür viel zu energisch
Albert's Frau schüttelte missbilligend den Kopf. Doch er selbst machte nur eine wegwerfende Handbewegung.
„Ich sollte mir wohl Seine Exzellenz vornehmen, Katka. Irgendjemand musste ihn dieser Tage zur Vernunft bringen. Und Jaromir hat keine Chance gegen diesen Dickschädel. Ich schwöre, er ist der schlimmste Sturkopf, den diese Familie je hervorgebracht hat. Auf mich wird er hören, du wirst sehen! Man kann ihm schlechterdings verübeln, dass er in letzter Zeit etwas neben sich steht, nach allem was der Mann hinter sich hat." Er verabschiedete sich mit einem flüchtigen Kuss auf ihre Stirn und hastete davon, ohne sich lange damit aufzuhalten, dass er gerade nicht seinen Waffenrock trug. Aber innerlich fluchte Albert. Dieser Mann wird immer schlimmer! Was ist nur wieder in ihn gefahren? Ich schwöre, seit die Herrin nicht mehr da ist, um ihm den Kopf zurecht zu setzen, wird er von Tag zu Tag eigensinniger! Und die jungen Burschen der Wachmannschaft kommen immer weniger mit seinen schwankenden Launen zurecht.
Er erreichte ihn gerade noch, als der Graf sich anmutig in den Sattel schwang, während ein Stallbursche seinen Rappen am Zügel hielt. Victor von Krolock trug Reitstiefel und einen schlichten dunklen Mantel. Doch der Schein der Fackeln verriet ein besticktes Hemd mit einem breiten Ziergürtel unter dem offenen Mantel. Niemand, der ihn so gut kannte, wie Hauptmann Albert, hatte ihn je so zu Pferd gesehen. Er hatte sich offensichtlich in aller Hast und etwas nachlässig umgekleidet. „Herr, Ihr wünscht doch wohl nicht zu dieser späten Stunde ohne Eskorte ausreiten?" „Wie Ihr seht habe ich es eilig, Hauptmann", entgegnete sein Herr kühl, während er die Zügel vom Stallburschen entgegen nahm.
Ein bestimmter Ton in der Stimme des anderen Mannes warnte Albert, dass er in diesem Moment mit Vorsicht zu genießen war. „Ich kann mich nicht damit aufhalten zu warten, während Eure Männer ihre Pferde satteln." Verfluchter Dickschädel! Als hättet Ihr nicht gleich Anweisung geben können, eine Eskorte zusammenzustellen, als ihr danach schicktet Euer Pferd satteln zu lassen, wenn Ihr nur gewollt hättet!, dachte der Hauptmann verbittert, aber er antwortete bestimmt und mit dem seinem Lehnsherrn gebührenden Respekt. „Ich bitte Euch, Exzellenz, denkt an das letzte Mal, dass Ihr ohne Eskorte fortwart! Ihr gabt Euer Wort, Herr." Den letzten Satz sprach er leise und mit der Andeutung einer gewissen Intimität, die in den langen Jahren, die er diesem Mann diente, zwischen ihnen gewachsen war. Auch wenn sie gewisse Schranken, die ihren unterschiedlichen gesellschaftlichen Stellungen entsprach, nie überschritten hatte.
Tatsächlich hatte Victor von Krolock in all der Zeit, die sie einander kannten, dergleichen häufig gelobt, ohne es jemals ernsthaft in die Tat umzusetzen. Hauptmann Albert erinnerte sich all der Geschichten, die sein alter Hauptmann erzählte als er als junger Bursche bei der Wache in Dienst genommen wurde. Eine Eskorte hatte er meist eher als Zugeständnis an seinen Hauptmann, als persönlichen Gefallen, den er dann und wann gnädig gewährte, akzeptiert. Und Albert hatte es immer gewusst. Das er ihn jetzt darauf festzulegen suchte, sprach für die lange Zeit, die sie einander kannten, für die Tatsache, dass es im Schloss zu recht hieß, Hauptmann Albert stehe gut mit dem Grafen, oder genieße Graf von Krolocks besonderes Wohlwollen. Er hatte sich darauf nie weder etwas eingebildet, noch hatte er es je für seine eigenen Zwecke missbraucht oder genutzt, dass sein Herr ihm spürbar gewogen war. Doch diesmal war er bereit, es darauf ankommen zu lassen. Irgendein armer Narr muss ihn vor seiner eigenen gottverfluchten Leichtfertigkeit bewahren!
„Lasst wenigstens mich Euch begleiten, Exzellenz." Der Graf fuhr ungewohnt ungehalten im Sattel herum. Offensichtlich hatte Hautmann Albert gerade eine unsichtbare Grenze überschritten. Ungewöhnlich für diesen Mann. Äußerst ungewöhnlich. Seine Augen hart, wie Stahl und das hagere Gesicht, angespannt, wie heute hatte er ihn nie zuvor gesehen. Gütiger Herr, er hätte Stein und Bein geschworen, dass er jedes Mal noch dünner wurde, als beim letzten Mal, wenn er ihn dieser Tage zu Gesicht bekam. „Es schien mir, als sei immer noch ich Herr dieser Grafschaft, und nicht Ihr, Hauptmann Albert!", zischte er. „Wenn ich eine Eskorte benötige, bin ich selbst im Stande zu veranlassen, dass eine solche bei meinem Aufbruch bereitsteht! Ich brauche weder ein Kindermädchen, noch einen Wachhund!
Wenn Ihr auf Wache seid, dann kehrt gefälligst auf Euren Posten zurück und wenn nicht, dann widmet Eure Fürsorge und Aufmerksamkeit Eurer Frau. Ihr habt den Vorzug eine Gattin zu haben, die noch lebt!" Damit stieß er dem Rappen unsanft die Hacken in die Flanken und jagte im Galopp über den Hof und zum Tor hinaus.
Der Hauptmann blieb wie vom Donner gerührt stehen und sah dem Graf nach. In all den Jahren, die er Graf von Krolock kannte, hatte sein Lehnsherr ihn nie so angefahren. Er konnte an einer Hand abzählen, wie oft sein Herr in den 25 Jahren, in denen er hier diente, die Beherrschung verloren hatte. Und niemals so, wie heute Nacht. Etwas stimmte nicht. Ganz und gar nicht. Zu der zur Salzsäulen erstarrten Wachmannschaft rief er hinauf: „Seit ihr fertig mit Däumchen drehen? Na, los, ihr habt es gehört, zurück auf eure Posten! Er wird schon zurück kommen. Mag sein, er hat von seinen Schwestern Nachricht bekommen. Der Umgang mit dieser Bagage hat ihm noch nie gut getan. Jetzt bewegt eure faulen Ärsche!" Umgehend verschwand die angespannte Stille und auf den Wehrgängen kehrten wieder die vertrauten Geräusche der Wachmannschaft in der Nacht ein. Nun, diese Gefahr war erst einmal gebannt. Er hatte den Männern einen Grund gegeben, den sie glauben würden. Bis morgen früh würde es ein Gerücht sein, das Wurzeln geschlagen hatte. Habt ihr es schon gehört? Der Graf hat von seinen Schwestern Nachricht! Und sie haben ihm zugesetzt - wie immer! Seine Exzellenz war völlig aufgelöst... Und weiteres unsinniges Zeug. Der Hauptmann schüttelte den Kopf. Genau betrachtet war der Graf ihm jetzt sogar eine Gefälligkeit mehr schuldig, als ohnehin. Nun, er hatte ebenfalls einen Befehl erhalten, nicht wahr? Er war nicht auf Wache heute Nacht. Und er hatte Katka zumindest einiges zu erzählen, sobald er zum Feuer in seinem bescheidenen Quartier zurückkehrte.
Unterdessen jagte der Graf in halsbrecherischem Tempo durch den Wald. Auf schnellstem Weg zur verfallenden Ruine. Der Zorn, vom dem Hauptmann Albert einen Vorgeschmack erhalten hatte, war alles andere als verraucht. Wenn überhaupt, dann hatte der Zwischenfall im Schlosshof ihn noch genährt. Und für etwa eine halbe Meile bedachte er den Soldaten im Geiste mit Flüchen und Schmähungen. In seinem Inneren brannte eine solche Raserei, dass er das Gefühl hatte, sie kaum körperlich beherrschen zu können. Eine schreckliche, sengende Wut, die mit jedem Moment der verging, stärker und stärker wurde. In mehr als 40 Jahren war er niemals so aufgebracht gewesen. Es war ein Gefühl, das kaum noch menschlich war. Der Graf wusste genau, was er Mircea da abverlangte, war unvernünftig und selbstsüchtig. Aber er fühlte einen Hass in seinen Adern brodeln, der ihn schier erstickte. Es war höchste Zeit, dass er jene Ausgeburten der Finsternis in ihre Schranken wies. In dieser Nacht würde untotes Blut fließen für den Frevel der letzten Nacht. Das Tier schien zu fühlen was in ihm vorging, selbst als er dem Hengst in der Nähe des Gemäuers erlaubte langsamer zu traben, gehorchte er ohne Zögern als er ihn von der Straße fort und bis in das verfallene Gebäude selbst lenkte. Sie waren kaum angekommen als der Graf vom Pferd sprang. Dieses Mal war es ihm gleich, ob er den Hengst später suchen musste. Er überließ ihn ohne weiteren Gedanken seinem eigenen Willen. Stattdessen stürmte er wie ein zorniger Wolf durch die Kapelle und ihre Ausläufer. „Ich weiß, dass ihr hier seid. Kommt heraus! Augenblicklich!" Es brauchte nur wenige Momente, ehe sie alle versammelt waren. Sie kamen aus den Schatten und dem gähnenden Schlund der Gewölbe unter diesem wahrlich gottverlassenen Ort. Herausgeputzt in die Pracht vergangener Zeiten, manche sogar passend zu ihrer Kleidung frisiert, sauberer und besser hergerichtet als er sie zuletzt gesehen hatte. Doch nie hatte er diese Geschöpfe mehr gehasst als jetzt. „Wer von euch ist es gewesen? Ich schwöre euch bei meinem verkommen Leben, ihr seid alle ein Haufen Asche, bevor der Morgen graut, wenn ihr mir nicht antwortet!" Stille. Und dann… „Herr, wir wissen nicht einmal, wovon Ihr sprecht", ließ sich eine silberhelle Stimmer vernehmen. Es war ein Geschöpf, das ihm vorher kaum aufgefallen war. Sie war noch eine junge Frau, ehe sie zu einer blutsaugenden Kreatur geworden war. Im Leben musste sie ein hübsches Ding gewesen sein, mit ihren üppigen hellen Locken. „Wollt ihr mich zum Narren halten? Ich soll euch glauben, das Borislaw in mein Schloss eindringt, um meinen Sohn zu töten und keiner von euch Scheusalen weiß etwas davon? Ich habe euren Schwur in Blut! Und Blut ist es, was ich von jedem fordern werde, der damit zu tun hatte! Wer mir nicht gehorcht, ist des Todes! Ihr alle seid es, wenn ihr mir nicht antwortet!" „Er... glaubte, dass ein Gewölbe unter dem alten Turm, das wir kürzlich entdeckten, bis zu eurem Schloss führen könnte." Die tiefe Stimme war zögerlich und als sie vor trat, in einem grauen Atlaskleid, das seiner Mutter gehört hatte, hätte Graf von Krolock sie kaum wieder erkannt. „Und warum hast du ihn nicht aufgehalten?", zischte er. „Er war der Älteste unter uns..." „Der einzige Älteste, den ihr noch habt, bin ich! Ich bin euer Graf, der Herr über eru Leben und euren Tod! Ihr habt mir zu antworten für eure Taten und ihr habt keinen Anführer außer mir! Ihr habt Euren Schwur ebenso gebrochen wie Borislaw, Hildiko. Das ist das Ende deiner Ewigkeit!" Die Untote senkte den Kopf, sagte jedoch nichts mehr. „Wer wusste noch davon?", fuhr Graf von Krolock fort, ebenso hart und kalt, wie zuvor und mit einer Stimme, die alle Menschlichkeit verloren hatte. „Wird's bald? Oder muss ich dafür sorgen, dass meine Bauern ein Freudenfeuer veranstalten, das uns alle verzehrt?" Eine Gruppe weiterer Vampire löste sich aus der Menge. Manche freiwillig. Andere wurden gestoßen. Bemerkenswert. Natürlich kannten sie die Anführer, ganz gleich, was sie ihm zuerst hatten vormachen wollen. Er fixierte die Gruppe. Es waren fünf, Hildiko nicht mit einberechnet. Vermutlich der Kern von Kastor's Anhängerschaft. Männer und Frauen gleichermaßen. „Eure Gründe interessieren mich nicht. Ihr habt euren Eid gebrochen, ihr habt den Befehl eures Grafen missachtet. Ihr verdient es nicht mehr, weiterhin zu existieren. Ich kann keine Kreaturen von zweifelhaftem Gehorsam in meiner Grafschaft dulden! Und als geschädigter Vater verlange ich den Ausgleich eurer Schuld, in Blut!" Aus einer Tasche Satteltasche nahm er einige Dutzend Ellen Seil und warf es einem der übrigen Burschen zu. „Bindet sie an die Bäume entlang des Saums der Lichtung. Vorwärts! Und besorgt mir genügend Holzpflöcke für jeden von ihnen!" Sie gehorchten. So oder so, das Exempel, das er heute Nacht statuierte, würde dafür sorgen, dass sie ihm nie wieder trotzen würden. Es würde keine weitere Warnung mehr geben, nur noch Vernichtung für sie alle. Für eine Weile herrschte reges Treiben. Eine Anzahl Vampire band die Verurteilten fest, während der Rest sich um die Beschaffung der vom Grafen geforderten Holzpflöcke kümmerte, während Victor, wie ein grimmiger Racheengel über das Geschehen wachte. Schließlich übergab jenes gelocktes Mädchen ihm fast schon schüchtern die improvisierten Holzpflöcke. Das frische Holz der Äste war fast halb so dick wie seine Handgelenke, und sorgfältig im tödlichen spitzen Winkel zerbrochen worden, wie er befriedigt feststellte. Nach dem die Anführer wie befohlen fest gebunden waren, jeder an einem kräftigen alten Baum entlang dem Saum der Lichtung, zog er unter seinem Mantel seinen Dolch hervor. Jene gravierte Klinge, die auch Kastor zu Fall gebracht hatte. Der Reihe nach schlitzte diese Klinge die Kehle der Übeltäter auf, ehe ihm oder ihr mit einem der Pflöcke das Herz durchbohrt wurde. Graf von Krolock scherte sich nicht darum, dass er seine Kleidung verschmutzte und Gesicht und Hände von Blut bespritzt wurden. Er tat was getan werden musste und besänftigte seinen eigenen Durst nach Rache.
Aus einigen Fuß sicherer Entfernung beobachtete ihn die restliche Gruppe der Vampire dabei, wie er seinen Blutpreis einforderte. Die letzte war Hildiko. Und an ihrem Rock wischte er die Klinge des treuen Dolchs ab, bevor er ihn in seine Scheide zurück steckte. „Bindet sie nicht los! Die aufgehende Sonne soll ihr ein endgültiges Ende bereiten! Verbrennt, was von ihrer Kleidung übrig bleibt. Ich werde das morgen Nacht kontrollieren. Ihr wisst, was euch bevorsteht, solltet ihr mir nicht gehorchen. Das ist meine letzte Warnung. Ich werde euch keine Schonung mehr gewähren! Habt ihr mich verstanden?", polterte der Graf. Undeutliches Gemurmel. „Ich kann euch nicht hören!", rief der Graf ungeduldig. „Ja, Eure Exzellenz", kam es vielstimmig und deutlicher zurück. „Diese Tunnel werden verschlossen werden. Ich will niemanden von Euch ohne meine ausdrückliche Einladung oder einen direkten Befehl in meinem Schloss sehen, ist das ein für alle Mal deutlich?" „Ja, Exzellenz", kam das vielstimmige Murmeln erneut. "Seht zu, dass ihr euch daran haltet, sonst..." Er lies den Satz unheilvoll in der Luft hängen. Er drehte sich um und ging davon. Er musste nur wenige Schritte gehen, bevor er Mircea wiederfand. Der Hengst hatte sich nicht weit entfernt. Hätte er einen größeren Vertrauensbeweis fordern können? Wohl kaum. Dankbar tätschelte er dessen Hals, ehe er sich wieder in den Sattel schwang und der Hengst war nur allzu bereitwillig, diesen unheilvolle Ortes zu verlassen.
Etwa eine Stunde später kehrte Graf von Krolock in wesentlich gezügelterem Tempo zurück. Gesicht und Hände an einem versteckten Bach im Wald von verräterischen Blutspuren gereinigt und die schlimmsten, offensichtlichen Blutflecken so gut es ging von seiner Kleidung entfernt. Er wusste nur allzu gut, dass er bei seinem Gesinde nicht mehr Aufsehen erregen durfte als nötig. Vermutlich sollte er sich morgen Abend Albert kommen lassen, um sich zu entschuldigen. Er konnte wahrhaftig nicht noch mehr Gerede brauchen. Im Hof angekommen stieg er würdevoll vom Pferd und warf einem der Torwächter im Vorbeigehen die Zügel zu. „Jaromir!" „Eure Exzellenz!" Die Gestalt des Leutnants erschien über der Brüstung des Wehrgangs nicht weit entfernt. „Lass' mir Igor rufen, ich will ihn in meinem Arbeitszimmer sehen, sobald ich meine Kleidung gewechselt habe." „Jawohl, Exzellenz." „Und bestelle deinem Hauptmann einen Gruß. Ich habe ihm heute Nacht unrecht getan und will es wieder gutmachen. Ich möchte mit ihm sprechen. Morgen Abend, zwei Stunden vor Mitternacht soll er mich in meinen Gemächern erwarten." „Selbstverständlich, Herr." Mit einem knappen Nicken ließ der Graf den Offizier stehen und betrat gemessenen Schritts das Schloss. Er entledigte sich seiner besudelten Kleidung, kein Stück davon würde je wieder vorzeigbar sein. Er betrachtete einen Moment lang bedauernd den Reitmantel, der ihm ein teures Stück gewesen war. Dann warf er alle Kleidungsstücke ohne Umschweife in die Flammen im Kamin und beobachtete wie das Feuer sie verzehrte. Es mochte verschwendung sein, verwertbare Stücke zu verbrennen, aber er zog es vor der Dienerschaft nicht weiteren Grund für Gerede zu geben. Gekleidet in ein tailliertes dunkles Wams, dessen geschlitzte Ärmel das Leinen darunter zur Geltung brachte, und eine schlichte Hose, betrat er seine Schreibstube, wo ihn Igor bereits erwartete. Der alte Haushofmeister wollte aufstehen, wie es der Brauch verlangte, aber der Graf gebot ihm mit einer Handbewegung Einhalt. Igor war alt genug, um sein Vater sein zu können und führte den Haushalt noch immer mit sicherer Hand. Sein Alter und seine Leistungen, die er seit Jahrzehnten erbrachte, verdienten Respekt. „Igor, ich habe eine Aufgabe für Euch." „Natürlich, Herr. Stets zu Diensten." Der Graf lächelte schmal. „Igor, Ihr seid vermutlich der Einzige in der gesamten Dienerschaft, dem ich das glaube. Der Einzige, bei dem es keine bloße Höflichkeitsfloskel ist." Plötzlich kam es Igor so vor, als ob er wieder dem ratlosen, kaum fünfzehn Jahre alten Burschen von einst an dem großen, geschnitzten Schreibtisch gegenüber saß, wie so oft nach dem Tod seines Vaters. Er war wieder da, in den Augen dieses Mannes, der das strenge schwarz eines Witwers trug. Alle Welt behauptet, du bist nicht mehr Derselbe, wie früher, Victor von Krolock, dachte Igor. Aber sie könnten sich nicht mehr täuschen. Alle, die erlebt haben, wie es war, als die Gräfin damals fast verstarb, müssten es erkennen. „Und Ihr seid der einzige Adlige, dem ich das glauben würde, Herr Graf", erwiderte Igor trocken. Der Blick voller Wärme und Zuneigung, der einem weiteren schmalen Lächeln folgte, zeigten Igor, dass sich wahrhaftig nichts geändert hatte, nicht das, worauf es ankam. Der Alte fühlte, wie ihm, wie früher das Herz aufging und ertappte sich bei dem Gedanken Armer Junge!, wie damals, nach dem Tod des Vaters. Noch fast ein Kind und trotz der strengen Erziehung und der guten Ausbildung, die er als Erbe hatte durchlaufen müssen, nur unzureichend auf das wahre und volle Ausmaß der Bürde und Verantwortung vorbereitet, die ihm gleich einer Last auf die Schultern geladen wurde. Oder, wie damals, als seine Tochter bei ihrer Geburt gestorben war und die Gräfin fast mit ihr. Aber Victor von Krolock war nun weder ein halbwüchsiger Bursche, noch ein verzweifelter junger Erwachsener. Ihm gegenüber saß ein reifer Mann, der die grauen Strähnen und sonstigen Spuren seines Alters mit Stolz trug. Aber das Gefühl blieb das gleiche. „Was würde ich nur ohne Euch tun, Igor?", schnitt die Stimme des Grafen in seine Gedanken. „Ihr seid wirklich und wahrhaftig die gute Seele dieses Haushalts."
„Aber deshalb habt ihr mich wohl kaum kommen lassen, Herr, um mir das zu sagen?" Direkt auf den Punkt, wie immer, dachte der Graf. Tatsächlich war es eine Eigenart, die er immer an seinem Haushofmeister geschätzt hatte. „Nein, natürlich nicht. Das wüsstet ihr auch ohne viel Worte. Igor, ich muss Euch um einen Gefallen bitten." „Ja, Herr?"
Graf von Krolock lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Ist Euch bewusst, dass die unteren Kellergewölbe des Schlosses, mit denen unter diesem verfallenden Gemäuer im Wald verbunden sind, Igor?" „Nein, Herr!" Natürlich reagierte der Alte bestürzt. Normalerweisesprach niemand über diesen Ort. „Aber es ist so, Igor. Gestern Nacht bin ich in den Gewölben gewesen und auf jemanden gestoßen, der mir versicherte, von dort herein gekommen zu sein." „Wer denn, Herr?" Der Graf machte eine wegwerfende Handbewegung. „Irgendein armer, heimatloser Teufel. Ich habe mich darum gekümmert." Gesprochen in der gelassensten Haltung, die er meistern konnte. „Aber das ist nicht das Problem, Igor. Dieser Eingang, oder vielleicht auch Eingänge, müssen zugemauert werden, unverzüglich! Ich kann nicht verantworten, die Sicherheit der Bewohner dieses Schlosses in Frage zu stellen. Wer weiß, was sich sonst noch hier einschleichen könnte. Ich würde meine Pflicht euch allen gegenüber vernachlässigen, wenn ich anders handeln würde. Ich kann einfach nicht dulden dass sich jeder hergelaufene Fremde Zugang zu meinem Haus verschaffen kann!"
„Natürlich, Exzellenz. Ganz wie Ihr wünscht." „Ich kann, wie Ihr wisst, natürlich nicht selbst alles Nötige in die Wege leiten, und..." hier seufzte der Graf gespielt. Jetzt kam der Moment, wo sich Wahrheit und Lügen unweigerlich vermischen mussten. Tiefer als die Veränderung kleiner Einzelheiten. „Igor, seit ich die Nachfolge meines Vaters angetreten habe, habt Ihr mich stets unterstützt. So oft in meiner Jugend habe ich mich Euch, im Vertrauen auf Eure Diskretion, anvertraut. Ihr habt mich nie enttäuscht. Kann ich Euch ein weiteres Mal auf ähnliche Weise behelligen und auf eure Unterstützung hoffen?" „Exzellenz, wann konntet Ihr das nicht? Ihr wisst, ich war Euch schon zugetan, als ihr ein frecher Bub wart und den alten Grafen zur Weißglut getrieben habt." Ein wehmütiges Lächeln glitt über die Züge des Grafen, als er jener Tage gedachte. „Was habt Ihr auf dem Herzen, mein Herr Graf?" Diese Aussage erinnerte Victor so sehr an seine Jugend, und daran warum er den alten Igor immer wie einen zweiten Vater geliebt hatte. Nein, mehr noch als seinen eigenen. Wie oft hatte er ihn fragen hören, Was habt Ihr auf dem Herzen, junger Herr Victor? Doch seit er selbst den Titel Graf führte, war es ihren Stellungen nicht länger angemessen, dass der Haushofmeister seinen Vorgesetzten derart anredete. Dennoch schaffte es der Haushofmeister den Geist jener Zeit heraufzubeschwören.
„Ihr wisst natürlich von meiner Krankheit." „Ja, Herr." Natürlich, wer wusste es nicht? „So unglaubwürdig es scheinen mag, es ist wahr... und mehr noch, Igor. Mehr noch, ich fürchte, mein Sohn zeigt ebenfalls eindeutige Symptome. Ich fürchte, meine Versuche, ihn durch Distanz zu schützen, haben versagt, oder waren von Anfang an zum Scheitern verurteilt. „Ist es schlimm, Herr? Geht es dem jungen Herrn gut?" „So gut es einem jungen Mann unter diesen Umständen gehen kann. Ich habe mich umgehend um ihn gekümmert und dafür gesorgt, dass er gewisse Regeln einhält, doch es wird natürlich Auswirkungen auf seine weitere Lebensführung haben." „Gewiss, Herr. Aber er kann damit leben?"„Vermutlich, aber genaueres werden wir es erst wissen, wenn ein Spezialisten uns beide untersucht hat... Ich mache mir gerade vielmehr Sorgen über dass, was man darüber unter dem Gesinde erzählen wird. Wisst Ihr, Igor, ich bin mir darüber bewusst, was man von mir sagt. Und mir ist klar, dass Geschichten wie meine... Meinungsverschiedenheit mit Pater Anselm dazu beitragen, das Gerede zu verschlimmern. Was wird man sagen, wenn nun auch mein Sohn..." „Herr, wenn es sich um eine Erbkrankheit handelt, kann man Euch wohl keinen Vorwurf machen. Ich werde mich darum kümmern, sollten Eure … Befürchtungen eintreffen." „Kein unnötiges Aufsehen erregen, Igor. Es muss nicht mehr Aufmerksamkeit darauf gelenkt werden, als unbedingt nötig. Ich bin mir jedoch darüber im Klaren, dass ich mich um eine Lösung kümmern muss, was Geschäfte betrifft, die bei Tag erledigt werden müssen und es uns beiden nicht möglich ist, zugegen zu sein. Ich kann Euch nicht noch mehr belasten. Ihr habt mit dem Haushalt mehr als genug zu tun." „Wahrlich! Wahr gesprochen, Herr, aber Ihr wisst, ich beklage mich nicht. Außerdem, ich bin hier um Euch zu dienen!", entgegnete der Alte pflichtbewusst. „Das ist nicht, was ich sagen wollte, Igor. Diese Dinge müssen zunächst ohnehin warten. Ich werde mich, sobald ich kann, damit befassen. Aber nicht in unserer gegenwärtigen Situation. Nicht, wenn ich mich ohnehin um mehrerer Dinge Sorgen muss."„Natürlich nicht, Exzellenz." „Sorgt dafür, dass die Kellergewölbe versiegelt werden. Niemand kann sich innerhalb der Schlossmauern sicher fühlen, wenn es jedem Wegelagerer gelingen kann, sich unerlaubten Zutritt zu verschaffen. Scheut weder Kosten noch Mühen, um dem Abhilfe zu schaffen. Ich wünsche, dass diese Arbeiten so schnell, wie möglich abgeschlossen werden!" „Ganz wie Ihr wünscht, Herr." „Was nun unser... vertrauliches Gespräch betrifft… ich verlasse mich auf Eure Diskretion. Nicht mehr als nötig, Igor. Und kein unnötiges Aufsehen." „Selbstverständlich, Herr Graf", nickte er beflissentlich. „Und Igor, habt Dank. Ich würde niemanden sonst darum bitten. Ich könnte mir keinen besseren Haushofmeister wünschen. Alle Reichtümer dieser Erde können Eure Dienste nicht aufwiegen." Igor lächelte ein mildes, fast väterliches Lächeln, das nicht zu einem Haushofmeister passte. „Stets zu Diensten, Herr Graf und wie immer, ist es mir eine Ehre." „Danke, das ist alles. Ich werde Euch nicht weiter Eures Schlafes berauben. Ihr dürft gehen. Gute Nacht." Der Alte erhob sich und verbeugte sich so gut es seine steifen Glieder erlaubten, eher er sich zurückzog und die Tür hinter sich schloss. Als die schweren Schritte in der Ferne verhallten, atmete Victor erleichtert auf. Der erste Schritt war getan. Auf Igor war Verlass. Gerüchte würden sich nur langsam verbreiten. So ihm das Glück gewogen war, nur solcher Art, wie der Graf es wünschte. Seine Entscheidung war getroffen. Nun galt es, sie auszuführen, um seiner und seines Sohnes Sicherheit willen.
Wenig später gesellte sich der Graf wieder zu seinem Sohn. Herbert lief unruhig in der Gruft auf und ab. Er beruhigte sich jedoch ein wenig als sein Vater ruhig und gefasst die schmale Steintreppe herabstieg. Erleichterung zeichnete sich auf dem kränklich blassen Gesicht. Herberts Gesichtsausdruck war dem Grafen aus der Kindheit des Jungen vertraut, doch an diese Blässe, die das helle Haar und die grün Augen hervor hoben, würde er sich erst gewöhnen müssen.
„Da bist du ja endlich Was hast du die ganze Zeit gemacht?", begrüßte er ihn ungeduldig. „Das, was ich dir erklärt habe, bevor ich ging. Gewisse... Kreaturen wurden zur Rechenschaft gezogen. Außerdem habe ich mich um eine Erklärung deines Zustandes bemüht , oder glaubst du, es wird niemandem auffallen, dass auch du nun bei Tag nicht mehr zu sehen bist?" Herbert senkte betreten den Kopf. Natürlich, darüber hat er mal wieder nicht nachgedacht. Aber das war im Moment auch nicht wichtig. Es genügte, dass einer von ihnen solche wichtigen Details im Auge behielt. Jetzt, da die Sicherheit aller wieder gewährleistet war, konnte er sich auf das Wesen konzentrieren, das hier und jetzt als einziges wichtig war: seinen Sohn. Er legte beide Hände auf Herberts Schultern. „Es tut mir leid, mein Sohn. Du musst hungrig sein und für dich muss es jetzt so aussehen, als ob mir meine Rache wichtiger ist, als du." „Es ist in Ordnung, Vater. Ich weiß ohnehin nicht, ob ich es tatsächlich Hunger nennen würde. Ich fühle mich wackelig und..." Er seufzte. „Es brennt und ich fühle mich kalt, von innen heraus." Graf von Krolock sah seinen Sohn mit hochgezogenen Brauen in die Augen. „So wird sich der Hunger ab jetzt anfühlen, Herbert. Du brauchst Blut und du sollst es haben." Er zog die Ärmel von Hemd nach oben und entblößte seinen Unterarm. Der junge von Krolock runzelte die Stirn. „Was tust du da? Was hast du vor?" „Ich kann dich in deinem Zustand nicht auf das Schloss loslassen! Aus diesem Grund hast du mir versprechen müssen, dass du die Gruft nicht verlassen wirst. Ich habe auf dem Rückweg gejagt, ich werde mein Blut mit dir teilen. Aber merke dir meine Worte: Das wird das letzte Mal sein!" Herbert runzelte etwas verletzt die Stirn und der Graf erkannte, dass dessen eigene Verwandlung, so fern er sich daran klar erinnern konnte, eine vollkommen andere Erfahrung war als seine eigene. Für seinen Sohn war es vielleicht nicht so unangenehm gewesen, wie für ihn selbst und der Junge konnte weder den barschen Ton, noch den Grund für seine Worte verstehen. Bei allen guten Geistern! Wie soll ich ihm das nur erklären?
„Herbert, hör' mich an. Ich verabscheue es, wie es sich anfühlt, wenn ich dich mein Blut trinken lasse. Aber das hat nichts mit dir zu tun. Ich habe dich groß gezogen - ich werde immer dein Vater sein. Ich kann das nicht ablegen, wie ein getragenes Kleidungsstück." Er sah ihm ernst in die Augen und hoffte, dass der Junge verstand. „Ich fühle mich noch immer geschändet von dem, was mit mir passiert ist und es mag sein, dass ich das immer tun werde. Aber du brauchst Blut und so, wie du dich jetzt fühlst, wirst du den ersten Sterblichen anfallen, der das Unglück haben wird, dir zu begegnen. Ich bin es dir und jeder Person in diesem Schloss schuldig, dass nicht zuzulassen. Deshalb überlasse ich dir meines. Ich kann es ertragen, aus Pflicht und Loyalität dir gegenüber. Aber nicht mehr. Also bitte, lass es uns einfach hinter uns bringen." Herbert nickte, noch immer verstört, denn er hatte noch immer nicht alles begriffen. Nun, wenn er sich tatsächlich nur an wenig erinnerte, dann würde er bald wissen, was die Andeutung in den Worten seines Vaters bedeutete. Graf von Krolock bot seinem Sohn die bloße Unterseite seines linken Arms dar,„Na los. Du hast jetzt selbst Fangzähne." Herbert warf ihm einen durchdringenden Blick zu, dann gab er nach und biss zu. Graf Von Krolock fixierte einen bestimmten Punkt in der Wand mit seinem Blick, während der mittlerweile vertraute brennende Schmerz einsetzte, als Herbert begann ihm das Blut aus den Adern zu saugen. Er versuchte, sich auf seine eigenen Atemzüge zu konzentrieren, versuchte sie langsam und ruhig zu halten. Die physische Distanz zwischen ihnen half. Herbert hielt nur seinen zitternden Arm fest, nicht mehr. Er versuchte nicht, ihn mehr zu berühren, als er es musste und der Graf war dankbarer dafür, als er es hätte ausdrücken können. Er konnte Herbert jederzeit aufhalten, wenn er es wollte – denn er hatte selbst gewählt zu erlauben, dass dies geschah. Der junge Adlige trank gierig in großen Schlucken, Victor konnte seine heftigen Atemzüge hören und er lies ihn für endlose Minuten gewähren. Er versuchte nicht zu denken, die Erinnerungen weit von sich zu schieben, die vor seinem inneren Auge aufzusteigen drohten, taub zu werden für alles, was er fühlt Es gelang ihm nicht voll und ganz. Stattdessen wurde ihm bewusst, dass er allmählich das Maß dessen erreichte, was er selbst Herbert zu liebe zu ertragen imstande war. Es würde dem Jungen einfach genügen müssen.
„Genug jetzt!" Seine Stimme klang gepresst und angespannt. „Hör' auf, Herbert!" Der Junge reagierte nicht. Er hatte es befürchtet. Wäre der Graf noch sterblich, er wäre nicht lebend aus dieser Situation entkommen. So, wie er selbst in seiner ersten Nacht als Vampir, konnte sich auch Herbert nicht von dem Quell des Lebens losreißen und von dem Rest auch nicht. „Ich sagte, genug!", zischte der Graf. Er riss den Arm heftig von seinem Sohn los und trat entschlossen zurück. Mit kaltem, schmerzhaften Kribbeln schloss sich die schmerzhafte Wunde, die Herberts Zähne und seine Reaktion hinterlassen hatten. Der Jüngere stand für einen Moment verloren und desorientiert da, während sein Vater die Ärmel an ihren Platz zurück schüttelte. Als er zu seinem Sohn hinüber schaute, blickte dieser immer noch mit gebeugtem Rücken zu Boden. Doch sein Sohn schien gespürt zu haben, dass er ihn ansah, denn in diesem Moment hob er den Kopf und ihre Blicke fanden einander. Sein Gesicht wirkte entsetzt, mit dem Victor von Krolock nicht gerechnet hatte. „War es wirklich so für dich?", fragte er mit von Entsetzen heiserer Stimme und der Graf wusste instinktiv, was Herbert in seinem Geist gesehen hatte, der Junge musste die Bilder erblickt haben, die er willentlich zu unterdrücken versucht hatte. Er nickte nur stumm. „Oh Vater!" Der Graf erkannte, dass sein Sohn ihn umarmen wollte. Doch er lehnte sich, mit zu einer abwehrenden Geste zurück. „Herbert, bitte!" Er wich weitere Schritte zurück. „Nicht jetzt. Ich brauche ein wenig Abstand." Er bemerkte Herberts verletzten Gesichtsausdruck und es tat weh, zu wissen, dass er ihn mit seiner Zurückweisung verletzte. „Es hat nichts mit dir zu tun, mein Sohn. Du hast nichts getan, was anstößig gewesen wäre. Im Gegenteil. Du hast Takt und Einfühlungsvermögen bewiesen und ich danke dir dafür. Ich weiß, du bist der Sohn deiner Mutter und du kannst nicht anders, als helfen zu wollen. Aber akzeptiere, dass du es dieses eine Mal nicht kannst. Ich muss alleine versuchen, damit meinen Frieden zu machen, wenn ich es kann." Graf von Krolock senkte den Kopf und holte tief Luft, bevor er Herbert wieder in die Augen sah. „Wenn ich Dinge über dich weiß, die ein Vater nicht von seinem Sohn wissen sollte, dann sind wir jetzt quitt. Ich werde es niemals erwähnen, aber das gleiche erwarte ich auch von dir. Es wird nichts zwischen uns ändern. Aber auch wenn wir den anderen jetzt lesen können, wie ein offenes Buch, sollte es einen respektvollen Abstand zwischen uns geben. Ich habe nie versucht, in deinem Geist herumzustöbern. Das gleiche werde ich jetzt auch von dir erwarten. Es ist etwas anderes, Dinge zu hören, die sich nicht überhören lassen, aber alles andere sollte persönlich bleiben. Lass' es uns fortan so halten. Einverstanden?" Herbert nickte mit einem schmalen, etwas traurigen Lächeln. „Es gibt Dinge, die du lernen musst, mein Sohn. Im Moment ist das Wichtigste diese eine Regel: Es darf keine Tote in unserem eigenen Haushalt geben.. Sobald ich uns ohne sterblichen Anhang sicher aus dem Schloss heraus gebracht habe, werde ich dir beibringen, für dich selbst zu sorgen. Und dann gibt es Tatsachen, deren Kenntnis von nun an wichtig sein werden." „Heißt das, ich habe meinen alten Magister wieder?", fiel ihm Herbert ins Wort und in seinen Augen lag ein spitzbübisches Blitzen. „Ja, ich fürchte schon." Ein Lächeln breitete sich über Herberts Gesicht aus. „Oh, ich glaube, damit kann ich leben. Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal sagen würde, aber es ist mir so viel lieber, mich von dir lehren zu lassen, als dass du mich am ausgestreckten Arm verhungern lässt, wie man so schön sagt, während du versuchst mich zu verheiraten!" „Dafür gab es gute Gründe, wie du einsehen wirst. Außerdem dürfte ich dazu nun wirklich keine Chance mehr haben, meinst du nicht auch? Ich werde mich damit abfinden müssen, dass du mich niemals zum Großvater machen wirst." Während Herbert seinem Vater ein breites Lächeln schenkte, verdüsterte sich der Gesichtsausdruck des Grafen. „Ich hätte dich nicht in diese Geschichte hineinziehen dürfen." Herbert trat vorsichtig näher und dann legten seine Hände langsam auf die Schultern seines Vaters, der es ohne Widerwillen geschehen ließ. „Hör auf damit, Vater. Ich hätte dich auch nicht sterben lassen, wenn ich an deiner Stelle gewesen wäre. Wenn ich dich so niemals hergeben muss, ist es ein geringer Preis." „Du elender, unverbesserlicher Kindskopf. Hast du noch nicht begriffen, das dass mehr bedeutet, als das du endlich aufgeben kannst, jemals erwachsen zu werden?" „Weißt du, Vater, es ist mir gleich!" Graf von Krolock sah seinen Sohn frustriert und vorwurfsvoll an. Herbert lachte. „Schon besser, Vater. Nur zu, jetzt folgt meine erste Unterrichtsstunde. Dein Vortrag darüber, warum es mir nicht egal sein darf und über die Konsequenzen?" Graf von Krolock sah Herbert auf eine Art an, in der sich versteckte Belustigung und Verärgerung mischten. Herbert brachte ihn schier zur Verzweiflung. Konnte dieser Bengel nie etwas ernst nehmen? Seine Antwort war eine halbherzige Ohrfeige. „Ich glaube, hier ist eine Stunde über Respekt dem Lehrkörper gegenüber vonnöten, ehe ich mich einem solch gewichtigen Thema ansatzweise nähern kann." Herbert schenkte ihm ein weiteres Grinsen, das seine Fangzähne in all ihrer Pracht aufblitzen ließen. Der Graf musste es sich eingestehen, ja, es war eine Erleichterung einen Gefährten zu haben. Dieses Geheimnis zu teilen, jemand zu haben, dem er nichts vormachen musste. Und er wusste nur allzu gut, er hätte diesen Trost in keinem der Geschöpfe im Wald finden können. Was blieb, war ein wehmütiges, nachhallendes Bedauern, dass es seinen gutmütigen, leichtsinnigen Sohn hatte treffen müssen. Wehmut, nicht für seinen eigenen Verlust, sondern für all das, was Herbert nie erleben würde. All jene Aspekte und Erfahrungen, die er in seinem viel zu kurzen sterblichen Leben nie hatte kosten dürfen. Es war vollkommen natürlich als Vater nur das Beste für sein Kind zu wollen. Diesen Fluch an Herbert weiterzugeben, mochte eine fragwürdige Handlung gewesen sein, aber die einzige Alternative zu einem stillen Tod in den Armen seines Vaters. Doch wie konnte er es im Angesicht von Herberts unschuldiger Lebensfreude bedauern, gleich wie dieses 'Leben' aussehen mochte? „Mein Sohn, mein Schüler, mein Freund... Nein, ich würde dich nie für irgend jemand eintauschen und wenn es das Musterbild eines Sohnes und zukünftigen Grafen wäre." Er erwiderte Herberts Lächeln. „Komm jetzt. Es gibt viel vorzubereiten und dein Studium wartet!"
Einige Nächte später sahen Vater und Sohn gemeinsam in der entfernten Stadtresidenz des Grafen vorbei. Sie waren allein hierher geritten. Das Gepäck war ihnen vorausgeschickt worden. Unterwegs hatten sie, in einigen Gasthäusern entlang der Straßen, den Tag verbracht. Bevor sie aufgebrochen waren, hatte Herbert die untoten Untertanen seines Vaters kennengelernt. Eine beeindruckende Erscheinung waren sie gewesen. Der dunkelhaarige Graf auf seinem schwarzen Hengst und sein hellhaariger Sohn auf seinem jungen Schimmel.
„Das, mein Sohn, sind unsere unsterblichen Vasallen. Ja, Unseresgleichen, doch nicht vom gleichen Stand! Das Schicksal unserer Familie, die Schicksalsschläge der vergangenen Monate, hier haben sie ihren Ursprung!" „Wer von ihnen hat-" „Du wirst ihn hier nicht mehr finden. Er hat für seine Vergehen bezahlt, so, wie jene, die verantwortlich waren für das, was mit dir geschah. Ich nannte sie Vasallen, denn wie solche schulden sie mir die Lehnstreue. Aber ihre Stellung entspricht eher der von Leibeigenen." Die Augen des Grafen waren so kalt, wie Herbert sie selten gesehen hatte. „Sie stehen unter Eid, jeden meiner Befehle zu gehorchen. Jeder Verstoß wird mit sofortiger Vernichtung bestraft. In Anbetracht dessen was mit dir selbst geschehen ist, wird dir klar sein, dass ich auf die Belange meiner sterblichen Untertanen achten muss. Alle Bewohner des Schlosses stehen unter meinem Schutz. Doch abgesehen von jenen, die vom Schloss kommen, oder dorthin unterwegs sind, ist es ihnen erlaubt, auf Sterbliche Jagd zu machen, die sich in die entlegenen Gebiete dieses Waldes verirren. Denn auch ihre Belange darf ich nicht aus den Augen verlieren. Doch unter keinen Umständen dürfen sie Menschen zu Unseresgleichen machen, oder etwas tun, dass unsere Existenz verraten könnte. Das Recht, darüber zu entscheiden, steht allein mir zu." Herbert nickte zum Zeichen, dass er verstanden hatte. Seit früher Kindheit wusste er Anordnungen seines Vaters nicht anzuzweifeln oder ihnen zu widersprechen, zumindest nicht öffentlich. Der stählerne Ausdruck in den Augen des Graf machte ohnehin deutlich, dass nun nicht die Gelegenheit dafür sein würde. „Und nun zu euch", redete er die versammelte Gruppe der herbeigeströmten Vampire an. „Dies ist mein Sohn, Herbert von Krolock. Doch ihr habt ihn nur ‚Junger Herr', 'Herr von Krolock' zu nennen! Euer Schwur gilt auch für ihn und, wie ich, hat er keine Skrupel und wird die Drohung ebenso ausführen, wie ich selbst. Also behandelt ihn mit Respekt! Ihr braucht ihn des weiteren nicht um Milde wegen eurer angeblich so leidlichen Behandlung anzubetteln. Also behelligt ihn gar nicht erst damit. Es wäre ebenso vergeblich, sich mir gegenüber für euch zu verwenden, als wenn er desgleichen für seine Vettern und Basen versuchen würde – also seid gewarnt! Den jungen Herren sprechen zu wollen ist des weiteren kein Grund mein Schloss zu betreten. Ich bleibe bei meiner Entscheidung: Der Zutritt ist euch strengstens untersagt! Ich werde zu jedem neuen Mond hierherkommen. Eure Anliegen können zu dieser Zeit und nur zu dieser, vorgebracht werden. Ihr werdet jedoch verstehen, dass ich aus bekanntem Anlass keine Neigung verspüre, mich heute Nacht etwaigen Bittgesuchen zu widmen. Ihr werdet euch bis zum nächsten Monat gedulden müssen. Habt ihr verstanden?" Gemurmel erhob sich, doch auf eine vielsagend gehobene Braue des Grafen hin, ließ sich ein lautvernehmbares, einstimmiges ,,Jawohl, Eure Exzellenz", vernehmen. „Dem habe ich nichts weiter hinzuzufügen. Mein Sohn, es ist Zeit aufzubrechen. Der Morgen wartet nicht!" Damit hatte er sein Pferd gewendet und sie waren in Richtung Stadt aufgebrochen.
Zunächst hatte es Herbert aufgrund der frostigen Stille und der steifen Haltung seines Vaters nicht für ratsam gehalten, ihn auf sein Verhalten den anderen Vampiren gegenüber anzusprechen. Danach hatte sich einfach nie die Möglichkeit oder ergeben. Und nun hatten sie das große, bis auf sie beide vollkommen leere, Stadthaus bezogen. Herbert hatte keine Ahnung, was sein Vater getan und was er Hauptmann Albert versprochen hatte, aber irgendwie hatte er es erreicht, dass sie ohne Eskorte und Diener hierher gekommen waren. Es hatte auch einigen Vorteil, wenn einem jeder gehorchen
Auch wenn er vermutete, dass der Hauptmann nicht wusste, dass sie allein in der Stadtresidenz logierten. Wusste der Himmel, was der Graf dem armen Mann erzählt hatte. Herbert wollte es lieber nicht wissen. Bei der Residenz handelte es sich um kein Schloss, es war viel mehr ein großes, elegantes Herrenhaus. Drei Stockwerke, Mansarden für die Dienerschaft, die hier gar nicht dauerhaft unterhalten wurde, ein ausladendes Kellergewölbe. Herbert war hier nie besonders häufig gewesen, hatte die Stadtresidenz aber in guter Erinnerung behalten. Er musste jedoch eingestehen, wenn sie früher hier gewesen waren, war nicht alles mit Leintüchern bedeckt, sondern auf ihre Ankunft vorbereitet, mit einem gewissen Dienerkontingent in Bereitschaft, und in den Kaminen brennende einladende Feuern. Diesmal war es eine stille, fast heimliche Ankunft. Ihr Gepäck hatte ein Bursche ihnen hierher gebracht, der in einem Gasthof auf sie gewartet hatte und trafen, nachdem sie ihre Pferde in einer der besseren Mietstallungen untergestellt. Natürlich gehörten Stallungen zu ihrem Stadthaus – aber wie sein Vater so treffend bemerkt hatte: sie hatten niemanden mitgebracht, der sich um Mircea und Apoll kümmern konnte. Ihr Gepäck hatten sie selbst hereingebracht und die einzigen Vorbereitungen bestanden darin, in ihren Gemächern die Leintücher von den Möbeln zu entfernen und ihr Gepäck abzustellen. „Wirst du mir jetzt endlich sagen, warum wir in aller Eile hierher gekommen sind und, wie es aussieht, auch noch heimlich?", fragte Herbert als er sich in dem kleinen Salon zu ihm gesellte, der Teil der Gemächer für den Hausherren war. Sein Vater hatte sich auf einer Chaiselongue vor dem leeren Kamin bequem gemacht und starrte gedankenverloren in die leere Schwärze hinter dem Feuerrost. Herbert ahnte woran er dachte. Zuletzt waren sie hier gewesen, als seine Mutter noch lebte. Doch würde er nicht geduldig warten, während sein Vater seiner Erinnerung nach hing. Es war Zeit für Antworten. Kaum das er ihn angesprochen hatte, hob er den Kopf und sah seinen Sohn ernst an.
„Dir ist klar, dass es einen Grund geben muss, aus dem du nur noch bei Nacht zu erreichen bist? Wenn wir nicht wollen, dass bald die ganze Grafschaft weiß, was wir sind, müssen wir ihnen einen Grund geben, der glaubhaft ist. Wie du dich erinnerst, bin ich selbst auch für eine Weile verschwunden, jedoch zu spät, so wie mir scheint, sonst wäre deine Mutter..." „Nicht, Vater, bitte!" „Mir ist nichts besseres eingefallen, als alles mit einer Krankheit zu erklären. Die Leute niederen Standes wissen so beklagenswert wenig und es ist so schwierig ihnen neue Erkenntnisse beizubringen.… und jene, die zum gleichen Stand gehören?" Es folgte ein bitteres, freudloses Lachen. „Weißt du, ich wurde stets getadelt für die Art in der ich dich aufgezogen habe. Du hast deine frühe Kindheit bei uns verbracht, Herbert. Du hattest keine Amme, die ich mit in ihr Dorf genommen hätte. Deine Basen haben gezetert, ich würde dich verzärteln und verhätscheln, weil wir uns in den Gärten vergnügt haben, weil ich dich auf meinen Schultern reiten ließ" Ein wehmütiges Lächeln spielte um die Lippen des Grafen. Einen Moment lang schwelgte auch Herbert in Erinnerungen an seine verwöhnte Kindheit. Das Bild, wie er sich lachend an den Rücken seines Vaters klammerte, die Hände fest in das lange Haar geklammert. „Und du glaubst nicht, wie oft dein Kindermädchen sich beschwert hat, wenn du nachts zu mir oder deiner Mutter geschlichen bist und dort nicht abgewiesen wurdest", fuhr sein Vater fort. „Aber die Tatsache ist, dass du mich, wegen all der Zeit, die ich mit dir verbracht habe, viel besser kennst als ich selbst deinen Großvater kannte. Himmel, dass was ich wusste, war mir schon zu viel. Ich habe meinen Vater nie so geliebt wie du deinen, Herbert. Du bist mir immer mehr als nur ein Sohn gewesen. Ich habe keinen engeren Freund als dich. Im Vergleich mit dir kennen mich meine Jugendfreunde beklagenswert wenig. Sie murmeln Plattitüden, seicht und halbherzig. Es ist so häufig unter Unseresgleichen, Herbert. Sie lächeln dir ins Gesicht und hinterrücks schärfen sie den Dolch. Und die, die wir unsere Freunde nennen, kennen uns nur so wenig, dass sie uns die Dinge glauben müssen, die wir ihnen anvertrauen. Und weil Krankheit, Schande und Ruin eines anderen der beste Klatsch ist, verbreiten sich diese Geschichten schnell und wurzeln tief. Wer könnte, wenn ich vorsichtig bin, herausfinden, dass meine Krankheit eine Lüge ist? Du bist der Einzige, der die Wahrheit kennt. Aber weil du jetzt dasselbe Schicksal mit mir teilst, musst du mit dem Geheimnis auch die Lüge mit mir teilen. Die einzige glaubhafte Möglichkeit ist eine Erbkrankheit. Die einzigen, die ich mit meinem Verdacht ins Vertrauen gezogen habe, sind Igor und Hauptmann Albert." „Wie, bitte?"„Ruhig, Herbert. Du solltest mich besser kennen. Sie glauben beide, ich sei krank. Sie wissen nur, dass ich glaube, die ersten Symptome bei dir erkannt zu haben. Wir sind hier, um auf einen Spezialisten zu warten. Sobald er hier war, werde ich eine Nachricht senden, denn ich kann nicht wissen, ob du oder ich ansteckend sind. Stellt sich heraus, dass es nicht der Fall ist, wird der Hauptmann mit einer Eskorte und einer kleinen Gruppe ausgewählter Bediensteter hierher kommen. Darunter unsere persönlichen Diener. Es wird nicht schaden, die Geschichte mit der Krankheit zu festigen. Wenn sie den Arzt und sein Urteil vor Augen haben, werden sie es umso sicherer glauben. Deshalb sind wir hier, Herbert, wir spielen Scharade!" „Du hast etwas vergessen, scheint mir." „Ist das so", erwiderte er argwöhnisch. „Du möchtest einen Arzt kommen lassen, der uns untersucht? Wird er nicht sofort begreifen?"„Hat unser letzter Arzt erkannt, was mit mir geschah?" Graf von Krolock sah seinen Sohn mit einem traurigen Blick und vielsagend gehobenen Brauen an.
„Außerdem ist es ganz einfach, mein Sohn, ich bezahle einen Scharlatan dafür, dass er so tut, als ob und das sagt, was ich wünsche. Er verdient sich ein neues Leben und wir haben einen offensichtlichen Beweis. Der Plan ist narrensicher, Herbert." „Wie willst du erklären, dass wir nicht altern?", fragte er nun unsicher. „Nun, mit der Zeit werden wir die Zahl der Dienstboten im Schloss verringern. Ich denke, es ist möglich mit einer geringen Anzahl auszukommen. Man könnte sie auch häufig auswechseln, ich werde darüber genau nachdenken müssen. Aber bedenke, es gibt immer Sterbliche, die unter ihresgleichen nicht erwünscht sind, die andere Menschen meiden müssen. Schutz, ein neues Leben, ein neues Zuhause. Dafür übersieht man gerne so manches. Ist die eigene Weste nicht mehr weiß, vergisst man gern und stellt nicht allzu viele Fragen." Der Graf zuckte die Schultern. „Die Zeit wird zeigen, ob meine Pläne zu etwas taugen. Verzeih mir, wenn ich kein Nomadendasein wünsche, das ich an meinem Haus und meiner Stellung festhalte."
„Ist das der einzige Grund, aus dem wir hier sind?" „Nein. Du musst vieles lernen. Abseits von Dienern, die tratschen und ein ewig wachsames Auge auf ihre Herrschaft haben, ist das leichter. Und in einer Stadt werden, vorausgesetzt wir sind vorsichtig, einige mysteriöse Tote oder Vermisste mehr kein großes Aufsehen erregen. Ich werde an dich weitergeben, was ich weiß. Vielleicht lernen wir gemeinsam Neues. Und es mag uns dabei helfen auch auf dem Land unentdeckt zu bleiben. Auf jeden Fall wird es einfacher sein, dir beizubringen, was du zum Überleben brauchen wirst, während wir hier sind und ich nicht ständig meinen Hauptmann übertölpeln muss, um allein das Schloss zu verlassen. Ich kann ihm seine Loyalität und Gewissenhaftigkeit nicht zum Vorwurf machen. Und natürlich kann ich ihm auch nicht sagen, dass er mit seiner Vorsicht viel zu spät kommt. Es war zu spät, lange bevor sie mich gefunden und nach Hause gebracht haben." Der Graf seufzte schwer. „Wenn ich nicht selbst angegriffen worden wäre, hättest du es mir jemals verraten?" „Nein." „Weshalb nicht?" Herberts Tonfall klang nun etwas gekränkt. Victor sah tief in die Augen seines Sohnes, eher er antwortete. „Wer könnte etwas derartiges glauben, Herbert? Hättest du deinen alten Vater nicht für verrückt gehalten? Es ist noch gar nicht so lange her, da glaubte ich selbst Vampire sind nichts als Aberglaube und Ammenmärchen. Existent nur in der menschlichen Phantasie. Und selbst wenn du es geglaubt hättest, müsstest du mich nicht für ein Monster halten, das vernichtet werden muss, wie alte Tradition es gebietet? Sieh mich an Herbert, was bin ich jetzt? Dennoch wünsche ich keine Ende dieser Existenz." Er seufzte erneut. „ Nicht, wenn es vielleicht eine Möglichkeit gäbe, den Prozess umzukehren." „Du bist immer noch mein Vater! Dieselbe Person, die ich mein Leben lang gekannt habe. Die mich geliebt und großgezogen hat!", erwiderte Herbert bestimmt. „Vielleicht. Aber ich bin kein Mensch mehr. Ein Teil von mir ist eine Kreatur der Nacht. Ein Monster, das sich von menschlichem Blut ernährt und das die Schuld am Tod deiner Mutter trägt. Und es ist ein Teil der alles durchdringt. Ich wollte nicht, dass du es weißt. Ich wollte weder dein Mitleid, noch deinen Hass. Ich wollte das Beste für dich. Es ist eine traurige Wahrheit, dass ich dich vor mir selbst beschützen musste. Und Distanz schien der einzige Weg zu sein. Ich wollte deine Gefühle nicht verletzen, aber mir ist bewusst, dass ich es dennoch getan habe. Dich dazu zu bringen, dich auf die Suche nach einer passenden Gattin zu begeben, schien mir die ideale Lösung für alle Probleme zu sein. Bis auf eins... Aber wie hätte ich dir erklären sollen, woher ich Dinge von dir weiß, die du mir niemals anvertraut, ja, das du über Jahre hinweg vor mir geheim gehalten hast?" Graf von Krolock sah seinem Sohn fest in die Augen. Sein Gesichtsausdruck ernst, aber keineswegs verschlossen. „Ich weiß, das du nicht den Frauen, sondern den Männer zugetan bist. Ich habe es schon lange befürchtet. Du bist nicht so clever, wie du denkst, weißt du? Und du denkst so schrecklich laut, dass es mich manchmal beinahe in den Wahnsinn treibt. Und ich habe erst vor kurzem gelernt, dich aus meinem Kopf auszuschließen. Aber wie erklärst du einem Menschen, dass seine Gedanken für dich so offen sind, wie Buch und du seine größten Geheimnisse kennst?" Seine Finger glitten fahrig durch das lange schwarze Haar. „In jedem Fall, die Tatsache blieb bestehen", fuhr er schließlich fort, „Es war meine Nähe, die deiner Mutter zum Verhängnis wurde. Wie konnte ich das erneut riskieren?" Er seufzte. „Es gibt nicht mehr zu erzählen, Herbert. Jetzt weißt du alles." „Tut es dir leid, dass du mich gerettet hast?" Der Graf zuckte zusammen und richtete sich kerzengerade auf. „Ich habe dich nicht gerettet, Herbert. Wenn ich dich gerettet hätte, dann wärst du noch sterblich. Dann wären wir jetzt nicht hier. Ich säße jetzt an meinem Schreibtisch und du lägest friedlich schlafend in deinem Bett. Ich habe versagt! Ich habe dich nicht sterben lassen, wie es dein gutes Recht gewesen wäre." „Tut es dir leid, was du getan hast?", beharrte der junge Mann. „Es tut mir leid, dass ich nicht da war, um es zu verhindern. Aber bereue ich es, nicht zugelassen zu haben dass du stirbst? Das ist die eigentliche Frage, auf die du eine Antwort haben möchtest, nicht wahr?" Graf von Krolock schüttelte den Kopf.
„Nein, Herbert. Es muss meine größte Schuld schlechthin sein. Das Selbstsüchtigste, was ich in meinem Leben getan habe. Es sollte mir leid tun! Aber du bist noch bei mir und wie könnte mir das leid tun? Nein, ich bereue es nicht!"
Author's Note:
Überarbeitet im Juli 2022
